Liebe in der Dorfklinik: Ein Abend voller Verdacht, Sehnsucht und Überraschungen rund um den bärtige…

Liebe

Es war damals, an einem Herbstabend, als ich wie gewohnt im kleinen Sprechzimmer des Dorfes aufräumte. Plötzlich knarrte die schwere Tür, als würde jemand mit der Schulter dagegendrücken. Ich drehte mich um und hätte fast meinen Besen fallen lassen! Vor mir stand war das wirklich unser geschätzter Handwerker aus Niederdorf, Michael Schneider? Normalerweise trug er eine dichte, graue Bart, der nach Sägespänen und selbstgedrehtem Tabak roch, doch heute war sein Gesicht glatt und bleich, am Hals ein Pflaster wegen eines Schnitts. Der Duft von Tabac Original war so intensiv, dass mir die Nase kribbelte. Hatte Michael wirklich seinen Bart abrasiert?!

Herr Schneider, sagte ich und ließ das Putztuch sinken, bist du’s oder hast du deinen jüngeren Bruder geschickt?
Er stand unsicher da, zerknüllte seine Mütze in den Händen und wich meinem Blick aus.
Ich bin es, Frau Schmidt… Gib mir bitte etwas. Etwas fürs Herz. Und für die Nerven.
Ich wechselte sofort meinen Ton und setzte ihn auf die Untersuchungsliege. Holte das Blutdruckmessgerät hervor.
Was ist passiert? Wo tuts weh?
Überall, brummte er. Da klopft es drinnen, als würde jemand mit einem Hammer auf Blech schlagen. Schlafen kann ich nicht. Die Hände zittern auch.
Der Blutdruck 160 zu 100 viel zu hoch für Michael, der nie zum Arzt ging und Nägel mit bloßen Fingern bog.
Jetzt mal ehrlich, sagte ich streng. Überarbeitet oder Streit mit Maria?
Bei Erwähnung seiner Frau zuckte er, sein Gesicht lief rot an, die Kiefermuskeln spannten sich. Maria Schneider, eine stille, zurückhaltende Frau, lebte ihr Leben wie das Garn an der Nadel, nie widersprach sie, immer Michi hier und Michi dort. Und Michael, mit seinem knorrigen Wesen mit dem kam man schwer klar.
Gib mir einfach die Tropfen und frag nicht. Behandeln sollst du, nicht reden.
Ich tropfte ihm Baldriantropfen ins Wasser, gab ihm eine Tablette Nitro unter die Zunge. Nach einigen Minuten atmete er durch, murmelte ein Danke und ging davon. Als ich zum Fenster schaute, sah ich ihn wie er mit federnder, beinahe jugendlicher Schritt ging.
Ach, dachte ich, hat der Teufel ihm wohl einen Streich gespielt? Hat er sich im hohen Alter verliebt?

Unser Dorf wie ein großer Bienenstock: niest einer am einen Ende, weiß es am anderen schon jeder.
Am nächsten Abend kam Lydia, die Postbotin, hereingeschossen:
Frau Schmidt! Schon gehört von Michael? Verrückter Mann! Hat nicht nur den Bart abrasiert heute war er auch im Stadtzentrum, kam mit Taschen zurück und versteckte sie unter seiner Jacke. Anneliese von der Stoffabteilung hat angerufen: Michael Schneider hat Stoff gekauft und war auch im Juwelierladen!

Mir wurde das Herz schwer. Gewiss, er hat jemanden gefunden! Aber wen? Bei uns im Dorf kennt man jeden.
Und Maria? fragte ich leise.
Lydia verzog face zu einem mitfühlenden Blick:
Was soll mit Maria sein … Sie geht rum wie eine schwarze Wolke. Tränen stehen ihr ständig in den Augen. Die Nachbarinnen sagen, er hat sie ins Sommerhaus geschickt zum Schlafen. Behauptet: Stör mich nicht, ich habe ein Projekt. Seit wann hat ein Schreiner nachts ein Projekt? Man weiß, wofür…

Zwei Tage später kam Maria Schneider zu mir, klein und zierlich, in einem alten Wollschal.
Frau Schmidt, flüsterte sie, darf ich kurz?
Ich setzte sie an den warmen Ofen, reichte eine Tasse heißen Tee mit Himbeeren. Sie umschloss das Glas mit beiden Händen, wärmte sich und starrte ins Leere:
Er verlässt mich, Frau Schmidt. Nach vierzig Jahren, in denen wir alles geteilt haben, Kinder großgezogen, Enkel bekommen… Jetzt ist alles vorbei.
Wie kommst du darauf, Maria? versuchte ich sie zu beruhigen, aber mein Herz schmerzte.
Er ist fremd geworden. Rasiert sich täglich. Mit diesem Duftwasser…, sie verzog das Gesicht. Gestern habe ich in seiner Taschen einen Kassenzettel vom Laden Goldene Fäden gefunden. Er lügt, schaut mir nicht in die Augen. Die Tränen liefen lautlos, bitter und alt, sodass sie die Falten tiefer werden ließen. Dann hat er die Truhe mit meinem Aussteuerzeug und alten Kleidern auf dem Dachboden geöffnet. Ich kam dazu er hat mich angeschaut: Was schnüffelst du hier? und die Tür zugeschlagen. Ja, ich bin alt und nicht mehr schön. Aber er ist auch kein Jüngling

Ich streichelte ihr dünnes Schulter und dachte: Ach, Männer… was tut ihr nur?
Geduld, Maria, sagte ich. Vielleicht ist alles anders, als es scheint.
Wie denn?!, lächelte sie bitter. Er singt sogar. Schließt sich in der Werkstatt ein, klopft mit dem Hammer und singt. Oh, wie blüht die Kastanie… Hat er nie getan. Er ist verliebt, Frau Schmidt. Ganz sicher.
Sie ging, und ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Konnte Michael, standhaft wie eine Eiche, am Ende wirklich seine Familie verlassen? So war er nicht streng, wortkarg, aber nicht hinterlistig.
Eine Woche verging. Die Spannung im Dorf wuchs wie Hefeteig im Backofen. Die Gerüchte wurden immer absurder: von der jungen Bibliothekarin im Stadtzentrum bis zur Städterin, die angeblich ein Wochenendhaus im Nachbardorf gekauft hat.
Michael war ganz in sich versunken, mit leuchtenden Augen, schlank geworden, aber wie … beflügelt. Und sah niemanden an.

Am Samstagabend kam der kleine Nachbarsjunge angerannt:
Tante Hannelore! Opa Michael liegt im Hof! Oma Maria ruft dich!
Ich schnappte schnell die Tasche mit rotem Kreuz und rannte los. Die Füße in alten Hausschuhen rutschten, nur ein Gedanke im Kopf: Hoffentlich kein Herzinfarkt. Bitte, Herrgott.
Im Hof lag Michael auf dem nassen Gras, das Gesicht grau, die Lippen bläulich. Maria kniete daneben, hielt seinen Kopf. Überall Holzbretter, verzierte Latten, Farbdosen mitten auf dem Chaos stand eine halbgebaute luftige weiße Gartenlaube.

Ich tastete seinen Puls, der war schnell. Blutdruck viel zu hoch.
Was ist passiert?
Hab… schweren Balken gehoben, flüsterte Michael. Mir wurde schwarz vor Augen der Rücken schmerzt … und hier … zeigte er auf die Brust.
Er hatte sich überanstrengt. Ich gab ihm ein paar Spritzen, Schmerzmittel, senkte den Blutdruck. Er ruhte sich aus, die Atmung wurde gleichmäßig.
Maria, hol den Nachbarn, damit wir ihn ins Haus tragen. Nicht hier auf dem feuchten Boden liegen lassen.
Wir brachten Michael ins Bett.

Michi … fragte Maria leise. Wofür die Laube? Es ist Herbst, bald kommt der Winter.
Michael sah sie lange an, atmete tief, griff unter das Kissen und zog … eine kleine Samtschachtel hervor. Und ein altes, zerfleddertes Notizbuch mit vergilbten Seiten.
So habe ich mir das nicht vorgestellt, Maria, er sprach mit einer Stimme, die zitterte wie die eines Jungen. Weißt du, welche Zahl morgen ist?
Maria hielt inne, zog die Stirn in Falten:
Zwanzigster Oktober … Sonntag
Und vor vierzig Jahren?
Sie schlug die Hand vor den Mund, erschrak.
Mein Gott, Michi, das habe ich ganz vergessen. Vor lauter Kummer, schlechten Gedanken. Unsere Rubinhochzeit!

Michael reichte ihr das Notizbuch:
Das ist dein altes Tagebuch, Maria. Ich habe es auf dem Dachboden gefunden, in der Truhe.
Du hast es gelesen? sie errötete.
Ja, nickte er. Vergib mir, alter Dummkopf. Ich hab es gelesen und meine Seele weinte.

Ich hielt den Atem an. Stille lag im Raum, nur die Wanduhr tickte: tick-tack, tick-tack.
Du hast geträumt, dass wir ein Haus, einen Garten und eine weiße Laube am Bach haben, wo wir Tee trinken und Schallplatten hören. Du wolltest ein blaues Spitzenkleid. Und ich habe mein Leben lang nur gearbeitet, auf Baustellen, im Sägewerk Das Haus habe ich gebaut, doch die Laube immer auf später verschoben. Mal fehlte das Geld, mal die Zeit, mal die Kraft. Und du hast geschwiegen und mich mit meinem Bärenwesen ertragen.
Er richtete den Blick auf seine Frau:
So ist das Leben fast vergangen, und weder Märchen noch blaues Kleid habe ich dir geschenkt. Ich wollte jetzt bis zum Jubiläum alles schaffen. Bin deshalb in die Stadt gefahren, Stoff gekauft, Ring besorgt. Olga, die Schneiderin, hat das Kleid nach deinen alten Maßen genäht. Die Laube … tja, bin zu schwach, hab mich überschätzt. Wollte überraschen, hab alles nur noch schlimmer gemacht und dich erschöpft.

Maria Schneider ging langsam zum Bett, kniete nieder und legte ihr Gesicht an seine raue Hand die Hände eines alten Tischlers.
Du Dummkopf, Michi, flüsterte sie durch die Tränen. Aber in ihrer Stimme war so viel Glück, dass man es hätte löffeln können. Was bist du für ein Dummkopf… Ich dachte, du hättest eine Neue, eine Jüngere, und mich nicht mehr lieb. Und du … die Laube …
Was redest du, Maria? Wie soll ich eine andere haben? Da, nimm das Kleid aus dem Schrank, aus der Tüte. Probier es an. Passt es?
Es passt, nickte sie, ohne den Kopf zu heben. Selbst wenn es zu klein ist ich ziehs trotzdem an.

Ich musste schmunzeln und fühlte Tränen in den Augen. Sammelte diskret mein Blutdruckmessgerät.
So, sagte ich betont streng. Der Patient bleibt im Bett. Keine Bretter, keine Hammer. Morgen komm ich und schau nach.
Michael sah mich dankbar an:
Frau Schmidt … Bitte, erzähl das niemandem im Dorf. Die lachen dann, sagen, der Alte ist verrückt.
Was wissen die schon?, winkte ich ab. Ruh dich aus. Es ist bitter, aber auch schön.

Draußen riss der Himmel auf, eine große gelbe Mondscheibe stand am Horizont. Die Luft war klar, roch nach nassem Laub, Rauch und seltsam nach Äpfeln, die längst geerntet waren.

Im Dorf blieb nichts geheim. Bald wurde bekannt, dass Michael seiner Frau eine Überraschung bereiten wollte und sich dabei überanstrengt hatte.
Schon am nächsten Morgen strömten die Männer zum Haus von Michael und Maria. Mit Werkzeugen kamen sie, der Schmied brachte verzierte Scharniere, der Tischler Farbe. Die Arbeit kochte, überall wurde gewerkelt!
Bis zum Abend stand die Laube weiß und zierlich, wie eine Braut. Darin wurde ein Tisch gedeckt, eine gestickte Tischdecke, darauf der alte Samowar und Tassen mit Untertellern. So schön!
Die Leute saßen in und neben der Laube.

Maria Schneider kam aus dem Haus, im blauen Kleid mit Ring am Finger, das Haar geflochten, Lippen rot die Augen glänzten wie Lampen. Neben ihr Michael, blass im Festanzug, mit Arbeitsmedaillen und Krawatte.
Michael holte den alten Grammophon hervor, den er beim Trödler erworben hatte. Die Scheibe knisterte, und die Stimme von Peter Alexander sang: Herz, warum schlägst du so laut…
Michael bat seine Frau zum Tanz, und sie bewegten sich langsam, aber innig. Die Beine wollten zwar nicht mehr recht, aber der Blick, mit dem er sie ansah als wären nicht vierzig Jahre vergangen, sondern vierzig Minuten seit ihrem Kennenlernen.

Das ganze Dorf schaute zu. Die Frauen weinten, wischten sich die Augen mit den Zipfeln ihrer Schals. Die Männer rauchten nachdenklich, schauten auf den Boden und jeder dachte wohl an seine eigene Frau, wann er ihr zuletzt Blumen brachte oder einfach nur danke sagte.

Und ich sinnierte, wie viel Kraft wir aufbringen für Kränkungen, Misstrauen, leere Worte, während das Leben doch kürzer ist, als man glaubt. Was in ihm wirklich zählt, ist die Wärme der Hand eines Geliebten, wenn man in die Augen schaut und darin das Licht sieht, das nur für einen selbst brennt.

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Homy
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Liebe in der Dorfklinik: Ein Abend voller Verdacht, Sehnsucht und Überraschungen rund um den bärtige…
Strahlend saubere Herdplatte