Du musst mir helfen, du bist doch meine Mutter

Du musst mir helfen, du bist doch meine Mutter!

Lena, du bist schon wieder hier, seufzte Helga und zog ihren Mantel aus, während sie ihre Tochter beobachtete, die geschäftig im Kühlschrank wühlte. Warum bist du dann ausgezogen, wenn du sowieso immer zurückkommst? Vielleicht war das ja unnötig…

Lena fuhr herum und drückte eine Packung Aufschnitt an ihre Brust. Mama! Warum erschreckst du mich so? Wie ein Gespenst…, maulte sie, bevor sie in ein entwaffnendes Grinsen verfiel. Ich wollte nur mal nach dir schauen.

Helga stellte ihre Einkaufstüten auf den Tisch und musterte ihre Tochter. Mit vierundzwanzig wirkte Lena zwar erwachsen, aber in ihren Augen lag noch immer etwas Kindliches, Hilfloses.

Nach mir schauen oder nach dem Kühlschrank? fragte Helga sanft.

Lena wurde rot und starrte auf den Boden. Ein paar Sekunden schwieg sie, sammelte sich, dann platzte es heraus: Weißt du, Mama, das Gehalt ist irgendwie verdächtig schnell weg. Ich muss noch eine Woche überbrücken, und der Kühlschrank ist leer. So ist das halt.

Helga unterdrückte ein Seufzen. Lena war zu schnell ausgezogen, um ihre Unabhängigkeit zu beweisen. Aber wer hätte sie wirklich aufhalten können? Junge Leute stürzen sich nun mal in die Freiheit, ohne an die Konsequenzen zu denken.

Und bitte kein Ich habs gesagt, hob Lena warnend die Hand. Ich habe nur etwas falsch kalkuliert. Aber alles wird gut, Mama! Bald bringe ich dir Geschenke vorbei und bestelle dir den Wocheneinkauf. Ehrlich, ich schwörs!

Helga schüttelte den Kopf. Lenas Hang zum Übertreiben war auch mit den Jahren nicht verschwunden.

Nimm, was du brauchst, Schatz. Mach dir keine Sorgen.

Sie beobachtete, wie Tochter systematisch den Kühlschrank leer räumte. Salami, Käse, Sahne, Gemüse alles verschwand in Lenas riesiger Tasche. Aus den Schränken wanderte Reis und Buchweizen hinein, vom Balkon schleppte sie einen schweren Sack Kartoffeln heran.

Das reicht jetzt bestimmt für eine Woche!, rief Lena und drückte ihrer Mutter einen lauten Kuss auf die Wange. Danke, Mama! Du bist die Beste!

Helga brachte sie zur Tür und tätschelte ihr die Schulter.

In der Wohnung breitete sich Stille aus. Helga lehnte sich an die Wand und erinnerte sich an sich selbst in Lenas Alter. Job, Ehemann, ein kleines Kind an der Hand. Wie hatte sie das alles damals geschafft? Heute raubte ihr schon der Gang zum Supermarkt die letzte Energie.

Wo ist nur meine Jugend hin? Verflogen, ohne zu versprechen, wiederzukommen…, flüsterte Helga und betrachtete ihr Spiegelbild im Flur. Falten um die Augen, graue Strähnen in einst dichtem Kastanienbraun. Die Zeit nahm ihren Tribut. Die besten Jahre waren voller Pflichten und Sorgen vergangen. Studium, Arbeit, die Erziehung ihrer Tochter. Helga bereute nichts, aber manchmal überkam sie eine solche Wehmut, dass sie am liebsten weinen wollte.

Eine Woche später rief Helga selbst an. Ihr Mutterherz gab keine Ruhe.

Soll ich dir Geld überweisen? Brauchst du Hilfe?, fragte sie, sobald Lena abhob.

Am anderen Ende der Leitung ertönte ein unbekümmertes Lachen.

Mama, ich hab doch schon Gehalt bekommen, keine Sorge. Ich bin doch kein Baby mehr!

Nein, natürlich nicht, brummte Helga. Wer hatte denn letzte Woche kein Geld für Essen? Lena, hör mal, vielleicht kommst du besser wieder nach Hause? Zusammen ist es einfacher.

Stille. Dann ein lautes, ungeduldiges Seufzen.

Mama, ich bin erwachsen! Ich will selbstständig sein. Klappt nicht alles sofort, aber ich schaffe das schon. Warum glaubst du nicht an mich?

Helga war verwirrt. Sie wollte Lena nicht verletzen, sie machte sich nur Sorgen.

Entschuldige, Kleine. Ich sorge mich halt. Für mich bleibst du immer mein kleines Mädchen.

Das Gespräch verlief holprig. Ein unangenehmes Gefühl blieb zurück. Helga saß lange mit dem Telefon in der Hand und dachte nach. Lena großzuziehen war schwer gewesen aber sie loszulassen, war noch schwerer.

Drei Tage später kam Helga später als sonst von einer Freundin nach Hause. Kaum hatte sie die Tür aufgeschlossen, hörte sie Geräusche aus der Küche. Ihr Herz rutschte in die Hose Einbrecher? Doch da stand Lena vor dem offenen Kühlschrank und verschlang ein Butterbrot.

Schon zurück? Ich habe gerade ein bisschen deine Vorräte geplündert. Heute die Miete gezahlt, und jetzt reichts bis zum nächsten Gehalt nicht. Wie immer halt…

Lena lächelte, aber in ihren Augen lag nicht mehr die alte Wärme. Etwas war anders, kalkulierter.

Wer hat noch gleich behauptet, er sei erwachsen und unabhängig?, fragte Helga müde und ließ sich auf einen Stuhl fallen.

Lena zuckte mit den Schultern und stopfte Lebensmittel in ihre Tasche.

Bin ich doch erwachsen. Aber du bist meine Mutter. Also kann ich dir helfen, deine heilige Pflicht zu erfüllen dich um dein Kind zu kümmern. Ihre Stimme klang spitz, und Helga spürte, wie sich etwas in ihr zusammenkrampfte. Ich gebe dir nur die Chance, mütterlich zu sein.

In die Tasche wanderten Obst, Gemüse, ein Salat und fünf Joghurts. Helga sagte nichts. Pflicht? War mütterliche Liebe jetzt eine Pflicht?

Lenas Besuche häuften sich. Mal trafen neue Schuhe das Budget, mal musste dringend ein neues Handy her, mal wurde die Miete erhöht. Immer gab es einen guten Grund, bei Mama vorbeizuschauen und den Kühlschrank zu plündern.

Helga ertrug es schweigend. Wie konnte sie ihrer eigenen Tochter etwas vorwerfen? Doch mit jedem Mal wurde es schwerer. Lena gab nicht mal mehr vor, sie zu besuchen. Sie fragte nicht nach ihrer Mutter, interessierte sich nicht für sie. Sie kam, nahm und ging.

Eines Abends kam Helga durchnässt nach Hause. Ein Herbstregen hatte sie auf dem Heimweg vom Supermarkt überrascht. Sie zog den nassen Mantel aus und ging in die Küche.

Ich muss das Hähnchen auftauen, murmelte sie und öffnete die Gefriertruhe. Brate es mit Kartoffeln und Paprika. Und ein Salat…

Ihre Hand erstarrte. Das Fach war leer. Vier Fächer, noch am Morgen voll mit Fleisch, Frikadellen und Gemüse alles weg. Helga riss die Tür weiter auf. Auf dem mittleren Regal stand einsam ein Glas Senf den hasste Lena.

Mit zitternden Händen wählte sie Lenas Nummer.

Mama, was ist?, antwortete sie genervt.

Lena, hast du alle Lebensmittel mitgenommen?, Helgas Stimme zitterte.

Klar!, bestätigte sie unbekümmert. Dachte mir, warum alle zwei Tage zu dir rennen? Zeitverschwendung!

Helga schloss die Augen, um die Tränen zurückzuhalten. Wie konnte ihre Tochter so rücksichtslos sein?

Lena, wie kannst du nur? Warum hast du nicht Bescheid gesagt? Ich wollte gerade Abendessen machen…

Mama, seufzte Lena gereizt. Geh doch einkaufen! Bewegung ist gesund. Ärzte empfehlen das. Muss los, tschüs!

Kurzes Piepen. Helga sank auf einen Stuhl und starrte auf das dunkle Display. Bitterkeit breitete sich in ihr aus. War sie für ihre Tochter nur noch ein kostenloser Supermarkt?

Seitdem war der leere Kühlschrank Routine. Alle zwei Wochen fand Helga die Regale geräumt. Lena suchte nicht mal mehr Ausreden.

Eines Nachts weckte sie das Geräusch zerbrechenden Glases. Sie sprang aus dem Bett und stürmte zur Küche. Lena kniete auf dem Boden und wischte verschütteten Senf auf. Glasscherben lagen um sie herum.

Sogar den hast du mitgenommen? Den verhassten Senf?, fragte Helga scharf.

Lena blickte empört auf.

Ach, Mama, hör auf mit dem Sermon. Hilf lieber!

Warum hast du mich nicht geweckt? Was machst du hier heimlich?

Lena warf den Lappen weg, ließ gelbe Flecken auf den Fliesen zurück, und stand auf. Sie verschränkte die Arme genau wie Helga es tat, wenn sie wütend war.

Ich habe einen Schlüssel, Mama. Vergessen? Das ist auch mein Zuhause! Warum sollte ich dich vorwarnen? Oder darf ich jetzt nicht mehr kommen?

Helga schüttelte den Kopf.

Du kannst kommen, aber du besuchst mich nicht du besuchst den Kühlschrank. Lena, du weißt, ich bin nicht reich. Ich kann nicht uns beide ernähren. Vor allem, wenn du alles leer räumst.

Lena knallte die Kühlschranktür zu. Wut blitzte in ihren Augen.

Ist dir das Essen für deine Tochter zu schade? Du hast selbst gesagt, ich soll nehmen, was ich brauche!

Ich dachte, das wäre einmalig!, rief Helga, die Geduld verlierend. Aber du behandelst mein Zuhause wie einen kostenlosen Supermarkt! Ich weiß nie, ob ich Abendessen habe oder hungrig ins Bett gehe. Das ist nicht normal, Lena!

Lena trat zum Fenster, vorsichtig den Scherben ausweichend.

Bereust du es, mir damals geholfen zu haben? Sags doch! Und ich dachte, du bist meine Mutter! Dass du immer für mich da bist! Du bist verpflichtet… Du musst!

Lena, du bist 24!, unterbrach Helga sie. Ich muss dich nicht ernähren! Du bist erwachsen, also kümmere dich selbst! Wenns nicht klappt komm nach Hause! Dann zahlst du deinen Anteil. Aber Miete sparst du dir.

Lena erstarrte. Ihr Gesicht verzerrte sich, dann schoss sie los:

Ich will nicht bei dir wohnen! Verstehst du? Es ist ernst mit Felix. Wir sind zusammengezogen! Aber ich wusste nicht, dass er so viel frisst! Wie ein Scheunentor!

Helga erstarrte. Ihre Tochter lebte mit einem Freund und hatte es nicht für erwähnenswert gehalten. Stattdessen plünderte sie Mamas Vorräte, um Felix durchzufüttern.

Und was habe ich damit zu tun?, fragte Helga eisig. Er ist dein Freund, deine Verantwortung.

Aber du musst helfen! Du bist meine Mutter!, schrie Lena fast.

Dann soll Felix den Kühlschrank seiner Mutter leer räumen!, Helga sackte auf einen Stuhl, die Kraft verließ sie. Oder er sucht sich einen Nebenjob. Wenn ihr beide nicht über die Runden kommt, liegt das Problem vielleicht bei euch? Ich habe schon Erspartes angegriffen! Wofür? Um deinen unersättlichen Freund durchzufüttern?

Lenas Gesicht lief rot an.

Wie kannst du das sagen? Felix ist toll! Und du… du bist eine schlechte Mutter! Eine gute würde ihre Tochter unterstützen! Aber du wirfst mir jedes Stück Brot vor!

Helga griff sich an den Kopf. Die Enttäuschung schnürte ihr die Kehle zu.

Lena, geh. Bitte, sagte sie leise. Seit einem halben Jahr siehst du in mir nur eine kostenlose Essenslieferung. Ich muss nachdenken. Du hast mich belogen, ausgenutzt. Nimm, was noch da ist. Als Abschiedsgeschenk. Und geh.

Helga hob den Kopf nicht, bis die Tür zuschlug. Die Küche war still, nur das Ticken der Uhr störte die Ruhe.

Langsam stand sie auf und ging zum Fenster. Irgendwo in dieser großen Stadt lief ihre Tochter zu Felix mit der letzten Beute aus Mutters Haus.

Morgen wechsle ich das Schloss, flüsterte Helga. Kinder müssen Verantwortung lernen. Sie sollen leben, was sie sich leisten können…

Helga wechselte das Schloss. Von Lena kam nichts. Kein Anruf, keine Nachricht. Sie war beleidigt. Aber das war besser, als der kostenlose Kühlschrank für eine erwachsene Tochter und ihren Freund zu sein. Ein Monat verging dann meldete sich Lena doch.

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Homy
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Du musst mir helfen, du bist doch meine Mutter
Das Schicksal belohnt die Dankbaren