Gib mir Wasser, mein Hals ist trocken! Ich rufe seit einer Stunde nach dir, aber du schepperst mit Töpfen, als wolltest du extra nicht hören!
Der schnarrende, nörgelnde Ruf aus dem hinteren Zimmer ließ Margarete zusammenzucken; beinahe wäre ihr der Suppenlöffel aus der Hand gefallen. Sie atmete tief durch, zählte bis zehn Gewohnheit, geboren aus drei Jahren im Irrgarten dieses Hauses. In der Küche vermischte sich der Geruch von gekochtem Hühnchen mit dem von Medikamenten; dieser Duft war in die Tapeten, in die Vorhänge eingezogen, wie ein Schatten, der nie verschwand. Margarete drehte den Gasherd ab, füllte einen Becher mit lauwarmem Wasser kaltes geht nicht, heißes auch nicht und trat ins Schlafzimmer der Schwiegermutter.
Erna Pauline lag halb sitzend auf ihren hohen Kissen, einer mürrischen, alten Krähe ähnlich. Ihre wasserblassen, scharfäugigen Blicke verfolgten jede Bewegung der Schwiegertochter. Auf dem Nachttisch, zwischen Pillenfläschchen, Blistern und einem Stapel Kreuzworträtsel, lag ein dicker Umschlag aus braunem Papier, den Margarete noch nie gesehen hatte.
Hier, Frau Erna, trinken Sie bitte, sagte Margarete so ruhig wie möglich. Ich habs nicht gehört, die Dunstabzugshaube war an. Die Brühe ist fertig, ich püriere gleich das Gemüse, wie der Arzt empfohlen hat.
Erna nahm winzige Schlücke, verzog das Gesicht wie nach Essigsäure und stellte den Becher ab.
Du hast immer Ausreden erst die Dunstabzugshaube, dann der Staubsauger, dann das Telefon! Die Mutter deines Mannes verreckt hier fast vor Durst.
Hauptsache, Sie sind versorgt, ich bin stets in der Nähe, Margarete ließ die Vorwürfe abperlen wie Regen am Fenster. Sie streckte sich, um die zerwühlte Decke zu richten, und ihr Blick fiel erneut auf den seltsamen Umschlag, aus dem eine Urkunde mit Siegel ragte.
Was ist das? Neue Anweisungen vom Arzt? Sie deutete auf den Umschlag. Ich könnte zur Apotheke laufen, falls Sie was brauchen.
Erna zuckte noch einmal überraschend flink, die Hand bedeckte den Umschlag so schnell, dass Margarete ihre Kraft anzweifelte; eben klagte die Frau noch, den Löffel nicht heben zu können.
Fass das nicht an! schnarrte sie. Geht dich nichts an. Das sind meine persönlichen Papiere.
Margarete war ratlos. Sonst war Erna stets darauf bedacht, dass die Schwiegertochter jede Rechnung, jedes Schreiben vom Sozialamt und sogar das Abonnement der Fernsehzeitung durchsah. Diese Geheimniskrämerei war ungewohnter als der Geruch der Medikamente.
Ich habe doch nur gefragt… setzte Margarete an, da schlug die Wohnungstür.
Paul ist zurück! Gesicht und Stimme von Erna verwandelten sich, ein süßliches Lächeln breitet sich aus. Mein Sohn! Komm zu mir, rette mich vor dieser Aufseherin!
Paul, Margaretes Mann, trat ins Zimmer. Er sah erschöpft aus; Anzug mit Flecken, die Krawatte schief. Er arbeitete als Vertriebsleiter und blieb die letzten Monate abends länger im Büro der Krankenlageratmosphäre entfliehen, die das Zuhause trübe machte.
Hallo, Mama. Hallo, Margarete, murmelte er und küsste die Mutter auf die Wange, die Frau wurde kaum beachtet. Was ist wieder los? Welche Aufseherin? Margarete kümmert sich bestens um dich.
Ach, sie… Erna schnürte ihre Lippen. Sie wartet doch nur, bis ich das Feld räume. Meint, ich merke das nicht? Ihre Augen sind kalt, leer. Keine Liebe nur Pflicht.
Margarete spürte eine Welle aus Bitterkeit im Hals. Drei Jahre war es her, dass Erna den Schlaganfall hatte. Die Frage: Pflegeheim oder Betreuung? Geld für eine gute Pflegekraft gab es nicht, Paul lehnte Heim strikt ab Was denken die Leute, die eigene Mutter abgeschoben! Margarete gab ihren Traumberuf in der Stadtbibliothek auf, holte Erna aus ihrer Zweizimmerwohnung in die eigene Dreizimmerwohnung, diese wurde fortan vermietet, um Medikamente und Reha zu finanzieren.
Ich decke den Tisch, sagte Margarete leise und verließ das Zimmer.
Beim Abendessen schob Paul das Schnitzel auf dem Teller herum.
Schmeckt das? fragte Margarete, hoffend, ein wenig Wärme zu erhalten.
Geht so, antwortete er ohne einen Blick, vertieft ins Handy. Margarete, Mama möchte, dass Elsa sie morgen besucht. Sie sagt, sie vermisst sie.
Elsa war die Nichte der Schwiegermutter, Tochter deren verstorbener Schwester. Eine laute, bunt geschminkte Frau um die vierzig völlig nutzlos im Haushalt. Sie erschien halbjährlich, brachte Billig-Kuchen mit, erzählte der Tante von missglückten Männern und verschwand, hinterließ Parfümwolken und einen Berg schmutziger Teller.
Wozu das? fragte Margarete erstaunt. Erna hat hohen Blutdruck, Elsa passt da gar nicht. Sie bringt nur Unruhe.
Mama besteht darauf. Irgendwas muss geklärt werden. Eine Stunde wirst du schon aushalten.
Am nächsten Tag erschien Elsa punktgenau um zwölf. Sie segelte durch die Wohnung, Straßenschuhe am Fuß, über den sauberen Teppich; gleich am Eingang rief sie:
Margarete, hallo! Du hast zugelegt, oder? Der Bademantel ist nicht vorteilhaft. Wo ist Tante Erna? Ich hab ihr was mitgebracht!
Sie schwenkte eine Tüte mit Süßigkeiten die Schwiegermutter durfte keiner davon essen.
Margarete zeigte wortlos auf das Schlafzimmer. Elsa verschwand; bald mischten sich Tuscheln und Ernas Schluchzen. Margarete suchte Zuflucht in der Küche, sortierte Buchweizen. Der Umschlag auf dem Nachttisch ließ sie nicht los; als hätte er Rätsel und Nachricht zugleich.
Nach einer Stunde kam Elsa heraus strahlend, den Umschlag in der Tasche. Sie warf ihn in ihre Handtasche.
So, Margarete, ich muss wieder los! Geschäft, du verstehst. Tante Erna schläft, lass sie. Übrigens: Super gepflegt hier. Die Gardinen würde ich austauschen total aus der Mode.
Und schon war sie entschwunden.
Später, beim Wechseln der Bettwäsche eine nervenzehrende Routine, Erna war schwer, half nie wagte Margarete endlich:
Erna, was waren das für Papiere, die Sie Elsa gegeben haben? Muss ich Kopien machen oder was zum Amt bringen?
Schwiegermutter blinzelte schlau, etwas Gemeines schimmerte im Blick.
Das, Margarete, ist mein Dank. Elsa ist die einzige, die mich aus Herzen liebt. Nicht für die Wohnung, nicht für Erbe. Einfach so. Blut ist dicker als Wasser.
In Margarete gefror etwas.
Welche Wohnung? Ihre Zweizimmer wird vermietet, Einnahmen gehen für Ihre Medizin. Wir waren uns einig: Später bekommen unsere Kinder das Objekt.
Erna lachte. Der Klang war trocken krähenhaft.
Einig! Ihr teilt den Bär, der noch lebt! Aber ich habe anders entschieden. Heute war ein Notar da, während du einkaufen warst. Der Umschlag: Schenkungsurkunde. An Elsa.
Margarete hielt die Bettlaken in Händen, die Welt kippt.
Was… Schenkung? flüsterte sie. An Elsa? Die, die nie Wasser für Sie brachte? Die, die nicht weiß, welche Tabletten Sie nehmen?
Dafür macht sie mir keine Vorwürfe! Erna kreischte. Du ziehst jeden Tag die Schnute, als ob es ein Dienst wäre! Meinst, du kannst mich spüren, wartest auf mein Ableben, willst die Wohnung! Pech! Elsa ist nun Eigentümerin. Offiziell. Paragraf 516 BGB. Schenkung. Keine Rücknahme!
Margarete sank auf einen Stuhl. Beine zittrig. Drei Jahre. Drei Jahre verloren. Spritzen, Windeln, Launen, Nächte ohne Schlaf. Verzicht auf Beruf. Und wofür? Als habgierige Fremde abgestempelt zu werden?
Paul? brachte sie heraus. Weiß er das?
Wird er erfahren, wenn es soweit ist. Mein Besitz meine Entscheidung. Jetzt hol Suppe, ich hab Hunger. Und Windel drücken.
Margarete stand auf, Ohren rauschen. Sie verließ schweigend das Zimmer, zog den Mantel an, griff die Tasche, ging hinaus. Sie brauchte Luft jetzt.
Sie stromerte durch die Straßen, eine Stunde, zwei. Gedanken kreisten um Verrat nicht nur von Erna, Liebe hatte sie ja nie erwartet. Auch vom Mann. Notar kommt nicht einfach so jemand muss öffnen, jemand muss die Unterlagen bereitlegen.
Als sie zurückkam, war Paul da, er aß die Suppe direkt aus dem Topf.
Wo warst du? fragte er genervt. Mutter brüllt, Windel ist nass. Soll ich ihr den Hintern putzen? Bin doch kein Pfleger!
Margarete schaute ihn an. Erstmals in zwanzig Jahren klar, unverstellt. Da saß kein geliebter Mann eine bequeme, egoistische Gestalt.
Paul deine Mutter hat die Wohnung Elsa verschenkt. Mit Schenkungsurkunde. Wusstest du das?
Paul verschluckte sich, hustete, wurde rot.
Was für Schenkung? Spinnst du?
Nein. Erna erzählte es selbst. Elsa hat die Papiere heute geklaut. Notar war da. Wer hat aufgemacht? Du hast doch Ersatzschlüssel; bist du mittags gekommen?
Paul sah weg, fingerte nervös am Brot.
Ja… Mama bat mich vorbeizukommen. Sagte, irgendwas für die Rente umstellen. Ich ließ den Mann rein war Jurist. Ich hab nicht gefragt. Musste ins Büro.
Nicht gefragt? Margarete zitterte. Deine Mutter entzieht unseren Kindern das Erbe, übergibt an Fremde und du fragst nicht? Wer bezahlt ihre Medizin jetzt? Miete fällt weg, Elsa nimmt die Wohnung, verkauft. Wer zahlt? Mit deinem Gehalt? Oder soll ich wieder arbeiten, damit ich eine Frau pflege, die mich verrät?
Fang nicht an zu heulen! Paul schlug auf den Tisch. Mutter ist krank, ihr Kopf spinnt! Wir klagen das zurück, erklären sie für unzurechnungsfähig!
Unzurechnungsfähig? Margarete lachte bitter. Wenn sie dich lobt, ist alles klar. Notar ist kein Idiot. Elsa hat das klug angestellt.
Aus dem Schlafzimmer tönte Ernas schrille Stimme:
Gibts hier jemanden? Ich bin ganz nass! Margarete! Wasch mich!
Paul verzog das Gesicht.
Margarete, komm, hilf! Später klären wir das. Sie kann nicht im Dreck liegen.
Da brach etwas in ihr. Das letzte Band aus Geduld, Pflicht, Aufopferung zerfiel. Margarete sah ihre roten, rauen Hände. Dachte an das Meer, das sie nie gesehen hatte: Wohin mit Mutter?
Nein, sagte sie.
Wie, nein? Paul verstand nicht.
Ich gehe nicht mehr. Ich wasche sie nicht mehr. Ich koche keine Brühen mehr. Ich ertrage keine Beleidigungen mehr. Sie hat jetzt eine Wohnungseigentümerin: Elsa. Paragraf 516 BGB, Schenkung: keine Verpflichtung, aber moralisch… Elsa bekam das Plus soll sie das Minus nehmen. Ruf sie an. Sie soll kommen.
Du bist verrückt! Paul sprang auf. Elsa wird nicht antworten! Sie kann das nicht! Margarete, das ist meine Mutter!
Ja. Deine Mutter. Nicht meine. Wohnung verschenkt. Ich bin Fremde Aufseherin, sagte sie.
Margarete drehte sich um, ging ins Schlafzimmer nicht zu Erna, sondern in das gemeinsame Zimmer. Sie holte einen Koffer heraus.
Was tust du? Paul blass vor Tür.
Ich ziehe aus. Geh zu meiner Mutter. Da ist es eng, aber wenigstens frisch.
Margarete, hör auf! Alte Frau, Fehler gemacht! Wir retten das! Bleib! Wie soll ich das allein schaffen? Ich hab einen Job!
Stell eine Pflegekraft ein. Ach ja, Geld fehlt… Wohnung weg. Also musst du es tun: abends, nachts, am Wochenende. Willkommen in meinem Alltag, Paul.
Sie stopfte Kleidung, Bücher, alles wild in den Koffer. Tränen liefen, egal. Hauptsache, fort.
Margarete, lass mich nicht! Paul packte ihren Arm. Du bist meine Frau! Du musst in guten wie in schlechten Zeiten!
Ich war im Schlechten. Drei Jahre. Von Gut keine Spur. Und ich reiche Scheidung ein.
Wegen der Wohnung?! Du bist kaltherzig!
Nicht wegen der Wohnung, Idiot! schrie sie ihn an. Weil du mich zur Sklavin gemacht hast! Weil du dem Notar die Tür öffnetest, mich verraten hast! Weil du nicht um Verzeihung bittest, sondern an Windeln denkst!
Sie rollte ihren Koffer zur Tür. Ernas Stimmen kreischten:
Paul! Sie lässt mich allein! Sie will mich töten! Gib mir was zu trinken!
Paul rannte zwischen Frau und Mutter hin und her.
Margarete, bitte… Bleib wenigstens heute Nacht!
Die Schlüssel lasse ich auf dem Tisch, Margarete sagte kühl. Auf Wiedersehen.
Sie trat ins Treppenhaus, wartete auf den Aufzug. An die Wand gelehnt, weinte sie aber diesmal voller Erleichterung.
Die Woche bei ihrer Mutter war wie ein Nebel. Margarete schlief zwölf Stunden, aß, ging spazieren. Das Handy schaltete sie ab, eine neue SIM nur für Freunde. Nachrichten kamen trotzdem.
Eine Bekannte berichtete: Paul versuchte Elsa anzurufen. Sie blockte zuerst ab, dann sagte sie: Geschenk bleibt Geschenk keine Pflegepflicht im Vertrag. Sie wolle die Wohnung verkaufen, brauche das Geld fürs Geschäft, die Mieter müssten in zwei Monaten raus. Interessant: Sie meinte, Erna solle ins Heim, der Sohn schaffe es nicht.
Paul nahm unbezahlten Urlaub, wurde krank geschrieben, rief die Kinder an Sohn Lukas und Tochter Mia, studierten in anderen Städten. Versuchte sie unter Druck zu setzen. Sie riefen Margarete an.
Mama, Papa sagt, du bist Verräterin, Lukas sagte. Aber wir wissen, wie du geschuftet hast. Wir kommen nicht. Klausuren. Und überhaupt: Oma hat Elsa gewählt.
Margarete war stolz. Sie verstanden alles richtig.
Ein Monat später fand sie wieder einen Job in der Bibliothek. Wenig Geld, aber Bücherdüfte heilen besser als Pillen. Die Scheidung war beantragt. Paul erschien nicht zur Verhandlung.
Eines Abends, Margarete kam von der Arbeit, wartete Paul unten am Haus. Er war älter geworden ungepflegt, müde, mit Geruch von Alkohol und Vergessen der Geruch des Alters, der Margarete vertraut war.
Margarete… er trat zu ihr. Hilf mir. Ich schaffs nicht. Sie schreit Tag und Nacht. Elsa hat Wohnung jetzt verkauft, rate mal an dubiose Makler, zum Schleuderpreis, rasch, das Geld ist weg. Keine Miete mehr, keine Pflegekraft. Ich habe den Job verloren…
Margarete fühlte nichts als Abscheu.
Was geht mich das an, Paul?
Du kannst doch… weißt, wie es funktioniert. Komm zurück, ja? Ich verzeihe alles. Wir verkaufen die eigene Wohnung, holen was Kleines, stellen jemanden ein.
Du verzeihst alles? sie lachte. Du durftest es nie ich sollte verzeihen. Und ich will nicht.
Aber sie weint. Sie vermisst dich. Sagt, Margarete hat den besten Brei gekocht.
Hätte sie vorher wissen müssen. Als der Notar bestellt wurde.
Aber Elsa hat uns betrogen! Sie ist eine Betrügerin!
Elsa handelte so, wie man es zuließ. Erna wollte Liebe kaufen mit Quadratmetern. Geschäft abgeschlossen. Ware verkauft. Keine Reklamation.
Du bist hart geworden, flüsterte Paul.
Ich bin frei, korrigierte Margarete. Geh, Paul. Komm nie wieder. Wir haben nächste Woche Gericht. Hoffentlich geht die Scheidung schnell.
Margarete schritt an ihm vorbei, öffnete die Haustür.
Margarete! rief er. Wenn ich sie ins Heim gebe? Städtisch? Da gibts Wartelisten, Formulare, das kann ich nicht! Hilf mit Papieren!
Margarete drehte sich um.
Google hilft dir, Paul. Du warst mal Chef. Kriegst du hin. Ich habe meine Schicht abgesessen.
Sie schloss die Tür.
Im dritten Stock zog Margarete die Gardinen zu. Draußen blieb Paul, klein, armselig, von der Verantwortung zerdrückt, die er jahrelang auf andere abwälzte. Margarete schob die Vorhänge zu.
Im Flur pfiff der Wasserkessel. Ihre Mutter buk Kohlkuchen.
Wer war da, Margarete? rief die Mutter aus der Küche.
Falsche Adresse, Mama. Nur die falsche Adresse.
Margarete setzte sich, biss vom warmen Kuchen ab. Es schmeckte zum ersten Mal seit drei Jahren. Das Leben ging weiter, und dieses Leben gehörte nun ganz ihr. Erna mit ihrer geliebten Nichte und Paul, der jetzt doch erwachsen wird mit fünfzig. Manchmal ist Gerechtigkeit ein kaltes Gericht aber sättigend, solange man es selbst serviert.



