Tagebuch 25. März
Manchmal denke ich zurück an die vergangenen Jahre und kann kaum glauben, dass alles, wofür ich gelebt und gearbeitet habe, sich so verändert hat.
Ich heiße Johann Schröder, bin 72 Jahre alt, komme aus Bremen. Mein ganzes Leben lang habe ich mit meinen eigenen Händen gearbeitet Mörtel, Steine, Ziegel, Fassaden. Das war nicht nur mein Handwerk, das war meine Stärke und mein Lebensinhalt.
Vor zwanzig Jahren, nach dem Tod meiner Frau Hildegard, stand ich an ihrem Grab auf dem Riensberger Friedhof und versprach ihr, ein großes Haus zu bauen. Einen Ort, an dem unsere Kinder Annegret, Gertrud und Friedrich samt Familien zusammenfinden. Wo wir gemeinsam alt werden könnten, ohne auseinanderzugehen.
Ich arbeitete unermüdlich. Frühmorgens, nach Feierabend, an Feiertagen, an Wochenenden. Jeder gesparte Euro floss in den Bau dieses Hauses. Im Stadtteil wussten alle: Das ist doch der Opa, der sein Vierfamilienhaus ganz alleine hochzieht!
Nach Jahren war das Haus endlich fertig. Für jedes meiner Kinder eine eigene Etage. Friedrich bekam das Erdgeschoss, Gertrud das erste Obergeschoss, Annegret das zweite. Ich selbst bezog die kleine Souterrainwohnung mit Zugang zum Garten. Dort saß ich oft unter unserem alten Apfelbaum und war dankbar fürs Leben.
Als ich ihnen die Schlüssel überreichte, fielen sie mir um den Hals. Sie weinten, versprachen: Papa, du wirst nie allein sein, das hier ist immer dein Zuhause. Noch heute höre ich ihre warmen Worte.
Anfangs war alles voller Leben und Geborgenheit Familienfeste, das Lachen der Enkel, der Geruch von Sonntagsbraten, Kinder, die kichernd die Treppen hoch und runter sausten. Ich saß zufrieden im Garten, spürte mein Glück.
Doch mit den Jahren veränderte sich das Miteinander. Still und langsam, fast unmerklich.
Eines Abends bat mich Friedrich, lieber in meiner Wohnung zu bleiben, weil er Gäste hatte, und ich sollte mich nicht abmühen. Gertrud meinte, ich solle meine Medikamente besser wegschließen ihr würden die Gerüche stören. Annegret bat mich, in meiner kleinen Küche zu kochen, weil sie oben ihren Podcast aufnehmen wollten und dazu Ruhe brauchten.
Niemand war offen unhöflich, aber ihre Worte begannen sich in mir einzunisten. Erst waren es kleine Kratzer, dann waren es Wunden.
Wenn ich im Wohnzimmer mit sitzen wollte, schaute man lieber eine Serie und bat mich zu gehen. Wenn ich im Garten arbeitete, sollte ich bitte aufpassen, keinen Dreck zu machen. Wagte ich, etwas zu reparieren immerhin hatte ich alles selbst gebaut! schlug man vor, Handwerker zu holen.
So wurde ich mit der Zeit zum Gast im eigenen Haus, fast zum Fremden. Aß alleine unten in meiner kleinen Stube, lauschte dem Lachen und Leben über mir.
Am schlimmsten war der Tag meines Geburtstages. Niemand hat daran gedacht.
Spät am Abend holte ich Wasser aus der Küche. Da hörte ich, wie meine Kinder über die künftige Umgestaltung sprachen. Sie wollten mehr Platz, das Souterrain wäre ideal für ein Fitnessstudio, und für mich wolle man eine ruhigere Unterkunft mit Betreuung finden.
Ihre Stimmen klangen nicht böse, sondern sachlich. Gerade das tat am meisten weh.
Da wusste ich, dass ich für sie nicht mehr Teil ihres Alltags war, sondern nur noch ein Problem, für das man eine pragmatische Lösung finden wollte.
Am nächsten Morgen zog ich meinen besten Anzug an, legte die originalen Grundbuchunterlagen in meine Ledertasche. Ich hatte das Haus niemals offiziell überschrieben.
Ich ging zu einer großen Immobilienfirma in der Innenstadt, die schon lange Interesse am Viertel zeigte. Sie prüften sofort die Unterlagen, begutachteten das Haus, setzten den Wert an und boten mir eine Summe, die mir einen würdevollen, ruhigen Lebensabend ermöglichen würde.
Ich nahm das Angebot an.
Noch am selben Tag war das Geld eine große fünfstellige Summe in Euro auf meinem Konto. Ich beauftragte ein Umzugsunternehmen, nahm nur meine wertvollsten Erinnerungen mit: Fotos von Hildegard, mein Werzeug, ein paar Bücher, einige Kleidungsstücke. Den Rest ließ ich zurück.
Als meine Kinder am Abend heimkamen, saß ich ruhig inmitten des Wohnzimmers das Zimmer, in dem ich schon so lang nicht mehr willkommen war. Mein Koffer stand gepackt neben mir.
Sie waren entsetzt, fragten: Was ich hier mache? Ob alles in Ordnung sei?
Leise und ohne Vorwurf erklärte ich, dass ich das Haus verkauft habe und sie die Wohnung demnächst verlassen müssten, weil neue Eigentümer einziehen werden. Ich erhob die Stimme kein bisschen, beschuldigte sie nicht. Sagte nur die Wahrheit.
Ihre Fassungslosigkeit war groß. Warum? fragten sie, Wie kannst du das machen? Wo willst du denn hin?
Ich antwortete: Jeder Mensch hat das Recht, dort zu leben, wo er sich respektiert fühlt. Ich mache niemandem einen Vorwurf doch ich habe erkannt, dass mein Platz hier nicht mehr ist, dass ich nur noch im Weg bin. Für euch, für mich ist es besser, wenn jeder seinen eigenen Weg geht.
Ich stand auf, nahm meinen Koffer und verließ mein Leben dort, wo ich gehofft hatte, für immer zu bleiben.
Heute habe ich mein neues Zuhause an der Nordsee. Ich wache auf mit der Meeresbrise, genieße die Ruhe und den klaren Himmel ein Frieden, den ich lange nicht mehr gespürt habe.
Ja, ich vermisse die Tage voller Leben. Ich vermisse das Lachen der Kinder, das Haus, das ich mit Liebe gebaut habe. Was ich nicht vermisse: das Gefühl, unsichtbar zu sein in einem Haus, das angeblich uns allen gehört.
Manchmal muss man nicht gehen, weil man andere aufgibt, sondern weil es an der Zeit ist, sich selbst zu wählen.





