Wenn sich die Maßstäbe verschieben

Wenn sich Werte verschieben

Im kleinen Ort nennen die Leute Heinrich Grabowski meist nur alter Griesgram. Früher lebte er wie jeder andere, fiel nicht weiter auf. Doch seit er alleine ist, so sagen die Dorfbewohner ist er komplett verrückt geworden. Mit seinem scharfen Blick für jeden Makel und seinem sturen, verbissenen Charakter kann er jedem unter die Haut gehen. Kurioserweise verwahrlost sein eigenes Haus und Hof immer mehr. Vielleicht ist dies der Grund, oder es liegt einfach an seinem Alter… Freunde hat er keine mehr, die meisten machen lieber einen Bogen um ihn.

Allmorgendlich beginnt er seinen Rundgang durchs Dorf, fest überzeugt davon, nur das Beste für alle zu wollen und dass die Leute ohne seine Hinweise bald die Disziplin vergessen und verlottern würden.

Sabine!, ruft er der Nachbarin zu. Sag mal, Sabine Weber, lässt du deinen Mann wieder alles durchgehen? Euer Zaun, der ist komplett zugewuchert, das eine Tor hängt schief zu faul, das zu reparieren? Es fehlen Latten im Zaun; warum nagelst du die nicht an? Die Hühner laufen schon auf die Straße! So ein Chaos!

Lass mich doch in Ruhe, Grabowski!, keift Sabine zurück, ausgelaugt von den Tagen mit ihrem trinkenden Mann und dem vielen Hofstress. Wann hast du denn zuletzt Unkraut gejähtet? Dein Zaun ist doch auch halb eingestürzt!

Darum geht es doch gar nicht!, beharrt Heinrich Grabowski. Ich habe mein Leben gelebt, ihr seid dran. Es muss doch alles seine Ordnung haben wer sollte es euch sonst sagen, wenn nicht ich?

Du Nervensäge!, schimpft Sabine. Geh mir aus den Augen!

Paul, was soll das denn?!, schmettert er dann dem älteren Landwirt Paul zu. Guck mal, wie viel Öl dein Traktor schon wieder verloren hat! Das ist Umweltschädigung! Warum reparierst du das nicht? Ich sags dir gleich: ich werde mich beschweren!

Paul, der kaum vier Stunden geschlafen hat und gerade mitten in der Aussaat steckt, winkt nur müde ab solange das Wetter hält, muss ausgesät werden, danach ist Zeit für Reparaturen.

Nie geht Grabowski am Dorfladen vorbei, ohne sich einzubringen. Dort erwischt er gleich mehrere Dorfbewohner auf einmal, die er über ihre Unzuverlässigkeit und Disziplinlosigkeit belehrt. Sogar die Verkäuferin, Nadja, bekommt ihr Fett weg, weil sie verbotenerweise anschreiben lässt und weil die Preise hier höher sind als im nächsten Markt in Bad Neustadt! Aber Nadja, temperamentvoll und stattlich, duldet das nicht. Sie kommt um den Tresen, packt ihn oft kurzerhand und setzt ihn vor die Tür. Dennoch hält Grabowski das nicht ab mit blitzenden Augen setzt er unbeirrt seinen Gang fort.

An diesem Morgen steuert er nach dem Laden die Gemeindeverwaltung an auch dort, meint er, gibt es mindestens genauso viel Missstand wie bei Erich, dem faulen Trunkenbold. Mit festen Schritten und loderndem Gerechtigkeitsanspruch formt er seine Strafrede im Kopf alles scheint bereit , da hört er plötzlich das bittere Weinen eines Kindes.

Auch hier herrscht Unordnung!, murrt Grabowski und biegt vom Weg ab.

Ein etwa fünfjähriger Junge sitzt auf einer Bank hinterm Gartentor, reibt sich mit der Faust die Augen trocken. Mit der anderen Hand hält er etwas unter seinem Hemdschutz.

Wem gehörst du denn?, fragt Grabowski streng.

Meiner Mama!, kommt die trotzige Antwort, der Junge dreht sich weg.

So unfreundlich sind wir also?, wundert sich Grabowski. Weshalb weinst du denn?

Der Junge schluchzt noch ein, zwei Mal, dann zieht er aus seinem Hemd ein winziges Kätzchen hervor kaum eine Woche alt, die Augen noch geschlossen, mit einer Kruste am Rücken. Das Kätzchen fiept kläglich.

Warum hast du es von der Mutter weggenommen? Ohne sie schafft es das nicht! Bring es gleich zurück! Es ist doch ein Lebewesen, keine Puppe!

Der Junge hört auf zu weinen. Seine Augen blitzen wütend.

Das ist ein Findelkind, keine Mutter, ich hab es gerettet!, ruft er empört. Eine Krähe wollte es schon hacken, ich hab sie mit einem Stock verjagt!

Aber warum weinst du dann?

Mama sagt, ich soll das Kätzchen dahin zurückbringen, aber dann stirbt es doch! Du selber sagst: Es ist ein Lebewesen! Ich wollte es aufziehen aber euch Großen ist alles egal! Das Kätzchen und alle anderen!, und wieder bricht das Kind heftig in Tränen aus.

In dieser kindlichen Empörung über die Gefühlskälte der Erwachsenen gerät Grabowski ins Straucheln. Gegenüber Erwachsenen hätte er jetzt sicher eine Antwort doch hier? Das Kind meint eindeutig auch ihn. Und das nicht zu Unrecht!

Pass auf, sagt Grabowski nach kurzem Zögern. Gib mir das Kätzchen. Ich ziehe es selbst auf vielleicht wird es ja wieder gesund…

Versprichst du das?, fragt der Junge misstrauisch, aber ein Funke Hoffnung flammt in seinen Augen auf.

Ich verspreche es, sagt Grabowski und nimmt das Kätzchen in Empfang. Und du kannst es jederzeit besuchen, du weißt, wo ich wohne?

Das Kind nickt energisch.

Wie heißt du eigentlich, Katzenretter?

Ich heiße Moritz, sagt der Junge ernst. Morgen komme ich vorbei und schaue, wie es geht…

Daheim erwärmt Grabowski zuerst Milch doch das Katzenbaby kann noch nicht aus der Schale trinken.

So ein Mist!, grummelt er, kratzt sich am Kopf und macht sich auf den Weg zu Sabine.

Sie hängt gerade Wäsche auf und will vor ihm flüchten, doch Grabowski ruft sie schnell an.

Sabine, hast du zufällig noch eine Babyflasche mit Sauger übrig?

Hab ich. Wofür brauchst du die denn?, fragt sie verblüfft.

Na ja, ich hab da jetzt ein Pflegekind… muss es füttern…

Sabine mustert das wimmernde Kätzchen und schüttelt den Kopf. Ist noch blind… Da bringt so eine Flasche nichts. Ich hole dir eine Spritze mit Pipette, damit kannst du es füttern. Und noch ein Fläschchen Wasserstoffperoxid für die Wunde.

Wie oft muss ich es denn versorgen?

Immer, wenn es schreit, gibst du Milch, lächelt Sabine.

Das Kätzchen verlangt alle zwei Stunden Futter und schläft dazwischen eingekuschelt in einer Kartonschachtel. Grabowski wechselt grantelnd das durchnässte Handtuch, wischt das Kätzchen sauber. Nachts schläft er kaum, horcht auf jedes Miau und ist sofort mit der Pipette zur Stelle, füttert, bis das Kätzchen satt einschläft.

Na, wann bist du denn endlich satt?, murmelt er liebevoll, wischt das Milchgesicht ab. Ein lang vergessenes Gefühl von Zärtlichkeit regt sich wieder in seiner rauen Seele, und mit jedem Tag wächst seine Freude am Leben zurück.

Am nächsten Tag bleibt sein Kontrollgang durchs Dorf aus den Findling mag er nicht allein lassen. Dafür bekommt er Besuch: Moritz kommt zur Inspektion vorbei. Sorgfältig begutachtet der Junge das Kätzchen und seine kleine Wohnung.

Die Wunde ist fast verheilt, das Kätzchen liegt warm und ist satt. Du hältst deine Versprechen, Herr Grabowski!, sagt Moritz zufrieden.

Wer behauptet denn was anderes?, wundert sich Grabowski.

Alle. Aber hör nicht drauf. Die haben eh keine Ahnung nicht mal für so ein Tier wollte einer was tun, und dabei denken sie, sie wären so klug…

Ein paar Wochen später schaut auch Nadja aus dem Dorfladen mal vorbei.

Lange nicht mehr gesehen, Grabowski! Ich hab mir schon Sorgen gemacht, ist was passiert?

Keine Zeit, Nadja, winkt er ab. Ich hab jetzt jemanden, den ich versorgen muss; und der mag es nicht, wenn ich lange weg bin. Bald läuft er sicher draußen herum, da muss ich wohl den Zaun ausbessern, damit die Hunde ihn nicht holen. Und den Ofen sollte ich mal reinigen das kleine Biest liebt es warm und sauber. Du siehst: genug zu tun.

Mensch, was ist nur los mit dir?, lacht Nadja. Wenn du was aus dem Laden brauchst, sags doch, ich bring’s dir vorbei.

Warte, hab sogar ‘ne Liste gemacht, kramt Grabowski. Gib alles gleich Moritz, kennst den Kleinen ja. Der schaut eh jeden Tag bei mir vorbei, schafft das schon in ein paar Touren. Das Geld geb ich ihm auch, wenns nicht reicht, schreibs einfach auf bis zur nächsten Rente…

Ein Jahr später sitzen Grabowski und sein stattlicher Kater auf der Bank vor dem Haus und unterhalten sich still.

Er kommt bestimmt noch, hats versprochen, sagt Grabowski zum Kater. Moritz hält sein Wort. Jetzt hat ers viel zu tun, geht ja zur Schule… das ist schon was!

Miau, stimmt der Kater zu und seufzt.

Und, wie gehts dir, Grabowski?, ruft Paul aus seinem Traktor, hält an und grinst vergnügt.

Eigentlich richtig gut!, erwidert Heinrich.

Du machst gar nicht mehr so viele Vorschriften schon verpasst man deine Belehrungen!

Hab meine Werte neu sortiert, Paul. Die Leute kommen schon klar, dazu gibts genug Besserwisser. Aber Mithelfer, die brauchts!, lacht der Alte.

Recht so!, schmunzelt Paul. Wenn du mal Hilfe brauchst, ruf an mein Traktor steht bereit!, ruft er und fährt, noch etwas rauchend, weiter.

Da kommt auch schon Moritz!, meint Grabowski, als er den Jungen mit dem Schulranzen am Eck sieht.

Miau!, ruft der Kater überglücklich und saust seinem Freund entgegen.

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Homy
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