Mehr als nur Nachbarn

Nicht nur Nachbarn

Weißt du, in einem kleinen Ort irgendwo in Bayern, wo die Sommerstraßen im dichten Grün verschwinden und im Herbst die goldenen Blätter alles bedecken, lebten nebenan zwei Familien die Müllers und die Schmidts. Sie kannten sich schon ewig, halfen sich immer, hielten zusammen. Die Kinder von beiden Familien waren längst groß und zogen in die Stadt, nach München.

Dann kam der Tag, an dem Anneliese, die Frau von Hans Müller, starb. Ganz früh am Morgen, der Himmel war noch ganz grau, stürmte Hans zu seinen Nachbarn zu Karl und Gertrud Schmidt , trommelte ganz aufgeregt ans Fenster.

Was ist denn los?, Karl stand direkt im Pyjama auf der Veranda, Gertrud warf sich schnell ein Wolltuch über die Schultern.

Anneliese meine Anneliese”, Hans fing bitterlich an zu weinen und ließ sich auf die kalten Stufen vorm Haus sinken. Es war ein feuchter, kalter Herbstmorgen.

Was ist mit Anneliese?, fragte Karl, Sollen wir den Notarzt rufen?

Nicht mehr nötig…, murmelte Hans leise, meine Anneliese ist gestorben.

Die Schmidts ließen Hans in den Tagen nicht allein, bis sein Sohn mit seiner Frau aus München kam. Gertrud sorgte dafür, dass er ein paar Baldriantabletten bekam, Karl leistete ihm beim Schachspiel abends Gesellschaft. Auch nach der Beerdigung ließen sie ihn nicht allein, luden ihn zum Mittag- und Abendessen ein, beschäftigten ihn, lenkten ihn ab.

Halbes Jahr verging. Hans fand langsam wieder zu sich, irgendwie gewöhnte er sich an das Alleinsein, wuchs hinein in das neue Leben. Er lernte allein zu kochen, zu waschen, aufzuräumen und sein Sohn mit Familie besuchte ihn hin und wieder.

Eines warmen Sommerabends saß Hans wie so oft bei Karl unterm Apfelbaum im Garten. Die beiden hatten die Schachfiguren aufgebaut, redeten leise miteinander, alles ganz entspannt. Plötzlich sackte Karl zur Seite, Hans schaffte es gerade noch, ihn aufzufangen.

Mensch Karl, was ist los?, rüttelte er ihn. Keine Reaktion. Gertrud!, rief er nach ihr sie kam gerade mit einer großen Schale frischer Gurken aus dem Garten ums Eck.

Die Schale fiel ihr aus der Hand, als sie die Szene sah. Sie stürzte zu Karl. Aber er war sofort tot der Arzt sagte später: Herzinfarkt.

Wie konnte das passieren?, weinte Gertrud, er hatte doch nie Probleme mit dem Herzen

Jetzt war Hans für Gertrud da. Die Kinder kamen aus ganz Deutschland angereist, beerdigten Karl. Als sie wieder fort waren, lernte Gertrud, was wahre Stille und Einsamkeit sind. Tagsüber ging es noch Hans kam oft vorbei, half ihr hier und da. Aber abends oder nachts? Schlaflos, Gedanken kreisten ständig.

Doch die Zeit heilt eben doch vieles. Gertrud blühte langsam wieder auf. Ab und zu kamen ihre Kinder oder sogar Enkel aus Nürnberg. Hans und Gertrud, beide längst Rentner, unterstützten sich gegenseitig. Hans hatte früher Geschichte am Gymnasium unterrichtet, Gertrud leitete die kleine Gemeindebibliothek.

Das Leben lief weiter, mit all seinen Farben. Der Herbst hielt Einzug. Jeden Morgen stand Hans mit seinem guten, alten Besen auf der Terrasse, fegte die gelben und braunen Ahornblätter zusammen, dann weiter bis zum Gartenzaun von Gertrud, den Gehweg entlang. Der Wind brachte natürlich ständig neue Blätter, aber er ließ sich nicht beirren. Auch in ihrem Garten fegte er obwohl da weniger Blätter lagen.

Gertrud beobachtete ihn lächelnd durchs Fenster.

Mensch Hans, wie lange willst du noch fegen?, rief sie mit halb geöffnetem Fenster. Im ganzen Dorf weiß man doch, dass du der Einzige bist, der gegen den Herbst kämpft!

Er blickte hoch, grinste.

Wenn alle warten, bis die Blätter von allein verschwinden, dann versinkt die Welt im Chaos. Das geht nicht. Einer muss ja was tun!

Aber das ist doch das Schöne am Herbst schau, wie die Blätter glänzen!, gab Gertrud lachend zurück.

Glänzen tun sie, ja aber wehe du rutschst mal aus, wo es nass ist!, brummte Hans, fegte ruhig weiter.

Als sie die Gartentür öffnete, ging er gerade den Weg zu ihrem Hauseingang entlang. Dort stand sie schon mit zwei Tassen Tee parat.

Komm, lass gut sein, trink erst mal ein Tässchen mit Honig mit mir, sagte Gertrud, stellte die Becher auf den Gartentisch, setzte sich auf die Bank. Hans nahm ihr gegenüber Platz.

Heute mit Honig? Sonst trinken wir doch immer mit Zitrone, wunderte er sich nach dem ersten Schluck.

Heute ist es kalt, da braucht man was zum Aufwärmen!, lachte sie.

Ganz schön süß, findest du nicht? In unserem Alter sollte man mit Süßem bisschen vorsichtig sein.

Stell dich nicht so an, Hans. Einen Tag in der Woche überlebt dein Körper das schon!, sagte sie resolut.

Na gut,, gab Hans nach.

Übrigens mein Enkel Benedikt hat gestern angerufen und gefragt: Oma, was machst du eigentlich den ganzen Tag allein? Komm doch zu uns nach München!

Und? Was hast du gesagt?

Hab ihm gesagt: Allein bin ich nicht, habe hier einen Freund, sie warf Hans einen augenzwinkernden Blick zu.

Hans nippte verlegen am Tee, versteckte so sein Lächeln.

Hast du schon richtig gesagt, Freund klingt halt so schlicht…

Was wäre denn besser?

Verbündete im Kampf gegen das Herbstlaub, lachte er. Gertrud musste auch lachen.

Einmal fegte Hans schon früh die Blätter aus ihrem Hof, nur Gertrud ließ sich nicht blicken. Da wurde er nervös, denn sie winkte ihm sonst immer zu. Also stieg er die Stufen ihres Hauses hoch, klopfte, wartete. Nach einer Weile öffnete sie, lehnte schlapp an der Wand, den karierten Schal um die Schultern.

Ach du meine Güte. Komm, ich bring dich rein!, half er ihr ins Wohnzimmer, setzte sie in den Sessel, deckte sie zu.

Ihr Gesicht war blass und die Nase rot.

Wahrscheinlich erkältet

Ach Hans, wer bringt mir jetzt Tee?, schniefte sie schwach.

Hans zog die Jacke aus, schaute sich nach Medikamenten um.

Hast du was zum Einnehmen?

Da, auf dem Nachttisch…

Er checkte die Packung.

Ist das alles? Ich geh mal schnell zur Apotheke!

Bloß nicht, Hans, du

Doch! Bleib ruhig. Und schon war er raus.

Wenig später kam er mit einer Tüte Medikamente zurück und obendrauf einer Suppenhuhn aus dem Supermarkt. Gertrud hatte die Augen zu, döste erschöpft. Hans verschwand in die Küche.

Kurz darauf zog leckerer Hühnchensuppenduft durchs ganze Haus.

Du kannst ja sogar kochen!, lächelte sie dankbar.

Na, klar. In Krisenzeiten muss man alles können. Los, iss warm, dann wird’s besser!, sagte Hans, stellte ihr die Schale auf den Tisch, half ihr an den Tisch.

Sie löffelte, schloss genüsslich die Augen.

Unfassbar, wie lecker, Hans, danke dir!

Schon gut, du musst schnell wieder fit werden sonst wird mir das Laubfegen ohne dich zu langweilig, grinste Hans verlegen.

Ich geb mein Bestes, Kamerad, murmelte sie schmunzelnd zurück.

Nach einer Woche war Gertrud wieder gesund, lächelte endlich wieder und sie gingen zum ersten Mal seit Ewigkeiten gemeinsam in den kleinen Park am Flussrand. Es war natürlich Hans’ Idee.

Die Blätter raschelten unter ihren Schuhen.

Genug rumgesessen, wir gehen frische Luft schnappen!, meinte er und sie stimmte fröhlich zu.

Die Sonne wärmte noch, als wäre es altweibersommer, während sie Arm in Arm unter goldenen Bäumen spazierten.

Weißt du, Hans, der Herbst hat schon was Schönes an sich, sagte Gertrud.

Stimmt, besonders in so netter Gesellschaft, antwortete Hans.

Sie hakte sich bei ihm ein, schlenderten entspannt über den Laubweg, lachten, redeten über alles Mögliche.

Kurze Zeit später kam Hans mit einer ungewöhnlichen Bitte zu Gertrud.

Sag mal, kann ich dich was fragen?

Was denn?, sie wurde neugierig.

Tja, ich hab gestern meine Bücherregale durchgesehen und keine Ahnung, wie man Kakteen pflegt hast du ein Buch darüber?

Kakteen? Du hast doch gar keine Blumen, geschweige denn Kakteen!

Schmunzelnd zog Hans einen winzigen Kakteentopf hinterm Rücken hervor.

Ab heute ja! Extra für dich!, grinste er.

Und wie soll ich die pflegen? Ich hatte noch nie Kakteen!, stutzte sie, musste aber lachen.

Du bist doch die Bibliothekarin! Du kennst bestimmt das passende Buch!

Na gut, nehmen wir den mal auf. Aber nur, wenn du mir ein Eis spendierst, falls die Blume jemals blüht!

Versprochen!, sagte Hans.

Eine Woche verging, dann kam der erste Schnee. Wieder tauchte Hans bei Gertrud auf, Hände hinterm Rücken.

Was hast du diesmal dabei, Hans?, fragte sie überrascht, bemerkte seinen ernsten Blick.

Weißt du, Gertrud ich hab mir gedacht warum komme ich eigentlich jeden Tag rüber? Vielleicht bleib ich einfach für immer Vielleicht möchtest du mich heiraten?, dann reichte er ihr einen Strauß roter Rosen. Gertrud musste grinsen die Wangen wurden ein bisschen rosig.

Na Hans, wie lange hast du das gegrübelt?

Lange. Hatte Angst, du sagst nein… Nun?

Natürlich sag ich ja, wohin soll ich denn ohne dich? Jedes Mal, wenn du weg bist, fehlt was. Und wie sollte ich ablehnen, bei DEM Blumenstrauß

Sie erlebten den Winter zusammen, und dann kam der Frühling. Eines Morgens rief Gertrud aufgeregt:

Hans! Komm schnell, dein Kaktus blüht! Du schuldest mir ein Eis!

Krass, ich hätte nie damit gerechnet Heute gehen wir los und holen dir ein Eis abgemacht ist abgemacht!

Sie schlenderten lachend über die Dorfstraße, diskutierten, ob sie nun lieber ein Spaghettieis oder traditionelles Vanille im Becher nehmen. Hans schaute in den Himmel, das Frühlingssonne auf dem Gesicht.

Wonach strahlst du denn so?, fragte Gertrud und lächelte mit.

Ach weißt du Ich glaub, wir beide sind ein super Team geworden

Find ich auch, stimmte sie leise zu.

Und so gingen sie nebeneinander her längst nicht mehr bloß Nachbarn oder Laubfegerkumpanen, sondern zwei Menschen, die im goldenen Herbst, im weißen Winter und unter der Frühlingssonne zueinandergefunden hatten. Alleinsein war für sie kein Thema mehr.

Danke, dass du mir zugehört hast, machs gut Hab einen schönen Tag!

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Homy
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