Mein Mann hatte eine Großmutter. Jeden Sommer verbrachte er bei ihr in ihrer kleinen Wohnung in Freiburg. Das störte sie nie. Damals führte sie ihr eigenes Geschäft. Alles organisierte sie selbst, sie verkaufte Heilkräuter an Apotheken in der Umgebung. Mein Mann weiß bis heute nicht genau, wie alles ablief, aber er erinnert sich noch gut daran, dass sie für die damalige Zeit recht gut verdiente. Sie war eine Frau mit sehr eigenwilligem Charakter. Sie liebte meinen Mann sehr, sparte nicht beim Essen, gönnte ihm aber nichts für kleine Vergnügungen. Jeder dachte, sie würde für etwas Bestimmtes sparen. In ihrer Wohnung hatte sie große Kleiderschränke mit zahlreichen Fächern, alles war sorgfältig abgeschlossen.
Als Kind war mein Mann oft neugierig, was sich dahinter verbarg. Doch seine Großmutter sagte stets, dort sei nur alles für die Arbeit. Dann wandelten sich die Zeiten. In Deutschland wuchs der Unternehmergeist, die Konkurrenz war schneller als sie. Da begann sie, als Heilpraktikerin zu arbeiten. Sie nahm kein Geld für ihre Hilfe, trotzdem kamen reiche Leute aus der ganzen Stadt zu ihr. Wir besuchten sie noch, als sie lebte. Sie wohnte sehr bescheiden, trug alte, abgetragene Kleidung und aß kaum etwas. Wenn wir Lebensmittel aus München oder Stuttgart mitbrachten, lehnte sie meist ab. Sie sagte nur, wir sollten sie nicht verwöhnen: Sie sei dieses Leben gewohnt.
Als sie starb, hinterließ sie das Haus meinem Mann. Als wir zur Klärung des Erbes nach Freiburg fuhren, fanden wir in ihrer Speisekammer Unmengen an Lebensmitteln, aber alles war längst abgelaufen. Es stellte sich heraus, dass ihr viele dankbare Klienten Essen gebracht hatten sie hat es jedoch nie angerührt. Der eigentliche Schock kam jedoch, als wir die Schränke öffneten: Dort türmten sich unzählige wertvolle Gegenstände aus den 1990ern, ein ganzes Museum an Raritäten. Alles in kaum zu fassender Menge. Warum hat sie ihr Geld in Dinge gesteckt, deren Wert mit der Zeit verloren geht? Ich werde diesen Menschen wohl nie ganz begreifen.
Am Ende bleibt mir nur diese Erkenntnis: Wahre Zufriedenheit finden wir nicht in gesammelten Schätzen, sondern in gelebter Bescheidenheit und im Geben, nicht im Horten. Das lehrte mich ihre Geschichte.





