Weißt du, ich kannte die Theorie vom Stuhl überhaupt nicht, solange ich mit ihm zusammen war. Damals fühlte ich mich einfach nur erschöpft, und zwar nicht körperlich sondern seelisch. Jeden Morgen bin ich aufgewacht mit dem Gefühl, dass ich meinen Platz verdienen muss. Dass Liebe ein täglicher Test ist.
Das fing schon am Anfang an. Immer, wenn wir uns treffen wollten, war ich diejenige, die ihren Kalender rückte, um ihn zu sehen. Verabredungen mit Freunden habe ich abgesagt, Schichten getauscht, bin von einem Ort zum nächsten gehetzt. Er hatte immer etwas Wichtigeres Fußball, Kumpel, Arbeit, Erholung. Wenn wir uns dann doch gesehen haben, saß er meistens am Handy und hat Nachrichten beantwortet oder Videos geschaut. Ich hab ihm etwas erzählt, und von ihm kam nur ein Mhm, ohne aufzuschauen.
Als wir zusammengezogen sind, habe ich gehofft, dass das alles besser wird. Ich dachte, ein gemeinsames Zuhause würde uns näherbringen. Aber es kam alles anders. Ich bin früh aufgestanden, hab gearbeitet, und abends gekocht, gewaschen, aufgeräumt. Er ist gekommen, hat sich hingesetzt und gefragt, was es zu essen gibt. Danach hat er sich gleich ins Zimmer zurückgezogen: Ich muss mich ausruhen. Wenn ich Hilfe eingefordert hab, hieß es nur, Ich bin müde. Später. Und dieses später kam eigentlich nie.
Ich erinnere mich besonders an einen Abend ich war krank, hatte Fieber. Ich hab ihn gebeten, mir eine Suppe zu machen. Er hat mich einfach angeschaut und gesagt:
Kannst du nicht was bestellen?
Also bin ich selbst aufgestanden, zitternd, hab mir eine Suppe gekocht und geweint, während ich am Herd gestanden habe. Das war das erste Mal, dass ich mich wie ein Gast im eigenen Zuhause gefühlt habe.
Seine Familie auch so eine Sache. Auf Familienfeiern hab ich Essen mitgebracht, geholfen, serviert, das Geschirr gespült. Niemand hat mich mal gefragt, wie es mir geht oder ob ich etwas brauche. Und er hat nie gesagt:
Setz dich doch zu mir.
Bleib hier.
Ich war immer beschäftigt, irgendwie dabei, aber unsichtbar. Einmal hat eine seiner Tanten zu mir gesagt:
Ach, es ist so schön, dass sie so hilfsbereit ist.
Alle haben gelacht. Ich auch. Aber innerlich hab ich mich einfach benutzt gefühlt.
Am schmerzhaftesten war es an Tagen, die mir wichtig waren. An meinem Geburtstag meinte er stets, dass wir irgendwann anders feiern. Aber dieses irgendwann kam so gut wie nie. Doch wenn ein Freund von ihm Geburtstag hatte, dann gab es Zeit, Energie, Geld. Und ich war die, die die Geschenke trug, Fotos machte, und bei anderen Momenten applaudierte.
Mein deutlichster Moment war dieses eine Abendessen mit Freunden. Wir sind reingekommen, er hat sich direkt an den großen Tisch gesetzt, hat erzählt und gelacht. Ich saß allein auf einem Stuhl am Rand, an der Wand. Keiner hat mich in den Kreis aufgenommen, ich hab einfach zugesehen, wie die Teller herumgereicht wurden, wie alle sich zuprosten und Blicke austauschen. Da hab ich es so deutlich gespürt: Ich war zwar am Tisch, aber mein Dasein spielte keine Rolle.
Als wir nach Hause kamen, hab ich ihm weinend gesagt, dass ich mich unsichtbar fühle. Seine Antwort:
Du dramatisierst alles. Immer Theater.
Da wurde mir klar, dass sogar meine Traurigkeit keinen Platz hat.
Nach der Trennung hat eine Freundin mir die Stuhl-Theorie erklärt. Sie sagte einen Satz, der sich eingebrannt hat:
Wenn dich jemand liebt, lässt er dich nicht warten. Er macht dir Platz, ohne dass du darum bitten musst.
Seitdem hab ich die Beziehung wie einen Film durchgegangen. Alle Momente, in denen ich mich nach Aufmerksamkeit gesehnt habe. Alle Male, in denen ich auf Nachricht gewartet habe. Die ganzen Situationen, in denen ich nichts gesagt habe, nur um niemanden zu stören.
Mir wurde klar, dass ich jahrelang stehend gelebt habe. Emotional balanciert, immer darauf bedacht, nicht zur Last zu fallen, immer genug sein zu wollen.
Das war nicht nur bei ihm so sondern auch mit Freundschaften, in denen ich immer zuhören musste, aber niemand mich gefragt hat. Mit Verwandten, die sich nur gemeldet haben, wenn sie etwas gebraucht haben. Im Job, wo ich mehr gab, als ich zurückbekam.
Heute bin ich immer noch allein. Aber ich fühle mich nicht mehr klein.
Jetzt achte ich einfach auf alles. Wenn kein richtiger Platz für mich ist, gehe ich. Wenn ich um Aufmerksamkeit bitten muss, mache ich einen Schritt zurück. Wenn ich mich nur wegen meiner Existenz unwohl fühle, bleibe ich nicht.
Denn ich habe spät, aber immerhin verstanden: Ich bin nicht dazu geboren, um um einen Stuhl zu betteln.
Ich verdiene einen Tisch, an dem meine Anwesenheit gewünscht ist.





