Ich glaube, hätte mir jemand diese Geschichte erzählt, hätte ich sie vermutlich nicht geglaubt. Aber sie ist meinem Bruder und seiner Ehefrau passiert. Sie kamen zurück von einer Feier zum Geburtstag meines Großvaters in einem Dorf am Rand der Lüneburger Heide. Es war erst sieben Uhr abends, eine Zeit, in der der Himmel noch weiche graublaue Schatten warf und alles wie unter Wasser aussah. Sie fuhren auf der Landstraße Richtung Hamburg, als plötzlich eine junge Frau auftauchte, die mitten auf der Straße stand und wild mit den Armen fuchtelte.
Meine Schwägerin bat meinen Bruder, nicht anzuhalten, denn es könnte gefährlich sein, aber er verlangsamte das Auto, neugierig auf das seltsame Geschehen. Das Gesicht der Frau war übersät mit blutigen Schrammen und dunklen blauen Flecken; ihre Augen funkelten wie Glas im Dämmerlicht.
Sie stammelte zwischen Tränen, dass ihre Familie einen Unfall gehabt habe. Ihr Wagen sei von der Straße abgekommen und in eine Schlucht gestürzt. Ihr Mann, sagte sie, sei tot, aber ihr kleiner Sohn lebe noch, er müsse gerettet werden. Sie zeigte mit zitternden Fingern auf eine Stelle, die im Nebel kaum zu erkennen war.
Mein Bruder stieg aus seinem alten Golf, rief der Frau zu, sie solle bei seiner Schwägerin Margarete bleiben und begab sich zur Unfallstelle, die in unwirklichem Licht lag. Am Grund der Schlucht fand er den Wagen, beinahe so, als schwebe er über die Erde, und auf dem Rücksitz schlief ein etwa sechsjähriger Junge, den er hinauszog. Das Kind schien in einen Traum verstrickt.
Als er zurück zum Auto kam, war die Frau verschwunden. Als er Margarete fragte, zuckte sie mit den Schultern und meinte, die Frau wäre ihm gefolgt. Mein Bruder kehrte zurück zur Unfallstelle, als hätte ihn eine unsichtbare Hand gelenkt, und zum ersten Mal sah er zwei Gestalten auf den Vordersitzen des Unfallwagens. Der Mann am Steuer, das Familienoberhaupt, und seine Frau daneben beide leblos, reglos, als wären sie niemals erwacht.
Wie konnte die Frau dann auf der Straße um Hilfe bitten? Mein Bruder sagt immer noch, das diese Erkenntnis ihm einen eisigen Schauer über den Rücken jagte. Der gerettete Junge lebt inzwischen in unserer Familie. Mein Bruder und Margarete haben ihn adoptiert, und mein Bruder ist sicher: Es war ein Geist, der ihnen in jener surrealen Nacht auf der Landstraße begegnet ist.





