Weißt du noch, Svenja… Er schaute mittlerweile ganz selbstverständlich bei ihnen ins Fenster, denn s…

Ach, erinnerst du dich noch, wie das damals war, Elisabeth

Ich habe mich irgendwann daran gewöhnt, zu ihnen ins Fenster zu schauen, weil sie im Erdgeschoss wohnten. Anfangs hätte ich lieber weiter oben gewohnt, aber dann ist das Gefühl verschwunden. Am meisten freute sich Oma kein lästiges Treppensteigen mehr. Samstags hat Oma Inge, Elisabeths Oma, immer Kuchen gebacken, mal Apfelstrudel, mal Pfannkuchen, aber immer etwas Duftendes, irgendwas Leckeres.

Der süße Duft drang stets durch das offene Küchenfenster und verlockte die Jungs, die draußen Fußball spielten. Johannes kam vertraut ans Haus, doch nicht zum Küchenfenster, sondern von der anderen Seite. Dort stellte er eine alte Kiste aus dem Garten vor das Fenster, kletterte drauf und schaute nach Elisabeth. Sie lief schon heran, sobald sie das Kratzen am Fenster hörte es war, als spürte sie, dass er gleich auftauchen würde.

Ich hole gleich Kuchen, Oma hat gebacken, sagte sie, während ihr hellrosa Haarband, das ihren Zopf zusammenhielt, sich beim Laufen löste.

Schmeckt super, sagte Johannes mit vollem Mund und blickte in das Zimmer. Hast du Deutsch-Hausaufgaben gemacht? fragte er.

Ja, die sind erledigt.

Gibst du mir deine Hefte zum Abschreiben?

Elisabeth reichte ihm gerne das Heft. Vergiss nicht, morgen früh vor dem Unterricht wieder hier zu sein, ich brauche es zurück.

Johannes war eigentlich ein guter Schüler, doch wie die meisten Jungs damals war er etwas bequem mathematische Aufgaben verstand er schnell, aber die Zeit auf dem Hof ging für Hausaufgaben verloren. In den Neunziger Jahren gab es noch keine Flut von Handys, wir rannten bis spät abends draußen herum und wollten gar nicht nach Hause kommen.

In der achten Klasse trug Johannes zum ersten Mal Elisabeths Rucksack, schwang ihn und erzählte von einem neuen Film. Im neunten Jahr wurde die fragile, braunäugige Martha nach einhelliger Meinung der Jungen das schönste Mädchen der Schule. Johannes war fortan wie verzaubert. Er konnte seinen Blick kaum von ihr abwenden, schleppte sich nach ihr bis nach Hause. Elisabeth dachte, das würde vorübergehen. Doch nun kam er nicht mehr zu ihr zum Abschreiben, sondern schlich sich ans Fenster, klopfte und sagte: Elisabeth, hilf mir mit den Aufgaben.

Martha wusste, wie man auf Distanz bleibt, aber sie zog ihn unwiderstehlich an sich. Johannes schwankte zwischen Martha, die ihm mal Aufmerksamkeit schenkte, mal abwies, und Elisabeth, die immer auf ihn wartete.

Er schaute wie früher ins Fenster, und sie stellte ihm eine Tasse Tee auf die Fensterbank, aus der dampfend der Duft aufstieg, dazu ein paar Kekse, wenn gerade kein Kuchen da war.

Hast du gehört, unsere haben verloren, erzählte er und meinte den Fußball. Elisabeth wusste immer Bescheid, las Sportnachrichten, schaute Spiele, auch Thriller, die sie eigentlich nicht mochte nur um mitreden zu können, falls Johannes fragte.

Sie war für ihn immer Kameradin, in allen Situationen. Johannes vertraute ihr, kam zu ihr eher als zu einem Freund, der hilft und versteht. Aber Martha Martha bewunderte er, dachte an sie, träumte, sehnte sich und klagte Elisabeth sogar, wenn Viktor Martha nach Hause brachte.

Nach der Schule gingen alle drei auf unterschiedliche Hochschulen. Johannes hing dauerhaft an Martha und besuchte Elisabeth nur selten aus alter Gewohnheit. Gelegentlich gingen sie ins Kino, und Johannes sprach ununterbrochen, weil er sich alles von der Seele reden musste.

Johannes, ich habe am Samstag Geburtstag. Ich lade dich ein. Kommst du? Ihre grauen, verliebten Augen sahen ihn an.

Er überlegte. Samstag? Ja, das geht. Wer kommt noch?

Meine Eltern, Oma, Vera mit Vadim, Olga du kennst sie, unsere Leute halt.

Gut, ich komme vorbei, versprochen.

Am Samstag kam er nicht. Er tauchte eine Woche später auf, bedrückt, zerknittert.

Johannes, du bist ganz traurig. Was ist los?

Er erzählte, Martha sei für ein Praktikum weggefahren und hätte ihm nicht einmal Bescheid gesagt. Elisabeth tröstete ihn (auch wenn es sie viel Überwindung kostete). Ich habe am Samstag auf dich gewartet, sagte sie.

Was war denn am Samstag?

Mein Geburtstag

Oh! Er schlug sich an die Stirn. Elisabeth, ich habe es vergessen, aber du bist nicht böse, oder?

Nein, das passiert.

Er trat ans Fenster. Weißt du noch, wie du mich im Sommer mit Kuchen versorgt hast? Da stand die Kiste draußen, ich kletterte drauf und auf der Fensterbank stand die Tasse Tee mit Marmelade

Elisabeth lächelte. Die warmen Erinnerungen taten ihr gut, und es war schön, dass Johannes sich daran erinnerte. Sie redeten unbeschwert weiter, dachten an ihre Hof-Gemeinschaft, an die Klassenkameraden, wie sie mal den Unterricht schwänzten und die Lehrerin sie im Park auf einer Bank ertappte, woraufhin sie zum Geschichtsunterricht zurück musste.

Im fünften Studienjahr war Johannes voller Glück Martha sagte Ja zur Hochzeit. Die Nachricht überbrachte er Elisabeth. Sie beherrschte sich, kaute auf der Unterlippe, um nicht in Tränen auszubrechen. Hörte ihm zu, blieb wie immer eine Freundin, der man alles anvertrauen konnte.

Sie weinte einen Monat lang heimlich ins Kissen, schimpfte auf sich, weil sie ihm nie ihre Liebe gestanden hatte.

Später kam er wieder vorbei. Oma und Eltern waren zu Besuch, die Wohnung wirkte ungewohnt still. Elisabeth kuschelte sich in ihre alte Wolldecke, schaute Fernsehen. Sie glaubte erst nicht, als Johannes Stimme vor der Tür erklang.

Sie öffnete, sah ihn erschöpft, mit leerem Blick, lehnt an der Wand. Was ist los? Ihr wurde das Herz eng.

Er trat ein. Sie setzen sich ins Zimmer. Er schien gleich loszuheulen. Johannes, bitte sag, was ist passiert?

Sie es wird keine Hochzeit geben sie hat gesagt, sie liebt einen anderen. Elisabeth hatte ihn noch nie so aufgelöst gesehen. Sie ging zu ihm, legte Hände auf seine Schultern: Johannes, bitte beruhige dich, vielleicht klärt sich alles noch.

Es geht nichts mehr, sie hat selbst die Anmeldung zurückgenommen das wars. In den Augen glänzen Tränen. Er legte den Kopf auf ihre Knie, rutschte vom Sofa, vergrub das Gesicht im Kleidsaum. Es tut so weh, Elisabeth, es ist nicht auszuhalten…

Johannes, Liebling, beruhige dich, ich mache dir Kräutertee erinnerst du dich, wie wir Tee am Fenster tranken?

Ich erinnere mich, Elisabeth, du verstehst mich, du bist toll, er küsste ihre Knie, erst schüchtern, dann immer leidenschaftlicher, als wolle er seinen Schmerz in die Küsse legen. Er stand auf, legte die Arme um ihre Taille, bedeckte Gesicht und Hals mit Küssen und flüsterte.

Johannes, hör auf, was machst du

Elisa

Johannes, ich liebe dich! Seit der sechsten Klasse liebe ich dich, mein Schatz

Er ging erst nach Mitternacht, vermied ihren Blick, schaute schüchtern zur Tür. Ich komme wieder

Ich werde warten, sagte sie, bis die Haushaustür zufiel.

Johannes kam nicht wieder. Als wäre dieser Abend nur ein Traum gewesen. Bald schloss Johannes sein Studium ab und zog nach Bayern.

Wir müssen etwas tun! flüsterte Vater energisch. Man könnte zu seinen Eltern gehen.

Sie will nicht! Sie ist nervlich fertig, das kann dem Kind schaden, entgegnete Mutter. Johannes weiß von der Schwangerschaft, sie hat es ihm gesagt. Und er benimmt sich wie ein Fremder vielleicht ist er extra weggegangen.

Man kann das nicht einfach laufen lassen das ist empörend, ging Vater nicht zur Ruhe.

Oma lenkte sich mit Stricken ab und wischte ab und zu eine Träne weg. Ihr tat es weh wegen ihrer Enkelin: so klug, so herzlich

Nach der Geburt der Tochter hat Elisabeth die Nummer von Johannes herausgefunden (von einem Kommilitonen) und angerufen, sagte nur einen Satz: Johannes, wir haben eine Tochter, sie heißt Johanna.

Er stammelte irgendetwas; das einzige, was man verstand, war: Herzlichen Glückwunsch.

Als Johanna eineinhalb war, verkündeten die Eltern, dass sie ihre neue Zwei-Zimmer-Wohnung abbezahlt hatten und mit Oma zusammenziehen würden nur eine Straße weiter. Wir werden abwechselnd kommen und dir helfen, versprach die Mutter.

Elisabeth weinte.

Warum die Tränen? Wir kommen jeden Tag, holen Johanna, du kannst doch auch von zu Hause arbeiten.

Ich bin es einfach gewohnt, mit allen zusammen, gab Elisabeth zu.

Süße, das Leben geht weiter, du musst ins Leben zurück, allein ist man oft unabhängiger, tröstete die Mutter.

In letzter Zeit hörte Elisabeth von Eltern, Oma, Freundinnen, dass sie das Leben neu ordnen müsse sie sei jung, man könne auch als Mutter heiraten.

Eine Woche später gehörte die Zwei-Zimmer-Wohnung voll Elisabeth. Die kleine Johanna lachte, tapsig auf ihren Beinchen, und schaffte es zunehmend, sich wieder aufzurichten und die Arme zu Mama zu strecken. Elisabeth hob sie hoch, umarmte und lachte mit ihr.

Er kam ganz plötzlich. Früher konnte er schon unverhofft auftauchen so wie damals, als die Hochzeit mit Martha scheiterte.

Sie dachte, der Vater sei zu Besuch, doch Johannes stand in der Tür, mit einer riesigen roten Feuerwehr-Spielzeugmaschine in der Hand.

Hallo! Allein? Störe ich? Darf ich reinkommen?

Er war älter geworden, schien schlanker, das Gesicht markanter.

Komm rein.

Er stellte die Feuerwehr auf den Boden.

Eine Ersticken, Johanna weinte im Zimmer, Elisabeth ging zu ihr und nahm sie auf den Arm: Das ist meine Tochter, deutete auf die Maschine.

Er schlug sich an die Stirn: Sorry

Nimm das Spielzeug mit, gib es jemand anderem, sagte Elisabeth.

Er zog die Jacke aus, ging in die Küche. Fast alles ist wie früher. Bekomm ich vielleicht einen Tee?

Sie schaltete den Wasserkocher ein, ließ Johanna nicht los. Johannes wirkte unbeholfen, fand nicht die richtigen Worte.

Er sah sie an hellblond, mit offenem Haar, im langen Kleid, das fast bis zu den Füßen reichte, Tochter im Arm. Du siehst aus wie eine Madonna, murmelte er, fasziniert.

Elisabeth schwieg.

Weißt du noch, deine Oma hat so tolle Kuchen gebacken. Und wie wir auf deinem Fensterbrett Tee tranken und wie deine Oma die Blumen goss und Wasser aus dem Fenster schüttete, und ich stand genau darunter sie hat mich nicht gesehen, Johannes versuchte zu lächeln. Erinnerst du dich, Elisabeth?

Nein, unterbrach sie ihn nüchtern. Die Antwort war unbefangen, fast gleichgültig. Johannes verstummte. Ihr Antwort kam nicht aus Trotz, wegen seiner Verwirrung (als er dachte, Elisabeth habe einen Sohn und keine Tochter), sondern ehrlich sie vergaß allmählich Details ihrer Treffen. Jetzt hatte sie ihre Tochter, widmete ihr jede Minute, beobachtete die ersten Worte, überlegte, was sie brabbelte, schaute zu, wie sie einschläft und aufwacht, wie sie spielt…

Trink deinen Tee, ich muss der Kleinen Haferbrei kochen.

Johannes spürte zum ersten Mal, dass hier niemand mehr auf ihn wartet. Er zog die Jacke an. Dann eben nächstes Mal. Ich gehe, du hast zu tun. Er stand unschlüssig, als ob er hoffe, Elisabeth würde ihn doch aufhalten aber sie tat es nicht.

Als die Tür hinter Johannes gefallen war, sagte sie leise: Einen anderen Besuch wird es nicht geben. Tee gibt es hier nicht mehr. Kaffee auch nicht.

Sie nahm ihre Tochter, küsste sie und ging, Brei zu kochen.

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Homy
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Weißt du noch, Svenja… Er schaute mittlerweile ganz selbstverständlich bei ihnen ins Fenster, denn s…
Vor einer Woche begegnete ich meiner ersten großen Liebe wieder – auf der Beerdigung seiner Frau – und seitdem habe ich das Gefühl, dass mein ganzes Leben aus den Fugen geraten ist