Die besten Liebhaberinnen sind oft diejenigen Ehefrauen, die längst abgeschrieben wurden.
Friedrich war fest davon überzeugt, dass er mit seiner Frau einfach kein Glück gehabt hatte. Eine kühle Deutsche, dachte er. Früher war alles normal, aber jetzt war die Luft raus. Die Leidenschaft, die ihn einst dazu brachte, früher nach Hause zu eilen, war verschwunden.
Eigentlich war das Leben gar nicht schlecht: Die Wohnung war stets sauber, Suppe stand heiß auf dem Tisch, das Kind war groß geworden, hatte selbstständig einen Studienplatz in München ergattert und war ausgezogen. Doch all das lief irgendwie wie auf Autopilot, ohne den gewissen Schwung, den es in der Zeit der roten Spitzenunterwäsche gab. Seine Frau hatte sich ruhig und unauffällig von der Kategorie die aufregende Frau zur Kategorie lieber Haus-Bär verschoben, und Friedrich hatte sich damit abgefunden.
Schon lange verspürte er keine Eifersucht mehr. Und auf wen denn auch? Die Kolleginnen im Büro? Vielleicht die Kassiererin im REWE? Wer hätte sich bei diesen etwa 75 Kilogramm Zuverlässigkeit Sorgen machen sollen?
Was früher heimlich geschah, wurde mit der Zeit fast öffentlich. Das Stöbern auf Dating-Seiten (nur mal schauen, was es gibt), das Chatten (um das Selbstbewusstsein zu stärken), das Treffen mit Freunden (du verstehst, Männer brauchen auch ihren Feierabend).
Seine Frau bemerkte ab und zu etwas, hatte manchmal Verdacht, schimpfte und verstummte dann. Friedrich sah das als Kapitulation: Sie hatte wohl ihren Platz akzeptiert.
Dann ergab sich plötzlich eine perfekte Gelegenheit, das Leben eines freien Mannes zu führen. Seine Frau bekam eine Geschäftsreise nach Berlin. Friedrich jubelte: Endlich konnte er sich wirklich entspannen. Er stellte sich schon im Voraus vor, wie er Nachrichten schreiben, neue Frauen kennenlernen und jemanden zum Kaffee einladen würde vielleicht nicht nur zum Kaffee. Das Leben versprach neue Farben.
Die Realität war allerdings viel bescheidener, als er erwartet hatte. Auf der Dating-Plattform schickte er etwa hundert Nachrichten, zehn antworteten, mit vier kam ein Gespräch zustande. Eine begann sofort über Kryptowährungen und ihren Erfolg zu sprechen, eine entpuppte sich als Bot, und die anderen beiden verschwanden nach wenigen Nachrichten wieder. Friedrich musste überrascht feststellen, dass ein fast geschiedener Mann mit eigener Wohnung und festem Gehalt in Euro gar nicht so attraktiv ist, wie er dachte.
An einem Abend, als er die Browserverlauf von seinen virtuellen Abenteuern bereinigte, stieß er zufällig auf eine seltsame Information zur Geschäftsreise seiner Frau. Je mehr er darüber las, desto schlechter fühlte er sich.
Die Geschäftsreise gab es tatsächlich. Aber ein Detail war neu: Seine Frau wurde in Berlin von einem jungen Kollegen begleitet, 27 Jahre alt und er war nicht einfach nur dabei, sondern war ihr Liebhaber. Und nicht nur das: Die Tickets, das Hotel, die Restaurantbesuche alles wurde von seiner unscheinbaren und langweiligen Frau bezahlt.
Friedrich glaubte es zuerst nicht, dann wurde er wütend. Während er träge Profile für Abenteuer durchblätterte, lebte sein lieber Haus-Bär ein intensives, verrücktes Leben, von dem er selbst nur träumte.
Der darauf folgende Streit war gewaltig. Es gab gegenseitige Vorwürfe und langes Diskutieren.
Viele Männer würden jetzt meinen, man solle solche Frauen abschieben. Aber niemand wurde abgeschoben. Sie haben geschrien, geweint, geredet und plötzlich festgestellt, dass zu zweit alles doch bequemer ist als alleine.
Friedrich sah seine Frau auf einmal mit anderen Augen. Nicht mehr als gewohntes Möbel, sondern als Frau mit eigenen Träumen und Sehnsüchten, die durchaus begehrt werden kann nur eben nicht von ihm.
Ich würde natürlich keinem raten, solche Experimente als Rezept für Eheglück zu sehen. Meist endet das mit Trennungen, Tränen und Nerven am Limit. Aber diese Geschichte hat für mich eine wichtige Erkenntnis: Die sogenannten kalten Ehefrauen sind oft gar nicht kalt. Sie sind einfach nur müde vom Alltag, von Gleichgültigkeit und davon, dass niemand sie mehr als Frau wahrnimmt.
Manchmal reicht ein kleiner Anstoß, und plötzlich zeigt sich, dass im Haus kein träger Bär, sondern eine ziemlich leidenschaftliche Frau lebt. Sie ist nur leidenschaftlich für jemanden, der den Funken noch sieht.





