Anna stieg an der Haltestelle in den Bus ein, wie sie es gewohnt war. Im Bus war nur noch ein freier Sitz, direkt neben einem Mann, der augenscheinlich ein paar Jahre älter war als sie. Anfangs schenkte sie ihrem Sitznachbarn kaum Beachtung. Sie hatte eine lange Fahrt vor sich, sieben Stunden bis nach München zu ihren Eltern, und viele drängende Gedanken beschäftigten sie.
Sie machte es sich bequem und der Bus setzte sich in Bewegung. Schon nach wenigen Minuten nahm sie einen leichten Duft von Moschus und kräftig geröstetem Kaffee wahr. Die bittersüße Note erinnerte sie sofort an ihre Jugend.
Ein Sommer in Bayern, drückende Hitze, sie war siebzehn Jahre alt, und neben ihr lag Tim, ihr erster fester Freund. Er duftete genauso dieser warme, intensive Geruch. Sie lagen am Ufer der Isar, blickten in den Sternenhimmel, küssten sich, und Tim flüsterte ihr immer wieder zu, sie würden für immer zusammenbleiben, ein Leben lang. Es war ihre erste, leidenschaftliche Liebe. Für ihn hätte Anna alles stehen und liegen lassen, sogar ihr Jura-Studium, nur um bei ihm zu sein.
Doch das Schicksal hatte andere Pläne. Tim musste zur Bundeswehr und kehrte nicht mehr zu ihr zurück in Berlin lernte er eine andere kennen, heiratete sie. Zurück blieb Anna, verletzt und mit gebrochenem Herzen. Seitdem hatte sie keine ernsthafte Beziehung mehr geführt, liebte Tim insgeheim noch immer, auch nach zehn Jahren.
Kurz warf Anna einen Seitenblick auf den Mann neben ihr. Unmöglich! Dunkle Haare, blaue Augen, markante Nase, volle Lippen, groß gewachsen der Mann glich Tim so sehr, dass ihr Herz prompt schneller schlug.
Entschuldigung, heißen Sie zufällig Tim? fragte sie verlegen. Der Mann drehte sich zu ihr und lächelte offen: Nein, mein Name ist Sebastian. Sein Lächeln ließ Anna erröten, denn er sah genau so aus wie der Mann, den sie nie vergessen hatte.
Und wie heißen Sie? fragte Sebastian zaghaft.
Ich Ich heiße Anna. Freut mich.
Ebenso. Anna, du erinnerst mich unglaublich an jemanden.
Ach ja? An wen denn? erwiderte sie neugierig.
An meine erste große Liebe. Wir haben uns damals nicht im Guten getrennt. Sie hat jemand anderen gefunden, und ich bekomme sie seit zehn Jahren nicht mehr aus dem Kopf. Und jetzt sitzt du hier. Ich kann es kaum glauben, sagte Sebastian mit ernster Stimme und einem leichten Rot auf den Wangen.
Erstaunt nickte Anna. Das ist wirklich verrückt. Mir geht es genauso. Du siehst aus wie mein erster Freund, den ich bis heute nicht vergessen kann. Gibt es sowas wirklich?
Weißt du was, Anna? Wollen wir Nummern austauschen und in Kontakt bleiben?
Gerne.
Die beiden vertieften sich ins Gespräch. Wie ihre Geschichte wohl ausgehen würde? Vielleicht schenkt das Leben einem manchmal einen zweiten Anlauf mit Menschen, die uns an frühere Lieben erinnern und trotzdem ganz eigene Wege gehen. Es scheint, als gäbe es keine echten Zufälle, sondern Begegnungen, die das Herz öffnen und Hoffnung zurückbringen. Das Leben zeigt: Jeder Augenblick hält eine neue Chance bereit, wenn wir nur bereit sind, sie zu ergreifen.





