Wir kamen bei meiner Mutter an. Beim Betreten des Treppenhauses saß da ein kleiner Junge, etwa fünf Jahre alt, und weinte bitterlich.
Was ist denn los?, frage ich ihn. Er antwortet schluchzend: Ich bin zu meiner Oma gekommen. Bin auf den Hof zum Spielen gegangen, und als ich zurückkam, macht sie die Tür nicht auf.
Ich sage: Na komm, stell dich nicht so an. Oma ist bestimmt nur kurz einkaufen, gleich kommt sie wieder. Aber der Kleine heulte weiter, zitterte am ganzen Leib. Er war so klein, es brach mir fast das Herz.
Wie heißt du denn?
Be-e-e-nno…
Und aus welcher Wohnung kommst du?
Aus der achtzehhhhn…
In der achtzehnten Wohnung wohnen ganz neue Leute, ich kannte sie noch nicht. Ich habe dort geklingelt keine Antwort. Da konnte ich das Kind doch nicht einfach heulend im Treppenhaus sitzen lassen!
Komm mit, Benno, schlage ich vor. Wir gehen solange zu uns und lassen deiner Oma einen Zettel an der Tür.
Zu Hause angekommen, kümmerte sich mein Mann um den kleinen Benno, während ich schnell eine Notiz schrieb: Benno ist in Whg. 28. Ich bin runter, habe den Zettel in den Türspalt der Wohnnung gesteckt und bin zurück.
Da saßen die beiden Jungs, mein schon fast erwachsener Sohn und Benno, und spielten mit Autos am Boden. Alles bestens.
Ich habe Benno gewaschen und gefragt:
Möchtest du einen Teller Borschtsch?
Ja, bitte.
Er hat sich eine riesige Portion davon einverleibt, der Löffel flog nur so.
Es gibt noch Kohlrouladen. Magst du auch welche?
Ja!
Mit beneidenswerter Begeisterung hat er gleich zwei verdrückt.
Willst du Kompott oder Saft?
Ich nehme Tee.
Ich war etwas irritiert mit fünf Jahren hätte mich damals niemand zum Tee überreden können, wenn es Kompott oder Saft gab. Aber gut.
Wir saßen also zusammen, tranken Tee und aßen ein Stückchen Waffeltorte. Benno diskutierte mit meinem Mann über alle Männerthemen: Automarken, Höchstgeschwindigkeiten lauter wichtige Dinge.
Dann kam meine Mutter nach Hause. Ich erklärte ihr, warum wir plötzlich einen kleinen Gast hatten.
Meine Mutter sagte: Seltsam. In der 18 wohnt doch eine Frau in deinem Alter.
Ich sah daran gar nichts Merkwürdiges. Eine vierzigjährige Frau kann doch locker Oma eines Fünfjährigen sein, wer will es ihr verbieten?
Meiner Mutter schien das Argument einzuleuchten, sie schloss sich gleich der Kinderbespaßung an. Sie holte die Kiste mit Spielsachen, und das große Vergnügen ging los.
Nach etwa einer Stunde klingelte es an der Tür. Ich öffne draußen steht tatsächlich eine Frau in meinem Alter (wenn ich ehrlich bin: deutlich über fünfzig danke, Mama).
Guten Tag, sagt sie. Ich komme gerade von der Arbeit und finde diesen Zettel an der Tür. Da haben Sie sich wohl vertan mit der Wohnung?
Dass sie von der Arbeit kam, machte mich stutzig. Und dass sie mit dem Namen Benno nichts anfangen konnte, verunsicherte mich völlig.
Ist bei Ihnen nicht Ihr Enkel abhandengekommen?
Ich habe noch gar keine Enkel, entgegnet sie.
Jetzt ergab das alles keinen Sinn mehr. Ich gehe ins Wohnzimmer zurück. Da waren alle beschäftigt: Die Oma lud Bauklötze auf den Kipper, mein Mann band eine Schnur daran, und Benno der Cheflogistiker verteilte Befehle.
Benno, aus welcher Wohnung bist du nochmal?
Aus der achtzehnten, ohne vom Beladen und Hin-und-her-Fahren aufzublicken.
Kennst du diese Dame hier?
Benno schaut die Frau kurz an, sagt völlig gelangweilt Nein und spielt weiter.
Und sie kennt dich auch nicht, ergänze ich. Obwohl sie in der achtzehnten wohnt. Die Erwachsenen starren Benno und die Frau an.
Wohnt sie nicht, beruhigt Benno uns nebenbei und will weiterspielen.
Alle blicken erst Benno, dann die Frau an.
Ich wohne in der Achtzehnten, murmelt die Frau sichtlich verunsichert. Aber das ist wirklich nicht mein Kind, ganz ehrlich.
Ich verstand, warum sie sich so ängstigte meine Mutter sah sie an, als wolle sie gleich einen Holzklotz nach ihr werfen oder mit dem Kipper über sie fahren.
Stopp, Schluss mit Spielen, meinte ich und setzte mich zu Benno auf den Boden. Nochmal von vorn: Von wo bist du zu Oma angereist?
Aus Hamburg.
Kennst du deine eigene Adresse in Hamburg?
Nannte Straße, Hausnummer, Wohnung.
Und Omas Adresse?
Auch die wusste er. Plötzlich ergab alles Sinn.
Der Kleine hatte mit den Freunden im heimischen Hof gespielt, war irgendwann versehentlich in den Nachbarhof geraten, die Kinder hatten sich zerstreut und Benno war nach Hause gegangen. Die Häuser sahen aus wie Zwillinge, zum Verwechseln ähnlich. Also hatte er statt zu Omas Wohnung zu unserer gefunden. Geklingelt keiner aufgemacht, und da hat er eben angefangen zu weinen.
Wir schenkten Benno zum Abschied ein kleines Auto, hoben ihn auf den Arm und trugen ihn zur Oma.
Im Nachbarhof hörten wir schon von weitem eine verzweifelte Frauenstimme:
Benno! Bennnooo! Bennnooo!
Wir liefen auf den Ruf zu und sahen eine Frau, meinem Alter, völlig aufgelöst (mit frischem 60. Geburtstag im Rücken).
Ist er Ihrer?
Ja, meiner!
Sie fiel uns, schluchzend vor Freude, gleich um den Hals. Wir erklärten, was passiert war, lachten gemeinsam. Die Oma lachte allerdings etwas nervös.
Benno war schon wieder in sein neues Auto vertieft, kümmerte sich kein bisschen um unsere Aufregung.
Die Großmutter bedankte sich tausendfach, wir verabschiedeten uns, bevor sie völlig außer sich geriet.
Beim Weggehen hörten wir sie noch sagen:
Benno, komm, es gibt Mittagessen, du hast sicher Hunger.
Ich hab schon gegessen, murmelte Benno, das Auto über den Asphalt schiebend.
Er hat tatsächlich schon gegessen, bestätigte ich im Gehen. Er hatte Suppe, Hauptgericht und sogar Tee.
Kaum zu glauben!, wunderte sich die Oma. Benno ist doch sonst so ein schlechter Esser, man kriegt nicht mal einen Löffel Suppe in ihn rein.
Ich hob vor Staunen die Augenbraue, erinnerte mich an Bens Portionen, und da ruft er plötzlich:
Tschüss! Ich komme morgen wieder!Alle lachten, sogar die besorgte Oma fand zwischen Erleichterung und Verblüffung plötzlich ihr Lächeln wieder. Und während Benno, zufrieden und satt, mit seinem neuen Auto voranmarschierte, winkten wir ihm noch ein letztes Mal hinterher.
Als wir zurück ins Haus gingen, spürte ich, wie unsere kleine Welt an diesem Tag ein Stückchen weiter geworden war: für eine Stunde hatte Benno einfach zu uns gehört, ganz selbstverständlich, so als hätte er immer schon hier mitgebaut und -gegessen.
Meine Mutter stapelte in der Küche Waffeln, mein Sohn räumte schweigend die Autos auf, und mein Mann sah mich an und sagte nur leise:
Ein Glück, dass wir zu Hause waren.
Draußen schien die Sonne hell auf den Platz zwischen den Zwillingshäusern, und ich wusste: Egal wie sehr wir versuchen, das Leben zu planen ab und zu steht es einfach, mit großen Augen und klebrigen Fingern, bei uns im Flur. Und manchmal bringt es sogar Tee mit.





