Sabine, nimm sie zu dir! Ich kann nicht mehr! Es ekelt mich sogar an, sie zu berühren!
Friederike zitterte am ganzen Körper. Das Baby in ihren Armen schrie sich die Seele aus dem Leib.
Ich nahm meine Nichte auf den Arm und nickte.
Gut. Aber das ist deine Entscheidung, gibt es danach kein Zurück?
Nein, gibt es nicht! Nimm sie, ich will nichts mehr von ihr wissen!
Die Kleine war erst vor einem Monat zur Welt gekommen. Bereits während der Schwangerschaft hatte sich Friederike seltsam benommen. Ich dachte, die Stimmungsschwankungen wären dem Ende der Schwangerschaft geschuldet. Sie war schon über sieben Jahre verwitwet, die älteren Kinder längst aus dem Haus. Ein Urlaub an der Ostsee, eine kurze Bekanntschaft, völlig überraschend wurde sie noch einmal schwanger. Friederike war nie ein spontaner Mensch gewesen. Anfangs schien sie sich auf das Baby zu freuen, doch bald bemerkte ich, dass sie mal wie wild Babykleidung kaufte, dann wieder tagelang schwieg, als wolle sie sich in sich selbst verkriechen.
Kurz vor der Geburt brach Friederike plötzlich jeden Kontakt zur Familie ab. Sie rief weder unsere Mutter, noch mich oder ihre Kinder an. Ich wurde misstrauisch und fand sie schließlich im Krankenhaus, wo sie gerade unterschreiben wollte, dass sie das Kind abgibt.
Friederike, was ist mit dir los? Warum?
Ich weiß es nicht. Ich fühle nichts. Sie ist mir fremd.
Wie kann das sein? Das ist doch dein Kind!
Sie wird es nicht für mich sein! Friederike drehte sich zur Wand.
Ich holte unsere Mutter dazu. Friederike stimmte schließlich zu, das Kind mit nach Hause zu nehmen. Unsere Mutter überredete sie, erst einmal gemeinsam mit der Kleinen bei ihr einzuziehen. In Wirklichkeit passten wir alle gemeinsam auf Friederike auf. Ihre Tochter versorgte sie wie im Autopilot, tat alles Nötige, aber blieb nie länger als unbedingt nötig bei ihr. Den Namen gab unsere Mutter, getragen wurde das Kind von mir.
Friederike, ich nehme sie zu mir. Ich erziehe sie, aber glaubst du wirklich, nach einer Weile nennt sie nicht mich Mama?
Mir egal. Hauptsache, ich nicht.
Nach einer Woche lief alles über die Bühne, und ich wurde offiziell die Vormundin meiner Nichte. Friederike zog in eine andere Stadt.
Die kleine Greta wurde ein richtiges Energiebündel, immer fröhlich und quirlig. Sie lief früh, sprach früh und nannte mich Mama.
Zwölf Jahre vergingen.
Mama, ich hab heute drei Einsen geschrieben, und morgen gehen wir mit der Klasse ins Kino! rief die fröhliche Stimme durch die Wohnung.
Ist sie das?
Ja, Friederike, das ist sie. Ich bitte dich…
Hallo! Ich bin Greta. Und wer sind Sie?
Im Türrahmen der Küche stand ein schlankes Mädchen mit großen, neugierigen Augen. Sie blickte zwischen der Frau am Tisch und mir hin und her ich stand blass wie die Wand am Fenster.
Ich… ich bin Friederike. Deine Mutter, Greta.
Ich habs dir doch gesagt! Ich warf meiner Schwester einen vorwurfsvollen Blick zu und sprang zu meiner Tochter. Greta, ich erklär es dir alles!
Nicht nötig, Mama. Lass uns hören, was sie zu sagen hat. Und? Sie behaupten, Sie sind meine Mutter. Und dann?
Ich bin hergekommen, um dich zu mir zu holen. Ich möchte, dass du bei mir lebst.
Wozu?
Du bist meine Tochter.
Nein, bin ich nicht. Ich habe eine Mama, die steht hier. Eine andere will ich gar nicht! Sie sehe ich heute zum ersten und, hoffentlich, letzten Mal im Leben. Greta drehte sich um und verschwand aus der Küche.
Ich ließ mich erschöpft auf den Stuhl sinken.
Was hast du jetzt davon?
Noch nichts. Aber ich werde es erreichen, glaub mir. Wenn es sein muss, gehe ich auch vor Gericht.
Wozu das alles? Du hast sie doch damals weggegeben, wolltest sie nicht einmal sehen. Niemand verstand dich. Und jetzt, nach all den Jahren, willst du, dass sie dich mit offenen Armen empfängt? Entschuldige, Friederike, fahr bitte jetzt zu Mama, wir reden später. Ich muss zu meiner Tochter.
Zu deiner Nichte! Friederike stand auf.
Ich seufzte nur und schloss die Tür. Dann ging ich zu Greta ins Zimmer.
Gretelein…
Mama, bitte warte kurz. Bevor du etwas sagst, will ich dir was gestehen. Ich weiß längst alles. Weißt du noch, letztes Jahr beim Ausräumen bei Oma? Ich habe die Vormundschaftspapiere gefunden. Erst war ich wütend, weil ihr mir nichts gesagt habt. Dann wollte ich sie treffen und fragen: Warum? Doch dann wurde mir klar, dass ich das gar nicht brauche. Du bist meine Mama! Keine andere will ich!
Greta, mein liebes Mädchen! Ich gebe dich niemals her.
Ich geb mich selbst auch nicht her lachte Greta. Erinnerst du dich an meinen Klassenkameraden Niklas? Ruf doch mal seine Mama an, sie ist Anwältin für Familienrecht.
Weißt du was, Tochter? Erwachsen werden musst du dann doch nicht zu schnell. Alles will sie schon selber regeln. Ich bin hier immer noch die Große und die Mama, nur mal so! Ich lachte und nahm das Mädchen in den Arm. Natürlich werden wir anrufen, alles wird sich regeln.
Es folgte viel Stress und viele Gespräche, aber das Gericht ließ alles, wie es war. Gretes Wille war klar: Sie wollte nicht zur leiblichen Mutter und sie nicht anerkennen.
Wir standen vor dem Gerichtsgebäude.
Endlich ist das alles vorbei ich atmete erleichtert durch. Was hast du jetzt vor?
Ich gehe weg, Sabine. Ich will nicht stören. Hilfe bekommst du bitte schlag sie nicht aus. Gretas Konto besteht schon lange, die Unterlagen hat Mama, ich lasse alles da.
Wozu das alles, Friederike? Und warum hast du sie damals wirklich abgegeben?
Es gab keinen Roman, Sabine. Da war nichts Schönes. Ich war am späten Abend in einem dunklen Park.
Mir stockte der Atem.
Und du hast nie etwas gesagt? All die Jahre damit allein?
Es war nicht mehr zu ändern. Darum habe ich geschwiegen. Am Anfang habe ich selbst geglaubt, es wäre nur der frühe Wechsel, dann war es schon zu spät. Greta soll das nie erfahren. Das ist nicht ihr Leben, sondern meines. Vielleicht kann sie mir irgendwann einmal verzeihen.
Ich nahm meine Schwester in den Arm, und gemeinsam blickten wir in Richtung unserer Mutter, bei der Greta stand.
Manchmal wird aus dem Schlimmsten das Schönste im Leben. Sie ist wirklich wunderschön! Friederike wischte sich die Tränen ab, und ich sah zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Lächeln auf ihrem Gesicht.





