Der Drittsemester-Student Konstantin Meier schlenderte spätabends nach einem Besuch bei Freunden zurück ins Studentenwohnheim. Die Uhr zeigte schon weit nach Mitternacht, als er durch die leeren Straßen eines ruhigen Stadtrands von Augsburg marschierte. Plötzlich fuhr ein stechender Schmerz wie ein brennender Feuerball durch seinen Bauch! Bevor Konstantin kurz Konsti genannt überhaupt begriff, was los war, krümmte er sich zusammen, die Welt um ihn wurde schwarz und er sank bewusstlos zu Boden
Konsti war ein echtes Augsburger Gewächs, geboren und groß geworden in einer klassischen deutschen Familie. Im Wohnheim lebte er nur deshalb, weil er sich ein bisschen Unabhängigkeit gönnen wollte und mit seinem Vater nicht immer einer Meinung war, genauer gesagt: Sie hatten sich gehörig gestritten. Seit über einem Jahr hatten sie kein einziges Wort gewechselt.
Seine Mutter, eine echte Herzfrau, machte sich fast verrückt vor Sorge, schimpfte und weinte, wenn wieder einer ihrer zahlreichen Versöhnungsversuche im Sande verlief. Vater und Sohn: beide mit sturem Dickkopf à la Das geht, weils immer so war. Tja, deutsche Gründlichkeit aber manchmal eben auch beim Streiten.
Im Wohnheim gefiel es Konsti prima. Er war kein Faulpelz und fand immer einen kleinen Nebenjob, um sich am Abend noch ein bisschen Taschengeld zu verdienen. Freunde gabs wie Sand am Meer: ehemalige Klassenkameraden, aktuelle Mitstudenten und die halbe Nachbarschaft aus Kindheitstagen.
Nicht zu vergessen: seine Freundschaft zu allen herrenlosen Tieren der Gegend, besonders den halbwilden Katzen und Straßenhunden. Schon als Kind stopfte Konsti Würstchen und Frikadellen aus Mutters Kühlschrank in seine Jackentasche, um seinen felligen Freunden etwas Gutes zu tun. Auch jetzt stand jeden Abend mindestens ein Rudel hungriger Vierbeiner an der Wohnheimstür Spalier. Sie wussten: Der Meier-Junge hat immer Katzenfutter im Beutel und bringt für die Hunde was vom Buffet seiner Besuche mit.
An jenem Abend allerdings waren die Streuner irgendwann weitergezogen bis auf einen schwarz-weißen Hund, der stoisch vor der Wohnheimtür wartete und die Straße nach Konsti absuchte. Als es dunkelte, lief er los genau in die Richtung, aus der Konsti eigentlich zurückkehren sollte…
Das erste, was Konsti sah, als er wieder zu sich kam, war das besorgte Gesicht seiner Mutter. Die Augen rot, die Stirn zerknirscht, aber ihr Lächeln: weich wie ein Sonntagsbrötchen.
Hallo, mein Junge, lächelte sie, endlich! Wie fühlst du dich? Warte, ich hole gleich den Arzt
Von ihr erfuhr Konsti, dass er einen akuten Blinddarmdurchbruch gehabt hatte.
Peritonitis, verbesserte der Arzt, der gerade hereinschlenderte, Brandgefährlich, sage ich Ihnen! Der entzündete Blinddarm ist geplatzt wir mussten Ihnen die ganzen Innereien schöööön durchspülen. Zum Glück waren wir schnell genug.
Rund eine Woche musste unser Held im Krankenhaus bleiben. Nachts lag er schlaflos im Bett und hörte, wie draußen im Flur die Nachtschwester mit der Putzfrau tuschelte:
Der Bub hättes ja fast nicht geschafft, wenn da nicht der Hund gewesen wäre! Die von der Notaufnahme hat erzählt: Der lag in der Seitenmulde, die Leute dachten erst, er sei betrunken. Aber der Hund! Der hat geheult wie ein Wolf. Kam jemand näher, hat er gebellt wie die Feuerwehr, zog an Hose und Jacke der Passanten, bis sie Konsti entdeckten und direkt riefen die Notärzte! Der Hund hat seinen Besitzer gerettet, jawoll!
Gerettet dieses Wort hämmerte unaufhörlich in Konstis Kopf. Ihm war schlagartig klar, wer da gemeint war: der junge, schwarz-weiße Streuner, den Konsti stets Akrobat nannte, weil er so geschickt sprang und spielte. Akrobat hatte regelmäßig Konsti auf dem Heimweg getroffen wie die Tiere das nur immer spüren! Ihm, diesem vierbeinigen Akrobaten, verdankte Konsti nun sein Leben.
Tags darauf kamen die Eltern gemeinsam vorbei. Während Konstis Mutter um ihn herumwuselte Decke zurechtrückte, Stirn tupfte, Rezepturen und Ernährungspläne vorsang (Suppen! Brei! Und immer warm! Sieben Mal am Tag Studentenküche ist fürs Erste tabu, verstanden?) stand der Vater schweigend am Fenster und betrachtete seinen Sohn aus sicherer Entfernung. Keiner wagte so recht, ihn zuerst anzusprechen. Zu frisch war noch der Schatten der langen Funkstille.
Doch die Zeit im Krankenhaus hatte Konsti zum Nachdenken genutzt. Noch in dieser Nacht fasste er sich ein Herz:
Es tut mir leid Ich war stur und hab immer nur an mich gedacht. Könnt ihr mir verzeihen?
Lass das, Junge, seufzte die Mutter und tätschelte seine Hand, du brauchst jetzt Ruhe. Wir haben dich lieb, und selbst dein Vater hat dich vermisst, nicht wahr, Michael?
Der Vater räusperte sich, drehte sich um und meinte trocken: Tomma, lass ihn mal reden.
Konsti schloss kurz die Augen, sammelte mühsam Kraft. Über das Thema Hund zu sprechen, war nicht leicht, denn genau daran waren sie vor einem Jahr zerschellt: Als Kind sowieso ein striktes Nein zum Vierbeiner, später im Studium, trotz Erfolgen das gleiche Spiel. Schließlich riss ihm der Geduldsfaden, und er zog aus, erst zu Freunden, dann ins Wohnheim.
Dort durfte er selbstverständlich keinen Hund halten dabei träumte Konsti längst davon, mit Akrobat einen kleinen Schrebergarten oder Hinterhof zu bewohnen. Im Geiste waren sie längst ein Team die perfekte WG.
Doch nun, mit noch schwachen Stimmen, brachte Konsti ein letztes Bitten vor:
Papa, ich will kein Tier bei euch einfordern, das ist eure Wohnung. Aber ich habe einen Freund da draußen, und der hat mir das Leben gerettet. Ich kann ihn jetzt nicht alleinlassen sobald ich kann, suche ich uns was Eigenes. Aber jetzt bitte Akrobat wartet vor dem Wohnheim, er braucht Futter. Schwarz-weiß, ziemlich geschickt
Die Mutter strich ihm die Stirn und versprach, sofort loszuziehen und Hundefutter zu kaufen. Der Vater sollte es ihm bringen.
Papa, nimm meine Tasche mit am Geruch kennt Akrobat sie sofort, flüsterte Konsti leise.
So kams, dass Akrobat nach der Operation und Versöhnung Teil der Familie wurde. Fünfzehn Jahre gingen die beiden durch dick und dünn selbst Konstis spätere Frau lernte er beim Leinenchaos mit ihrer Dackeldame kennen. Drei Söhne wuchsen mit Akrobats wachsamen Auge auf.
Jetzt saß Konsti, von drei pubertierenden Söhnen flankiert, im Wartebereich der Tierklinik München, während Akrobat wegen eines Tumors operiert wurde beste Tierärzte, keine Mühen und Euros gescheut. Die Anspannung war zum Greifen; alle Zuhörer, ebenfalls mit Boxen voller Hunde oder Katzen, lauschten Konstis Geschichtenerzählen und drückten gemeinsam die Daumen.
Und wie ging das damals mit dem Blinddarm aus?, fragte eine Dame neugierig.
Konsti grinste: Jeden Tag kam meine Mutter ins Krankenhaus und berichtete: Dem Akrobat gehts gut, er futtert wie ein Weltmeister. Am Tag der Entlassung holten mich meine Eltern im Golf ab und wer lag frisch gebadet mit neuem Halsband auf dem Rücksitz? Richtig. Mein Akrobat! Vater hatte ihn direkt nach unserem Gespräch nach Hause geholt; und da blieb er auch. Bald saß ich auf der Rückbank, Arm um meinen Freund. Vater sah sich um und fragte: Na, auf nach Hause? Kräfte tanken? Klaro und los gings!
Alle Anwesenden im Wartezimmer grinsten und drückten ihre Lieblinge fest an sich. Da kam der Tierarzt in den Flur:
Herr Meier, alles ist bestens verlaufen! Ihr Akrobat ist ein zäher Bursche ein Held! Gleich kommt er aus der Narkose, und dann gibts einen Behandlungsplan für zu Hause.
Erleichterung ging durch den Raum. Eine Stunde später schob Konsti Meier seinen Akrobaten im Kreis seiner Nachwuchs-Band am Klinikflur entlang, packte den treuen Kumpel vorsichtig auf dem Schoß der Jungs und setzte sich ans Steuer.
Er drehte sich lächelnd um:
Na dann, alle bereit? Auf nach Hause Akku aufladen nach dem Abenteuer!
Und so fuhren sie davon…





