DER ANHÄNGER

ANHÄNGER.
Damals, als ich an die wilden Berliner Nächte gewöhnt war, hatte ich von schnellen Liebschaften und endlosen Dates genug.
Ich war ausgelaugt.
Als ich dann aber einmal Clara kennenlernte dieses einfache, fröhliche und kluge Mädchen wusste ich plötzlich: Das ist sie.
Unser erstes Treffen war in einem alten Café am Prenzlauer Berg, mit Straßenmusik im Hintergrund.
Wir sprachen über meine Karrierechancen in einer Werbeagentur und über ihre Liebe zur modernen Lyrik.
Als wir feststellten, dass wir beide unseren Kartoffelsalat lieber mit Äpfeln mochten, wussten wir: Wir müssen uns wiedersehen.
Unser nächstes Treffen sollte in Claras Wohnung in Friedrichshain stattfinden sie hatte mich zum Abendessen eingeladen.
Ich zog mein bestes Hemd an, rasierte mich gründlich und lernte sogar ein paar seltsame Zeilen von Paul Celan auswendig, einen ihrer Lieblingsdichter.
Blumen und eine Flasche Pfälzer Wein durften natürlich nicht fehlen.
Auf dem Weg zu ihr fühlte ich mich beschwingt, völlig gelöst.
Ich war überzeugt: Das würde ein besonderer Abend werden.
Mein Selbstvertrauen hätte einen Kater neidisch machen können so einer, der fünfzehnmal täglich zur Futterschale stolzierte.
Alles schien geplant, alles vorhersagbar bis auf diese eine Szene: Guten Abend, ich bin Johannes.
Mama ist noch unter der Dusche, kommen Sie ruhig rein.
Ich stand wie angewurzelt.
Über mir türmte sich das kantige Gesicht eines Jungen halb Kind, halb schon Mann.
Die ausgestreckte Hand von Johannes hätte ohne Mühe meinen ganzen Kopf umfassen können.
Anfangs dachte ich, ich hätte mich in der Adresse geirrt.
Doch als Johannes so laut und vergnügt nieste, sich dabei den Mund zuhielt und die Nase mit den Fingern zudrückte genau wie Clara das beim Lachen tat , war mir klar: Ich war richtig.
Mein gutes Gefühl begann rasant zu verschwinden, mein Wein gefühlt zu sauer zu werden und die Blumen schienen zu welken.
Ich trat also ein und als ich die riesigen Turnschuhe von Johannes im Flur sah, verschlug es mir die Sprache.
Ich hätte die Dinger locker über meine Schuhe ziehen können und sie hätten trotzdem noch gepasst.
Clara reichte ihrem Sohn locker bis zur Brust.
Wie schade, sinnierte ich kurz, dass Frauen keinen Schmuck so vermehren: Gib ihr einen Ring, und zehn Jahre später ist es ein Armreif eine hervorragende Investition.
In diese Gedanken versunken, folgte ich Johannes in die Küche, wo bereits der Tisch gedeckt war.
Johannes wechselte ohne Stuhl die Gardinen.
Fünf Minuten noch, dann bin ich fertig!, rief es aus dem Bad.
Fünf mal fünf Minuten dauerte es, bis Clara mit eleganter Leichtigkeit in Abendkleid und mit strahlendem Make-up aus dem Bad kam.
Sie bemerkte sofort meine gespannte Miene das romantische Knistern war dahin.
Wortlos verteilte sie Essen, schenkte Wein ein und begann einfach zu essen.
Warum hast du mir nicht gesagt, dass du ein Kind hast?, brachte ich schließlich heraus.
Hattest du Angst vor einem Anhänger?, lächelte Clara traurig.
Das ist kein Anhänger, das ist ein ganzer Güterzug.
Ganz schön groß, oder?
Das hat er von seinem Vater.
Der kommt aus einem kleinen Dorf im tiefsten Schwarzwald.
Noch größer als Johannes.
Und angeblich hat er einen Wildschwein mit bloßen Händen gefangen.
Und wo ist er jetzt?, fragte ich, der Kloß steckte im Hals.
Auf Tournee.
Mit genau diesem Wildschwein.
Hat uns für die große Bühne verlassen.
Manchmal schickt er Briefe, aber der ist so unleserlich, dass ich glaube, das Schwein schreibt selbst und hat mehr Herz.
Wie alt ist Johannes? Ich nickte zur Wand, an der eine Pinwand mit Ausweisen hing.
Vierzehn.
Letzte Woche hat er seinen Ausweis abgeholt.
Mit Gewalt?
Haha, sehr witzig.
Das Gespräch versiegte.
Wir aßen stillschweigend.
Darf ich noch etwas Fleisch?, reichte ich meine leere Teller hinüber.
Schmeckt es?
Ganz ehrlich, ich hab noch nie was Leckeres gegessen.
Was ist das?
Hirschfleisch.
Johannes kocht das immer.
Wow, der Junge hat echt Talent.
Hat er vom Vater mit einer antiken Kochbuch-Sammlung, einem Satz Solinger Messer, drei Angelruten, einem Schlauchboot und noch allerhand Krempel, den er mir überlassen hat.
Ein Boot? Ich schluckte.
Ja, steht im Keller.
Wobei ‘steht’ naja, manchmal ist es dort.
Johannes geht leidenschaftlich fischen.
Da vibrierte Claras Handy und sie verschwand, um zu telefonieren.
Es wird Zeit zu gehen, dachte ich.
Hier ist für mich wohl nichts mehr zu holen.
Hör mal, Paul, es ist was passiert… Clara kam aufgeregt zurück.
Auf Arbeit gabs einen Rohrbruch.
Könntest du bitte ein, zwei Stunden auf Johannes aufpassen?
Ich?
Auf Johannes?
Wozu?
Er ist minderjährig.
Man weiß nie.
Heutzutage gehen merkwürdige Leute durch Berlin…
Du hast Angst, man könnte ihn klauen?
Clara unterbrach mich: Ich zahl dir auch für den vergeudeten Abend UND fürs Babysitten.
Danach rufe ich nie mehr an, abgemacht?
Und was soll ich mit ihm machen?
Keine Ahnung ihr seid Männer, unterhaltet euch über eure Männerthemen…
Ich muss los!
Schon war sie zur Tür hinaus.
Ich saß noch eine Weile unentschlossen am Küchentisch, leerte mein Glas, tippte lustlos am Handy.
Clara kam und kam nicht zurück.
Vor der Zimmertür von Johannes hörte ich schließlich Geräusche.
Kann nicht sein, dachte ich und klopfte an.
Ist offen.
Ich öffnete vorsichtig die Tür zu seinem Zimmer.
Das erste, was mir ins Auge fiel, war eine riesige hölzerne Zielscheibe, gespickt mit Messern und Pfeilen.
In der Wand: kein einziger Fehlschuss.
Daneben ein alter Plattenspieler, und leise hallte Iron Maiden aus der Box genau mein Musikgeschmack.
Johannes saß in der Ecke und bastelte an Angelzubehör.
Ich schaute mich weiter um: Pokale, ein Boxsack von der Decke, eine brandneue Spielkonsole, daneben ein Stapel Comics.
Nicht schlecht ausgestattet, pfiff ich bewundernd.
Von so einem Zimmer hatte ich als Jugendlicher immer geträumt.
Ich jobbe im Sommer, meinte Johannes.
Mir wurde etwas peinlich, als ich daran dachte, wie ich Clara einen Goldesel andichten wollte, während der Junge längst auf eigenen Beinen stand.
Hast du ein Handyladegerät? Ich zeigte mein Kaputtes.
Neben der Eisenbahn. Er deutete auf die Fensterbank.
Ei-ei-eisenbahn? Ich traute meinen Augen nicht, als ich eine riesige, selbstgebaute Modelleisenbahnlandschaft erblickte.
Hast du die selbst gebaut? Ich sprach leise, als wäre sonst der Zauber verflogen.
Klar.
Kaufe immer mal neue Schienen dazu will noch eine zweite Ebene mit Brücken ausbauen.
Letzte Woche kam ein Päckchen mit neuen Weichen.
Mir wurde warm ums Herz.
Darf ich mal eine Runde drehen lassen? fragte ich schüchtern.
Klar, Moment. Johannes ließ sein Angelzeug liegen, erhob sich in seiner ganzen Größe und überquerte mit einem Schritt den Raum.
***
Clara kam gut eine Stunde später nach Hause.
Sie war sich sicher, dass ich längst weg war, und lief zuerst ins Zimmer ihres Sohnes: Da saßen wir beide, vertieft in die Welt der Modelleisenbahn.
Von außen hätte tatsächlich niemand sagen können, wer von uns beiden eigentlich der Erwachsene war.
Paul, es ist Zeit heimzugehen, rief Clara vorsichtig.
Ach ma…
Oh wie spät?
Viertel vor elf. Sie gähnte.
Morgen muss ich wieder zur Baustelle, ich brauch Schlaf.
Sie geleitete mich zur Tür und hielt mir einen Schein hin.
Von einer Frau nehme ich kein Geld, wehrte ich entschieden ab.
Wie du willst.
Danke, dass du dich um meinen Anhänger gekümmert hast.
Ich lächelte kurz und verschwand in die Nacht.
***
Hallo Clara, ich wollte mal fragen, ob ich nochmal vorbeischauen darf? rief ich ein paar Tage später an.
Ach, ich hab gerade totalen Stress auf Arbeit.
Für Beziehungen ist da kein Platz mehr, und nach unserem letzten Abend…
Darf ich wenigstens Johannes besuchen? fragte ich rasch.
Johannes? Sie war überrascht.
Na klar.
Vielleicht braucht er ja mal wieder jemanden zum Aufpassen?
Hm…
muss ihn fragen…
Hab ich schon.
Er meinte, es sei okay.
Ich hab ihm nämlich ein neues Spiel für seine Xbox gekauft.
Wir bleiben ganz brav, und du kannst arbeiten.
Na gut, komm heute gern vorbei.
An diesem Abend kam ich ohne Parfüm und Schleifen, dafür in schwarzem Bandshirt, Rucksack voller Chips und mit dem dämlichen Grinsen eines Jungen.
Seid bitte leise ich habe bald ein Zoom-Meeting, empfing Clara mich im Bademantel, mit Gesichtsmaske und Zwiebelluft.
Ich nickte und verschwand im Jugendzimmer.
Später am Abend musste Clara uns regelrecht auseinanderziehen wir stritten uns über die besten Filme von Fatih Akin und Quentin Tarantino und wollten es mit einem sechsstündigen Filmmarathon ausfechten.
Erst mit Mühe schickte sie mich nach Hause.
Bring am Samstag noch Lockfutter mit!, rief Johannes mir nach.
Was denn für Lockfutter? Clara hob eine Braue.
Wir gehen morgen auf Hecht angeln.
Hab Johannes gesagt, wos das beste im Angelladen gibt.
Ich war ewig nicht draußen…
Tatsächlich Freunde geworden, was?
Und mit mir hast du keine Lust?
Komm doch mit, dann schmierst du Brote.
Ha, ich hab ja sonst nichts zu tun.
Na gut, geht angeln Hauptsache, der Junge ist beschäftigt.
***
Der Monat verging.
Clara arbeitete bis zur Erschöpfung, von Romantik keine Spur mehr.
Doch Johannes und ich verbrachten eine produktive Zeit: Wir bauten die Eisenbahn weiter aus, gingen Krebse fangen, setzten nach dem alten Familienrezept einen Fass Bier an.
Johannes zeigte mir, wie man sich im Wald orientiert, und ich gab ihm Flirttipps, damit er ein Mädchen aus seiner Klasse einladen konnte.
Alles ging seinen Gang bis eines Abends die Türklingel so lange gedrückt wurde, dass die Lampen im Flur flackerten.
Clara öffnete, und sofort schlug ihr der Geruch von Wildbret entgegen.
Auf der Schwelle stand ihr Ex-Mann, Johannes Vater.
Ich hab alles verstanden, sagte er und fiel auf ein Knie.
Selbst so war er noch einen Kopf größer als Clara.
Wir, also Ludwig und ich, wir sind es leid wir wollen Familienleben.
Ich habe Geld gespart, hole euch zurück ins Dorf.
Du musst nie wieder arbeiten, Johannes und ich gehen angeln und jagen…
Ha!
Zehn Jahre und jetzt erinnerst du dich?
Bringt dein Wildschwein auch wieder Familienanschluss?
Quatsch…
Das Wildschwein hat diesen Kram mit der Filmagentur im Alleingang geregelt.
Fühlt sich jetzt zu groß für uns, knurrte er.
Aha, verschränkte Clara die Arme.
Wurde also einfach abserviert.
Egal!
Wichtig ist ich bin jetzt bereit…
Er wurde unterbrochen, denn plötzlich kam ich in Claras T-Shirt aus dem Bad.
Clara, darf ich dein T-Shirt nehmen?
Mein eigenes war voller Farbe vom Eisenbahnlackieren…
Gibt es in diesem Haus eigentlich jemanden, der mal einen Satz zu Ende bringt?, stöhnte Clara.
Und wer ist der Herr?, fragte ihr Ex und ballte seine Faust in Richtung meines Gesichts.
Das ist…
das ist… Clara stotterte.
In diesem Augenblick tauchte Johannes auf, drehte dem Vater das Handgelenk auf den Rücken und presste ihn mühelos gegen die Wand.
Das ist der Anhänger!, fauchte Johannes.
Johannes!
Sohn!
Ich bins, Papa!
Welcher Anhänger?, japste der Mann.
Ganz normaler Anhänger!
Einer, der uns hilft, alles hinter euch herzuziehen, was du uns dagelassen hast!
Ich hab euch doch gar nichts dagelassen…, murmelte er und merkte plötzlich, was er da sagte.
Clara und ich hockten Schulter an Schulter in der Ecke, Zeugen eines Kampfes der Giganten.
Schon gut, break!, winselte der Vater, und Johannes ließ los.
Nicht schlecht, Junge.
Gehst auf die Jagd wie ich damals.
Aber willst du morgen mit mir raus?
Jagen, reden, Zeit nachholen?
Ich bin doch dein Vater, nicht irgendeiner…, blickte er hoffnungsvoll zu Clara.
Sie rang mit sich schaute hin und her, zwischen Ex und mir.
Ich verstehe schon, nickte ich und ging hinaus.
Entschuldige…
***
Am nächsten Tag gingen Vater und Sohn am frühen Morgen.
Johannes kam spätabends allein zurück.
Wo ist dein Vater?, fragte Clara.
Weg, murmelte Johannes beim Schuheausziehen.
Wie weg?
Einfach so?
Nicht ganz, schüttelte Johannes den Kopf.
Er hat das Wildschwein wiedergefunden und im Anhänger verladen.
Jetzt probiert er es mit einem neuen Partner für seine Auftritte.
Er hat mich bis in die Stadt gebracht und ist gefahren.
Ich bin so blöd, schlug sich Clara an die Stirn.
Ich sollte Paul anrufen…
Lass, er hat mich gerade heimgebracht.
Er wollte sichergehen, dass bei uns alles in Ordnung ist.
Hat er das so gesagt?
Ja.
Und außerdem hat er gesagt, er ist jetzt wohl unser Anhänger und wird sich auch so schnell nicht wieder lösen.Clara lachte leise und zog Johannes an sich.
Durch das Fenster fiel warmes, goldenes Licht auf die improvisierte Familie, während draußen irgendwo ein leiser Zug durch Berlin ratterte.
Es klang fast wie eine kleine, ferne Modelleisenbahn, die alles, was schwer und zurückgelassen wurde, zurück ins Leben holte.
Ich stand kurz im Türrahmen, weil ich meinen Rucksack vergessen hatte.
Johannes winkte mich herein, als hätte er darauf gewartet, dass ich wieder auftauche.
Clara schüttelte den Kopf und seufzte: Willst du wieder Chips beim Eisenbahnbau?
Ich grinste.
Nur, wenn es diesmal Kartoffelsalat mit Äpfeln gibt.
Sie rollte die Augen, aber ich sah, dass sie lächelte.
Vielleicht war Familie manchmal wie ein wild zusammengewürfelter Krempel: ein paar rostige Schienen, ein Anhänger voller Erinnerungen, eine Prise Abenteuer und mittendrin ein bisschen Glück, dass es nie in einen Koffer passt.
An dem Abend beschlossen wir: Solange irgendwo das Licht brennt und einer das nächste Stück Schiene verlegt, rollt der Zug weiter.
Nicht allein, sondern miteinander ob als Passagier, Lokführer, oder eben: als treuer Anhänger.

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Homy
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