Nastja, hol sie bitte ab! Ich halte es nicht mehr aus! Es ekelt mich sogar davor, sie anzufassen!

Birgit, nimm sie bitte! Ich kann nicht mehr! Mir graut es schon davor, sie überhaupt zu berühren!
Lisa zitterte. Das Baby auf ihrem Arm schrie unaufhörlich.
Ich hob meine kleine Nichte auf den Arm und nickte.
Gut. Aber es ist deine Entscheidung, später gibt es keine Vorwürfe?
Nein, was für Vorwürfe? Nimm sie, ich will sie nicht!
Die Kleine war erst vor einem Monat zur Welt gekommen. Schon während der Schwangerschaft merkte ich, dass mit Lisa etwas nicht stimmte. Ich schob ihre Stimmungsschwankungen auf das letzte Schwangerschaftsdrittel. Lisa war seit über sieben Jahren verwitwet. Die älteren Kinder lebten längst ihr eigenes Leben. Ein Urlaub an der Ostsee, eine flüchtige Begegnung dann diese überraschende Schwangerschaft. Lisa war nie spontan gewesen. Anfangs dachte ich noch, dass sie sich wirklich über das Kind freute. Doch dann bemerkte ich, wie sie zuerst mit Feuereifer Babysachen kaufte, einen Kinderwagen suchte, dann aber plötzlich tagelang schwieg, als hätte sie sich in sich selbst zurückgezogen.
Kurz vor der Geburt brach sie jeden Kontakt zu uns ab. Telefonate zu mir, zu unserer Mutter, zu ihren Kindern alles ignorierte sie. Ich machte mir Sorgen und fand Lisa schließlich in der Klinik, wo sie gerade im Begriff war, das Kind zur Adoption freizugeben.
Lisa, was ist los? Warum tust du das?
Ich weiß es selbst nicht. Ich fühle einfach nichts. Sie ist mir fremd.
Wie kann sie dir fremd sein? Sie ist deine Tochter!
Das wird nicht meine Tochter. Lisa drehte sich zur Wand.
Ich rief schwere Geschütze zu Hilfe und holte unsere Mutter dazu. Schließlich willigte Lisa ein, das Kind mitzunehmen unter dem Vorwand, dass Mama am Anfang etwas hilft und Lisa daher vorübergehend bei ihr wohnen sollte. In Wahrheit passten wir alle gemeinsam auf Lisa auf. Sie kümmerte sich um das Baby, erledigte alles äußerst pflichtbewusst, aber blieb nie länger als unbedingt nötig bei ihrer Tochter stehen. Den Namen gab die Großmutter, getragen wurde die Kleine meist von mir, ihrer Tante.
Lisa, ich nehme sie zu mir. Ich zieh sie groß, aber irgendwann wird sie mich Mama nennen, nicht dich. Ist dir das klar?
Mir ist das egal. Hauptsache nicht mich.
Nach einer Woche waren alle Formalitäten erledigt ich war offiziell die Vormundin meiner Nichte. Lisa zog in eine andere Stadt.
Kleine Anna wuchs quirlig und fröhlich auf. Sie lief und sprach früh, nannte mich Mama.
Zwölf Jahre vergingen.
Mama, heute hab ich drei Einsen geschrieben und morgen geht unsere Klasse ins Kino! rief Annas helle Stimme durch die Wohnung.
Ist sie es?
Ja, Lisa, sie. Bitte, ich
Guten Tag! Ich bin Anna, und wer sind Sie?
Im Türrahmen der Küche stand ein großes Mädchen mit dunklen Augen, das neugierig zwischen der Frau am Tisch und mir, die ich kreidebleich am Fenster stand, hin und her blickte.
Ich ich bin Lisa. Eigentlich bin ich deine Mutter, Anna.
Ich hab dich gebeten! Ich sah meine Schwester wütend an und ging auf Anna zu. Anna! Ich erkläre dir alles!
Lass es, Mama. Lass uns zuhören. Und nun? Sie sagen, Sie sind meine Mutter. Und?
Ich bin gekommen, um dich zu holen. Ich möchte, dass du bei mir wohnst.
Warum?
Weil du meine Tochter bist.
Nein, das bin ich nicht. Für mich gibt es nur eine Mama, und das ist sie, die hier steht! Ich brauche keine andere! Und Sie sehe ich heute zum ersten und, hoffe ich, letzten Mal! Anna drehte sich um und verließ die Küche.
Ich sank kraftlos auf den Stuhl.
Und, was hast du jetzt erreicht?
Noch nichts. Aber ich werde es erreichen, darauf kannst du dich verlassen. Wenn es sein muss, auch vor Gericht.
Was soll das alles, Lisa? Du selbst hast sie weggegeben, wolltest keinen Kontakt. Niemand verstand, warum. Und jetzt, nach all den Jahren, glaubst du, sie wirft sich dir um den Hals? Entschuldige, Lisa, besuch heute lieber Mama, dann reden wir nochmal. Jetzt muss ich zu meiner Tochter.
Zu deiner Nichte! Lisa erhob sich.
Ich seufzte nur und ging zu Annas Zimmer, nachdem ich die Tür geschlossen hatte.
Annchen
Mama, warte. Bevor du irgendwas sagst, will ich eins klarstellen. Ich weiß seit einem Jahr Bescheid. Erinnerst du dich, als wir bei Oma aufgeräumt haben? Da habe ich die Vormundschaftsdokumente gefunden. Erst war ich furchtbar sauer, weil ihr mir das nie erzählt habt. Dann wollte ich sie treffen und fragen warum? Aber dann hab ich gemerkt, dass ich das nicht brauche. Du bist meine Mutter! Ich will auch keine andere!
Anna, mein Schatz! Ich geb dich niemals her.
Ich mich selbst auch nicht! lachte Anna. Kennst du noch meinen Mitschüler Felix? Ruf seine Mutter an, sie ist Anwältin für Familienrecht.
Jetzt werde aber nicht gleich zu schnell erwachsen! Alles schon geregelt, was? Aber ich bin hier immer noch zuständig und, Moment mal, deine Mama. Ich musste lachen und drückte sie an mich. Natürlich rufen wir an, keine Sorge.
Es folgten anstrengende Wochen mit viel Streit und Nerven, doch das Gericht entschied, dass alles beim Alten blieb. Anna wurde angehört und weigerte sich kategorisch, zu ihrer leiblichen Mutter zu gehen oder sie als solche anzuerkennen.
Wir Geschwister standen schließlich vor dem Gerichtsgebäude.
Endlich ist dieser Albtraum vorbei. Ich atmete auf. Was wirst du jetzt tun?
Ich gehe weg, Birgit. Ich werde euch nicht mehr im Weg stehen. Aber helfen will ich bitte, lehne das nicht ab. Für Anna habe ich schon lange ein Sparbuch eingerichtet, die Unterlagen liegen bei Mama, ich habe alles hinterlegt.
Wofür das alles, Lisa? Und warum hast du sie damals eigentlich weggegeben?
Es gab keine Romanze, Birgit. Nichts, gar nichts. Es war ein dunkler Park, ein später Abend
Mir stockte der Atem.
Und du hast all die Jahre geschwiegen? Immer alles in dich hineingefressen?
Es ließ sich nicht mehr ändern. Deshalb habe ich geschwiegen. Anfangs hab ich selbst nicht gemerkt, dass ich schwanger war, hab’s auf die Wechseljahre geschoben, und dann war es zu spät. Annchen soll das nicht wissen. Das ist nicht ihr Leben, das ist meines. Vielleicht kann sie mir irgendwann verzeihen.
Ich umarmte meine Schwester und zusammen blickten wir zu Mama und Anna am Rand des Platzes.
Manchmal verwandelt sich das Schrecklichste in etwas Wunderschönes. Sie ist so ein hübsches Mädchen! Lisa wischte sich die Tränen ab, und zum ersten Mal seit Jahren sah ich ein echtes Lächeln auf ihrem Gesicht.

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Homy
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Nastja, hol sie bitte ab! Ich halte es nicht mehr aus! Es ekelt mich sogar davor, sie anzufassen!
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