Mutti, bitte, hör auf! Leni lag auf dem knarrenden Dielenboden, die Beine angezogen, die Arme schützend über den Kopf gelegt, während ihre Mutter mit Vaters Ledergürtel auf sie einschlug. Ich machs nie wieder! Ehrlich! Bitte!
Doch Leni wusste: Ihre Mutter war in solchen Momenten nicht zu stoppen. Ihr Blick wurde wirr, der Mund verzog sich, und es wirkte, als wäre sie gar nicht mehr anwesend. Da blieb nur, stillzuhalten, nicht wegzurennen das brachte sonst nur noch mehr Ärger und wenigstens das Gesicht zu schützen, damit die Lehrer in der Schule nicht gleich wieder nachhakten.
Der Rücken brannte von der schweren Schnalle das einzige Erbe ihres Vaters diente jetzt tapfer als Disziplinargeschütz. Der Gürtel pfiff durch die Luft, verheißend neues Ungemach, während Lenis Tränen die alten, angeschlagenen Dielen tränkten.
Wage es ja nicht noch einmal! schrie die Mutter zwischen den Schlägen.
Als sie sich aus Versehen mit dem Gürtel selbst auf die Hand schlug, ließ sie das Erbstück fallen. Leni japste leise das Strafgericht war vorüber. Jetzt nur warten, bis Mutti in die Küche stapfte, dann auf allen Vieren ins Zimmer verschwinden, sich aufs Bett retten und still bleiben bis zum nächsten Morgen.
Leni verstand einfach nicht, was sie falsch machte. Mutter fand stets einen Grund. Eine Fünf in Deutsch, nicht gründlich genug gewischt, falsches Brot gekauft selbst wenn Mutti genau dieses bestellt hatte, nur um sich dann anders zu überlegen, während Leni noch unterwegs war. Der Anlass war offenbar egal, es ging ums Prinzip: Strafe musste sein.
Wenn es bei Geschrei blieb, war das schon ein guter Tag. Das ließ sich aushalten, auch wenn die Mutter sie als Missgeburt, Fettwanst, Dummchen und unfähige Bürde beschimpfte. Leni gewöhnte sich dran. Sie dachte sogar, es stimmte wäre sie nicht da, wäre der Vater geblieben, oder Mutti hätte neu heiraten können, sich schick machen, irgendwo ein neues Leben beginnen, ohne ein überflüssiges Maul zu stopfen.
Leni mühte sich, möglichst unsichtbar zu sein. Seit sie sechs war, schmeißte sie Haushalt und Putzen, mehr schlecht als recht dafür gabs dann auch noch Ärger, aber Mutti musste sich nicht mehr kümmern. Sie konnte machen, was sie wollte, nachts ausgehen, Männer mitbringen. Leni schwieg, hielt sich die Ohren zu, versteckte sich unter der Bettdecke, wenn Mutti wieder mal im Nebenzimmer herumsäuselte und stöhnte.
Irgendwann ergatterte Leni einen Nebenjob und brachte das Geld brav zu Hause ab sicher war sie, dass sie der Mutter alles zurückgeben müsse, was Mutti je für sie geopfert hatte.
Meine Jugend und mein Leben kriegst du eh nie wieder! schnappte die Mutter beim Zählen des Geldes. Wegen dir ist alles den Bach runtergegangen, alles!
Worum es bei diesem alles genau ging, wusste Leni nicht recht fragen traute sie sich auch nicht. Einmal hatte sie versucht zu fragen, warum Mutti sie überhaupt bekommen hatte. Die Antwort:
Weil du mein Kind bist.
Lange dachte Leni darüber nach, und sie schloss daraus, dass das Liebe sein müsste. So stands ja schließlich in jedem Buch. Und bei den Kids in der Schule: Da schienen die Mütter ihre Kinder zu lieben. Vielleicht wusste ihre einfach nur nicht wie?
Einmal versuchte Leni sie zu umarmen, aus lauter Sehnsucht, Mutti Liebe beizubringen. Doch sofort stieß die Mutter sie grob weg und zischte, sie solle es nie wieder wagen, sie anzufassen. Also ließ Leni es.
Nach der neunten Klasse kam Leni aufs Fachgymnasium. Ihr wurde ein Zimmer im Wohnheim angeboten, doch zum großen Erstaunen weigerte sich Mutti mit Getöse.
Wohnheim?! Nein! donnerte sie und klatschte Leni eine runter. Ich hab dich nicht geboren, damit du jetzt abhaust!
Leni, verrückt genug, war fast froh anscheinend brauchte die Mutter sie doch. Vielleicht liebte sie sie ja wirklich.
Mit dem ersten guten Job hörten die Schläge auf. Es blieben noch die Vorwürfe, Gemecker, Gezicke. Aber das war auszuhalten. Dann tauchte eines Tages Mutters neuer Ehemann auf.
Als Leni eines Abends heimkam, waren ihre Sachen fein säuberlich vor der Wohnungstür aufgetürmt. Der Schlüssel passte nicht mehr. Von drinnen brüllte Mutti nur, dass sie jetzt ihr eigenes Leben habe und Leni darin keinen Platz mehr hätte.
Leni setzte sich auf den Treppenabsatz, vergrub das Gesicht in den Händen und weinte. War es Trauer? Erleichterung? Sie hatte gestern das ganze Gehalt abgegeben, jetzt war nur noch genug für die S-Bahn übrig. Wohnung? Fehlanzeige. Freunde? Keine. Bekannte? Keine.
Die Nacht verbrachte sie auf einer Bank im Münchner Hauptbahnhof, tat so als würde sie auf einen Zug warten, und zuckte jedes Mal zusammen, wenn ein Sicherheitsmann vorbeikam gleich würde sie sicher rausgeworfen werden.
Eine Kollegin bot ihr ein Zimmer an und Leni nahm dankend an bezahlen konnte sie aus dem nächsten Lohn. Zum allerersten Mal lebte sie allein, ohne Kontrolle. Die Angst nagte heftig an ihr.
Mit der Zeit gewöhnte sie sich an die Einsamkeit, fand sogar Gefallen an der Ruhe. Nur nachts schreckte sie oft hoch Mutti mit dem Gürtel kam noch immer in ihren Träumen vorbei. Immer, wenn Leni sich etwas gönnte, an Mutter nicht mehr dachte oder mal einfach lachte, klopfte ein schlechtes Gewissen an. Langsam ließ das nach, und das Leben war gar nicht mehr so düster wie früher. Nur Beziehungen wagte Leni sich nicht. Mutters Stimme resonierte in ihrem Kopf:
Wer braucht dich denn außer mir, du Vogelscheuche? Schau mal in den Spiegel!
Und wieder lehnte Leni das nächste Date ab. Schaute in den Spiegel und weinte. Wer sollte so eine schon lieben? Keiner.
Sie lernte alleine zu leben. Lachte, fürchtete sich weniger, und begriff langsam: Ihre Mutter war ein Drache. Dennoch ab und zu überfiel sie der Wunsch, Mutti wiederzusehen. Warum, wusste sie selbst nicht. Vielleicht, um endlich zu hören, dass sie stolz sei? Dass sies zu was gebracht hatte? Oder einfach um alles loszuwerden, was sie sieben Jahre lang aufgespart hatte?
Fast, als hätte die Mutters gespürt: Eines Tages klingelte das Handy. Mutti, mit zuckersüßer Stimme: Komm doch mal zum Kaffee!
Leni kaufte Unmengen an Mitbringseln und Geschenken, fuhr hin und staunte nicht schlecht: Sie hatte jetzt einen Halbbruder.
Der kleine Moritz saß am Küchentisch und verschmierte Haferbrei auf dem Teller, Mutti schwirrte um ihn herum, lachte, küsste ihn, fütterte mit Löffelchen, als wär er noch ein Baby dabei war er schon sechs.
Etwas stach Leni mitten ins Herz. So hatte sie ihre Mutter nie erlebt. Vor dem inneren Auge tauchte wieder das wütende Gesicht, die erhobene Gürtelschnalle auf, die auf sie niederging, nachdem sie als Sechsjährige versehentlich die schwere Karaffe zerdeppert hatte. Trotzdem freute sie sich ehrlich für Moritz: Vielleicht hatte Mutti endlich das Lieben gelernt… und jetzt war auch für Leni was übrig?
Hoffnungsvoll lächelte sie und ging mit ausgebreiteten Armen auf ihre Mutter zu.
Gerade noch säuselte die Mutter Du bist mein Goldschatz!, doch als Leni die Hand ausstreckte, verzog sie angeekelt das Gesicht, wich zurück.
Was willst du hier? schnarrte sie.
Leni blieb wie angewurzelt stehen, die Arme seltsam in der Luft.
Lieb mich doch auch, Mutti, nur ein bisschen!, flehte sie innerlich. Laut kam nichts.
Setz dich, Hände waschen! die Ansage der Mutter, bevor sie sich wieder Moritz zuwandte. Ein Lächeln für ihn, kein Blick für Leni. Für sie würde diese Mutter nie sein, wurde ihr klar. Aber warum hat sie sie dann überhaupt eingeladen?
Moritz kommt nach den Ferien in die Schule, und Peter verdient einfach zu wenig für eine Privatschule. Ich kann ihn doch nicht marodierenden Rowdys in der öffentlichen Schule ausliefern! Aber du, du hast doch einen guten Job… Ja ja, ich hab bei Ingrid nachgefragt, schau nicht so. Also, kannst du helfen? Es ist eine große Summe, aber wir zahlen die Hälfte selbst.
Leni traute ihren Ohren kaum. Da ging endlich etwas in ihr kaputt, etwas Dunkles, das sie jahrelang an die Mutter gekettet hatte. Bitterkeit, Schmerz, Wut ein Ball aus all dem.
Mit belegter Stimme sagte sie:
Und warum, glaubst du, sollte ich das tun?
Mutter schnaubte verächtlich:
Weil ich dir Jahre lang alles gegeben habe. Ich habe mein Leben für dich geopfert! Du hast mir alles kaputt gemacht, jetzt bist du dran! Lang genug für dich gelebt!
Leni stand auf. All das, was so viele Jahre in ihr gärte, drohte auszubrechen ihr Herz schlug so heftig, sie hätte Mutti am liebsten angeschrien, aber es kam kein Laut. Sie schüttelte nur stumm den Kopf, griff nach der Tür und knallte sie mehr als nötig zu.
Komm sofort zurück! hallte Mutters fordernde Stimme durchs Treppenhaus. Undankbares Gör! War ja klar, dass aus dir nichts wird!
Die Mutter schimpfte weiter, wie früher, fluchend und tobend, aber Leni hörte nicht mehr hin. Sie stieg die Stufen hinab, wischte die Tränen ab, die ihr nur so übers Gesicht liefen. Und dann lächelte sie. Nun war sie wirklich frei. Jetzt kann sie endlich lernen, sich selbst zu lieben. Dafür braucht sie keine Mutter. Nicht mehr.





