Für den Fall, dass es regnet

Für den Fall, dass es regnet

Im Küchenfach, unter einer Packung Ersatzbatterien und ein paar Haargummis, liegt ein Blatt Papier, vierfach gefaltet. Ich halte es nicht wie eine Nachricht, sondern wie ein Werkzeug: breite mit der Hand die Ränder aus, damit nichts zittert, und lese nicht mit den Augen, sondern mit dem Körper so wie man die Anleitung liest, bevor man einen Knopf drückt.

Oben steht mit Kugelschreiber: Für den Fall, dass es regnet. Darunter eine Liste. Keine Durchhalteparolen, sondern praktische, erprobte Schritte.

1. Ein Glas Wasser. Danach Tee. Zwei Minuten hinsetzen.
2. Atmen: einatmen auf vier, ausatmen auf sechs, zehn Mal.
3. Einen von drei Menschen anrufen. Sagen: Ich brauche fünf Minuten, hör einfach zu.
4. Aufschreiben: die drei nächsten Schritte. Mehr nicht.
5. Delegieren: bitten, bezahlen, verschieben.
6. Den Weg gehen: von Zuhause zur Apotheke durch den Hof, eine Runde um die Schule, zurück.
7. Zu Hause einen ehrlichen Satz sagen ohne Vorwürfe.

Die Liste entstand vor zwei Jahren, nach einem seltsamen Vorfall im REWE. Die Kasse hängte, jemand hinter mir tippte ungeduldig mit den Fingern. Ich rannte raus, kaufte nichts, konnte mir später kaum erklären, warum. Der Psychologe fragte gleich: Was machen Sie, wenn es Sie überrollt? Ich antwortete: Nichts. Versuche, nichts zu fühlen. Und da wurde klar: Nichts ist auch eine Entscheidung nur die destruktivste.

Heute hole ich das Blatt nicht hervor, weil es mir schon schlecht geht, sondern um mich zu vergewissern: Es ist noch da, also ist die Stütze auch da. Ich falte es wieder zusammen, drücke die Kanten fest, lege es zurück ins Schubladenfach und schließe ab.

Auf dem Tisch steht der Behälter mit Reis, daneben die Brotdose meines Sohnes. Ich überprüfe, ob ich die Serviette, einen Apfel und ein kleines Päckchen Butterkekse eingepackt habe. Im Flur hängt seine Jacke, auf dem Sideboard liegt sein Hausaufgabenheft. Alles bereit und trotzdem werde ich nervös, wie vor einer Reise, bei der ich sicher bin, etwas vergessen zu haben.

Mein Sohn, Emil, kommt aus seinem Zimmer und zieht den Reißverschluss seiner Jacke zu.

Mama, heute habe ich eine Mathearbeit.

Ich weiß, sage ich und lächle so, dass er mein inneres hoffentlich ohne böse Überraschungen nicht hört.

Mein Mann, Lukas, sitzt schon mit Kaffee am Laptop. Er arbeitet im Schichtdienst und muss heute erst zum Auto-Service, dann zur Baustelle.

Fahr ich mit dir? frage ich, während ich die Turnschuhe anziehe.

Schaffe ich nicht, Meeting um neun, sagt er, ohne aufzusehen.

Ich schlucke mein gewöhntes Ärgernis herunter. Schaffe ich nicht klingt immer wie will ich nicht dabei weiß ich, dass es nicht stimmt. Tasche nehmen, Schlüssel, EC-Karte, Ladekabel prüfen.

Der Aufzug kommt schnell, aber im Erdgeschoss zucken die Türen und bleiben stehen. Ich drücke nochmal. Nichts.

Mama, sind wir steckengeblieben? Emil sieht mich mit überraschend erwachsenem Blick an.

Nein, warte, ich drücke öffnen und schließen, dann den Notruf. Der Aufzug seufzt und fährt weiter.

Ich spüre, wie sich in der Brust ein Schwall bildet, als hätte jemand heißes Wasser nachgegossen. Noch ist nichts Schlimmes passiert, aber mein Körper bereitet sich schon vor.

Draußen sehe ich, wie der Bus gerade weg ist. An der Haltestelle stehen Leute, einige schimpfen ins Telefon, andere starren leer vor sich hin. Ich schaue auf die Uhr. Wenn wir warten, kommen wir zu spät.

Wir gehen zu Fuß zur U-Bahn, schnell, sage ich.

Emil läuft neben mir, bemüht sich, Schritt zu halten. Ich halte ihn am Ärmel, damit er nicht auf die Straße springt. Im Kopf türmt sich schon die Liste: Schule, Büro, Videomeeting, dann …

Vor dem U-Bahnhof vibriert es im Tascheninneren. Nummer der Schule.

Frau Heller? Die Stimme der Sekretärin klingt freundlich-distanziert. Emil hat heute keine Entschuldigung für den Sportunterricht. Er sagt, sein Knie tut weh aber ohne Attest…

Ich schließe für einen Moment die Augen.

Es tut ihm wirklich weh. Wir waren beim Arzt, das Attest liegt zu Hause, ich habe es vergessen einzupacken. Kann ich Ihnen ein Foto schicken?

Fotos akzeptieren wir nicht. Wir brauchen das Original.

Ich bringe es nach der Arbeit vorbei, sage ich, man hört an meiner Stimme das Flackern. Oder… vielleicht mein Mann?

Bis zwölf Uhr, sagt die Sekretärin bestimmt.

Ich lege auf und spüre, wie sich innerlich etwas zusammenzieht. Bis zwölf heißt: ich müsste vom Job weg ausgerechnet heute, wo der Quartalsbericht fertig werden muss.

Emil steht neben mir, schaut mich an.

Es war nicht Absicht, sagt er.

Ich weiß. Geh jetzt. Alles okay, sage ich, obwohl okay nur mehr eine Floskel ist.

Ich bringe ihn zur Schule, küsse ihn auf den Kopf und laufe zurück zur U-Bahn. Im Wagon ist es eng, jemand tritt auf meinen Fuß, andere lachen laut. Ich halte mich am Griff fest und versuche, nicht daran zu denken, dass der Tag gerade erst angefangen hat.

Im Büro empfängt mich der Geruch von Kaffee und Drucker. Die Kollegin vom Nachbartisch hebt den Kopf.

Sabine, der Kunde ist am Apparat! Wo ist die finale Fassung? Die nerven schon!

Ich setze mich, schalte den Rechner ein, öffne den Ordner. Die Datei ist nicht da. Noch einmal. Gestern habe ich sie auf dem Shared Drive abgespeichert. Oder dachte ich das nur?

Kommt gleich, sage ich und spüre, wie die Hände feucht werden.

Ich öffne die Mail-Korrespondenz, versuche die Fassung nachzuvollziehen. Im Kopf blitzt: Du hast es wieder versaut. Ein altes Echo aus meiner Kindheit, das immer kommt, wenn ich einfach etwas lösen müsste.

Das Handy vibriert erneut. Diesmal Mama.

Sabine, ihre Stimme ist angespannt, bei mir tropft der Küchenhahn. Hab eine Schüssel drunter gestellt, trotzdem läuft es weiter. Ich fürchte, die Nachbarn werden nass.

Ich schaue auf den Bildschirm, den leeren Ordner, die Uhr.

Mama, ich bin grad auf Arbeit. Dreh das Wasser unter Spüle ab da ist ein Ventil, erinnerst du dich?

Es geht schwierig, er ist fest.

Versuchs mit einem Handtuch, zum besseren Griff. Schaffst du das nicht, ruf die Notdienstnummer an. Ich schicke sie gleich.

Die kommen ja irgendwann…

Ich weiß. Aber ich kann jetzt nicht vorbei, höre ich, dass mein Ton schärfer wird. Ich schicke dir die Nummer, okay?

Ein paar Sekunden ist sie still.

Okay, sagt sie leise.

Ich lege auf, sofort breitet sich Schuldgefühl aus wie eine schwere Tasche auf der Schulter. Ich möchte alles sein: gute Tochter, Mutter, Mitarbeiterin, Mensch. In solchen Momenten verliere ich gegen alle gleichzeitig.

Chefin schaut kurz rein.

Sabine, wie stehts mit dem Bericht? Kunde wartet. Und noch was, sie spricht leiser, du hast gestern einen Entwurf geschickt, die Zahlen stimmen nicht.

Mir wird heiß im Gesicht.

Ich… kläre es sofort. Ich korrigiere das.

Bitte rasch, sagt sie und verschwindet.

Ich starre auf den Bildschirm, weiß, dass ich gleich wie immer reagieren werde: herumrennen, alles auf einmal machen und am Ende noch mehr Fehler.

Im Innern steigt die vertraute Panik auf, wie ein klebriger Nebel, der die Luft abschnürt.

Ich lehne mich zurück, schließe für einen Moment die Augen. Für den Fall, dass es regnet, taucht in Gedanken auf, wie eine Hand, die sich auf meine Schulter legt.

Ich stehe auf, nehme die Tasse und gehe in die Teeküche. Nicht, weil ich Tee will, sondern weil ich den Körper in Bewegung bringen muss, den Kreis durchbrechen.

Ein Glas Wasser vom Spender, direkt getrunken. Dann den Wasserkocher einschalten, Beutel in die Tasse. Auf einen Stuhl am Fenster setzen, in den kleinen Hof zwischen Bürohäusern schauen. Zwei Minuten. Einfach zwei.

Atmen: zehn Mal ausatmen länger als einatmen. Beim sechsten Ausatmen sinken die Schultern. Beim zehnten ist das Herz immer noch schnell, aber keine Sirene mehr.

Zurück am Tisch, hole ich mein Notizbuch aus der Tasche. Schreibe oben: Jetzt.

1. Die letzte Version vom Bericht finden.
2. Kunde anrufen und ehrlich sagen, wann das Enddokument kommt.
3. Das Attest und den Hahn regeln.

Drei Schritte. Nicht zehn.

Chronik auf dem Server öffnen. Die Datei ist nicht gelöscht, sondern umbenannt gestern Datum ins Dateinamen getippt, die Sortierung übersehen. Dokument öffnen, Zahlen prüfen, einen Fehler in der Formel entdecken. Korrigieren, neu berechnen, abspeichern.

Dann den Kunden anrufen.

Guten Morgen, hier Sabine Heller, sage ich ruhig. Gestern habe ich versehentlich den Entwurf mit Fehler geschickt. Jetzt korrigiert. Finale Version kommt in vierzig Minuten. Wenns dringend ist, bitte sagen, dann priorisiere ich.

Am anderen Ende Stille, dann ein Atemzug.

Vierzig Minuten passt. Danke für die Transparenz.

Ich lege auf, spüre einen kleinen festen Kern in mir kein Glück, keine Erleichterung, aber Stehvermögen.

Nächster Schritt: Anruf. Einen aus drei. Ich scrolle durch Kontakte, bleibe bei Lukas. Ich will eigentlich kein weiteres geht nicht hören, aber jetzt brauche ich konkrete Hilfe, keine perfekte Beteiligung.

Lukas, hi. Kurz und knapp: Die Schule braucht das Attest bis zwölf. Es liegt zu Hause auf dem Sideboard, unter Emils Hausaufgabenheft. Kannst du reinfahren und abgeben?

Ich bin am anderen Ende von München, fängt er an.

Ich atme tief durch, lasse mich nicht provozieren.

Ich verstehs. Aber wenn du nicht abgibst, muss ich vom Job weg, das wäre noch schlimmer. Gibts jemanden, der dir helfen kann, oder kannst du deine Route ändern?

Lukas schweigt einen Moment.

Okay. Ich fahre heim, nehme das Attest und bringe es vorbei. Schick mir kurz ein Foto, damit ich nicht suchen muss.

Danke. Mach ich sofort.

Ich fotografiere das Attest, das wirklich zu Hause liegt, und schicke es ihm. Innerlich denke ich: So geht Delegieren. Kein Heldentum, sondern Bitten.

Noch Mama und der Hahn. Ich schicke ihr die Nummer vom Notdienst und eine kurze Anleitung: Ventil unter der Spüle, nach rechts bis zum Anschlag. Wenns schwer geht, das Handtuch nehmen, vorsichtig. Wenns dich ängstigt Notdienst anrufen, sagen, Wasserhahn tropft, Nachbarn Gefahr. Dann rufe ich sie doch an.

Mama, ich kann nicht sofort kommen, sage ich extra sanft. Aber ich bleibe am Telefon, während du das Ventil versuchst.

Meine Hände zittern, gibt sie zu.

Okay, wir machen das zusammen. Wo bist du?

In der Küche.

Gut. Mach den Unterschrank auf. Nimm das Handtuch. Wickel es um das Ventil, dreh vorsichtig. Nicht mit Kraft.

Ich höre, wie sie scharrt und die Schüssel klappert.

Es hat geklappt, sagt sie dann verblüfft. Oh, es tropft nicht mehr.

Super. Lass das Wasser einfach aus, bis der Monteur kommt. Ich schaue heute Abend nochmal.

Tut mir leid, dass ich dich störe, sagt Mama.

Du störst nicht, du hast richtig angerufen, antworte ich und wundere mich selbst, dass es stimmt.

Ich sende den Quartalsbericht ab wie versprochen nach vierzig Minuten. Chefin nickt, nicht lächelnd, aber ohne Vorwurf. Kollegin hebt den Daumen.

Eigentlich könnte ich jetzt durchatmen. Aber innendrin bleibt noch Nervosität, wie nach scharfem Bremsen. Ich weiß: Wenn ich jetzt einfach weitermache, bin ich abends gereizt und lasse es an meiner Familie aus.

In der Mittagspause gehe ich nicht ins Betriebsrestaurant. Ich ziehe die Jacke an, nehme Handy und Kopfhörer, gehe raus. Die Route aus der Liste: vom Büro zur Apotheke, einmal um die Schule, zurück. Nicht wegen Medikamente, sondern weil diese Runde mir vertraut ist und keine Überraschungen birgt.

Ich laufe flott, zähle die Schritte automatisch, als würde mein Körper sich selbst im Takt wiegen. Bei der Apotheke kaufe ich Pflaster und Kamillentee, obwohl zu Hause noch genug Tee ist. Egal. Es ist ein materieller Beweis: Ich habe für mich gesorgt.

Auf dem Rückweg halte ich am Schulzaun, schaue zu den Fenstern. Irgendwo sitzt Emil und schreibt die Mathearbeit. Kurz möchte ich ihm schreiben: Wie läufts? Aber lasse es. Er soll seine Sache machen.

Am Abend kommt von Lukas eine Nachricht: Attest abgegeben. Alles okay. Im Anhang ein Foto: Attest in der Hand des Hausmeisters, im Hintergrund die Schule. Ich lächle, innerlich löst sich ein weiterer Knoten.

Nach Hause komme ich später als sonst, erschöpft, aber nicht ausgelaugt. Auf dem Sideboard liegt Emils Hausaufgabenheft, das Attest ist weg. Lukas war also wirklich dort, hat dran gedacht.

Emil sitzt in der Küche und isst Nudeln.

Mama, ich habe eine Vier geschrieben, sagt er, als wäre das das Wichtigste auf der Welt.

Gut gemacht. Ich streichle seine Schulter. Das Knie?

Alles okay. Ich hatte nur Angst, dass es wieder wehtut.

Ich nicke. Ich hätte gern gesagt: Ich hatte auch Angst, aber das wäre zu viel. Ich setze den Wasserkocher auf, hole den gekauften Kamillentee hervor, gebe den Beutel in die Tasse.

Lukas kommt herein, zieht die Schuhe aus.

Und, wie war dein Tag? fragt er.

Ich spüre den Impuls, aufzuzählen, zu klagen, zu beweisen, wie schwer alles war. Doch auf meiner Liste steht: ein ehrlicher Satz, ohne Vorwürfe.

Ich stelle die Tasse hin und sage:

Heute wars sehr turbulent. Ich brauche, dass du heute Abend eine halbe Stunde ohne Handy bei mir bist.

Lukas schaut mich ernster an als morgens.

Okay. Nach dem Abendessen. Ich bin echt fertig, aber das kriege ich hin.

Danke, sage ich und merke: Das ist kein Gejuckel, keine Niederlage. Es ist Einigung.

Nach dem Abendessen sitzen wir im Wohnzimmer. Lukas legt das Handy mit dem Bildschirm nach unten. Emil verschwindet im Kinderzimmer, Hausaufgaben machen. Ich erzähle von Bericht, Schulanruf, dem Hahn bei Mama nüchtern, einfach als Ereignisse. Lukas fragt zweimal nach, nickt, sagt: Ja, das war viel. Und das genügt.

Später fahre ich zu Mama. Habe einen Schraubenschlüssel und eine neue Dichtung dabei, die ich auf dem Weg im Baumarkt gekauft habe. Mama empfängt mich an der Tür, mit einer verlegenen Lächeln.

Ich dachte, du bist böse, sagt sie.

Ich wars auch, antworte ich ehrlich, ziehe die Jacke aus. Aber nicht auf dich. Sondern auf das Gefühl, überall zu spät zu kommen.

Wir öffnen gemeinsam den Unterschrank unter der Spüle. Das Ventil ist zu, die Schüssel trocken. Ich prüfe die Verbindung, ziehe die Mutter nach, tausche die Dichtung aus. Das Wasser wird gestoppt. Kein Wunder, nur handwerkliche Routine.

Als ich wieder zu Hause bin, liegt das Blatt noch immer im Küchenfach. Ich nehme es heraus, breite es aus und sehe die Liste. Sie verspricht nicht, dass das Leben glatt läuft. Nur eins: Es gibt einen Satz nützlicher Schritte, wenn alles aus dem Ruder läuft.

Ich ergänze eine neue Zeile: 8. Halbe Stunde ohne Handy erbitten. Denke kurz und schreibe daneben: Funktioniert.

Dann falte ich das Blatt zusammen, lege es zurück ins Fach und schließe. Der Tag war nicht perfekt. Aber keine Katastrophe mehr genug, um schlafen zu gehen und mit dem Gefühl aufzuwachen: Morgen schaffe ich es wieder.

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Homy
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