23. Oktober
Heute muss ich einfach alles aufschreiben, bevor ich daran zerbreche. Beim Arbeiten in der Bäckerei habe ich damals Johann kennengelernt. Wir haben uns in München verliebt und dort geheiratet. Als ich schwanger wurde, hat Johann mich mit zu seinen Eltern aufs Land nach Bayern genommen. Sie waren von der Nachricht nicht gerade begeistert; eigentlich schien es ihnen überhaupt nicht zu gefallen.
Ich habe in diesem Haus schnell gemerkt, wie viel von mir erwartet wurde. Jeden Tag stand ich früh auf, kochte für die ganze Familie, habe die Wäsche gemacht, geputzt und bin zum Stall gegangen, um die Kuh zu melken und den Mist auszumisten. Wenn nötig, musste ich sogar Holz hacken. Es war schon fast egal, ob die Arbeit eigentlich für Männer oder Frauen war ich habe alles gemacht. Am schlimmsten wurde es, wenn Besuch kam. Mindestens sieben Leute saßen dann um den schweren, alten Holztisch und ich sollte alle bedienen.
Ich stand stundenlang in der Küche, habe verschiedene Gerichte vorbereitet, Braten und Knödel, Gemüse, Torten und zum Schluss war kaum noch etwas übrig. Am Ende des Abends war ich so erschöpft, dass ich mich seufzend auf die Bank am Tisch setzte. Ich hatte mir nur ein Stück Schweinekotelett auf den Teller gelegt, als meine Schwiegermutter mich von der Seite musterte und plötzlich lauthals sagte: Anna, heute isst du aber wirklich viel. So ein kleines Ding mit so einem Appetit! Dann begann sie zu lachen.
Der Spott war ansteckend, plötzlich fielen auch die anderen Gäste ein und machten sich lustig über mich. Ich konnte keinen Bissen mehr essen, stand einfach still auf und ging in die Küche. Dort liefen mir die Tränen übers Gesicht, weil ich eigentlich den ganzen Tag nichts gegessen hatte. Johann schwieg wie immer, wenn seine Familie schlecht über mich redete. Aus der Stube hörte ich meine Schwiegermutter prahlend sagen: Neulich habe ich meine ehemalige Schwiegertochter auf dem Viktualienmarkt getroffen. Ach, die ist immer noch so höflich! Sie nennt mich immer noch Mama. Das war wenigstens eine anständige Frau, nicht so wie diese hier!
Nachdem der Besuch gegangen war, räumte ich das Geschirr ab und stellte mich an die Spüle. Mein Schwiegervater kam herein und blieb schweigend hinter mir stehen. Nach einer Weile durchbrach er das Schweigen: Anna, weißt du, dass ich dich hasse?
Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Ich sagte nichts, weil ich wusste, es würde nichts ändern. Dann fragte er mich erneut: Weißt du das? Ich antwortete leise: Ich weiß.
Er schüttelte nur den Kopf: Es ist irgendwie seltsam. Du tust alles hier, hilfst jedem, bist immer höflich und fleißig und trotzdem… ich kann dich nicht ausstehen. Seltsam, findest du nicht?
Ja, das denke ich auch…
Im Grunde genommen wusste ich, dass sich nach dieser Unterhaltung nichts ändern würde. Sie würden alle weiter über mich spotten. Trotzdem blieb ich, doch manchmal frage ich mich, warum ich das überhaupt aushalte…
Könntest du mit einem Mann leben, der zulässt, dass seine Frau Tag für Tag gedemütigt wird?





