Jener März
März das ist nicht einfach ein Monat, sondern eine jährliche Prüfung meiner seelischen Belastbarkeit.
Besonders, wenn die Liebe so wechselhaft ist wie das Wetter draußen: mal Frühling, mal Weltuntergang, mal sieht es so aus, als hätte jemand graue Farbe über ganz Hamburg gekippt.
Die Liebe zwischen Oleg und mir begann im März, was alles erklärt.
Andere Paare lernen sich unter dem Tanz der Kirschblüten kennen, doch wir begegneten uns, als Oleg mich versehentlich mit einer Pfütze bespritzte, worauf ich, statt zu jammern, einen Schneeball zielgenau auf seine Windschutzscheibe warf darin hätte gut und gerne ein Backstein stecken können.
Es war Liebe auf den ersten Abpraller.
Der März in unserer Stadt war die Zeit, in der Romantik Gummistiefel trug.
Kommst du raus, spazieren? hauchte Oleg ins Telefon.
Mir fehlt das Boot, gab ich trocken zurück.
Ich trag dich auf dem Rücken.
Unsere Dates glichen dann Übungen der Bundeswehr im Moorgebiet.
Oleg schleppte mich heroisch durch Seen aus matschigem Schnee, während ich den Regenschirm hielt, der ständig drohte, Richtung Bremen abzudriften zusammen mit unseren Hoffnungen auf trockene Füße.
Weißt du, philosophierte Oleg, während sein rechter Schuh im Wasser platschte, genau darin liegt die Tiefe unserer Gefühle.
Wir sind wie die zwei Enten im Park.
Die sind schon letztes Jahr im Oktober nach Süden gezogen, Oleg.
Wir sind derzeit eher wie zwei tollpatschige Pinguine, die die Antarktis verfehlt haben.
Unsere merkwürdige Liebe zeigte sich in Kleinigkeiten.
Tiefe Gefühle im März das ist kein Ring im Sektglas (da schwimmt eh nur ein Eiswürfel drin), sondern die letzte Grippostad-Tablette, aufgeteilt in zwei Hälften.
Das ist für dich, sagte Oleg feierlich und gab mir die gelbe Pulverhälfte.
Kommt direkt vom Herzen.
Warum ist das in Katzenhaar eingewickelt?
Das ist eine Gewürzmischung.
Für die Immunabwehr.
Ich schaute ihn an mit seiner albernen Bommelmütze, geröteter Nase und dem irren Glanz in den Augen und wusste: Das ist es.
Dieser verrückte Fehlschluss des Universums, der zwei Leute zusammenführte, die noch lachen können, wenn beide mit Fieber auf dem Sofa liegen (was für einen Mann ja quasi an ein Sterbebett grenzt).
Der romantischste Moment kam Ende März.
Draußen zeigte sich endlich die Sonne und legte alles offen, was der Winter so fleißig unter Schnee versteckt hatte.
Hamburg wirkte wie Kulisse für einen Film über den Aufstand der Stadtreinigung.
Wir standen auf einer Brücke, der Wind pfiff mit dreißig Metern pro Sekunde und wollte Olegs Jacke abziehen.
Anna, begann er, den Frühlingslärm fast übertönend, ich wollte sagen Du bist für mich wie wie das erste Schneeglöckchen!
So blass und kämpfst dich durch den Müll? fragte ich und richtete den Schal, den ich schon dreimal um den Kopf gewickelt hatte.
Oleg zögerte.
Nein.
So standhaft.
Trotz dieses verrückten März bist du noch immer bei mir.
Auch nachdem ich dein Handy in einen Schneehaufen fallen ließ, der eine Pfütze war.
Ich schaute ihn an, nieste synchron mit einer vorbeifahrenden Straßenbahn und musste lachen.
Na gut, Held-Schneeglöckchen.
Lass uns heimgehen.
Ich habe ein Kilo Zitronen gekauft und das Rezept für Glühwein rausgesucht.
Überleben wir diesen Sonntag, erkenne ich unsere Liebe offiziell als Denkmal an.
Wir schlenderten durch die Straßen, wichen Eisbergen auf dem Gehweg aus.
Es war tiefgründige Liebe genau bis zu den Knien, denn so hoch stand das Wasser im Hausflur.
Uns machte das aber nichts.
Im besagten März zählt nicht, wie sauber die Schuhe sind, sondern wessen Hand man hält, während man gemeinsam dem unausweichlichen April entgegengleitet
Ein Jahr war vergangen.
Ein neuer besagter März begann.
Hamburg verwandelte sich wieder in die Kulisse von Waterworld, produziert mit knapp drei Euro.
Oleg und ich standen vor einer riesigen Pfütze, die nachts den gesamten Innenhof erobert hatte.
Die Nachbarn drängten sich an den Zäunen, versuchten auf dem Eisrand zu balancieren, während ein Rentner hoffnungsvoll zum Himmel schaute in Erwartung eines Rettungshelikopters, oder wenigstens einer Taube mit Olivenzweig.
Oleg, sagte ich und sah auf meine neuen weißen Sneaker, gekauft aus ungerechtfertigtem Optimismus.
Wir sind doch Erwachsene.
Haben eine Hypothek, Jobs, den Jahresbericht.
Wir können nicht einfach
Doch, unterbrach Oleg mich.
Wie ein Zauberer holte er zwei knallgelbe Gummistiefel mit Entenprint hervor.
Ich habe sie gestern gekauft.
Deine Größe.
Ich seufzte.
Das ist die tiefe Liebe, bei der der Partner nicht nur die Schuhgröße kennt, sondern auch den Grad der Bereitschaft, sich lächerlich zu machen.
Fünf Minuten später standen wir mitten im Herzen der Pfütze.
Das Wasser gluckste, die Sonne spiegelte sich in schmutzigen Eisschollen, Passanten schauten uns an, als wären wir entflohene Patienten aus einer sehr netten, aber streng bewachten Klinik.
Weißt du, sagte ich und sprang, so dass ein Sprühregen den Nachbarn mit Nerzhut traf, das ist der beste Start in den Frühling.
Das ist der Code Gelbe Ente, erwiderte Oleg ernst.
Das System wollte uns ertränken in Depression, aber wir haben wasserfeste Fersen.
Wir standen mitten in diesem Frühlingschaos absurd, nass, aber absolut synchron.
Es war eine seltsame Liebe, begreifbar nur für jene, die das Tiefe in dem sehen können, was andere als Dreck ansehen.
Oleg umarmte mich, und in diesem Moment schien die Sonne so stark, dass unsere Jacken zu dampfen begannen.
Wir brennen, bemerkte ich.
Nein, sagte Oleg mit einem Lächeln.
Wir sind einfach endlich auf Betriebstemperatur.
In diesem März wurde uns klar: Wenn das Leben Pfützen serviert, kaufe die buntesten Stiefel und lern darin zu tanzenUnsere Gummistiefel quietschten, als wir weiter durch das Wasser stapften, und die Vögel auf den Dächern beäugten uns vielleicht, weil wir die einzigen waren, die sich freiwillig im März pudelnass machten.
Ein Lachen stieg in mir auf, warm wie Glühwein, und während ich Olegs Hand fester drückte, drehte er sich zu mir.
Im nächsten März, sagte er, bauen wir uns ein Floß.
Oder holen uns Taucherbrillen.
Oder werden einfach Fische.
So lange ich mit dir tauche, ist mir das Meer auch egal, flüsterte ich.
Die Gummientchen an unseren Füßen grinsten gelb im Sonnenlicht und die Nachbarn schüttelten die Köpfe aber es war egal.
Denn zwischen den nassen Schuhen, dem schrägen Wetter und dem ständigen Chaos war klar: Glück ist nicht perfekt, sondern trotzig, mutig und ein bisschen albern.
Wir ließen das Wasser hinter uns, ließen den März durch uns hindurch und wussten: In dieser Stadt, in diesem verrückten Monat, gibt es kein sichereres Ufer als den Menschen, der neben dir springt, auch wenn er dabei alles vollspritzt.
Und als wir weggingen, tauchte hinter uns im Hof eine Regenbogenlache auf.
Vielleicht nur eine optische Täuschung, vielleicht Glück, vielleicht das Versprechen, dass sogar der März irgendwann blüht, wenn man ihn gemeinsam durchsteht.
Wir lachten und der Frühling kam, wie immer, einen Tag zu spät, aber genau im richtigen Moment.




