Zufälliger Anruf
Herr Paul Wagner? Die Stimme am anderen Ende klang distanziert und fast schon amtlich.
Ja, ich bin Paul Wagner. Mit wem spreche ich?
Hier spricht die Leiterin vom Kinderheim. In einer Woche wird Ihre Tochter drei Jahre alt, dann müssen wir sie in eine andere Einrichtung verlegen. Werden Sie sie wirklich nicht abholen?
Moment, welches Kinderheim? Welche Tochter? Ich habe nur einen Sohn, Max, stammelte ich völlig irritiert.
Annemarie Paulina Schmitz. Ist das nicht Ihre Tochter?
Nein, die ist nicht meine. Ich heiße Paul Wagner.
Entschuldigung, die Stimme klang erschöpft, wohl eine Verwechslung unterlaufen.
Dann kam das Freizeichen, hart wie Kirchenglocken, und hämmerte mir ins Ohr.
So ein Mist!, murmelte ich empört. Eine Tochter, Kinderheim, was für ein Chaos die da mit den Unterlagen haben!
Aber der Anruf ließ mich nicht los. Ich dachte plötzlich an die Kinder dort, wie sie ganz ohne Zuhause, ohne liebevolle Eltern, ohne besorgte Großeltern leben. Max hat ja eine ganze Familie, Onkel, Tanten, Oma, Opa…
Meine Frau Karla bemerkte sofort, dass ich nicht richtig bei der Sache war. Nach zehn Jahren Ehe entgeht ihr einfach nichts. Wir kennen uns schließlich schon seit der Grundschule!
Am Abend, beim Abendessen, fragte Karla direkt, was los ist.
Und wie heißt sie nun?
Wer? Ich war völlig perplex (hat sie etwa auch einen Anruf bekommen?).
Annemarie, sage ich. Annemarie.
Ach, Annemarie… Ich bin deine Karla, und die andere ist Annemarie?! Meine Frau wurde lauter.
Ja, sage ich ruhig. Annemarie Paulina Schmitz.
Willst du mir jetzt noch ihre Passnummer sagen?! schrie Karla fast.
Sie hat doch gar keinen Pass, wozu auch?
Ist sie etwa geflüchtet? fragte Karla nun schon etwas leiser.
Wer? Ich verstand gar nichts mehr.
Deine Annemarie, die will sich bestimmt anmelden. Sag schon, du elender Lümmel!
Was soll ich denn sagen? Ich saß völlig verdattert da, den Löffel noch in der Hand.
Da fing Karla an zu weinen. Nicht laut, nicht dramatisch sondern mit bitteren Tränen, die auf ihre Schürze tropften.
Ich fahre morgen zu meiner Mutter. Und Max nehme ich mit, merk dir das, schluchzte sie.
Karla, was ist denn los? Warum zu deiner Mutter?
Was denkst du, dass ich euch hier die Hausfrau mache, dir und deiner Annemarie? schimpfte sie weiter.
Langsam dämmerte mir, wie absurd das alles war.
Ich nahm Karla sanft am Arm, setzte sie aufs Sofa in der Küche und erzählte ihr den ganzen Anruf von heute Morgen.
Jetzt weinte meine Frau aus Mitgefühl für dieses Kind. Frauen haben einfach einen unerschöpflichen Vorrat an Tränen, die sie zu jedem Anlass frei lassen können, so scheint es! Und ich kann diese Tränen, besonders Karlas, nicht ertragen.
Nach dem Streit war mir der Appetit vergangen, ich stocherte noch ein bisschen im Essen herum und ließ es dann stehen.
…Mitten in der Nacht wurde ich wach, weil Karla neben meinem Bett stand und auf meinem Handy herumtippte. So etwas ist in fast zehn Jahren Ehe nie passiert. Sie glaubt mir also nicht und sucht wohl nach irgendwelchen Liebesspuren. Das tat weh. In dem Moment schob sie mir das Handy zu und flüsterte: Pauli, Pauli und stupste mich sanft an.
Ich tat, als wäre ich grad erst aufgewacht.
Pauli, ist das die Nummer von vorhin, die Festnetznummer?
Ja, antwortete ich fast automatisch, genau die.
Na dann, schlaf weiter, sagte Karla und verließ das Schlafzimmer. Sie nahm mein Handy mit.
Leicht gesagt schlaf! Ich hörte den Computer anspringen. Ich lag noch kurz, dann schlich ich ins Wohnzimmer.
Karla beäugte aufgeregt den Bildschirm und merkte gar nicht, dass ich hinter ihr stand.
In der Suchleiste tippte sie: Kinderheim und unseren Ort ein.
Der Computer surrte kurz und zeigte die offizielle Seite, Adresse, Telefonnummer und sogar Fotos vom Gebäude. Karla blickte auf die Nummer auf meinem Handy.
Pauli, das ist wirklich die gleiche Nummer!
Was ist denn gleich?
Die Nummer! Sie stimmt überein. Das ist die Nummer des Kinderheims!
Hab ich dir doch gesagt. Du überprüfst das also?
Karla dreht sich im Stuhl um.
Nein, ich wollte nur sicher gehen.
Wozu?
Pauli, das Kinderheim ist ja gar nicht weit weg, sagte sie nachdenklich, als hätte sie mein Nachfragen gar nicht gehört.
Lass uns da mal hinfahren! Wie kommt es, dass die meine Nummer haben, wo ich doch mit all dem nichts zu tun habe?
Daran hatte ich gar nicht gedacht, aber tatsächlich wie kommen die an meine Nummer? Vielleicht sollten wir wirklich vor Ort nachfragen, damit ich nicht ständig für fremde Kinder verantwortlich gemacht werde!
Die ganze Nacht wälzte ich mich hin und her. Kaum eingeschlafen, stupste mich Karla wieder an.
Pauli Pauli…
Was gibts noch?
Bist du sicher, dass du früher nie irgendwas hattest? Vielleicht mit deiner ersten Liebe, man weiß ja nie Vielleicht seid ihr euch plötzlich wieder begegnet, und Gefühle kamen hoch Und sie hat dir nichts gesagt, sondern das Kind einfach im Krankenhaus zurückgelassen. Oder, Pauli? Pauli!
Karla, ich sitze seit der ersten Klasse neben dir, und seitdem bin ich quasi immer mit dir zusammen. Vor vier Jahren, als Max drei wurde und in den Kindergarten ging, warst du wieder arbeiten wer hat sich denn so oft um ihn gekümmert? Ich! Damals bin ich auf home office gewechselt, weißt du noch? Ständig Medizin, Arztbesuche, Essen machen Welche Geliebte denn bitte, ich war total am Ende und bin im Stehen fast eingeschlafen! Da war wirklich nichts, ist nichts und wird auch nie etwas sein!
Aber woher haben die dann deine Nummer? Jemand hat sie bestimmt dort angegeben! ließ Karla nicht locker.
Auch mich beschäftigte diese Frage. Ich ging im Kopf alte Bekanntschaften durch, aber keiner traue ich so einen Streich zu.
Die einen sind längst glücklich verheiratet, bei anderen kümmert sich die Oma ums Kind, und die meisten sind sowieso seit Jahren im Ausland.
Aber weil im Leben irgendwie doch alles möglich ist, beschloss ich morgen direkt zum Kinderheim zu gehen.
Wir waren früh da, aber nicht die ersten vor dem Direktorinnenzimmer saß schon ein Besucher, ein blasser, schmächtiger Typ mit hellem Haar. Er war sauber gekleidet, wirkte aber trotzdem irgendwie ungepflegt, nervös und hatte flatternde Hände, die irgendwelche Papiere hielten, vielleicht noch von gestern Abend.
Sie sind nach mir dran, sagte er mit überraschend tiefer Stimme.
Kaum war er verschwunden, wurden wir ins Zimmer gerufen.
Guten Tag, eine freundliche Brünette mittleren Alters stand am Fenster, kaute nervös an ihrer Brille. Was führt Sie zu mir?
Wir sind wegen gestern da, ich versuchte es mit einem lockeren Spruch.
Die Frau setzte sich an den Schreibtisch.
Tut mir leid, ich habe wirklich keine Zeit für Rätselraten. Sagen Sie, was Sie wollen, möglichst kurz!
Ich erzählte vom gestrigen Anruf (die Stimme erkannte ich sofort).
Ach, das die Frau lächelte gequält. Bitte entschuldigen Sie, das war wohl ein Irrtum, der Anruf galt nicht Ihnen.
Wie nicht mir, wenn Sie doch meine Nummer haben? Woher überhaupt?
Sehen Sie, Herr Wagner, ich hatte mich in einer Ziffer vertippt. Eigentlich beginnt die richtige Nummer mit 0176, ich habe aber 0177 gewählt. Dass Sie auch Paul heißen, ist reiner Zufall. So etwas passiert Der Vater war übrigens gerade vor Ihnen hier.
Wer denn? fragte ich, obwohl ich die Antwort schon ahnte.
Paul Schmitz, der Vater von Annemarie.
Also nochmal: Entschuldigen Sie bitte! Ich muss mich jetzt verabschieden, es gibt viel zu tun.
Die Frau stand auf.
Theresia Sommer stand auf ihrem Namensschild.
Karla hatte das auch gelesen und fragte:
Frau Sommer, wird Paul denn das Mädchen abholen?
Die Direktorin sah uns kurz an, dann setzte sie sich wieder.
Leider nein. Die Mutter des Kindes ist verstorben, und Herr Schmitz hat ganze sieben Kinder von verschiedenen Frauen. In drei Jahren war er nur zweimal hier, und das jeweils nur auf unser Drängen. Annemarie bedeutet ihm nichts. Noch Fragen? Dann verabschiede ich mich.
Wir, noch völlig geschockt, verließen das Gebäude.
Die älteren Kinder waren gerade draußen einige schaukelten, andere rutschten, zwei Jungs machten Autorennen auf der Bank.
Ich beobachtete die Kinder, und mir dämmerte langsam, woran es lag.
Im Hof war es ruhig. Wenn Max draußen spielt, geht es sofort laut zu mit Schreien und Toben. Aber diese Kinder lachten nie laut, sie redeten nur leise miteinander. Sie sahen aus wie kleine Erwachsene. Sie mussten zu früh erwachsen werden, denn sie hatten kein echtes Kinderleben, sondern kamen vom Überleben mal frierend, mal hungrig, ohne Spielzeug, ohne richtige Kleidung, oft mit Gleichgültigkeit oder sogar Härte der Erwachsenen.
Ich sah Karla an, ihre Augen waren voller Tränen.
Ja, wieder diese Tränen, immer und überall!
Wir gingen langsam zum Tor, da riss plötzlich ein Schrei die Stille auf: Mama! Alle Kinder drehten sich wie auf Kommando zu uns. Ein Mädchen mit lustiger Mütze und Pommel rannte mit ausgestreckten Armen direkt auf uns zu.
Mama, Mama!!! schrie sie. Hier bin ich!!!
Mit voller Kraft klammerte Annemarie sich an Karlas Beine, und zwischen ihren Knien hörte man ein bitteres, tiefes Weinen da liefen mir selbst die Tränen.
Annemarie, Annemarie! Die Erzieherin kam angelaufen. Sie wollte das Mädchen hochnehmen, aber es klammerte sich fest an Karla.
Eine kleine Schokolade half schließlich, und wir konnten das Gelände eilig verlassen.
Im Auto schwiegen wir. Karla zitterte immer noch, und ich spürte ebenfalls meine Hände zittern wie vorhin bei meinem Namensvetter. Ich hielt an der Seite an, um ein bisschen runterzukommen.
Karla zeigte mit den Augen auf das Schild vom Spielwarenladen direkt um die Ecke.
Ohne Worte stiegen wir aus und gingen Hand in Hand in den Kindertraum.
Für eine Puppe und ein rosa Kleid.
Unsere Annemarie soll das schönste Mädchen sein!





