Nach dem Abschluss an der Uni fing Annika bei einer Firma in München an, wo alle ziemlich entspannt und freundlich miteinander umgingen. Mit ihrem Charme und ihrer Fröhlichkeit hob sie direkt die Team-Laune. Annika war eine dieser Menschen, bei denen man sofort das Gefühl hat, ihnen alles erzählen zu können so eine, die sogar den größten Griesgram irgendwie um den Finger wickelt.
Sie wohnte gleich um die Ecke vom Büro, in einer schicken, neuen Wohnung. Dann gab es da noch Paul, einen Kollegen, der sie von Anfang an ins Herz geschlossen hatte. Als er mitbekam, dass Annika über ein eigenes Ein-Zimmer-Apartment verfügte, leuchteten seine Augen förmlich. Paul, knapp dreißig, besaß ehrlich gesagt nichts. Nada. Außer vielleicht seine Fähigkeit, stets die arme Socke zu mimen. Der Gute pendelte nämlich täglich aus irgendeinem bayerischen Dorf zur Arbeit. Und natürlich war er derart bemitleidenswert, wenn der Arbeitsalltag vorbei war und er wieder in sein Dorf zurück musste. Das kam aber kaum vor meistens schaffte er es, dass ihn eine Kollegin aus Mitleid bei sich schlafen ließ.
Annika? Die war ein absoluter Hauptgewinn! Sowohl außen als auch innen einfach tadellos. Kein einziger Makel, das rundum-sorglos-Paket sozusagen. Klar, dass Paul sich an sie klammerte wie eine Klette über drei Jahre hinweg! Annika war viel unterwegs, sammelte ordentlich Dienstreisen und damit auch Euro ein, während Paul wegen seines ewigen Studiums und angeschlagener Gesundheit eher auf Sparflamme lebte. Arztbesuche standen bei den beiden regelmäßig auf dem Plan, und das mit dem Nachwuchs klappte auch nicht.
Von Hochzeit war dabei nie die Rede. Hin und wieder erzählte der Chef von seinem Neffen, der seiner Freundin einen Antrag gemacht hatte nur um kurz vor der Hochzeit zu erfahren, dass sie leider an Krebs im dritten Stadium litt. Die beiden haben trotzdem geheiratet, und der Neffe kümmerte sich rührend um seine todkranke Frau… Drei Jahre später checkte Annika: Moment mal er lebt in meiner Wohnung, ich stemme alle Kosten, und ein Wort zur Hochzeit gabs noch nie. Sie zeigte Paul mal die rote Karte. Prompt zückte er einen Ring und verkündete, dass jetzt geheiratet wird.
Nach ihrer nächsten Dienstreise kam Annika zurück, und Paul druckste herum: Ich bin einfach nicht bereit zu heiraten. Für so eine riesige Verantwortung bin ich zu gewissenhaft… Behalte den Ring als Erinnerung an unsere schöne Liebe… Tja, und Annika war plötzlich wie ausgewechselt. Damit hatte sie von ihrem Lieblingsmenschen nicht gerechnet.
Die Chefin reagierte auf ihre schicksalhafte Stimmung auf sehr deutsche Art: Sie verdonnerte Annika zu einer Geschäftsreise nach Hamburg, inklusive Theaterbesuch Sonst fliegst du raus!, flachste sie. Im Theater saß ausgerechnet der verwitwete Neffe der Chefin neben ihr. Wie der Zufall (den es in Deutschland offiziell gar nicht gibt) so will, verstanden sich die beiden blendend und verbrachten die ganze Geschäftsreise zusammen.
Annika wurde schwanger, und das junge Glück konnte sein Glück kaum fassen. Sofort wurde die Hochzeit angesetzt, Annika endlich einmal im Leben Prinzessin. Hat halt zehn Jahre gedauert. Heute haben sie zwei Söhne und überlegen, ob Kind Nummer drei nicht gerade recht kommt. Mädchen oder Junge? Völlig egal, Hauptsache gesund!
Die Familie ist der Fels in der Brandung, alle halten zusammen, Stimmung wie auf einem bayerischen Dorffest. Und Paul? Der weiß bis heute nicht, was er eigentlich will. Der Ansicht, dass Familie ein teures Hobby sei, hat er immer darauf verzichtet, Verantwortung zu übernehmen. Nachdem er seinen Autokredit endlich abgezahlt hatte, gönnte er sich als Nächstes ein MacBook. Großes Hallo im Freundeskreis! Ob der Kredit diesmal schneller abbezahlt ist? Na dann, viel Glück, Paul!





