Meine Eltern leben in München, und ich wohne in Hamburg.
Seit mehr als zwanzig Jahren haben wir uns nicht mehr gesehen. Sie sind beide Künstler und singen im Volkschor ihr ganzes Leben besteht nur aus Tourneen. Als ich fünf war, kam ich zu meiner Großmutter, um ihr das Leben etwas zu erleichtern. Sie musste damals zu Verwandten in die Lüneburger Heide ziehen. Anfangs kamen meine Eltern noch zwei- oder manchmal dreimal im Jahr zu Besuch, aber mit der Zeit wurden ihre Besuche immer seltener. Irgendwann hörten sie ganz auf, mich zu besuchen. Ich verdrängte sie aus meinen Gedanken. Als ich dann auf der medizinischen Hochschule war, heiratete ich im dritten Semester meinen Mann.
Heute haben mein Mann und ich unsere eigene Zahnarztpraxis, und wir verdienen wirklich gut. Vor etwa einem Jahr tauchten mein Vater und meine Mutter plötzlich wieder auf. Sie fingen an, in der Praxis anzurufen, weil sie nicht einmal meine Handynummer hatten. Unsere Gespräche liefen stets darauf hinaus, dass sie sich über ihr Leben beklagten.
Ich hörte mir ihre Sorgen an und antwortete nur, dass sie ihren Weg damals selbst gewählt hätten, als sie beschlossen, ihre Tochter der Großmutter zu überlassen. Sie haben meiner Oma gelegentlich ein paar Euro geschickt, aber meistens lebten wir allein von ihrer Rente. Sie hat mir das oft genug erzählt, und ich wusste es auch ohne ihre Worte, denn wir mussten an allem sparen.
Ich war sehr gut in der Schule und konnte dadurch auf einen Studiensplatz mit Stipendium hoffen. Um mein Leben zu finanzieren und mich kleiden zu können, arbeitete ich nachts als Krankenschwester im Krankenhaus. Heute denke ich, ich habe mein eigenes Leben, und meine Eltern haben ihres sie sollen mit dem zurechtkommen, was sie sich ausgesucht haben.
Als mein Vater und meine Mutter gemerkt haben, dass ich ihnen nicht helfen werde, drohten sie mir, auf Unterhalt zu klagen. Doch angesichts der aktuellen Situation im Land kann ich mir kaum vorstellen, dass ihnen das etwas bringen würde. Nach diesen Drohungen war für mich endgültig Schluss. Früher hatte ich manchmal gezweifelt, ob ich richtig handele und mit dem Gedanken gespielt, ihnen finanziell zu helfen, aber jetzt will ich nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Denkt ihr, ich mache das Richtige? Oder bin ich meinen Eltern gegenüber zu hart?




