Ach, diese Großmutter heiratet einfach, verletzt ihre Kinder!
Am Wochenende fuhr Annemarie wie immer zu ihrer Mutter. Die Mutter, 78 Jahre alt, lebt schon lange allein. Innerhalb von zwei Tagen schafft die Tochter, das ganze Haus auf Vordermann zu bringen und die Wäsche von Hand zu waschen. Eine Waschmaschine gibt es nicht, genauso wenig wie fließendes Wasser im Haus. Im Sommer kommt noch der Garten dazu.
Zieh doch zu mir, hier wird alles leichter, du kommst doch nie zur Ruhe, du Arme, sagte ihre Mutter.
Mama, ich habe dort Arbeit, meine Tochter, Enkelinnen, seufzte Annemarie.
Stefan ist zurückgekommen. Hat die Bretter von den Fenstern seines Hauses entfernt. Das Haus stand fünf Jahre leer seit dem Tod von Waltraud. Stefan erzählte, er sei viel herumgekommen und wolle jetzt hier seinen Lebensabend verbringen. Er fragte nach dir wird wohl mal vorbeikommen, berichtete die Mutter.
Stefan, Steffi er war ihr Schwarm aus Schulzeiten. Annemarie hatte ihn geliebt, aber er hatte sie kaum beachtet. Im Abschlussjahr wagte Annemarie einen verzweifelten Schritt sie versenkte einen Eimer im Brunnen und rannte zu Stefan, um ihn zu bitten, den Eimer herauszuholen, sonst bekäme sie Ärger mit ihrer Mutter.
Stefan nahm einen Stab und ging zum Brunnen. Eine halbe Stunde mühte er sich am vereisten Brunnen, aber am Ende holte er den Eimer heraus.
Glaubst du, dass das Dorfmythos wirkt? lachte er zum Abschied.
Wem man den Eimer aus dem Brunnen holt, für den wird man bestimmt, so glaubten die Dorfmädchen.
Aber das Mythos bewahrheitete sich nicht.
Er zog in die Stadt, studierte an der Universität, wechselte oft den Wohnort, bereiste fast ganz Deutschland. Heiratete, ließ sich scheiden und nun kam er zurück.
Annemarie machte nach der Schule eine Ausbildung zur Wirtschaftskauffrau nicht weit von ihrem Dorf und arbeitet immer noch als Buchhalterin. Sie heiratete. Ihre einzige Tochter, Gertrud, wurde geboren. Vor acht Jahren wurde Annemarie Witwe.
Stefan kam am Abend. Natürlich hatte er sich verändert gealtert, ergraut.
Du bist immer noch so schön, sagte er und drückte Annemarie an sich.
Ach, jetzt kannst du auch lügen! Wir sind beide gut über fünfzig, alt geworden wie alle, unterbrach sie ihn.
Dann saßen sie lange im Gartenpavillon. Sie tranken ein wenig von Annemaries selbstgemachten Schlehenlikör und redeten und redeten…
Stefan erzählte, dass er sich von beiden Ehefrauen in Frieden getrennt habe und keine von ihnen gekränkt hätte. Jeder ließ er eine Wohnung und das gesamte gemeinsam erworbene Vermögen.
Er hat einen erwachsenen Sohn aus erster Ehe. Zusammen mit seiner Mutter lebt der Sohn nun dauerhaft in München. Die Frau war eine Deutsche aus Russland, deren Familie im Krieg nach Sibirien deportiert wurde.
Die zweite Ehefrau hat die Scheidung selbst eingereicht sie verliebte sich in einen Jüngeren. Stefan hat sie nicht aufgehalten. Kinder hatten sie keine.
Stefan ist mittlerweile Rentner Rente für schwere Arbeit und jahrelange Beschäftigung im Norden. Er plant, eine kleine Bautruppe aus Dorfbewohnern zu organisieren und sich auf Bau und Sanierung von Häusern, Ferienhäusern und Nebengebäuden zu spezialisieren. Es gibt Nachfrage und Startkapital.
Genug von mir! Wie geht es dir? Ich habe gehört, dass du allein bist, bohrte Stefan nach.
Und Annemarie erzählte ihm alles. Es war wohl der Moment, wo sie sich aussprechen musste vielleicht wirkte auch der Likör.
Ich bin nicht allein, Stefan. Ich hab eigentlich eine große Familie aber ich fühle mich wie die Magd darin, begann Annemarie.
Gertrud wollte nach der Schule nicht studieren, sondern heiratete gleich. Ihr Mann zog mit ein. Unsere Drei-Zimmer-Wohnung gab genug Platz für alle. Gertrud brachte meine Enkelin Lena zur Welt.
Und irgendwie wurde mir nach und nach der ganze Haushalt aufgeladen. Gertrud hatte Depressionen und ein Kleinkind.
Mein Mann (ein wahrhaft goldener Mensch) hat mich entlastet, geholfen. Nie hat er über seine Gesundheit geklagt, aber dann wachte er eines Morgens einfach nicht mehr auf. Es traf mich hart aber trauern konnte ich nicht wirklich.
Ich arbeitete weiter, stemmte Haus und Ausgaben. Mein Schwiegersohn verdient wenig, alles Geld fließt in das Familienbudget. Ich hoffte, dass Lena bald in den Kindergarten käme und Gertrud wieder arbeiten könnte, alles würde leichter. Doch als Lena vier wurde, bekam Gertrud noch meine zweite Enkelin, Marie.
Die Große geht jetzt zur Schule, die Kleine ist fünf Jahre alt, Gertrud bleibt zu Hause.
Jeden Morgen bereite ich Frühstück für Schwiegersohn und Kinder, Lena mache ich schulfertig. Marie bleibt bei der Mutter na ja, Mutter Sie spielt brav allein oder schaut Zeichentrickfilme. Sie ist ruhig, ihre Mutter schläft oft bis Mittag.
Ich bringe Lena zur Schule und gehe zur Arbeit. Abends koche ich das Essen für den nächsten Tag, beschäftige mich mit den Enkelinnen, wasche und räume auf.
Ich habe versucht, Gertrud klarzumachen, dass ich nicht mehr jung bin, dass sie im Haushalt auch mithelfen muss nutzlos. Sie ist erschöpft von den Kindern.
Schwiegersohn ist zufrieden Schwiegermutter arbeitet, das Geld reicht, und Gemüse gibts auch vom Dorf.
Er hilft gern im Garten aber das Problem, er hat kein Auto. Er deutet an, dass ich ihm Geld fürs Auto geben soll. Sie wissen von meinen Ersparnissen, aber ich habe Angst, alles herzugeben und mit leerem Konto dazustehen. Meine Ersparnisse reichen sowieso nicht für ein Auto.
Ich bin müde. Ich weiß, ich habe selbst Schuld. Habe eine faule, gewissenlose Tochter erzogen. Ich verstehe alles, aber wie breche ich aus diesem Kreislauf aus?
Ja, das ist eine Geschichte sei nicht traurig, Annemarie, wir finden eine Lösung. Komm, lass uns nach Hause gehen, es wird schon hell. Stefan verabschiedete sich und ging.
Am Sonntagabend brachte er Annemarie mit seinem Wagen zurück in die Stadt. Sie freute sich über die vielen Lebensmittel aus dem Dorf. Stefan half, die Säcke und Taschen in die Wohnung zu tragen.
Als er ging, fragte die Tochter: Wo hast du diesen alten Herrn aufgegabelt?
Annemarie erklärte, dass er ein alter Schulkamerad sei, und begann, die Gemüse zu sortieren.
Zwei Wochen später kam der ehemalige Schulkamerad wieder am Mittag und begann, mit Annemaries Hilfe vorsortierte Sachen aus der Wohnung zu tragen. Aus dem Schlafzimmer kamen der verschlafene Schwiegersohn und Gertrud.
Was soll das? Was ist hier los? fragten sie beide.
Ich ziehe aus. Ich heirate, fahre ins Dorf zurück und will mit Stefan meinen Lebensabend verbringen, erklärte Annemarie.
Du bist ja völlig verrückt geworden im Alter! Heiraten! Wo ist denn die Braut? Und hast du auch Mittagessen gekocht? Deine Enkelinnen werden bald hungrig sein! empörte sich Gertrud.
Von nun an sorgst du selbst für deine Töchter und für deinen Mann. Ich habe zehn Jahre für euch gesorgt, jetzt möchte ich auch für mich leben. Du wirst dich jetzt etwas bewegen müssen, liebe Gertrud, entgegnete Annemarie.
Verräterin, ich verbiete dir, die Enkelinnen zu sehen! schrie Gertrud.
Ich habe auch gar nicht vor, sie gleich zu sehen ich habe erst mal genug zu tun. Außerdem habe ich die Kinder in diesen Jahren öfter gesehen als du, und Annemarie verließ die Wohnung.
Im Auto weinte sie dann doch.
Eigentlich hätte ich sie vorher warnen sollen, sagte sie Stefan.
Du hättest das Gleiche gehört, nur noch ausführlicher und noch mehr unschöne Worte. Man muss radikal und schmerzhaft schneiden sie haben sich zu sehr an dich geklebt. Anders gehts nicht, antwortete Stefan.
Annemarie schaffte in Stefans Haus Ordnung. Er baute für sie ein warmes WC und eine Duschkabine. Zwar muss das Wasser hergebracht und in einen großen Tank gefüllt werden, und das Abwasser muss zweimal im Monat abgepumpt werden, aber das sind Kleinigkeiten.
Annemarie wurde in der Dorfschule als Hausmeisterin eingestellt. Das Gehalt ist zwar geringer, dafür ist es ruhiger. Stefan ist mit seiner Bautruppe ständig beschäftigt Aufträge gibt es zu jeder Jahreszeit. Sie sind zufrieden, leben friedlich und glücklich.
Etwa einen Monat später brachte der Schwiegersohn die Mädchen für das Wochenende ins Dorf. Lena erzählte der Oma, dass Mama und Papa oft streiten. Papa kocht jetzt selbst Suppe, mehr kann er nicht. Mama will arbeiten, überlegt noch, wo sie sich bewerben kann.
Am Sonntag wollte der Schwiegersohn die kleine Marie im Dorf lassen, aber Annemarie lehnte ab: Ich arbeite, Stefan auch. Die Kinder sollen bei den Eltern leben. Für einen Besuch gerne, aber für länger müssen Sie selbst mit den Kindern zurechtkommen. Ihr habt sie für euch bekommen, nicht für mich.
Schwiegersohn und Tochter waren enttäuscht, aber eine Woche später waren die Enkelinnen wieder bei der Oma.
Wir sind nur übers Wochenende hier, erklärte Schwiegersohn und blieb selbst als Gast er vermisste seine Schwiegermutters Kochkunst.
So geht die Geschichte:
Manche werten, dass die Mutter ihrer Tochter gegenüber grausam gewesen sei.
Andere finden es gerecht.
So viele Menschen, so viele Meinungen.





