Ich schwebe durch eine graue Wolke, in der die Verantwortung das Gewicht meines Namens trägt: ich bin die Älteste in unserer vielköpfigen Familie. Der Alltag fließt wie Regen auf Kopfsteinpflaster in Bremen, und ich muss alle häuslichen Aufgaben schultern, den jüngeren Geschwistern Brot und Träume reichen. Mein Geschick wurde nicht von mir gewählt, sondern hat mich wie ein Schatten verfolgt. In der Schule und entlang der Straßen unseres Viertels werde ich von Kindern und Erwachsenen gleichermaßen geneckt; überall werde ich begleitet von den kleinen Händen und Stimmen meiner Brüder und Schwestern. Tränen wie gläserne Kugeln rollen über mein Gesicht, und ich verspreche mir selbst mit dem Ernst der Nacht dass ich niemals eigene Kinder haben möchte.
Mein Vater, in seinem Zorn wie ein alter Baum, begegnet diesen Versprechen mit lautem Donner und schweren Händen. Du bekommst eine Abreibung! sagt er auf seine Art, und die Worte hämmern wie Trommelschläge in meinem Herzen. Nach dem Abschluss der neunten Klasse, als die Vögel über die Altstadt fliegen, schicken sie mich fort, damit ich zur Köchin werde; das sei notwendig, damit ich eine richtige Berufung habe. Die Ausbildung ist ein seltsamer Traum aus Gerüchen und Farben, und nach dem Abschluss finde ich ein kleines Café, in dem ich arbeiten darf.
Meine Eltern kontrollieren mein Gehalt Euro für Euro und verlangen von mir, dass ich Essen stehle und nach Hause bringe, als wäre ich ein scheuer Vogel im Nest; ich solle die Familie versorgen und kein Dummkopf sein, sagen sie. So wird mein Leben überwacht wie ein Gartenzaun, aus dem kein Blatt entkommt.
In einer Nacht, in der die Lichter das Pflaster golden färben, entscheide ich mich. Ich kaufe mir ein Ticket, steige in den Zug und fahre in die Stadt Hamburg pulsiert wie ein Herz aus Stahl und Licht , lasse die alte Familie zurück und beginne mein eigenes Kapitel. Diese Entscheidung schwebt wie ein Windhauch: unumkehrbar, leise und schwer zugleich.
In Hamburg finde ich schnell Arbeit als Tellerwäscherin und miete ein Zimmer bei einer Rentnerin, Frau Linde, deren graues Haar und weiches Lächeln mir eine neue Heimat bieten. Sie verlangt faire Miete, und ich helfe ihr, wo ich kann gemeinsam bringen wir Ordnung und Behaglichkeit ins Haus und teilen Mahlzeiten, die nach Kindheit schmecken. Wir unterstützen einander, als wären wir schon immer verbunden gewesen.
Nach einiger Zeit stellt sie mir einen Mann vor: Johann, mit Augen wie Moor und Händen wie Holz. Bald entscheiden wir uns, zu heiraten; seine Eltern nicken still, und ein Jahr darauf wird unsere Tochter geboren, mit dem Namen Frieda. Kurz darauf folgt unser Sohn, Emil, und das Leben schaukelt zwischen Umarmungen und Sonntagen wie ein Boot auf dem Rhein.
Mitten in diesem Wunder beginnt die Sehnsucht nach meinen Eltern zu wachsen; sie ist ein bitterer Apfel, den ich nicht ablegen kann. Mein Mann und ich packen Geschenke Spielzeug, Brot und Blumen , und reisen zurück, in Hoffnung und Angst zugleich. Doch meine Eltern begegnen uns wie fremde Gesichter hinter Fenstern; sie werfen uns hinaus, schlagen die Tür zu, ohne unseren Blick zu erwidern, ohne Frieda und Emil zu sehen. Die Geschenke nehme ich, wie ein stummer Zeuge, wieder mit.
Die Verletzung schwebt wie Rauch in meinem Herz, und ich treffe die Entscheidung diesmal klar und endgültig niemals zurückzukehren. Der Traum endet, und ich erwache mit dem Wissen, dass meine Welt nun aus neuen Wurzeln wächst.





