Neulich habe ich die Geschichte von einer alleinerziehenden Mutter gelesen, die völlig verzweifelt war und keinen Ausweg mehr sah. Da hab ich mich irgendwie wiedererkannt und dachte, ich erzähle dir mal von mir. Nicht, weil ich jemanden verurteilen will sondern einfach, weil man mit Kindern keine Zeit zum Warten hat. Da regnet das Geld nicht vom Himmel. Mir hat niemand irgendwas geschenkt. Ich hab mir alles selbst erkämpft.
Mit 16 bin ich von zuhause ausgezogen. Aus Trotz, aus einer verrückten Idee heraus, weil ich glaubte, erwachsen zu sein und dachte, dass ich mit meinem Freund ein besseres Leben führen würde. Wir zogen in eine winzige Einzimmerwohnung in Leipzig die Küchenzeile direkt im Wohnzimmer, nur eine dünne Wand zum Schlafbereich, und das Bad draußen im Hinterhof. Kein Luxus, aber es war unser kleines Nest.
Zwei Jahre später, ich wurde gerade 18, bin ich schwanger geworden, mein erstes Kind. Anfangs lief alles noch normal. Er fuhr Taxi, brachte etwas Geld heim, wir konnten unsere Miete bezahlen. Viel übrig blieb nicht, aber wir hatten immer genug, um satt zu werden.
Doch als mein Sohn fast ein Jahr alt war, hab ich gemerkt, dass am Monatsende immer weniger Geld da war. Immer gabs andere Ausreden: Flaute im Geschäft, zu viele andere Fahrer, das Auto kaputt. Ich hab ihm geglaubt. Dann wurde ich wieder schwanger diesmal mit meiner Tochter. Im vierten Monat ist er einfach gegangen. Ganz ohne ein Wort. Eines Tages kam er heim, nahm ein paar Sachen mit und zog zu einer anderen Frau.
Das Schmerzhafteste war nicht mal, dass er mich verlassen hat, sondern dass plötzlich alle geredet haben Nachbarn, Verwandte, die Leute im Viertel. Hab ihn schon seit Monaten mit ihr gesehen. Die wartet immer an der Ecke auf ihn. So Geschichten. Keiner hat mir je etwas gesagt, solange ich noch mit ihm zusammen war. Ich hab all das erst erfahren, als ich schon allein war, schwanger, mit einem kleinen Kind am Rockzipfel.
Er war komplett verschwunden. Kein Anruf, kein Cent nicht mal für eine Packung Windeln. Ich saß stundenlang auf dem Boden, habe einfach nur geweint. Der Kühlschrank fast leer, das Pulver fürs Fläschchen reichte kaum noch, zweites Baby unterwegs, Miete bald fällig, keine neuen Klamotten, kein Kinderbett. Ich hab Rotz und Wasser geheult. Aber am nächsten Tag bin ich aufgestanden und hab mir gesagt: So kann ich nicht weitermachen.
Ich habe in dieser kleinen Wohnung angefangen. Hab Zutaten auf Vertrauensbasis beim türkischen Gemüsehändler um die Ecke gekauft. Dann habe ich Marmeladen, Nachtische im Glas, Muffins gebacken. Habe alles mit dem Handy fotografiert und bei WhatsApp und Instagram in meinen Status gestellt. Kein Wort gelogen direkt reingeschrieben: Ich verkaufe Desserts, damit ich Windeln und Milch für die Kinder kaufen kann. Die Leute haben mir die Sachen abgekauft. Mal aus Mitgefühl, mal weil sie einfach Lust drauf hatten. Damit hab ich den Wocheneinkauf gedeckt, für die Miete gespart, das Nötigste für die Kleinen besorgt.
Später habe ich auf Bestellung Mittagessen gemacht Reis, Linseneintopf, Hähnchenragout, Frikadellen. Ein Nachbar aus der Straße hat die Lieferungen mit seinem Roller ausgefahren, ich hab ihm pro Fahrt einen Zehner gezahlt. Um fünf Uhr morgens stand ich in der Küche, hochschwanger, mein Sohn tapselte um meine Beine. Manchmal war ich so müde, dass ich mich einfach kurz auf den Stuhl setzte und ein paar Tränen verdrückte. Aber am nächsten Tag gings wieder weiter.
Jeden Euro hab ich umgedreht. Kurz vor der Geburt hat meine Mutter durchgerufen und gemeint, ich solle zu ihnen kommen. Nicht allein bleiben. Meine Tochter kam dann in Dresden zur Welt, bei meinen Eltern. Seitdem sind sie meine größte Stütze. Sie finanzieren mir nichts, aber sie halten mich aufrecht indem sie auf die Kinder aufpassen, wenn ich Bestellungen habe.
Heute ist mein Sohn sechs, meine kleine Tochter sprüht nur so vor Energie. Zusammen mit Mama haben wir ein kleines Catering für Torten und Süßes aufgebaut. Keine riesige Firma, aber wir haben einen Mini-Laden, backen Geburtstagstorten, machen Sweet Tables für Hochzeiten, nehmen Bestellungen für Feiern entgegen. Reich sind wir nicht aber ich gehe nicht hungrig ins Bett und muss mich nicht mehr fragen, ob ich meinen Kindern morgen noch was auf den Teller legen kann.
Ich weiß, wie weh es tut, wenn ein Mann eine Frau mit Kindern sitzen lässt. Es ist total unfair. Aber ich weiß auch: Du kannst nicht drauf warten, dass jemand kommt und dich rettet. Zu mir ist nie jemand gekommen. Mit Kindern hast du einfach nicht den Luxus, aufzugeben.



