Wo die Klänge erklingen

Wo klingt es noch

Vera Paulsen brachte es gerade noch fertig, den Mantel auszuziehen und die Notenmappe aus ihrer Tasche zu ziehen, als am Eingang zur Aula ein frisch ausgedrucktes A4-Blatt klebte. Erst dachte sie, es ginge um Brandschutz, doch dann las sie: Ab dem 1. ist der Raum geschlossen. Renovierung. Miete neu berechnet. Unterschrift der Hausverwaltung und eine Telefonnummer.

Drinnen summte es schon vor Stimmen. Einige übten Atemübungen, andere suchten ihre Brillen, wieder andere witzelten, dass ihnen eine Renovierung auch guttäte der Witz landete nicht. Chorleiter Herr Schuster stand am Klavier, das A4-Blatt in der Hand, als könnte man von dort aus direkt in eine angenehmere Realität abbiegen.

Wir singen uns erst mal ein, verkündete er mit ruhiger Stimme, aber Vera hörte, wie er auf sich achtgab, um nicht die Fassung zu verlieren.

Das Einsingen lief immer gleich ab darin lag Rettung, fast wie ein Anker. Mmm, na-na-na, weiche Stufen rauf und runter. Vera spürte, wie der Klang von der Brust in den Raum wuchs, wie daraus mehr wurde als ihr eigener Ton. Seit der Rente war es zu Hause unheimlich still geworden; den Chor hielt sie fest wie eine freundliche Hand auf ihrer Schulter, kein Pflichttermin, sondern ein Ort, an dem sie nicht einfach verschwand.

Nach dem Einsingen hob Herr Schuster die Hand.

Die Lage ist so: Wir werden Er zögerte, suchte nach stärkeren Worten, …wir werden vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Aula wird für die Renovierung gesperrt. Und die Miete ist jetzt dreimal so hoch. Das ist für uns nicht machbar.

Wie bitte für wen?, meldete sich Frau Klemke, die immer als Erste sprach. Wir sind doch beim Bürgerhaus, kein Privatverein!

Das Bürgerhaus gehört jetzt offiziell zu einer anderen Trägergesellschaft, erklärte Herr Schuster. Optimierung, sagten sie. Und Er blickte aufs Papier, als stünde dort etwas sehr Persönliches. Sie sagten noch: Am besten bleiben Sie daheim. Junge Leute sollen die Räume nutzen.

Vera spürte, wie sich etwas in ihr regte und ihr im Hals stecken blieb. Keine Kränkung, sondern eine trockene Wut, wie Hustenreiz. Sie erinnerte sich, wie sie hier Schals über die Stuhllehnen legten, wie es zum Geburtstag Plätzchen gab, wie im Dezember eine winzige Kunsttanne am Fenster stand und sie so sangen, dass der Hausmeister lauschend vorbeischaute und tat, als kontrolliere er nur die Heizung.

Stören wir etwa?, fragte sie und wunderte sich selbst, dass ihre Stimme nicht zitterte.

Stören eigentlich nur die, die finden, dass wir zu viel Platz brauchen, sagte Herr Schuster. Aber bevor wir mit Luft diskutieren, lasst uns überlegen, wie es weitergeht.

Sie beschlossen, zu kämpfen. So nannten sies Kämpfen, auch wenn niemand so recht wusste, wie das eigentlich geht. Am nächsten Tag marschierte Vera gemeinsam mit Herrn Schuster und zwei weiteren Damen ins Bezirksamt. Eine Mappe voller Schreiben und Danksagungen für die Teilnahme am Stadtfest war dabei. Vera zog den korrektesten Rock und eine Bluse an wie zum Vorstellungsgespräch.

Im Vorzimmer roch es nach Automatenkaffee und Amtsluft. Die Sekretärin, eine junge Frau mit perfekten Fingernägeln, blickte nicht auf.

Worum gehts?

Chor ‘Singvögelchen’, sagte Herr Schuster. Uns wird der Proberaum geschlossen.

Stellen Sie einen Antrag über das Bürgerportal ab, nuschelte sie und lackierte sich metaphorisch weiter die Nägel. Oder beim Bürgerbüro.

Haben wir schon gemacht, mischte sich Frau Klemke ein und hielt das Schreiben hin.

Papier nehmen wir nicht an, jetzt hob die Sekretärin endlich den Blick, aber da blickte sie nicht böse, sondern einfach müde. Alles geht nur noch digital.

Das System… Vera stockte. Sie zahlte ihre Nebenkosten am Handy, aber das Wort System klang wie eine Tür ohne Griff. Gibt es denn keinen Gesprächstermin?

Sie können sich online einen Slot holen. Nächster Termin in zwei Wochen.

Nach zwei Wochen die Antwort: Nicht zuständig. Das entscheidet die Verwaltungsgesellschaft. Die hat wirtschaftliche Interessen. Herr Schuster fragte weiter, bat, wenigstens übergangsweise, wenigstens, bis renoviert ist. Die Antwort klang wie auswendig gelernt, glatt und ohne Nachhall. Vera wusste: Ihre Stimmen bildeten hier keinen Chor; hier verpuffte jeder Ton an der Decke.

Sie gaben nicht auf: Versuchten es an der Schule, bei der Bibliothek, im Kulturhaus. Die Schulleiterin war nachmittags schon mit AGs überbucht und ratterte ihre Ausflüchte wie Abwehrzauber. Die Bibliothekarin lächelte zunächst, dann fiel ihr ein: Hier muss es leise sein, und es gab Beschwerden. Das Kulturhaus bot ihnen einen Kellerraum mit Pingpongtischen und feuchtem Mief. Herr Schuster begutachtete die Flecken an der Decke, murmelte: Da gehen uns die Stimmen hopps.

Das Schlimmste waren die Begriffe, die an ihnen kleben blieben: Seniorengruppe, nicht wirtschaftlich, passt nicht ins Konzept. Eine Sachbearbeiterin sagte sogar, ohne den Blick von ihrem Bildschirm abzuwenden: Singen Sie doch daheim ist ja Hobby!

Vera stand irgendwann draußen und merkte, dass sie viel zu hastig ging, als müsste sie fliehen.

Am Freitag kamen sie trotzdem wie immer zum Bürgerhaus. Die Tür war verschlossen, das gleiche A4-Blatt wie zuvor, diesmal noch ergänzt: Zutritt für Unbefugte verboten. Vera stand mit der Notenmappe und wusste nicht wohin mit sich. Herr Schuster blickte auf ihre kleine Truppe.

Wir gehen in die Bibliothek, ich hab eine Stunde organisiert. Lesesaal da ist meist niemand.

Und wenns Ärger gibt? flüsterte Frau Schulze, die selten widersprach.

Dann eben raus, Herr Schuster zuckte die Schultern. Aber wir versuchens.

Zehn Minuten warens bis zur Bibliothek. Sie liefen hintereinander, wie Schüler auf dem Wandertag, nur ohne Lehrerin. Vera spürte die Blicke der Wartenden an der Bushaltestelle einer neugierig, einer genervt. Zu viel Platz, zu wenig Tempo.

In der Bibliothek empfing sie ein dünner Mann im Strickpulli.

Bitte ganz leise, murmelte er hastig, ich meinealso Sie dürfen natürlich singen nur

Wir machens vorsichtig, versprach Vera.

Sie stellten sich zwischen die Regale, wo Bücherrücken wie ordentliche Zeugen standen. Kein Klavier weit und breit. Herr Schuster gab den Ton leise, fast flüsternd. Vera ängstigte sich, dass sie ohne Instrument auseinanderdriften doch dann lauschten sie einander viel genauer. Der Atem der Nebenleute war wichtiger als die üblichen Klaviertasten geworden.

Anfangs hoben im Lesesaal alle die Köpfe, manche runzelten die Stirn. Eine Frau wisperte: Was soll das denn? und klappte betont ihr Buch zu. Doch als sie ein einfaches Lied anstimmten eins, das schon jeder mal im Radio gehört hatte wurde es stiller als vorher. Es war keine Stille des Verbots, sondern die des Zuhörens.

Nach der Probe kam der Bibliothekar: So lebendig wars hier selten. Aber stellen Sie sich beim nächsten Mal vielleicht dort ans Fenster. Da stören Sie weniger.

Herr Schuster nickte, als sei ihm eine Bühne angeboten worden.

Aber das nächste Mal fiel aus. Beim dritten Besuch holte die Chefin den Bibliothekar dazu: Wir hatten Beschwerden. Das hier ist eine Bibliothek, kein Verein.

Vera starrte auf ihre Hände. Sie wollte sagen: Wir sind kein Verein, wir sind ein Chor. Aber die Worte fanden keinen Platz. Herr Schuster bedankte sich und sammelte sie wortlos ein.

Toll, sagte Frau Schulze draußen, jetzt machen wir uns noch lächerlich.

Das traf schmerzhafter als jedes Bleiben Sie doch zu Hause. Denn jetzt kam es von innen.

Wir sind nicht peinlich, polterte Frau Klemke. Wir singen!

Singen ja aber offenbar nerven wir, murmelte Frau Schulze.

Vera lief nebenher, innen schwankte etwas Zartes. Sie verstand Frau Schulze. Auch sie sehnte sich zurück in den Proberaum, wo alles am Platz war, niemand erklärte einem die Überflüssigkeit. Aber den Raum gab es nicht mehr. Als hätte man das Wohnzimmer in seinem eigenen Leben verloren.

Herr Schuster stoppte vor dem U-Bahnzugang.

Wir probierens mal hier, schlug er plötzlich vor.

Hier?! Frau Klemke blickte sich um Leute eilten, schleppten Tüten, ein junger Mann mit Box und Gitarre klimperte irgendwas.

Gute Akustik hier, sagte Herr Schuster. Und wir müssen niemanden fragen.

Vera spürte, wie ihre Hände kalt wurden. Peinlich jetzt schon, wie bei der theaterprobe, wenn man den Text nicht kann. Aber Herr Schuster stand schon bereit, hob die Hand.

Nur ein Lied zum Test.

Leise fingen sie an, als würden sie Wassertemperatur prüfen. Die Halle hielt den Klang, warf ihn satt zurück, machte ihre Stimmen stärker. Einige liefen vorbei, andere blieben stehen, eine Kleine zog die Mutter am Mantel.

Mama schau, da singen Omas!

Die Mutter wollte schon weiter, stoppte dann aber und entspannte sichtbar.

Natürlich gab es auch andere. Ein Mann in Steppjacke blieb stehen, Einkaufstüte in der Hand: Was soll das denn? Das ist kein Konzertsaal!

Wir blockieren niemanden, verteidigte Herr Schuster ganz ruhig.

Mir doch egal, gehen Sie nach Hause singen!

Vera spürte wieder das Zittern am Kinn. Sie sang weiter, aber leiser. Starrte aufs Pflaster und dachte: Wenn ich jetzt aufhöre, fang ich nie wieder an. Sie hielt sich am Chorklang fest wie an einem Geländer.

Am Ende klatschte jemand. Erst einer, dann noch einer kein Applaus wie auf der Bühne, sondern Dank, dass es in der Passage mal um mehr als um Eile ging.

Na also!, sagte Frau Klemke triumphierend.

Na ja, erwiderte Frau Schulze, lächelte aber nicht.

Eine Woche später wussten sie schon, wo sie stehen konnten, ohne zu stören, und wann am wenigsten los war. Testeten den Park, in dem morgens Muttis mit Kinderwägen und Rentner mit Nordic-Walking-Stöcken kreisten. Probierten das Wartezimmer der Poliklinik: Schwer, weil dort alle nervös waren einer hustete, einer wetterte über die Nummernvergabe. Doch einmal, als sie ganz leise etwas Kurzes sangen, meinte eine Dame mit Verband am Arm: Danke. Jetzt hab ich wenigstens mal nicht an meine Laborwerte gedacht.

Für Vera war das ein kleiner Triumph.

Herr Schuster nannte das Sing, wo du stehst. Kein Slogan, nur die Erklärung, warum sie wieder an der Haltestelle oder im Park standen.

Wir sind doch nicht nur für uns, sagte er nach einer Parkprobe. Sie hockten auf einer Bank, Vera mühte sich vergeblich an einer Wasserflasche ab. Herr Schuster half ihr. Es war so normal, dass sie fast losheulte.

Für wen denn?, fragte Frau Schulze.

Damit die Stadt weiß, dass sie auch Stimmen hat und wirs auch nicht vergessen, sagte Herr Schuster.

Einfache Sätze aber Vera fühlte, dass genau das sie nach vorn zog. Sie erinnerte sich daran, wie sie nach dem Tod ihres Mannes monatelang nicht telefoniert hatte als hätte die Stimme keinen Zweck mehr. Aber hier brauchte man sie und zwar gemeinsam.

Der nächste Krach kam, wo sie es am wenigsten erwarteten: Im Einkaufszentrum. Im kleinen Café im zweiten Stock hatte Herr Schuster für eine Stunde an einem Werktag gefragt. Der Cafébesitzer ein lockerer Typ um die vierzig meinte: Klar, singt, warum nicht. Freut sich bestimmt jemand. Sie rückten Tische, stühlten einen Halbkreis. Vera hängte sehr ordentlich den Mantel über die Lehne, die Notenmappe auf die Knie.

Die ersten beiden Lieder liefen gut. Einige Gäste filmten, andere lächelten. Vera fühlte sich wieder wie im vertrauten Raum, nicht wie auf der Straße. Doch dann erschien der Sicherheitsmann.

Wer hats genehmigt? Funktionärsstimme, aber nicht böse.

Der Chef, sagte Herr Schuster. Alles abgesprochen.

Hier gibts Regeln, der Sicherheitsmann musterte die Umstehenden. Keine Veranstaltungen ohne offizielle Erlaubnis. Es gibt Beschwerden. Zu laut.

Wir sind leise, warf Frau Klemke ein.

Ob laut oder leise bringt mir Ärger. Schluss jetzt.

Vera sah, wie Frau Schulze kreidebleich wurde. Sie stand auf, sammelte Noten ein.

Hab ich ja gesagt, murmelte sie ohne aufzublicken. Peinlich.

Bitte nicht, sagte Vera leise. Und erschrak selbst, dass sie ausgerechnet Frau Schulze ansprach. Wir machen doch nichts falsch.

Wir stören, das ist alles. Ich will nicht, dass man uns als als fehl am Platz ansieht.

Herr Schuster stand jetzt zwischen Chor und Security, wie zwischen zwei Mauern.

Hören Sie, wir singen nur noch Eines, dann räumen wir. Keine Diskussion.

Geht nicht. Der Sicherheitsmann schüttelte den Kopf. Sofort jetzt.

Der Cafébesitzer tauchte auf, sah ratlos aus.

Leute, ich, begann er.

Sonst bekommt ihr ne Strafe, sagte der Sicherheitsmann. Lieber abbrechen.

Vera spürte die bekannte trockene Wut in sich, dazu Erschöpfung. Sie war es leid, immerzu nachweisen zu müssen, dass sie ein Recht auf Luft und Stimme hatte.

In stillem Protest packten alle ihre Sachen. Die Notenmappen knisterten, die Stühle quietschten. Vera zog den Mantel über, knöpfte ihn bis oben zu, nur um beschäftigt zu sein. Am Ausgang hörte sie, wie ein Gast sagte: Schade, war schön. Dieses schade wärmte auf sonderbare Weise.

Draußen sagte Frau Schulze:

Ich komm nicht wieder. Tut mir leid.

Frau Klemke kochte:

Was für ein Timing. Kaum wirds ungemütlich, tauchen die Ersten ab.

Nina, Herr Schuster hob warnend die Hand. Nicht jetzt.

Vera sah Frau Schulze weggehen klein, mit gebeugten Schultern. Sie hätte sie gern eingeholt, aber die Beine machtens nicht mit. Sie verstand: Jeder hat seine Grenze.

Abends saß Vera lange in der Küche. Der Tee kalt, aber das spürte sie nicht. In ihrem Kopf hallte immer wieder: Wo ist unser Platz? Ihr wurde klar: Sie hatten die ganze Zeit nicht einfach einen Raum zurückerobern wollen, sondern das Gefühl, sicher zu sein. Vielleicht war jetzt etwas anderes dran: Nicht ein Raum, sondern ein Miteinander, das nicht nach Erlaubnis fragt, selbst wenn draußen jemand die Stirn runzelt.

Am nächsten Tag rief Herr Schuster an:

Frau Paulsen, könnten Sie mal in die Kinderbibliothek kommen? Nicht die, wo wir rausgeflogen sind, sondern die um die Ecke. Neue Leitung. Ich hab schon mit ihr gesprochen, aber vielleicht können Sie erklären, dass wir nicht stören wollen?

Vera ging hin. In der Kinderbibliothek war es heller; an den Wänden Kinderzeichnungen, in der Ecke ein zwar altes, aber gepflegtes Klavier. Die Leiterin, eine Frau mit flottem Kurzhaarschnitt, hörte aufmerksam zu.

Abends ist hier eh nichts mehr los, sagte sie. Keine AGs, keine Veranstaltungen. Nur Bedingung: Sie bleiben leise und machen einmal im Monat eine offene Stunde. Ohne Bühne einfach für alle, die reinhören wollen.

Das schaffen wir, antwortete Vera und etwas in ihr richtete sich auf.

Und noch was, ergänzte die Leiterin. Meine Mutter ist in Ihrem Alter. Die klagt immer, sie weiß gar nicht, wohin. Bringen Sie sie ruhig mit.

Als Vera wieder auf die Straße trat, ging sie langsamer als sonst. Nicht aus Erschöpfung sondern weil sie nicht mehr weglaufen musste.

Herr Schuster versammelte den Chor im Park und verkündete die Neuigkeit. Fast alle kamen, nur Frau Schulze fehlte. Frau Klemke hörte zu, die Lippen zusammengepresst, als würde sie sich das Freuen noch verbieten.

Es ist kein Bürgerhaussaal, sagte Herr Schuster, aber es ist ein Platz. Und wir haben jetzt einen Modus: Einmal im Monat offen für alle, sonst Probe.

Und wenn wir wieder höflich ausgeladen werden? fragte jemand.

Dann suchen wir weiter. Aber jetzt wissen wir, dass es geht.

Vera hob die Hand:

Und Frau Schulze?

Herr Schuster seufzte.

Ich rufe sie an. Aber es ist besser, wenn Sie es auch tun.

Am Abend telefonierte Vera. Lange Stille, dann sagte Frau Schulze:

Ich ich will nicht, dass man uns anschaut wie

Wie Lebendige?, fragte Vera vorsichtig. Sollen sie doch. Wir betteln ja nicht wir singen.

Man hörte nur Atmen am anderen Ende.

Ich überlegs mir, sagte Frau Schulze schließlich.

Die erste Probe in der Kinderbibliothek begann zögerlich. Das Klavier war ein wenig verstimmt, aber Herr Schuster meinte, das trainiere das Zuhören. Vera setzte sich an den Fensterplatz, die Noten auf dem Schoß. Sie sah, wie im Flur immer wieder jemand durch die Tür lugte: Kinder mit Eltern, eine ältere Dame mit Kopftuch alle, als trauten sie sich nicht recht hinein.

Kommen Sie ruhig dazu, sagte Vera stumm und tatsächlich trat die Frau ein und setzte sich an den Rand.

Die offene Stunde war auf Samstag gelegt. Keine große Werbung, nur ein Zettel an der Tür und ein Aushang in der Nachbarschaftsgruppe: Chor 55+ singt in der Bibliothek. Zuhören erlaubt! Vera hatte Angst, es würde keiner kommen dann wäre die Blamage doch komplett. Am Samstag aber war das Foyer voll. Bekannte waren da, Eltern mit Kindern, der Bibliothekar aus der anderen Bücherei, ja sogar der Junge mit Gitarre aus dem U-Bahn-Tunnel.

Es war kein Konzert mit Glanz. Herr Schuster sagte:

Wir singen einfach, was wir jetzt können. Wer mitsingen will nur zu!

Vera entdeckte Frau Schulze. Sie stand an der Wand, Mantel noch an, für jede Flucht bereit. Vera trat zu ihr, fasste sie am Ärmel.

Mantel aus. Hier ist warm.

Ich hör erst zu, sagte Frau Schulze.

Am besten von innen, sagte Vera und reichte ihr die Mappe. Da sind Ihre Stimmen.

Frau Schulze beäugte sie wie eine brüchige Brücke. Dann zog sie den Mantel aus und setzte sich dazu.

Als sie gemeinsam sangen, spürte Vera, wie die kleine Aula ihnen gehörte nicht, weil man es ihnen erlaubt hatte, sondern weil sie ihren eigenen Rhythmus mitgebracht hatten. Das Publikum war nicht distanziert. Einige flüsterten den Text mit, andere schlossen einfach die Augen. Einmal drifteten sie leicht auseinander, das Klavier klemmte, Herr Schuster grinste, aber brach nicht ab. Da kapierte Vera: Man braucht keinen perfekten Klang, um am richtigen Ort zu sein.

Nach dem Finale klatschte keiner dramatisch. Nur einige kamen und sagten Danke. Ein Zehnjähriger fragte:

Darf ich auch mitsingen?

Frau Klemke lachte:

Noch bist du zu jung. Aber zuhören kannst du!

Die Bibliotheksleiterin kam zu Herrn Schuster.

Wie wärs: Mittwochs und freitags ab sechs der Raum gehört euch. Im Mai haben wir Fest im Hof singen Sie doch draußen, gleich am Eingang.

Herr Schuster nickte Vera sah, wie ihm kurz die Lippen zitterten. Er wandte sich ab, als müsse er Noten sortieren.

Als die Leute gegangen waren, räumten sie Stühle. Vera legte die Mappe in die Tasche, vergewisserte sich, dass kein Zettel fehlte. Frau Schulze kam dazu.

Ich, fing sie an, brach aber ab.

Sie sind gekommen, sagte Vera.

Ich bin gekommen, wiederholte Frau Schulze und lächelte zum ersten Mal, vorsichtig, wie eine neue Grimasse. Und wissen Sie, jetzt ist mir gar nicht mehr peinlich.

Vera nickte. Draußen war die Stadt wie immer: Autos, Leute, Leuchtreklame, Hektik. Aber in ihr klang etwas Neues nach. Nicht laut, nicht für alle sondern wie die Gewissheit: Wenn man Stimme hat und nebeneinander atmet, findet sich ein Platz. Auch wenn man ihn jedes Mal wieder aus Luft schnitzen muss.

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Homy
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