Ich kam aus dem Fitnessstudio und sah, dass meine Mutter sieben Mal versucht hatte, mich anzurufen, erzählte Amelie mit zitternder Stimme. Dann las ich die Nachricht: Bitte ruf mich zurück! Obwohl es fast elf war, beschloss ich, sie anzurufen. Meine Mutter ist ziemlich nervös, kann wegen Kleinigkeiten die ganze Nacht wach liegen. Am Telefon bat sie mich, sofort vorbeizukommen, und fing an zu weinen: es sei etwas passiert, und vielleicht müsste die Hochzeit abgesagt werden.
Amelie hat eine Schwester, Johanna, gerade mal 23 Jahre alt. Die junge Frau ist eine erfolgreiche Nachwuchsdesignerin. Sie hat vor einem Jahr ihr Studium abgeschlossen und sofort eine Stelle bekommen. Schon während ihrer Ausbildung arbeitete sie nebenbei; nach ihrem Abschluss wurde sie direkt von dem Unternehmen übernommen, bei dem sie vorher Praktikum gemacht hatte. Auch ihr Privatleben galt lange als Vorbildbis zu diesem Tag.
Johanna war seit etwas über einem Jahr mit Felix zusammen. Er ist drei Jahre älter, lebt längst nicht mehr bei seinen Eltern, arbeitet und spart fleißig, um sich eines Tages eine eigene Wohnung in München leisten zu können. Johannas Mutter mochte ihn, weil er höflich und kultiviert auftrat.
Johanna und Felix hatten beim Standesamt in München die Hochzeit angemeldet. Die Trauung war nur noch wenige Wochen entfernt.
Eine Frau hat Johanna über soziale Netzwerke angeschrieben!, berichtete Amelie mit erhöhter Stimme. ‘Wir kennen uns nicht, aber ich weiß sehr gut von dir und du solltest besser vor der Hochzeit Bescheid wissen’ Johanna hat sich das Profil angesehen eine Dame um die vierzig, was könnte sie denn Wichtiges mitzuteilen haben?
Doch die Fremde ließ nicht locker. Sie schrieb über verschiedene Plattformen immer wieder Nachrichten. Schließlich verabredeten sie sich in einem Café in der Nähe von Johannas Arbeitsplatz.
Ihre Mutter war außer sich und hat Johanna gesagt, dass sie sich nie wieder auf solche Treffen einlassen soll! schilderte Amelie. Johanna saß am Tisch, wartend, als plötzlich eine schwangere Frau das Café betrat. Erst dachte sie, das sei nicht die Fremde doch als sich die Frau auf sie zubewegte, stockte ihr der Atem.
Bist du Johanna? fragte die Schwangere fast vertraulich. Ich heiße Emma, und ich bin seit über einem Jahr mit Felix zusammen. In vier Monaten wird unser Sohn geboren.
Johanna wollte es nicht glauben das konnte einfach nicht sein! Sie und Felix waren doch seit über einem Jahr zusammen und wollten heiraten. Die Frau diskutierte nicht lange und ging bald wieder. Beim Weggehen sagte sie, Johanna habe ihre Nummer und könne sich melden, falls sie Fragen habe. Außerdem könne sie mit Felix sprechen.
Und, wie hat Felix darauf reagiert? Da begann das Drama erst richtig. Johanna hatte beschlossen, mit Felix erst nach der Hochzeit intim zu werden. Sie gingen miteinander spazieren, küssten sich, aber mehr passierte nicht. Sie hatte wenig Erfahrung, ihre Mutter hatte sie allein großgezogen und ihr eher klassische Werte vermittelt. Ist so etwas heute noch möglich? Offenbar ja! Ich war selbst verblüfft. Sie war immer aufgeschlossen, hatte Freunde, war eine strahlende Persönlichkeit und trotzdem wie konnte das passieren?
Felix, der junge und erfahrene Mann, hatte es toleriert doch irgendwann wollte er sich nicht damit abfinden und wandte sich für körperliche Nähe an Emma. Er sagte ihr von Anfang an, dass es nichts Großes werde, kein gemeinsames Leben, keine Pläne. Emma akzeptierte das zunächst.
Emma hatte sich erst vor kurzem von ihrem Mann getrennt, ein Kind, gutes Unterhaltsgeld, und arbeitete. Anfangs forderte sie nichts von Felix, denn sie wusste, dass sie älter war als er.
Felix erklärte, dass er nach der Geburt einen Vaterschaftstest machen würde und falls das Kind ihm gehört, wolle er finanziell helfen, aber keine Beziehung zum Kind. Er warf Johanna vor, mit ihren altmodischen Vorstellungen hätte sie selbst Schuld. Er ist doch ein junger, gesunder Mann wie könne sie das erwarten?
Niemand hätte gedacht, dass Emma so weit gehen würde. Es bleibt offen, wo sie ihr nächstes Kind zur Welt bringt.
Nun fleht Felix Johanna, die Beziehung nicht zu beenden; er liebe nur sie und Emma sei nur ein Fluchtweg für sein Bedürfnis gewesen. Hätte Johanna sich klüger verhalten, gäbe es Emma in seinem Leben gar nicht.
Felix meinte, im Falle, dass es sein Kind sei, würde er für das Kleine sorgen, aber keinen Kontakt haben wollen. Emma wolle das Baby unbedingt behalten; Felix bot an, ihr Geld für einen Eingriff zu geben, doch das sei jetzt ihr Problem.
Ist Felix schuld? Ist es die deutsche Manneskraft, die durchgeht, weil es für einen jungen Mann so schwer ist, ohne Sex? Oder sollte Johanna sich lieber von diesem Verlobten trennen, denn Untreue lässt sich durch mangelnde Intimität nicht rechtfertigen?





