Liebes Tagebuch,
vor fast einem Jahr habe ich nach einem Monat intensiven Trainings als Hundetrainer einen Deutschen Schäferhund namens Klaus bekommen. Dieser strenge, dreijährige Diensthund hatte bereits drei Vorbesitzer hinter sich. Zunächst sollte er an einen Kontrollpunkt versetzt werden, letztlich aber hat man ihn mir als Praktikantin überlassen. Warum niemand ihn behalten wollte, war schnell klar: Klaus war stur und zeigte kaum Bereitschaft, Befehlen zu gehorchen. Es gab sogar Überlegungen, ihn einfach in der Hundepension zu lassen und nur bei Bedarf rauszuholen. Doch da mein Mann sowie unsere zahlreichen Verwandten viel Erfahrung mit Hunden haben, war ich überzeugt wir schaffen das!
Anfangs war ich so vorsichtig, dass ich zum Füttern sogar eine Schneeschaufel genommen habe, um seinen Napf in sein Gehege zu stellen. Ich hatte richtig Respekt vor ihm.
Doch wie sich herausstellte, ist auch das Herz eines Hundes in der Lage aufzutauen. Und genau das ist passiert. Ein Jahr später war Klaus kaum wiederzuerkennen. Unser kleiner Sohn war zu der Zeit anderthalb Jahre alt. Ich war mit ihm draußen im Garten, um den Müll des Frühlings wegzuräumen, während unsere Tochter im Kindergarten war. Plötzlich beobachtete ich folgende Szene: Mein Sohn rannte fröhlich durch die feuchten Blumenbeete, Klaus tappelte ihm auf Schritt und Tritt hinterher. Sobald das Kind stolperte, hob Klaus ihn ganz vorsichtig am Jackenzipfel wieder auf die Beine.
Mein Mann trinkt eigentlich keinen Alkohol. Doch an diesem Abend, als der Chef von der Werksicherheit in Rente ging, floss der Wein wie ein Strom. Mein Mann hatte dann die Aufsicht übernommen und blieb, um dem Chef die letzte Ehre zu erweisen.
So saß ich also um 23 Uhr auf unserer Veranda, griff immer wieder zum Handy und erreichte meinen Mann einfach nicht. Die Angst stand mir ins Gesicht geschrieben: Was, wenn er am Fluss vorbei musste, ins Wasser rutschte und in seinem Zustand sogar noch ertrank? Gerade als ich vollkommen verzweifelt war und schon mit dem Gedanken spielte, loszulaufen, sah ich die Gartenpforte aufgehen. Klaus kam hereinspaziert meinen Mann im Schlepptau, der mehr hing als ging, fast schlafend und total erledigt.
Klaus führte ihn gewissenhaft bis auf die Veranda. Als mein Mann auf das Sofa plumpste, setzte sich Klaus direkt neben mich und sah mich an. Noch nie habe ich so viel Ironie in den Augen eines Hundes gelesen. Bis heute necke ich meinen Mann damit, wie ihn unser Hund nach Hause gebracht hat.
Und insgeheim bin ich so stolz auf unseren Klaus, der mehr Herz und Verstand hat, als ihm viele zutrauen würden.
Gute Nacht.





