Es war bereits Abend geworden. Mein Schwiegersohn brachte seine Schwiegermutter nach Hause. Er stellte zwei ihrer Taschen auf den Flur und ging zu Clara, um ihr Bescheid zu sagen. Als Clara ihre Mutter wiedersah, wurde sie von einer tiefen Enttäuschung übermannt. Muss ich jetzt den Rest meines Lebens für dich sorgen? Du möchtest bestimmt nie wieder zurück in dein Dorf…
Vor Kurzem hatte ich die Geschichte einer alten Bekannten gehört, die ihrer eigenen Mutter gegenüber ein sehr kaltes Herz zeigte. Zum Glück nahm die Geschichte ein gutes Ende: Ihr Schwiegersohn kümmerte sich um die Schwiegermutter, brachte sie in eine gute Seniorenresidenz und übernahm sämtliche Kosten in Euro bezahlt. Doch damals wusste Clara nichts über das, was passiert war, und erfuhr erst nach der Entlassung ihrer Mutter davon.
Claras Ehemann hatte also die Schwiegermutter zu sich geholt und sagte zu seiner Frau: Deine Mutter ist wieder gesund. Ich habe ihr alles besorgt, was sie braucht, aber sie muss noch eine Weile betreut werden. Sie wird daher eine Zeit lang bei uns wohnen. Ich hoffe, das ist in Ordnung für dich?
Eigentlich hätte Clara selbst diese Frage stellen sollen, denn es geht um ihre eigene Mutter. Doch statt dem Ehemann für seine Fürsorge zu danken, reagierte sie seltsam und nicht nachvollziehbar: Mama, ich bin gerade erst nach Berlin gezogen, will mir hier ein eigenes Leben aufbauen und dann kommst du hierher! Du möchtest tatsächlich bei mir wohnen? Und jetzt soll ich für immer auf dich aufpassen? Möchtest du nicht lieber in dein Heimatdorf zurückkehren?
Die Mutter, schon Rentnerin, war von den Worten ihrer Tochter tief getroffen, doch am meisten überrascht war Claras Ehemann.
Zum ersten Mal offenbarte ihm seine Frau ihr wahres Wesen. So hatte er sie nicht kennengelernt, als sie heirateten. Voller Unsicherheit fing die Schwiegermutter an, ihre Sachen wieder zu packen, während Clara wütend die Tür zuschlug und zu einer Freundin ging. Als sie spät in der Nacht zurückkam, standen ihre Koffer schon bereit und ein Zugticket lag auf dem Tisch. Verwirrt fragte sie ihren Mann:
Warum, ist Mama gar nicht weg? Oder fährst du irgendwohin?
Nein, das sind deine Sachen und dein Ticket. Ich denke, wir sollten eine Zeit getrennt leben. Ich wünsche mir schon lange ein Kind, aber heute wurde mir klar: Ich will nicht, dass meine Kinder so eine Mutter haben. Denke über dein Verhalten nach. Geh für eine Weile zurück ins Dorf zu deiner Mutter. Sie bleibt solange hier bei mir. Und wenn du deine Einstellung änderst, dann komm zurück, erklärte ihr Mann ruhig.
Clara hätte niemals gedacht, dass ihr Mann eine so klare Entscheidung treffen würde.
Manchmal zeigt uns das Leben, dass wahre Familie und Fürsorge nicht nur an Blutsbande geknüpft sind, sondern aus Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein entstehen. Das Miteinander lebt vom Respekt, den wir einander entgegenbringen. Wer andere lieblos behandelt, merkt oft zu spät, dass auch sie Zuwendung verdient hätten und verliert damit mehr, als er zu Beginn ahnt.





