Mit vierzehn Jahren kämpfte ich bereits mit hemiplegischen Migräneanfällen – seltene Attacken, die eine Körperhälfte völlig lahmlegen können.

Tagebuch, 14. Oktober

Mit vierzehn Jahren kämpfte ich bereits mit hemiplegischen Migräneanfällen seltene Attacken, die eine Körperhälfte gelähmt zurücklassen können. Ein seltsames Schicksal, das mir die Jugendjahre raubte, während meine Klassenkameradinnen unbeschwert am Rhein spazieren gingen oder in den Sommerferien nach Sylt reisten.

Damals kamen die Anfälle planbar, oft einmal im Monat. Immer wieder war meine linke Seite taub, meine Sprache schwerfällig, als hätte ich einen Schlaganfall. Für zehn Jahre lebte ich mit dieser Vorhersehbarkeit. Doch mit vierundzwanzig änderte sich alles schlagartig. Die Migräne überfiel mich nun täglich, hemmungslos, als wollte sie jedes Stück Normalität aus meinem Leben reißen. Unaufhaltsam. Überwältigend.

Mein Name ist Annika Schuster. Geboren und aufgewachsen in Freiburg im Breisgau bevor die Migräne kam, arbeitete ich als Junior-Projektleiterin in einem aufstrebenden Architekturbüro. Ich liebte es, auf Deadlines zuzusteuern, und fand in der Arbeit Erfüllung. Doch als der Schmerz keinen Tag mehr ausließ ob bohrender Druck hinter dem rechten Auge oder eine lähmende Schwäche im Arm reduzierte sich mein Leben innerhalb weniger Wochen bis zur Unkenntlichkeit.

Die Ärztinnen und Ärzte probierten alles: Medikamente mit Namen wie Zungenbrecher, Botox-Injektionen in den Kopf und Kiefer, Nervenblockaden, strenge Diäten. Nichts zeigte Wirkung. Nur Morphinpräparate gaben mir manchmal ein kleines Stück Normalität zurück gezwungenermaßen, denn ohne sie konnte ich kaum aus dem Bett aufstehen. So wurde aus meinem Vollzeitjob ein Teilzeitdasein. Kaum tragbar, aber immerhin etwas.

Dann, vor etwa zwei, drei Jahren, schlugen die Ärzte eine seltsame Lösung vor. Eine, die mir zunächst Angst machte.

Schwangerschaft.

Drei verschiedene Neurologen sagten mir das gleiche: Bei manchen Frauen kann eine Schwangerschaft wie ein hormoneller Reset wirken. Keine Medikamente, kein anderes Hormonpräparat bewirkt das. Es gibt nur diesen einen natürlichen Weg.

Mein Mann Paul und ich waren wie vor den Kopf gestoßen. Eigentlich wollten wir irgendwann mal Kinder aber doch nicht als medizinisches Experiment! Es ist riskant, gestand Dr. Berger. Aber bei ein paar Patientinnen hat es die Migräne komplett beendet.

Wir hatten Angst. Doch weiterzuleben wie bisher davor hatte ich noch mehr Angst.

Die Entscheidung wurde zu einem stillen Schatten, der Monate lang über uns lag. Immer wenn ein Migräneanfall kam, ich meinen Arm nicht mehr spürte, ein Glas fallen ließ oder nicht mehr richtig sprechen konnte, wollte Paul etwas sagen und schwieg dann doch wieder. Keine Worte fassten, was wir wirklich dachten:

Dürfen wir die Verantwortung für ein Kind eingehen, wenn ich so krank bin?

Dr. Berger rechnete uns nüchtern alles vor: Das Risiko, der Verlauf, die Unsicherheiten. Aber irgendwann sagte er: Annika, ich habe schon erlebt, dass es funktioniert. Garantieren kann ich es nicht. Aber hoffen dürfen Sie.

Die Hoffnung wurde zu einer Last, die ich nicht abschütteln konnte.

Eigentlich traf ich die Entscheidung nach einem besonders schlimmen Anfall, als ich auf den kühlen Fliesen im Badezimmer lag, meine linke Seite schlaff, das Sprechen unmöglich. Paul saß einfach wortlos neben mir, strich mir durchs Haar. Als die Symptome nachließen, flüsterte ich: So kann ich nicht mehr leben.

Er widersprach nicht.

Wir redeten stundenlang, über Ängste, Verantwortung und die Frage, ob es fair wäre, ein Kind in diese Unsicherheit zu bringen. Doch Paul sagte etwas, das ich nie vergessen werde: Wenn es dich rettet, und unser Kind wächst damit auf, dass seine Mutter wieder leben kann dann war es nie eine Last, sondern eine Rettung.

Da war die Entscheidung gefallen.

Die nächsten Monate wurden zur Geduldsprobe Arztbesuche, Bluttests, Hoffen und Bangen. Erst nach sieben langen Monaten hielt ich endlich einen positiven Test in der Hand. Ich weinte hemmungslos, und Paul dachte erst, etwas sei schiefgelaufen doch es war Erleichterung, Angst und Hoffnung auf einmal.

Das erste Trimester war hart. Hormonchaos. An manchen Tagen fühlte ich mich energiegeladen, an anderen lag ich zitternd und übel im Bett. Die Migräne verschwand nicht; doch irgendetwas begann sich zu verändern. Die Attacken kamen seltener, die Lähmungen wurden kürzer, der Schmerz nachlassender. Ein winziger Hoffnungsschimmer nach Jahren der Ausweglosigkeit fühlte es sich wie ein Wunder an.

Im sechsten Monat erlebte ich zum ersten Mal seit Jahren einen tag ohne Migräne. In der Kasse bei Edeka brach ich in Tränen aus, der Kassierer starrte mich irritiert an aber das war mir vollkommen gleich. Zum ersten Mal war ich frei.

Langsam kehrte Optimismus ein. Doch dann, im siebten Monat, passierte etwas Ungewohntes: Plötzlich konnte ich nichts mehr sehen, und als die Sicht zurückkam, spürte ich keine Hand mehr.

Die Diagnose kam wie ein Schlag: Präeklampsie.

Eine Notlage. Plötzlich hieß es: Bluthochdruck, Risiko für mich und das Baby. Mit meinem neurologischen Hintergrund wurde alles komplizierter.

Ich wurde ins Universitätsklinikum Freiburg eingewiesen. Alles roch nach Desinfektionsmittel, die Winterluft zog durch die Fenster. Paul campierte tagelang auf dem unbequemen Sessel, aß schlechte Cafeteria-Brötchen und hielt meine Hand bei jeder Blutdruckmessung.

Wochen vergingen zäh. Jeden Tag war ein Ringen um Zeit. Bis zur 35. Woche hielt mein Körper durch, dann schnellte der Blutdruck hoch, und ein Kopfschmerz, der sich wie der Beginn eines neuen Migräneanfalls anfühlte, überkam mich aber diesmal war keine Lähmung da, nur Druck.

Die Gynäkologin kam ins Zimmer und sagte ruhig: Annika, wir müssen das Kind heute holen.

Ich sah Paul an, voller Angst. Ist es zu früh? Wird sie durchkommen?

Unsere Tochter ist stark, hauchte er aber in seiner Stimme lag Unsicherheit.

Innerhalb einer Stunde wurde die Geburt eingeleitet. Im Kreißsaal war es grell, hektisch, überall Überwachungsgeräte. Ich bekam Magnesium gegen Krampfanfälle, mein Körper fühlte sich doppelt schwer an.

Zwölf Stunden später, um 3:12 Uhr nachts, schrie unsere Tochter Klara sich frei mit einer Inbrunst, dass die Hebammen erleichtert lachten.

Sie war klein, aber gesund. Lebendig. Vollkommen.

Ich drückte sie an meine Brust, Tränen liefen über mein Gesicht. Paul küsste meine Stirn und sagte: Du hast es geschafft. Sie ist da.

Das eigentliche Wunder kam jedoch erst danach.

Zwei Monate nach Klaras Geburt fiel es mir eines Nachts auf, als ich sie im Arm wiegte: Ich hatte seit Wochen keine Migräne mehr gehabt. Kein einziger Anflug. Nach vier Monaten waren es neunzig Tage ohne Attacke.

Nach neun Monaten erklärte mein Neurologe die hemiplegische Migräne für remittiert.

Ich nahm meine Arbeit wieder auf. Ich fing wieder mit dem Joggen an. Ich plante ein Leben ohne Angst, gelähmt aufzuwachen.

Nachts, wenn ich Klara schlafen sehe, frage ich mich manchmal, wie so ein kleines Wesen alles so grundlegend ändern kann. Die Ärzte behielten Recht: Die Schwangerschaft hat mein Leben neugestartet. Nicht auf einen Schlag. Sondern langsam, wie der Sonnenaufgang auf den Schwarzwaldhügeln erst kaum sichtbar, dann zweifelsfrei.

Die Migräne hat mich nicht einfach verlassen.

Sie hat mich endlich freigelassen.

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Homy
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Mit vierzehn Jahren kämpfte ich bereits mit hemiplegischen Migräneanfällen – seltene Attacken, die eine Körperhälfte völlig lahmlegen können.
Meine Freunde kaufen Wohnungen und stecken ihr Geld in Renovierungen, während meine Freundin all unsere Ersparnisse bei dem Versuch verzockt hat, unser Vermögen zu vermehren. Alle haben eine tolle Ehefrau, nur ich habe das Pech mit einer Dummen. Sie prahlte überall herum, dass wir nach der Hochzeit locker eine Eigentumswohnung kaufen können, schließlich haben die Hochzeitsgäste viel Geld geschenkt und ihre Familie wolle uns unterstützen – in Wahrheit aber erklärten ihre Eltern nur lachend, dass wir selbst für eine Wohnung sorgen müssen, wenn sie schon mit einem “wertlosen Immobilienmakler” ohne Studium heiratet. Am Ende musste ich meine Frau zu meinen Eltern mitnehmen. Mein Bruder wohnt schon dort mit seiner schwangeren Freundin, es ist sehr eng – und meine Eltern deuteten an, dass es schön wäre, wenn wir uns wenigstens eine Mietwohnung suchen. Aber ich beschloss, lieber weiter zu sparen, um später einen Kredit für eine eigene Immobilie aufzunehmen. Meine Frau wusste davon, sagte auch erst, sie wolle wirklich umziehen – und was machte sie? Sie investierte unsere gesamten Ersparnisse in Aktien. Warum? Um unseren Kontostand zu vermehren. Meine Mutter ist fast in Ohnmacht gefallen, als ich es erzählt habe. Mir zerreißt es das Herz, weil der Aktienkurs fällt, der Verkauf dauert Zeit, wir verlieren Geld oder müssen hoffen, dass es eines Tages wieder steigt. Und so haben alle Freunde Familie und Wohnung – und wir nur Aktien! Meine Frau weint, bereut, dass sie reingelegt wurde. Sie hat auch noch für teure Seminare bezahlt, damit ihr “Experten” das Investieren beibringen. Und ich denke immer öfter an Scheidung. Meine Liebe reicht wohl nicht, wenn ich das einfach nicht vergeben kann, und alles, woran ich denke, sind die jahrelang zusammengesparten Euros, die jetzt zu Staub werden. Wenn ich ehrlich bin, lief es von Anfang an schlecht – und diese Krise beweist es wieder: Ich stecke wohl in einer endlosen Pechsträhne, weil ich eine dumme Frau geheiratet habe.