Schwiegermutter
Brunhilde Schuster ist eine Frau, die Eindruck macht. Nicht einfach ein Gang, sondern ein Marsch. Nicht einfach ein Blick, sondern ein stechender Blick, der alles durchbohrt. Ihre Worte sind keine Aussagen, sondern fast Gesetzestexte. Stell sie auf einen Sockel und man hat ein Denkmal, keine Frau.
Brunhilde leitet eine Großhandelsfirma für Lebensmittel, hatte zwei Vorstrafen wegen Körperverletzung und eine wegen fahrlässiger Tötung und hat in den Pausen dazwischen drei Töchter zur Welt gebracht und natürlich drei Schwiegersöhne.
Nach jeder Hochzeit versammelt sie die Schwiegersöhne und liest ihnen ihre Rechte und Pflichten vor, plus einen ausführlichen Katalog von Strafen bei Verstößen.
Brunhilde mischt sich nicht in Kleinigkeiten ein, sie schont ihre Nerven. Ihren Töchtern ist streng verboten, die Mutter grundlos zu behelligen sie sollen lernen, ihre Probleme selbst zu lösen. Nur wenn jemand oder etwas Wertvolles verschwindet oder wenn irgendwo eine Leiche versteckt werden muss, darf man Brunhilde anrufen.
Die Schwiegersöhne schätzen diese Nicht-Einmischung sehr und riskieren nichts: Es ist besser, keine Konflikte mit Brunhilde zu haben, denn das Thema Affekttat ist quasi auf ihrer Stirn tätowiert.
Der jüngste Schwiegersohn, Jonas, hat mit Brunhilde wenig zu tun, fürchtet sie deshalb nicht, und da er mit seiner Familie in einer benachbarten Stadt wohnt, fühlt er sich frei und unabhängig. Bis zu dem Moment, als er sich entschließt, bei den Wochenendaktivitäten seines Chefs mitzumachen und mit drei Kollegen und dem Chef in die Sauna zu gehen.
Jonas erzählt seiner Frau, er müsse länger arbeiten es gibt angeblich noch etwas Dringendes zu erledigen. Die erfahreneren Kollegen sichern sich ab: einer nimmt Angel und Zelt von zu Hause mit und bestellt für seine Frau einen Eimer lebender Fische, angeblich für den Angelausflug mit Freunden. Zwei andere bringen ihre Laptops mit, als Tarnung für ein nächtliches Panzer-Computerspiel. Der Chef ist offen die Sauna hat er seiner Frau einfach erzählt.
Gegen Mitternacht wird denen das Trinken und Schwitzen langweilig, und sie beschließen, die Männergruppe aufzupeppen sie machen zusammen eine Kollekte und bestellen Prostituierte. Das Geld reicht nur für zwei Damen, die sich als absolute Katastrophen entpuppen. Der Chef will sie gegen eine attraktivere tauschen, doch die Gruppe entscheidet sich für mehr Wodka statt mehr Frauen.
Da ruft die jüngste Tochter Brunhilde an, völlig aufgelöst:
Mach es kurz, ich habe gerade einen LKW voll Ware zu entladen, sagt Brunhilde streng.
Mama, Jonas ist nicht von der Arbeit zurück, sein Handy antwortet nicht, auch keines der Kollegen. Sie klingt verzweifelt. Was ist passiert, Mama?
Verdammt nochmal… ruf nicht an, ich kläre das! bellt Brunhilde und gibt Anweisungen, steckt sich ins Auto und fährt Richtung Nachbarstadt, unterwegs macht sie mehrere Telefonate.
Nach rund einer halben Stunde weiß sie, in welcher Sauna und mit wem ihr Schwiegersohn feiert. Nach einer weiteren Stunde kommt sie in der Stadt an und wenige Minuten später steht sie mit einem verdatterten Saunamitarbeiter vor der gelangweilten Runde. Die Stimmung hebt sich schlagartig, Jonas bekommt ein ziemlich wasserdichtes Alibi inklusive diverser blauer Flecken und einem abgebrochenen Zahn.
Der Chef versucht, die Lage zu retten: Was erlauben Sie sich, Frau?! Wer sind Sie überhaupt?! Ich ruf jetzt die Polizei! Aber er kennt Brunhilde nicht, denn die greift mit einer Hand das Messer, mit der anderen packt sie den Chef am Hals: Wage es ja nicht, du Scheißkerl! Ich schneide dir die Zunge raus! Ich bin die Schwiegermutter von dem Kerl hier!
Ruhe, ihr Schnecken! ruft sie den Prostituierten zu, schwenkt das Messer und geht auf Jonas zu: Na, Jonas, drückts irgendwo in der Hose?
Mama! Jonas weicht zurück, Das machen Sie nicht!
Und was sollte mich daran hindern?
Ich habe Ihrer Tochter nicht betrogen, fragen Sie ruhig nach!
Brunhilde schaut die Prostituierten an.
Keiner hat wen betrogen, brummt der Chef, massiert seinen Hals.
Sehe ich selbst, das sind schreckliche Mädels. Warum habt ihr überhaupt solche bestellt?
Sie schenkt Jonas noch einen Wodka ein: Trink. Für die Betäubung.
Jonas schlürft den Schnaps, zitternd.
Was ist das hier für ein Saustall? Redet, Leute!
Wir wollten einfach ein bisschen feiern, aber es war durchgehend langweilig. Und die Mädels sind völlig untauglich, antwortet der Chef.
Brunhilde schneidet sich ein dickes Stück Wurst ab, setzt sich und kauend sagt sie: Ihr habt null Fantasie, Jungs. Sie zeigt auf die Angel: Aus dem Sexshop, oder was?
Das ist meine Tarnung, sagt der Fischer.
Sie kickt das Fisch-Eimer mit dem Fuß. Auch Tarnung?
Genau.
Clever. Was würdet ihr ohne mich machen, Trottel? Aber heute habt ihr Glück.
Brunhilde kippt das Fisch-Eimer in den Pool, die Fische schwimmen wild umher.
Hier, gibt sie dem Fischer eine Angel und dem Panzerfahrer die zweite, ihr angelt. Hey, Schnecken! Rein ins Wasser, Geld verdienen!
Die Prostituierten springen hastig ins Becken.
Regeln sind: Die Männer angeln mit der Angel, die Mädels mit den Händen. Wer was fängt, darf heil raus.
Du, sie zeigt auf den anderen Panzerfahrer, notierst das Ergebnis. Der Chef und ich wetten: Ich setze auf die im gelben Badeanzug, sie fängt zuerst einen Fisch.
Quatsch! ruft der Chef. Ich setze auf Micha, er ist unser Profi-Angler.
Hey, Gelbe!, ruft Brunhilde, Bonus gibts, wenn du als Erste einen Fisch fängst.
Und was bekommen ich?, protestiert die andere Dame.
Bonus, wenn du mehr fängst als Gelbe.
Eine halbe Stunde später blickt der Saunamitarbeiter vorsichtig ins Zimmer, es herrscht lauter Spaß: Die Damen fangen die Fische mit bloßen Händen, Micha fischt mit Brot, der Panzerfahrer jagt eine Prostituierte, Jonas und der andere greifen mit einem großen Badetuch als Netz nach irgendwas. Der Chef steht am Beckenrand und feuert die Runde an.
Brunhilde schreibt ihrer Tochter: Jonas wurde von unbekannten Überfallern auf dem Heimweg angegriffen, verletzt, aber lebt und gibt gerade der Polizei eine Aussage. Sobald alles vorbei ist, bringt sie Jonas heim. Am Ende steht: Küss dich, Mama. Denn der Seelenfrieden der Tochter ist Brunhilde wichtiger als ein gebrochener Zahn und eine schlaflose Nacht in der Sauna. Jonas bekommt später via Überweisung eine warme Summe in Euro für die Zahnsanierung er konnte nichts dafür, aber künftig soll er wissen, was ihn erwartet, wenn er sich zu sehr amüsiert.





