STATT FLÜGELN EIN BOOMERANG HINTER DEM RÜCKEN
Ich bringe euch alle noch ins Grab! Ihr werdet euch noch wundern!, schrie die Frau meines Bruders voller Wut.
Warum, Laura? Ich habe dir doch die gesamte Summe gegeben. Was willst du noch?, meine Mutter verstand nicht, weshalb ihr die Schwiegertochter drohte.
Und wo steht das, dass du das Geld gegeben hast? Gibt es Zeugen? Einen schriftlichen Nachweis? Ihr schuldet mir und Sascha noch die Hälfte dieser Wohnung!, Laura blockierte unnachgiebig die Tür.
Weißt du was, Laura, geh lieber ruhig weg! Ich war Zeugin bei der Übergabe des Geldes. Reicht das? Und grüß meinen Bruder von mir, er sollte dich mal im Zaum halten. Komm bitte nicht mehr hierher, ich konnte nicht anders als mich einzumischen. Meine Mutter war völlig schutzlos.
Ihr werdet es bereuen, aber dann ist es zu spät! Ich suche einen Hexer auf und verfluche euch!, schrie Laura beim Verlassen.
Nach dem Tod unseres Vaters verkaufte unsere Mutter das Haus auf dem Land und zog in meine Dreizimmerwohnung in München. Ich war damals schon Witwer und zog meinen fünfjährigen Sohn Egon groß. Mit Freude nahm ich meine Mutter bei mir auf.
Vera, hast du etwas dagegen, wenn ich Sascha die Hälfte des Geldes aus dem Verkauf gebe? Er ist doch mein Sohn. Laura macht ihn dauernd fertig, er sei ein schlechter Versorger, blickte meine Mutter mich besorgt an.
Ach, das ist doch logisch, natürlich kannst du ihm das Geld geben, dachte ich.
Wir luden Sascha und Laura zu mir ein, und übergaben ihnen das Geld direkt. Zwei Jahre später stand Laura wieder vor der Tür und forderte abermals Geld, drohte uns und beschimpfte. Ich setzte sie vor die Tür und schloss ab. Von da an sprachen wir viele Jahre nicht mehr miteinander, weder mit meinem Bruder noch mit Laura. Zwischen uns war wie eine schwarze Katze durchgelaufen. Ab diesem Zeitpunkt waren wir vom Pech verfolgt es fühlte sich an wie ein nie endender Wasserfall von Unglück. Wie man in Bayern sagt: Vom Regen in die Traufe.
Meine Mutter wurde bettlägerig, ich selbst wurde krank, Egon hatte schlimme, feuchte Ekzeme. Ständig war etwas los. Die Wohnung roch nach Medizin, alles ging kaputt, fiel herunter, zerbrach. Die Wanduhr stoppte mitten in der Nacht. Als Kriminalbeamter musste ich vorzeitig in Rente gehen, obwohl ich eigentlich weiterarbeiten wollte. Doch ich musste mich um Mutter kümmern und Egon behandeln. Merkwürdigerweise floss das Geld nur so davon.
Mein Zuhause verwandelte ich in ein Veilchenparadies: überall standen diese hübschen Blumen, die ich selbst zog, vermehrte und auf dem Viktualienmarkt verkaufte. Ehrlich gesagt, retteten uns die kleinen Veilchen vor den Schulden. Die Leute kauften sie gerne.
Einmal im Jahr kamen Verwandte aus Hamburg zu Besuch. Sie blieben eine Woche, brachten gebrauchte, aber saubere Kleidung und Lebensmittel: Fleisch, Nudeln, Reis, Mehl… Wir waren für alles dankbar. Sobald sie abfuhren, begann der Kreislauf wieder.
Geldmangel, Krankheiten, Niedergeschlagenheit.
Um nicht zu verzweifeln, legte ich im Frühling ein Blumenbeet vor dem Eingang an. Ich säte Samen aus einfache Sorten wie Löwenmäulchen, Matthiolen, Ringelblumen. Das war meine einzige Inspiration.
Eines Tages kam Nachbar Michael vorbei, begutachtete mein Beet:
Guten Tag, gnädige Frau! Darf ich Ihnen etwas Geld für die Blumen geben? Kaufen Sie noch mehr, damit alle neidisch werden!
Unsicher zuckte ich die Schultern. Michael steckte mir das Geld in die Kitteltasche:
Nehmen Sie es, unsere Gärtnerin! Sie sorgen doch für Schönheit für alle.
Ermutigt kaufte ich exotische Pflanzen und Sträucher. Mein Beet blühte in bunten Farben und duftete weit über den Hof. Die Nachbarn waren begeistert und staunten.
Michael blieb oft stehen und bewunderte das Blütenmeer:
Nur bei einem guten Menschen gedeihen die Blumen so prächtig.
Er brachte mir regelmäßig Süßigkeiten, eine Tafel Schokolade oder ein Eis:
Das ist für Sie, Vera, für Ihre unermüdliche Arbeit.
Natürlich freute mich die Aufmerksamkeit von Michael sehr.
Die Jahre gingen ins Land. Allmählich wurde unser Leben besser.
Meine Mutter erholte sich wieder, wurde munter. Egons Haut wurde klar und gesund. Ich fühlte mich plötzlich wie eine Frau in weißen Spitzen ich wollte lieben und geliebt werden, nicht ans Alter denken.
Egon, geprägt durch das Leid seiner Oma, beschloss Arzt zu werden. Er bekam einen Platz an der LMU in München und arbeitete parallel im Krankenhaus. Bald assistierte er bei Operationen. Nach und nach kamen die Nachbarn oft zu ihm: für Diagnosen, Spritzen, Infusionen.
Egon wurde schließlich Anästhesist.
Wir renovierten gemeinsam die Wohnung. Egon kaufte einen gebrauchten Volkswagen. Er hat vor, seine Kollegin Anja sie ist Kardiologin zu heiraten. Alles läuft bei uns ruhig und gut.
Vor kurzem rief Laura mit krächzender Stimme an:
Hallo Vera. Könntest du mich besuchen? Ich liege im Krankenhaus.
Ich fuhr zur angegebenen Adresse, betrat das Mehrbettzimmer, fand Lauras Bett.
Was ist mit dir, Laura?, fragte ich angesichts ihres verwahrlosten Zustands. Ihre Augen waren leer.
So kam es, Vera… Wir waren mit meinem Mann im Wald spazieren. Wir fanden in den Wiesen einen Menschenschädel und nahmen ihn mit heim. Ich reinigte ihn, lackierte ihn und machte daraus einen Aschenbecher. Ein halbes Jahr später starb dein Bruder bei einem Unfall. Zwei Monate darauf erstickte unser Sohn im Garagenabgas nach einer Trinkerei mit Freunden. Und nun bin ich krank eine Lungenentzündung. Mein Gott, warum haben wir diesen verfluchten Schädel ins Haus geholt? Seitdem begann das Unglück, gestand Laura unter Tränen.
Nein, Laura, das fing schon früher an: du bist zu Hexern und Magiern gelaufen. Der Schädel war nur das Ergebnis. Du hast zu viel Leid über unsere Familie gebracht, sagte ich Laura. Es war Zeit für Klarheit.
Du hast recht, Vera. Ich bereue es. Ich habe euch verflucht und einen Fluch ausgesprochen. Meine Wut war wie schwarzer Teer. Das Ergebnis: Ich bin einsam. Vergib mir. Lass uns die sinnlosen Streitereien vergessen. Früher hatte ich Flügel, heute trage ich dort einen Bumerang. Ich spüre seine brennende Wucht, sagte Laura, erschöpft und nachdenklich.
Ich erzählte Egon alles. Er zeigte Mitgefühl:
Mama, lass uns die Tante in mein Krankenhaus bringen. Dort ist die Pflege besser. Sie ist doch kein Fremder.
Ja, mein Sohn, ich hatte Laura völlig vergeben sie verdient unser Mitgefühl. Sie war allein und von Schmerz gezeichnet.
… Michael schlug vor, unsere Schicksale zu verbinden. Er wohnte eine Etage höher.
Vera, zieh zu mir so ist das Leben vergnüglicher. Du bist Witwe, ich bin Witwer. Wir haben viel zu bereden. Bist du einverstanden?
Ja, Michael, ich konnte kaum glauben, dass mir dieses unerwartete Glück widerfuhr. Es kam wie eine warme Sonne ins Leben und erfüllte die Seele.
Meine Mutter freute sich:
Siehst du, Vera, dein Glück war immer in deiner Nähe, ist langsam zu dir gekommen, hat sich an dich herangetastet. Du hast es verdient.
Laura wurde schnell wieder gesund und bat, uns zu besuchen. Sollen wir sie einladen? Ich werde mich mit Egon und Michael beraten …





