Mein Mann, Harald, war nie wirklich schlecht. Eher na ja irgendwie leer. Dreißig Jahre zusammen und trotzdem blieb er mir fremd. Arbeit, Sofa, Fernseher. Ab und zu mal zwei Worte: Ist das Abendessen fertig?, Wo sind meine Socken?
Jetzt, wo er nicht mehr da ist, ist die Wohnung noch stiller geworden.
Die Kinder sind groß und leben ihr eigenes Leben. Sie rufen nur an Geburtstagen oder an Weihnachten an schnell und pflichtbewusst: Mama, wie gehts? Alles gut? Na schön, wir drücken dich. Und schon wieder Stille.
Früher, als ich Kind war, liebte ich Tiere. Ich wollte Tierärztin werden, aber meine Eltern meinten: “Unsinn, das ist doch kein Beruf.” Inzwischen weiß ich selbst nicht mehr, was ich will.
Ich weiß nur noch eins: Die Welt da draußen fühlt sich gefährlich an. Überall kann etwas passieren.
Deshalb schaue ich immer zurück, wenn ich vom Einkaufen oder vom Hausarzt komme, und weiche allem Lebendigen aus.
Nur heute lief ein Hund hinter mir her.
Also bin ich schnell gegangen. Fast gerannt.
Die Tasche schlug bei jedem Schritt gegen meine Hüfte schwer, mit Brot und einer Packung Milch. In der Manteltasche klirrten die Wohnungsschlüssel, ich hielt sie so fest, dass meine Finger ganz taub wurden.
Bloß nicht umdrehen.
Aber ich habe es doch getan.
Der Hund trottete hinter mir her, etwa zehn Meter Abstand, nie näher. Dünn, schmutzig rostbraun, das Fell ganz verfilzt. Der Kopf hing, der Schwanz eingeklemmt als wollte er sich für seine bloße Existenz entschuldigen.
Aber er blieb bei mir. Gab nicht auf.
Mein Gott, murmelte ich und legte noch einen Zahn zu.
Warum ausgerechnet ich? Wieso?
Auf dem Weg zum Supermarkt hatte ich ihn schon gesehen. Da, bei den Müllcontainern, stöberte der Streuner in Tüten herum. Ich bog extra um ihn herum ab, bloß keine Probleme. Wer weiß, beißt er vielleicht.
Früher mochte ich Hunde ja wirklich. Daheim bei meinen Eltern hatte ich einen Hanni hieß sie, rabenschwarz, zottelig, sanft. Aber als ich Harald heiratete, verbot er Hunde: Dreck, Geruch, überall Haare.
Im Supermarkt zog sich alles hin lange an der Kasse gestanden, dann überlegte ichs mir nochmal mit den Würstchen, zurück in den Gang, so dass es schon stockdunkel war, als ich rauskam. Die Straßenlaternen warfen trübes Licht, keiner unterwegs. Außer dem Hund.
Ich drehte mich nochmal um immer noch lief er hinter mir her. Kein Bellen, kein Knurren. Er ging einfach. Und schaute.
Gelbe, wachsame Augen.
Was will der bloß?
Verschwinde! rief ich und wedelte mit dem Arm. Geh weg!
Der Hund blieb stehen, setzte sich auf die Hinterbeine ging aber nicht.
Was willst du von mir?! Meine Stimme wurde schrill.
Stille. Nur der Wind quietschte in den Schaukelketten auf dem Spielplatz.
Ich hetzte weiter schon fast laufend, meine Tasche schlenkerte, das Brot war jetzt sicher nur noch Matsch. Das Herz raste mir bis in die Schläfen.
Noch zwei Häuserblocks bis nach Hause. Nur noch zwei.
Lass mich doch einfach in Ruhe, seufzte ich vor mich hin. Bitte, lass mich!
Endlich kam das Haus in Sicht. Abgeplatzte Farbe an der Eingangstür. Ich stürzte hin, stolperte fast über den Bordstein, brachte mich gerade noch ins Gleichgewicht.
Schlüssel. Wo sind die Schlüssel?
Meine Hände zitterten. Ich fummelte in den Taschen, verlor einen Handschuh, bückte mich, suchte weiter.
Komm schon, komm schon…
Da bog plötzlich ein Mann um die Ecke.
Er torkelte. Offensichtlich betrunken. Die Jacke halb offen, die Mütze schief, Bierflasche in der Hand.
Na, Oma, knarrte er und grinste schief. Wo musst du denn so schnell hin?
Ich erstarrte. Die Schlüssel fielen mir aus den Händen, klirrten auf den Beton.
Nach Hause, kriegte ich kaum heraus.
Nach Hause, ja? Der Mann machte einen Schritt auf mich zu. Alkoholfahne, etwas säuerliches. Hast du mal nen Euro für mich? Für ein Bierchen?
Nein. Wirklich nicht.
Lach mich nicht aus!
Er riss an meiner Tasche. Ich schrie auf, zog keine Chance. Mit einem kräftigen Ruck war ich auf den Knien.
Lass los! Lass mich!
Gib schon her! Er schüttelte mich wie eine Puppe.
Und dann schoss aus der Dunkelheit das rotbraune Etwas heran.
Der Hund.
Kein Bellen. Einfach ein Sprung und seine Zähne bohrten sich in den Ärmel des Kerls. Stoff riss, der Typ brüllte, versuchte zu treten, aber der Hund ließ nicht los.
Verdammter Köter! Hau ab!
Er schwang die Flasche, aber der Hund wich blitzschnell aus, ließ den Ärmel los und packte sich das Hosenbein. Ein Knurren, ganz tief, bedrohlich. Die Augen glühten im Schein der Straßenlampe.
Der Mann stürzte auf den Asphalt. Die Flasche flog, zerbarst klirrend. Er wollte aufstehen, aber der Hund sprang erneut diesmal direkt auf die Brust, vors Maul.
Hol den Hund weg! schrie der typ.
Ich rührte mich nicht. Saß da, umklammerte meine Einkaufstasche, schaute nur zu.
Wie dieser magerer, verfilzter, zitternder Hund mich schützte, anstatt einfach davonzulaufen.
Schließlich riss sich der Mann los, trat wild nach dem Hund. Der taumelte kurz zurück und stürzte sich wieder auf ihn. Das reichte dem Typ. Er drehte ab, fluchte und verschwand in die Nacht.
Der Hund blieb, blickte ihm hinterher. Drehte sich dann langsam zu mir.
Ich saß immer noch auf dem Boden, zitternd. Irgendwann liefen mir Tränen über das Gesicht ich habe gar nicht gemerkt, wann ich zu weinen anfing.
Mein Gott, flüsterte ich.
Der Hund trat näher. Blieb einen Schritt von mir entfernt stehen. Setzte sich. Betrachtete mich einfach nur.
Die gleichen gelben Augen, nun aber nicht mehr misstrauisch.
Ich wischte mir übers Gesicht, hob die Schlüssel auf, stemmte mich hoch die Knie weich, ich musste mich an der Wand festhalten.
Der Hund rührte sich nicht.
Du… Stimme brüchig. Du hast mich gerettet.
Der Hund schaute mich nur an und wackelte ein klein wenig mit dem Schwanz, so als wäre nichts Besonderes passiert.
Und ich hatte solche Angst vor dir.
Ich öffnete die Haustür, trat ein, blickte nochmal raus.
Der Hund saß noch immer da. Keinen Ton, keine Bitte, einfach warten.
Da wurde mir plötzlich klar das ist jetzt meine Entscheidung.
Ich könnte einfach die Tür zumachen. Hochgehen, mich in meiner leeren Wohnung einschließen. Wieder alles wie immer, nur ich und die Stille.
Oder…
Komm, sagte ich leise. Komm rein. Wenigstens zum Aufwärmen.
Der Hund erhob sich nur langsam, als könnte er es kaum glauben.
Dann, ganz vorsichtig, trat er ein.
Ich schloss die Tür hinter ihm.
Er stand mitten im Flur, bewegte sich wenig, zog die Pfoten noch ein, als wollte er nicht stören.
Ich stellte die Tasche ab, zog die Jacke aus. Meine Hände zitterten immer noch vor Angst, vor Aufregung, von alldem.
Dieser Hund hat mich eben gerettet. Und ich hatte mehr Angst vor ihm, als vor Menschen.
Einen Moment noch, bleib hier, sagte ich, ging in die Küche, holte eine alte Schüssel und füllte Wasser hinein.
Der Hund trank gierig, Wasser spritzte auf den Boden egal. Ich schaute ihm zu und fragte mich, wann er wohl das letzte Mal anständig etwas zu essen bekommen hatte.
Einen Moment, flüsterte ich. Gleich.
Kühlschrank auf. Da war nicht viel. Noch ein paar Frikadellen von gestern, ein Stück Gouda. Erwärmt, zerbröselt in die Schüssel.
Der Hund wartete bewegte sich nicht, bis ich nickte.
Na los, iss ruhig.
Er aß hastig, aber nicht gierig.
Ich hockte mich zu ihm, streckte die Hand ganz vorsichtig. Berührte sein Fell.
Der Hund erstarrte. Schaute mich fragend an.
Keine Angst, flüsterte ich. Ich hab auch Angst. Siehst du? Wir beide fürchten uns.
Ich streichelte über seinen Kopf, das borstiges Fell, ein bisschen struppig, aber warm.
Er seufzte, schloss die Augen, schmiegte sich in meine Hand.
Dieser streunende Hund hat mich nicht umsonst bis nach Hause verfolgt, kam’s mir.
Und zum ersten Mal seit drei Jahren war das Gefühl da: Ich bin nicht mehr allein.
Nicht einfach, weil jemand im Raum sitzt sondern: Da gibt es jemanden, dem ich etwas bedeute.
Diesem Hund, der mich verteidigt hat.
Weißt du, sagte ich leise, wir sind uns ziemlich ähnlich, glaube ich. Beide fühlt sich niemand gebraucht, beide haben irgendwie Angst.
Ich wischte mir die Tränen weg.
Der Hund hob den Kopf, schleckte mit der Zunge ganz vorsichtig über meine Hand.
Und ich musste zum ersten Mal seit Ewigkeiten lächeln.
Du bleibst jetzt bei mir, sagte ich bestimmt. Ich schicke dich nicht weg. Nie mehr.
Ich holte eine alte Decke, legte sie an die Heizung.
Leg dich hin. Ruh dich aus. Jetzt bist du zu Hause.
Der Hund rollte sich zusammen, seufzte tief.
Ich setzte mich daneben, legte meine Hand auf seinen warmen Rücken.
Und plötzlich war es da, das Gefühl: Die Stille in der Wohnung war nicht länger bedrohlich.
Weil ich eben nicht mehr allein war.
Weil es ein kleines bisschen weniger Gefahr gab draußen in der Welt und mehr Wärme.
Und diese Wärme kam genau von da, wo ich sie am wenigsten erwartet hätte.
Man sagt ja: Vor Menschen sollte man eher Angst haben, nicht vor Tieren. Mit denen kann man wenigstens ehrlich sein. Findest du nicht auch?
Mein Mann Viktor war nicht böse – nur irgendwie leer. Dreißig Jahre an meiner Seite, und doch immer fremd. Arbeit, Sofa, Fernsehen. Ab und zu ein paar kurze Sätze: „Ist das Abendessen fertig?“, „Wo sind meine Socken?“





