Ein Vater verlässt seine Familie und beschließt, seine Tochter als Kindermädchen einzustellen – Wie lange wird diese ungewöhnliche Vereinbarung halten und gibt es Hoffnung, ihre angespannte Beziehung in Deutschland wieder zu kitten?

Nachdem ihr Vater die Familie verlassen hatte, entwickelte Hildegard eine tiefe Abneigung gegen ihn. Obwohl er versprach, oft Kontakt zu halten, wollte sie absolut nichts mehr mit ihm zu tun haben. Dennoch bestand ihre Großmutter immer wieder darauf, dass sie ihn anrufen sollte er sei schließlich noch immer ihr Vater, man müsse doch die Verbindung bewahren. Das kam Hildegard merkwürdig vor, zumal ihre eigene Mutter nie ein Wort mit ihrem Ex-Mann sprach. Aber um ihre Mutter nicht zu enttäuschen, traf sich Hildegard gelegentlich mit ihrem Vater.

Einmal holte er sie während des Unterrichts ohne Vorwarnung aus der Schule. Die Lehrerin schaute missbilligend, konnte aber nichts tun, als Hildegards eigener Vater in der Tür stand, um sie mitzunehmen. In seiner Wohnung, einer verwinkelten Altbauwohnung in Hannover, hörte Hildegard durch dünne Wände das Flüstern und Kichern von Klassenkameradinnen: Sie tuschelten über ein Gerücht, dass sie eine Halbschwester hätte. Erst glaubte sie diesen Unsinn nicht. Doch als sie vor sich die neue Familie ihres Vaters sah inklusive einer freundlich lächelnden, blassen Stiefmutter und einem kleinen, blonden Mädchen wurde alles klar.

Die Stiefmutter war übertrieben umsichtig zu Hildegard, fragte besorgt nach ihren Hausaufgaben, reichte Apfelschorle in bauchigen Gläsern mit winzigen Perlenschnüren am Rand. Ihr Vater hingegen war wie ein Schatten hinter dem Bildschirm seines Computers, klickte geistesabwesend auf eine endlose Serie von Dokumenten, als gäbe es in seinem Universum keine Töchter.

Mit der Zeit verlangte er häufiger, dass Hildegard übers Wochenende bei ihm blieb und sich um das Stiefschwesterchen kümmerte. Hildegard widerstrebte diese Rolle, sie wollte das kleine Mädchen nicht als Schwester akzeptieren. Trotzdem spielte sie mit, aus Pflichtgefühl, um die zerbrechliche Illusion einer normalen Beziehung zu ihrem Vater am Leben zu erhalten so wie es Mutter und Großmutter von ihr erwarteten. Als sie einmal darum bat, früher gehen zu dürfen, weil sie angeblich Schularbeiten für Montag hatte, schaute ihr Vater nur gelangweilt auf, zuckte mit den Schultern und schlug vor, sie könne doch auf das Kind aufpassen, während er und seine neue Frau das Nachtleben von Hannover erkundeten.

Irgendwann reichte es Hildegard. Sie fühlte sich wie ein unbezahltes Kindermädchen, unsichtbar und unerwünscht. Als ihr Vater später anrief und daran erinnerte, dass sie heute Verantwortung für ihre Stiefschwester hätte, blieb Hildegard stur. Sie wollte nicht mehr gefallen, nicht mehr nützlich sein, nicht mehr die Lücke im Familienpuzzle ausfüllen. Sie sagte ihm, sie sei keine kostenlose Betreuung und dass er ohnehin kaum mit ihr rede, sondern sie nur zum Babysitten wolle.

Die Kälte, mit der er weiter versuchte Kontakt herzustellen freundliche, aber beliebige SMS, ein seltenes Wie läufts in der Schule? konnte nicht mehr überbrücken, was zerbrochen war. Schließlich trafen sie sich auf Drängen der Großmutter nochmals in einem Café, das wie aus Zucker und Glas gemacht war, mit tanzenden Lichtflecken an der Wand. Hildegard sah ihn an, fragte ihn, warum sie ihm eigentlich egal sei. Seine Antwort war schlicht: Jemand muss doch auf die Kleine aufpassen. Nicht mal der Versuch, Sehnsucht vorzutäuschen.

So blieb das Band zwischen Vater und Tochter unausgesprochen zerschnitten, wie die silbernen Streifen eines zerrissenen Kassenzettels, der nie wieder zusammenfindet. Hildegard blieb mit dem dumpfen Gefühl zurück, benutzt zu werden und doch nie wirklich gesehen worden zu sein. Das Geld, das er ihr manchmal für die Straßenbahn in Euro gab, lag nutzlos am Grund ihrer Schultasche wie eine Währung aus einem Land, in dem sie längst nicht mehr zu Hause war.

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Homy
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Ohne große Worte