Nicht von hier – Fremd im eigenen Land

Nicht mein Eigenblut

Jetzt hast du angefangen, also beende auch deinen Satz!, erhob Andreas die Stimme gegen Nathalie. Und wenn du es nicht genau weißt, dann rede doch keinen Unsinn

Ich weiß es, erwiderte Nathalie mit einem spöttischen Lächeln, während sie ihm direkt in die Augen blickte, zwischen uns gab es keine Geheimnisse

Andreas und Annalena lernten sich auf recht gewöhnliche Weise kennen. Es war Winter alles war verschneit und vereist. Annalena rutschte morgens, auf dem Weg zur Arbeit, auf dem glatten Bürgersteig aus und fiel schwer; sie schlug sich das Knie auf. Andreas half ihr auf, brachte sie sogar eigenhändig zur Notaufnahme.

Das Röntgenbild zeigte keinen Bruch, und Annalena durfte mit einer elastischen Bandage und dem Rat, das Bein zu schonen, wieder gehen. Andreas wich all die Zeit nicht von der Seite der hübschen Frau, meldete sich sogar bei seinem Chef für den halben Tag ab. Erst als er Annalena ins Taxi gesetzt hatte und ihr ehrliches Versprechen einholte, zu Hause gut anzukommen und ihn anzurufen, konnte er wieder beruhigt zurück an seine Arbeit.

Annalena war begeistert von dem fürsorglichen und aufmerksamen Mann so jemanden hatte sie noch nie getroffen. Sie war schlichtweg verzaubert. Es begann der romantischste Abschnitt ihrer Beziehung. Sie telefonierten und schrieben den ganzen Tag, unterhielten sich stundenlang über alles Mögliche. Andreas interessierte sich für alles, was Annalena anging. Morgens wünschte er ihr einen guten Tag, abends eine gute Nacht; und tagsüber erkundigte er sich, ob sie warm genug angezogen war, ob sie gegessen oder geschlafen hatte und wie es ihr ergangen sei.

Für Andreas war das alles selbstverständlich. In seinem Elternhaus sorgte man sich stets umeinander. Er lebte inzwischen allein in der Wohnung, die er von seiner Großmutter geerbt hatte; die Eltern, Vater Heinrich und Mutter Gisela, lebten in der Nachbarstadt nicht weit entfernt. Früher hatten sie dort alle zusammen gewohnt, die Großmutterwohnung wurde zwischendurch vermietet. Es war immer ein friedliches, liebevolles und vertrautes Zuhause gewesen. Nach dem Tod der Großmutter und als Andreas alt genug war, zog er schließlich in ihre alte Wohnung.

Mit den Frauen hatte Andreas nie besonderes Glück. Er war ein zurückhaltender, schüchterner Typ, einfach so auf der Straße jemanden anzusprechen, lag ihm nicht, er mied Partys, wie auch größere Freundeskreise. Und mit Annalena war es einfach passiert ein Zufall, oder vielleicht Schicksal: Sie brauchte Hilfe, und vorbeigehen konnte Andreas nicht, das war einfach nicht seine Art. Später empfindet er es, als hätte das Leben die beiden zusammengeführt.

Zwei Monate später heirateten sie. Es ergab sich so. Andreas schlug ihr im Scherz vor, zu heiraten und Annalena antwortete prompt: Warum nicht? Lass uns gleich los und das Aufgebot bestellen!

Gerade mal eine Stunde vor Büroschluss erreichten sie das Standesamt. Der Hochzeitstermin wurde auf das frühestmögliche Datum gelegt. Die Eltern von Andreas waren überrascht von der Eile, freuten sich aber und waren sofort einverstanden; Annalena gefiel ihnen sehr.

Annalenas Mutter wohnte ebenfalls in einer Nachbarstadt. Per Telefon erzählte ihre Tochter ihr von der Neuigkeit. Anreisen konnte sie nicht Annalenas Großmutter war krank geworden und brauchte Pflege.

Es wurde eine gute Ehe. Sie lebten glücklich, stritten fast nie, die Romantik blieb, die Liebe schien sogar noch zu wachsen. Bald kam der gemeinsame Sohn, Maximilian, auf die Welt das Glück wuchs, aber die Sorgen auch. Eines Tages, bei einem Fest, übertrieb Annalenas beste Freundin Nathalie mit dem Wein, und Andreas musste ein Taxi für sie rufen.

Die ganze Familie feierte Hochzeitstag in einem Café. Anwesend waren die Eltern von Andreas: Gisela und Heinrich, der fünfjährige Maximilian saß ernsthaft mit am Tisch und prostete den Erwachsenen mit Saft zu und Annalena hatte Nathalie eingeladen, ihre Schulfreundin. Die beiden waren immer wie Schwestern, sogar noch enger. Sie verbrachten seit der Schulzeit fast jede Freizeit miteinander. Anders als Annalena hatte Nathalie jedoch kein Glück in der Liebe, war inzwischen dreißig, wie Annalena, aber noch ledig. Im Vergleich zu der hübschen Annalena mit blonden Haaren und zierlicher Figur, verlor Nathalie an Aussehen, sie war etwas rundlicher, klein gewachsen, ihr Gesicht wirkte blass und unscheinbar. Schon seit der Schulzeit hatte Annalena die Aufmerksamkeit der Jungen auf sich gezogen; Nathalie profitierte immerhin davon, als Freundin mitzugehen allein hätte Annalenas Mutter sie sowieso nicht ausgehen lassen. So bekam auch Nathalie manchmal Aufmerksamkeit ab, aber einen Heiratsantrag bekam sie nie, im Gegensatz zu Annalena, bei der die Verehrer schon ab der elften Klasse mit Anträgen kamen. Doch Annalena war wählerisch, sie wollte keinen x-beliebigen Mann. Erst mit fünfundzwanzig kam es zur Ehe als sie Andreas traf.

Nathalie hatte Mühe, die Treppe des Cafés hinunter zu gehen; dreimal wäre sie fast gestürzt, hätte Andreas sie nicht gestützt. Oben warteten seine Frau, Maximilian und seine Eltern; unten stand das Taxi, das Annalena gerufen hatte doch Nathalie war kaum mehr standfest auf den Beinen. In solch einem Zustand hatte Andreas sie noch nie gesehen und bot selbstverständlich seine Hilfe an.

Glückwunsch ans Brautpaar!, lallte Nathalie. Glück für manche, für mich tja, Pech gehabt! Annalena hatte immer Glück im Leben! Schon seit unserer ersten Begegnung, sie ist mit allem davongekommen. Männer drehte sie um den Finger, und ihr Männer glaubt das auch noch alles! Da müsste man mal mit Hirn denken und nicht naja. Klar, Annalena ist schön, da setzt bei euch das Gehirn aus!

Endlich hatten sie die Tür erreicht, nur noch wenige Meter zum Taxi. Plötzlich riss sich Nathalie von Andreas Arm los als hätte sie keine Mühe, aufrecht zu stehen , stellte sich ihm entgegen, blickte ihn scharf an und sprach, mit plötzlich klarer Stimme: Weißt du eigentlich, wessen Sohn du da großziehst? Er ist nicht dein Eigenblut!

Was redest du da!? Andreas rang mit sich, nicht auszurasten. Die Worte ließen in seinem Kopf alles kreisen, die Laternen schien sich zu drehen, er schloss die Augen, um Ruhe zu finden, wollte Nathalie am liebsten packen und schütteln, damit sie aufhörte mit ihrem Gerede, aber sie fuhr gnadenlos fort:

Guck dich doch mal an richtig blass bist du geworden! Hättest du es nicht selbst bemerken sollen? Euer Maximilian wurde viel zu früh geboren! Die Hochzeit war so hastig, meinst du wirklich, Annalena wollte so schnell vor den Altar, weil sie dich so wahnsinnig liebte?! Ha! Und der Junge sieht dir kein bisschen ähnlich! Sie hatte vor dir einen anderen, wollte ihn heiraten, aber er hat sie verlassen, für eine andere. Tja, das hat sie verdient!

Andreas stopfte Nathalie wütend ins Taxi, knallte die Tür zu, wollte keine weiteren Worte hören. Aber kaum war das Taxi um die Ecke, klingelte sein Handy. Ohne nachzudenken, ging Andreas ran:

Frag doch mal deine Liebste! Ha-ha! Nicht nur ich soll heute auf eurer Feier leiden jetzt ist Annalena dran, jetzt ist sie mal am Zug, wie ein Aal auf dem Grill!, lachte Nathalie grob ins Telefon.

Ihr Lachen hallte in Andreas Ohren noch den ganzen Abend nach. Wie sehr er sich auch bemühte, die Worte wollten nicht aus seinem Kopf verschwinden. Tatsächlich war Maximilian früh geboren, aber Andreas hatte nie darüber nachgedacht es gibt ja Frühchen, und auf das Gewicht achtete er vor lauter Glück sowieso nicht. Vom ersten Moment an liebte er seinen Sohn über alles und hätte nie geglaubt, dass er nicht sein Eigenfleisch und -blut war.

Auch Andreas Eltern waren vernarrt in Maximilian: Sie luden den Jungen oft ein, nahmen ihn am Wochenende mit zu sich, besuchten den Zoo oder ein Museum. Verfluchte Nathalie sie hatte mit ihren Worten das Glück und die Freude vergiftet. Andreas wurde von Zweifeln geplagt, Bilder Nathalies Behauptungen suchten ihn heim. Maximilian war eher schmächtig, hellblond, während Andreas selbst ein dunkler Typ war Gisela sagte, die Haarfarbe müsse sich noch oft ändern, das komme vor. Aber die zierliche Statur? Andreas war kräftig, Annalena großgewachsen und die Augenfarbe erst. Andreas wurde fast wahnsinnig vor Grübelei. Ganze sieben Tage schwieg er, dann hielt er es nicht mehr aus und stellte Annalena zur Rede

Annalena sah ihn sonderbar an, dann sagte sie ruhig: Ich wusste, dass du eines Tages fragst. Warum hast du fünf Jahre abgewartet? Hättest du es doch gleich gesagt! Dann hätten wir uns getrennt, ist es doch das, was du willst? Ich habe dich betrogen! Ich war unehrlich eine schlimme Frau, gibs zu! Also, warum schreist du mich jetzt nicht an?

Andreas wich erschüttert zurück. Warum redete sie so? Er liebte sie doch hätte sie damals die Wahrheit gesagt, er hätte ihr sicher vergeben, sicher trotzdem geheiratet! Jetzt redete sie so kalt, als habe sie all die Jahre nur darauf gewartet. Scheidung? Daran dachte er nicht. Und Maximilian Sein geliebter Sohn Er liebte ihn so sehr, egal, was andere sagten, er würde ihn nicht verlassen. Was aber sollten die Eltern denken? Sollte er es ihnen erzählen, oder besser schweigen?

Annalena glaubte offenbar nicht mehr an seine Gefühle, es gab heftigen Streit. Andreas packte seine Sachen und zog aus. Die Wohnung der verstorbenen Großmutter war gerade leer, keine Mieter, er wohnte dort zwei Wochen. Der Trennungsschmerz war kaum auszuhalten, er vermisste den Sohn, vermisste die Frau. Nach langem Nachdenken beschloss er: Es bleibt alles, wie es ist. Nathalie wird nicht ihr Glück zerstören sie sollte es umsonst versucht haben!

Andreas kehrte zurück zu Annalena und Maximilian.

Vergib mir, weinte Annalena, ich habe dir böse Dinge gesagt, die verdienst du nicht. Ich dachte, du würdest mich nicht mehr lieben, wenn du alles erfährst, ich habe immer Angst vor diesem Moment gehabt!

Ach, Annalena, sagte Andreas und nahm sie zärtlich in die Arme, fünf Jahre lebst du mit mir und kennst mich doch nicht. Ich würde niemals euch verlassen. Ich liebe dich und Maximilian, das wird sich nie ändern. Ich verurteile dich nicht Du hattest damals Angst, dass ich gehe, deshalb hast du nichts gesagt. Was zählt, ist, dass wir uns lieben keine Nathalie wird das ändern!

Ja, antwortete Annalena dankbar und schmiegte sich an ihn, wischte sich die Tränen ab, aber ich will sie nie wiedersehen!

Aber was sagen wir meinen Eltern?, fragte Andreas bedrückt, sie lieben unseren Sohn so sehr Wie sollen wir es ihnen erklären?

Sie erzählten es den Eltern eineinhalb Monate später. Allerdings nicht das, was geschehen war. Sie erzählten, dass Annalena schwanger war und die Großeltern bald noch ein Enkelkind erwartetenSie entschieden, dass es das Wichtigste war, als Familie vereint zu bleiben und dass manche Wahrheiten manchmal weniger heilend als zerstörerisch sind. Sie erzählten Andreas Eltern, dass die letzten Wochen schwierig gewesen waren, aber dass sie als Paar zusammengerückt seien, für Maximilian und für sich selbst. Von Geheimnissen und Nathalies Anschuldigungen verloren sie kein Wort.

Das Leben nahm wieder seinen gewohnten Lauf. Andreas beobachtete Maximilian manchmal aus dem Augenwinkel, fragend, suchend, und dann, wenn der Junge ihn anstrahlte oder sich an ihn schmiegte, verblassten alle Zweifel. Vatersein war nie eine Frage der Gene gewesen; es war die Hand, die tröstete, die Geduld, die lehrte, die Liebe, die vorbehaltlos war.

Annalena und Andreas lernten, offener miteinander zu sprechen behutsam und mit der stillen Dankbarkeit darüber, dass sie die Probe überstanden hatten. Nathalie jedoch begegneten sie fortan nur noch höflich und distanziert. Was sie zerstören wollte, hatte sie nicht geschafft. Und vielleicht, so dachten beide insgeheim, war es gut, dass alles ans Licht gekommen war denn jetzt hielten sie einander fester denn je.

Einige Zeit später, an Maximilians sechstem Geburtstag, saß die Familie beisammen. Die Sonne schien durch die großen Fenster, Gebäckduft hing in der Luft, und der Junge lachte, während er mit seinem Vater Papierflieger faltete.

Gisela, die stolze Großmutter, beobachtete die beiden, dann sagte sie zu Annalena leise, fast verschwörerisch: Weißt du, Kind, man erkennt eine Familie nicht an der Blutgruppe, sondern an der Art, wie sie füreinander da sind. Ganz gleich, was auch geschieht.

Annalena lächelte und fühlte Frieden. Sie schaute zu Andreas und Maximilian; sie waren, was zählte: eine Familie stark im Herzen, verwoben im Alltag, unbesiegbar durch jedes Gerücht.

Und so blieb es. Das Leben war nicht frei von Stürmen, doch sie wussten nun, dass sie sie gemeinsam überstehen konnten. Die Vergangenheit verlor ihren Schrecken, und jeder Tag wurde zu einer neuen kleinen Feier ihres Mutes und ihrer Liebe.

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Homy
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