Ich war die älteste Schwester in einer großen Familie in Leipzig. Jeden Morgen bereitete ich das Frühstück zu, richtete die Brotdosen, zog die Kleinen an, und brachte sie pünktlich in den Kindergarten und zur Schule. Meine Eltern fragten nie, ob ich das überhaupt wollte das wurde einfach erwartet.
Freunde zu haben war unmöglich. Mir fehlte schlicht die Zeit, mich zu verabreden oder mal auszugehen. Gleichaltrige hänselten mich, lachten mich aus, weil ich, wie sie sagten, nur Windeln wechseln kann und Babybrei anrühre. Die Worte trafen mich tief. Oft weinte ich abends heimlich unter der Bettdecke. Mein Vater bemerkte einmal meine Tränen und verdrosch mich erbarmungslos mit dem Ledergürtel. Ich prügle dir die Flausen schon aus dem Hirn!, brüllte er dabei.
Eine Kindheit hatte ich nicht. Nach der neunten Klasse schrieben mich meine Eltern am Berufskolleg für Gastronomie in Dresden ein. Sie entschieden, dass ich Köchin werden sollte damit zu Hause endlich immer genug auf den Tellern lag.
Drei Jahre später fing ich in einem kleinen Café am Rande von Leipzig an. Aber kaum hatte ich den Job, zwang mich mein Vater, Essen mit nach Hause zu bringen, einfach so, als wäre es selbstverständlich. Ich weigerte mich. Meine Mutter nannte mich daraufhin egoistisch und behauptete, wegen mir müsste die Familie hungern. Sie nahmen mir sogar das gesamte erste Gehalt ab. Als ich das zweite Mal mein Geld bekam, war ich nicht mehr zu halten. Ich packte meine Sachen, rannte zum Hauptbahnhof und stieg in den erstbesten Zug ganz egal wohin, Hauptsache weg von diesem Albtraum. Wäre ich geblieben, hätte ich mein Leben ruiniert.
Es war schwer aber Sklavin meiner Eltern zu bleiben, war schlimmer. Ich schwor mir, für meine eigenen Ziele zu kämpfen, koste es, was es wolle. Ich schrubbte Treppenhäuser, fegte Böden, arbeitete mich langsam hoch vom Spüldienst bis ich endlich am Herd stehen durfte.
Selbst als mein Lohn auf einmal drei- oder viermal so hoch war, sparte ich jeden Cent. Alles, was ich übrig hatte, steckte ich in mein Sparschwein. Mein größter Traum: Eine eigene Wohnung in Berlin, wo ich endlich Herrin meines eigenen Reiches sein würde. Unterm Dach wohnte ich in dieser Zeit bei meiner alten Großmutter in Chemnitz. Sie nahm nur ein paar Euro Miete und ich half ihr im Haushalt. Sie wurde zu meiner Ersatzfamilie, empfing mich jeden Abend mit Kräutertee und Apfelstrudel vom Blech. In diesen Momenten war ich, trotz allem, die glücklichste Frau der Welt.
Bald lernte ich meinen späteren Mann kennen. Es gab keine große Feier, keinen Schleier wir gingen einfach aufs Standesamt. Danach zog ich zu seinen Eltern aufs Land. Wenige Monate später wurde meine Tochter geboren, bald darauf mein Sohn.
Mit der Zeit träumte ich wieder von meinen Eltern. Ich sprach mit meinem Mann wir beschlossen, die Familie zu besuchen. Ich kaufte Geschenke in Tüten, hoffte endlich auf ein gutes Wiedersehen. Doch meine Hoffnung wurde sofort zerschlagen: Sie begrüßten mich mit Beleidigungen, mein Vater schrie, sogar die Fäuste gingen hoch. Meine Brüder waren längst dem Alkohol verfallen, meine Schwester hangelte sich von Krise zu Krise.
Nie ein Wort über die Enkelkinder. Nicht einmal ein Blick für sie. Stattdessen knallten sie mir die Tür vor der Nase zu. Vielleicht klingt das kleinlich, aber ich drehte mich um und verließ für immer diesen Ort. Die Geschenke nahm ich wieder mit ins Hotel. Nicht einmal zur Beerdigung würde ich zurückkehren.




