**Zwei undankbare Töchter**
Heute erzählten mir meine Eltern etwas, das mich sprachlos machte. Wir haben die Dreizimmerwohnung nicht ohne Grund gekauft, sagte meine Mutter, ihre Augen glänzten vor Freude. Wir vermieten sie an Studenten pro Zimmer. Fünf leben dort schon! Das bringt so viel Geld, dass wir im Alter keine Sorgen mehr haben werden.
Ich, Klara, nickte und freute mich für sie. Meine Eltern hatten ihr Leben lang hart gearbeitet, sie hatten sich diese Ruhe verdient. Doch dann mischte sich mein Vater, Heinrich Müller, ein, der bisher schweigend seine Zeitung gelesen hatte.
Wir wissen natürlich, was du denkst: Wem wird die Wohnung einmal gehören? Ihr seid schließlich drei Kinder, da ist die Sorge verständlich, sagte er und faltete die Zeitung zusammen.
Ich schüttelte den Kopf. So etwas war mir nicht einmal in den Sinn gekommen. Meine Eltern waren kerngesund wer sprach da schon von Erbe? Doch meine Mutter, Gertrud, fuhr mit einer so spöttischen Stimme fort, dass mir eiskalt wurde.
Natürlich hast du daran gedacht! Wer bekommt schon so ein Vermögen? Verschweig es nicht, Kind!
Ich wollte widersprechen, aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen.
Dein Vater und ich haben alles besprochen. Die Wohnung bekommt, wer sich am besten um uns kümmert. Ist das nicht fair?
Es wurde still in der Küche. Ich starrte sie an, unfähig zu glauben, was ich hörte. Sollte das ein Wettbewerb sein? Mein Vater räusperte sich und sprach weiter, ohne mich anzusehen.
Wir haben uns immer um euch gekümmert, haben alles gegeben. Jetzt ist es an der Zeit, dass ihr etwas zurückgebt. Und wenn uns etwas an eurem Verhalten nicht gefällt er machte eine bedeutungsschwere Pause dann gibt es eben kein Erbe.
Ich saß da wie vor den Kopf geschlagen. Sie warteten auf eine Reaktion, als erwarteten sie Applaus für ihre weise Entscheidung. Mir blieb die Luft weg. Ich stand auf, murmelte etwas von dringenden Terminen und verließ schnell das Haus.
In der U-Bahn auf dem Heimweg konnte ich nicht begreifen, was gerade passiert war. Was sollte das? Eine Auktion? Wer bietet die meiste Fürsorge für die Wohnung? Ich rief meine ältere Schwester Lieselotte an.
Lilo, du wirst nicht glauben, was die Eltern uns aufgetischt haben, sagte ich ohne Einleitung.
Die Sache mit der Wohnung und dem Erbe? Ihre Stimme klang müde. Sie haben mir gestern dasselbe erzählt. Ich bin immer noch geschockt.
Was sollen wir jetzt tun? Ich presste das Handy ans Ohr, um sie im Gewühl der Bahn zu verstehen.
Keine Ahnung. Wir haben uns doch immer um sie gekümmert. Während sie für die Wohnung sparten, haben wir ihnen geholfen mit Einkäufen, Rechnungen, bei jedem Anruf. Ihre Stimme klang verletzt. Und unser kleiner Bruder Thomas? Der war immer beschäftigt. Mal Arbeit, mal Beziehung.
Und wie wollen sie entscheiden, wer sich am besten kümmert? Ich stieg an meiner Station aus. Führen sie eine Punkteliste?
Lilo lachte bitter.
Sieht so aus. Aber vielleicht ist das gut. Dann wissen wir endlich, was wir ihnen wert sind. Obwohl ich ahne schon, wer diesen Wettbewerb gewinnen wird.
Die nächsten Wochen wurden zur Qual. Die Anrufe meiner Eltern häuften sich. Der erste kam spätabends.
Klara, wir brauchen morgen einen Fahrdienst, sagte meine Mutter fordernd. Wir müssen zum Arzt und noch einkaufen. Dein Auto ist doch repariert, oder?
Ich hatte morgen ein wichtiges Meeting.
Mama, geht ein Taxi nicht?
Was für ein Unsinn! Sind wir dir denn fremd? Kann eine Tochter ihren Eltern nicht helfen?
Ich seufzte. Wie immer gab ich nach. Am nächsten Morgen nahm ich mir frei und chauffierte sie durch die Stadt, während sie von Thomas schwärmten.
Freitags, mitten in der Arbeit, rief mein Vater an.
Möbel sind geliefert worden. Wir brauchen Hilfe beim Tragen. Umzugshelfer sind zu teuer. Zu dritt schaffen wir das.
Papa, ich bin im Büro
Was für ein Job ist das, wenn man nicht mal seinen Eltern helfen kann?
Wieder ließ ich alles stehen und liegen, zur Missbilligung meiner Kollegen, und schleppte Möbel. Drei Tage später schmerzte noch mein Rücken.
An einem freien Tag, als ich endlich zum Kosmetiker wollte, rief meine Mutter.
Klara, wir machen Frühjahrsputz. Vorhänge runter, Lüster säubern. Allein schaffen wir das nicht wir sind nicht mehr die Jüngsten.
Der Kosmetiktermin fiel ins Wasser. Den ganzen Tag putzte ich, während sie von Thomas erzählten.
Unser Thomas ist so fürsorglich, schwärmte Gertrud, während ich den Herd schrubbte. Gestern rief er an, wir haben so lange geplaudert!
Wann hat er das letzte Mal geholfen? Ich richtete mich auf und wischte mir den Schweiß ab.
Meine Eltern tauschten Blicke. Meine Mutter verzog den Mund.
Was für ein Ton! Thomas hat viel zu tun. Seine Arbeit ist wichtig. Nicht wie eure Jobs. Ihr seid Mädchen, ihr solltet euch um die Familie kümmern. Das ist eure Pflicht! Er ist der Mann im Haus.
Ich biss die Zähne zusammen. Die Ungerechtigkeit brannte in mir.
Eine Woche später stand ich wieder in ihrer Küche diesmal zum Einmachen. Gurken, Tomaten, sie saßen am Tisch und kommandierten.
Weniger Essig! Mehr Dill!
Thomas liebt eingelegte Gurken, träumte mein Vater vor sich hin. Wenn er kommt, wird er sich freuen.
Wann kommt er denn? Ich drehte ein Glas zu.
Keine Ahnung schon einen Monat nicht gesehen, gab meine Mutter widerwillig zu. Er ist so beschäftigt.
Ich legte das Glas weg, wischte mir die Hände ab und sah sie an. Die Wut brodelte in mir.
Dann bekommen Lilo und ich die Wohnung? Weil nur wir helfen, und Thomas nie da ist?
Meine Mutter wurde puterrot. Sie sprang auf, die Teetasse kippte um.
Du bist egoistisch! Und geldgierig! Denkst nur an dich! Sie schrie. Er ist der Mann! Er braucht die Wohnung für eine Familie! Das Erbe geht an ihn! Er ist unser Stammhalter!
Etwas in mir zerbrach. Jahre der Fürsorge, der Opfer alles nichts wert. Langsam nahm ich die Schürze ab, drehte den Herd aus. Die halb vollen Einmachgläser blieben stehen.
Stammhalter? Und wir? Warum verdienen wir die Wohnung nicht? Meine Stimme brach. Wir sind immer da. Aber das zählt nicht, oder?
Ich ging zur Tür. Sie starrten mich fassungslos an.
Wisst ihr was? Ich habe verstanden. Fürsorge seht ihr nur, wenn sie fehlt. Ab jetzt mache ich es wie Thomas.
Ich ging. Sie riefen hinterher.
Klara, warte! Du verstehst das falsch!
Die Gurken! Wer macht die jetzt fertig?
Ich blieb stehen, drehte mich um. Kein Zorn, keine Tränen nur Erschöpfung.
Ich bin beschäftigt. Wie Thomas. Fragt ihn. Er ist doch euer Erbe.
Ich schloss leise die Tür. Draußen rief ich Lilo an.
Lilo, ich kann nicht mehr.
Was ist passiert?
Ich erzählte alles. Sie schwieg lange, dann seufzte sie.
Weißt du was? Lass uns wie unser Bruder sein. Wenn er der Erbe ist, soll er sich kümmern. Wir sind jetzt undankbare Töchter.
Genau das wollte ich vorschlagen. Ich atmete tief durch.
Seitdem änderte sich alles. Auf Bitten antworteten wir gleich: Fragt Thomas. Meine Mutter schmollte, mein Vater tobte wir blieben hart.
Thomas bekommt die Wohnung. Dann soll er helfen.
Ein Monat verging. Ich spazierte durch den Park, die Blätter raschelten. Gelb, rot, orange ein Teppich unter meinen Füßen. Ich lächelte.
In diesem Monat hatte ich so viel für mich geschafft!
Mein Handy vibrierte. Mutters Anruf. Ich sah den Namen und steckte es weg. Soll sie Thomas anrufen. Ich kümmere mich jetzt um mich. Und um meine eigene Familie.





