Marthe, mein Schatz, ich habe gehört, du hast finanzielle Sorgen?
Marthe stand in der hellen Küche, schnitt Lachs in dünne Streifen und rollte ihn in frisch gebackene Pfannkuchen ein. Ihre Mutter briet die Pfannkuchen wie jeden November auf der alten gusseisernen Pfanne, wendete sie mit geschicktem Schwung des Handgelenks.
Marthe war immer für die Füllung zuständig. Sie schnitt Lachs, den sie frisch auf dem Hamburger Markt gekauft hatte, rieb Emmentaler, hackte Schnittlauch und füllte die Schlagsahne in die kleine Porzellanschale.
Die Familie versammelte sich bei ihrer Mutter am letzten Sonntag des Monats eine Tradition seit Jahren. Erst gab es Pfannkuchen, dann plante man gemeinsam das Silvesterfest.
Am großen Holztisch saßen alle: Schwester Helene mit Ehemann Conrad, Onkel Volker und Tante Liesel, die Cousins Sven und Peter. Sie lachten, diskutierten, tranken starken Darjeeling und aßen Pfannkuchen.
Marthe, reichst du mir den Lachs? bat Helene und streckte die Hand über den Tisch.
Hier, nimm. Marthe reichte ihr die Platte.
Helene legte sich eine großzügige Portion auf ihren Pfannkuchen. Guter Lachs! Fett und frisch der muss teuer gewesen sein.
Hab ich auf dem Markt geholt. War nicht billig, aber zu Pfannkuchen muss es einfach sein.
Onkel Volker schenkte sich nach.
Nun, meine Lieben, es wird Zeit! Silvester steht vor der Tür. Wo wollen wir feiern?
Alle schauten herum. Helene war die Erste, die sich äußerte.
Wie immer bei Marthe zu Hause. Sie hat genug Platz, das geht am besten.
Marthe hob den Blick von ihrem Teller. Oder gibts andere Vorschläge?
Nein, in unsere Wohnung passt doch niemand. Und es ist halt Tradition, entgegnete Helene nur.
Tradition, murmelte Marthe leise.
Tante Liesel tupfte sich mit der Serviette den Mund ab. Back doch wieder deine Sachertorte, Marthe! Die war letztes Jahr himmlisch. Ich habe immer noch davon geträumt!
Und wir brauchen mehr Kaviar, brummte Onkel Volker und schlürfte seinen Tee. Letztes Jahr war das Glas zu klein. Nimm diesmal zwei. Oder drei.
Marthe blickte in die Runde, in die zufriedenen Gesichter, die Lachen, das Streiflicht auf den Lippen, den Fettspuren der Pfannkuchen. Ihr Blick wanderte zu ihrem Mann.
Der saß vertieft ins Handy da, nahm nie wirklich Teil an den Gesprächen. Aber sie spürte, wie sich seine Schultern anspannten. Er hörte jedes Wort und schwieg wie immer.
Sohn Max, sechzehn, saß im Kopfhörer, den Kopf zum Beat bewegend. Für erwachsene Gespräche hatte er keinen Nerv.
Nun, Marthe?, drängte Helene. Bist du einverstanden?
In Ordnung, sagte Marthe leise.
Doch in ihr knackte es. Zu Hause, kaum hatten sie die Tür geschlossen, fuhr ihr Mann sie an.
Wieder die gesamte Meute bekochen? Wann ist Schluss? Max und ich bitten dich seit Jahren, damit aufzuhören!
Marthe hängte ruhig ihren Mantel auf. Ich weiß nicht…
Du weißt nicht? Aber du hast schon gesagt, ja? Du hast genickt. Wie immer.
Ich habe in Ordnung gesagt. Nicht, dass ich alles bezahle.
Ihr Mann blieb im Flur stehen, sah sie erstaunt an. Was hast du vor?
Du wirst es sehen. Ich weiß es selbst noch nicht genau. Aber ich werde mir etwas überlegen.
Sie ging in die Küche, stellte den Wasserkocher an, öffnete das Notebook, startete Excel. Die leere Tabelle blitzte auf.
Marthe erinnerte sich an das letzte Silvester: Fleisch Pute und Rind, Fisch Lachs, Kaviar rot und schwarz, Meeresfrüchte. Obst Mandarinen, Trauben, Ananas. Süßes Pralinen, Gebäck, Marshmallows. Torte Sachertorte. Dazu Getränke, Brot, Saucen, Kaffee, Tee, Kleinigkeiten. Sie schrieb Zahlen, addierte, zählte nach. Noch das Jahr davor, und wieder das gleiche Muster. Es wurde von Jahr zu Jahr mehr.
Ihr Mann lugte ihr über die Schulter. Und, was kommt raus?
Marthe zeigte ihm den Endbetrag. Leises Pfeifen.
Wahnsinn. Das ist ja fast mehr als ein Monatsgehalt von dir!
Mehr. Anderthalb Monatsgehälter. Mit Tischdecke, Kerzen, Servietten, Geschirr da fehlen noch drei-, viertausend Euro.
Und das jedes Jahr?
Jedes Jahr. Sie kommen, essen, trinken, feiern. Ein richtiges Danke hab ich nie gehört. Sie denken, das ist so selbstverständlich.
Was wirst du tun?
Mit ihnen reden.
In der Woche darauf rief Marthe ihre Schwester an.
Helene, könnten wir reden?
Ist etwas passiert? Deine Stimme klingt… anders.
Über Silvester. Fahr am Samstag zu mir, dann reden wir.
Samstagmorgen kam Helene. Mit Sorgenfalten, misstrauisch. Sie setzte sich an den Küchentisch, nahm dankend den Tee entgegen.
Marthe legte ihr ausgedruckte Tabellen hin. Ich habe mal zusammengezählt, was mich jedes Silvester mit der Familie kostet.
Helene überflog die Zahlen ihr Gesicht veränderte sich. Aber wir wollten doch gar keinen schwarzen Kaviar oder Pute!
Wolltet ihr wohl. Onkel Volker sagte, Hähnchen ist langweilig. Es muss mal Pute oder Gans her. Den Kaviar hat er auch verlangt.
Helene stellte die Tasse ab, sah Marthe an Und was willst du?
Ich kann das nicht mehr allein stemmen. Entweder teilen wir, oder jede Familie bringt ihre eigenen Sachen mit. Ich koche gerne aber bezahlen will ich das Fest nicht mehr alleine.
Helene räusperte sich. Marthe reichte ihr eine Serviette.
Was? Meinst du das ernst? Bist du arm geworden oder so?
Nein, ich habe einfach keine Lust mehr, für zehn Leute jedes Jahr das Fest zu finanzieren!
Wir sind Familie, Marthe! Was soll diese Buchhalterei? Für uns?
Genau Buchhalterei. Ich bin Buchhalterin. Die Summe ist enorm.
Hast du Sorgen? Ist dein Mann arbeitslos? Habt ihr Schulden?
Uns gehts gut! Aber ich will Gerechtigkeit.
Helene erhob sich, lief durch die Küche, blieb am Spülbecken stehen. Weißt du, Marthe, das ist kleinkariert.
Nein! Das sind ordentliche Summen! Willst du die Details sehen?
Nein danke. Ich habs verstanden. Du denkst, wir beuten dich aus!
Das hab ich nicht gesagt. Ich will einfach faire Teilung. Sonst feiere ich Silvester nur mit meiner Familie!
Helene nahm ihre Tasche. Du hast dich verändert. Früher warst du großzügiger.
Früher war ich naiver. Jetzt hab ich genug.
Das Gespräch mit Onkel Volker folgte. Marthe lud ihn und Tante Liesel auf einen Tee ein. Sie zeigte ihnen Zahlen, erklärte.
Onkel Volker echauffierte sich. Marthe, das zerstört die Familientradition! Früher gabs sowas nicht. Wo soll ich als Rentner das Geld für Delikatessen hernehmen?
Mein Gehalt ist auch nicht fürstlich, aber ich plane eben die Ausgaben!
Du kränkst uns!
Wieso denn? Es ist die Wahrheit, die ich schon lange hätte sagen sollen!
Das Gespräch mit Tante Liesel: Marthe, Schatz, hast du Geldsorgen?
Keine Sorgen, Tante. Ich habe nur keine Lust mehr, das Familienfest alleine zu schultern!
Aber wir sind doch Familie! Kann man da das Geld aufrechnen?
Man kann und man muss! Gerade in der Familie muss man ehrlich sein.
Hast du einen Groll?
Nein! Aber ich habe drei Jahre alles allein getragen. Genug!
Kann ich was beisteuern?
Genau das will ich. Jeder bringt etwas mit dann passt es.
Die Familie schwieg eine Woche lang. Marthe plante ihr eigenes Fest mit Mann und Sohn, schrieb das Menü für drei, besorgte schon einige Zutaten. Ihr Mann unterstützte sie, lobte ihren Mut.
Max sagte: Mama, du bist cool. Hast ihnen endlich die Meinung gesagt!
Eine Woche vor Silvester, am 24. Dezember abends, rief Helene an. Die Stimme klang angespannt, aber nicht mehr böse.
Marthe, bist du zu Hause?
Ja.
Kann ich vorbeikommen?
Klar.
Eine halbe Stunde später saß Helene am Tisch. Marthe stellte Tee und eine Keksdose hin.
Wir haben gesprochen wir sind einverstanden.
Womit?
Mit der Kostenteilung. Onkel Volker bringt die Getränke, ich übernehme Fleisch und Fisch, Tante Liesel Süßes und Obst, du mit Mama machst Hauptgang und Beilagen. Ist das in Ordnung?
Perfekt. Danke, Helene.
Am 31. Dezember kamen die Verwandten schon am Vormittag. Onkel Volker schleppte Getränkekisten ins Haus, wischte sich die Stirn.
Alles da, ich hoffe, es reicht.
Reicht, danke.
Helene brachte Antipasti verschiedene deutsche Würste, Schinken, marinierte Garnelen, milden Räucherlachs.
Ich habs mir nicht nehmen lassen und das Beste besorgt, meinte sie.
Vielen Dank!
Tante Liesel hatte in einer Pâtisserie einen Kuchen bestellt, dazu frisches Obst vom Markt und eine Tüte Pralinen.
Marthe zauberte backfrische Ente mit goldbrauner Kruste, Kartoffelgratin mit Pilzen und Gemüse auf den Tisch. Alle halfen beim Decken.
Anfangs lag Spannung in der Luft. Die Schwester presste die Lippen zusammen, der Onkel murrte leise. Tante Liesel seufzte und zupfte an der Tischdecke.
Doch während alle Platz nahmen, taute die Atmosphäre auf. Lachen, Gespräche, Anekdoten über vergangene Feste erfüllten den Raum.
Bis Mitternacht war das Eis gebrochen. Sie lachten, erzählten alte Schoten, prosteten einander zu.
Marthe sah auf ihre Familie. Ihr Mann unterhielt sich angeregt mit Onkel Volker über Angeln, Max hörte diesmal zu. Selbst die Schwester lächelte und steuerte eine Bürogschichte bei.
Nach Mitternacht trat Onkel Volker zu ihr in die Küche, als Marthe das Geschirr spülte. Er griff nach einem Handtuch und half beim Abtrocknen.
Weißt du, Marthe, du hast recht gehabt! Wirklich.
Womit, Onkel?
Mit dem Teilen der Ausgaben. Ich hab niemals nachgedacht, was du jedes Jahr ausgibst. Jetzt, nachdem ich selbst einkaufen musste ich versteh dich.
Marthe spürte Erleichterung. Keine Erschöpfung, kein Groll nach dem Fest echte Erleichterung, fast Freude.
Sie hatte nicht geschwiegen, sondern ausgesprochen, was sie bedrückte. Die Familie akzeptierte und blieb die Regeln hatten sich geändert.
Ihr Mann nahm sie noch in der leeren Küche in den Arm.
Ich bin stolz auf dich, Marthe. Sehr!
Warum?
Weil du Nein sagen konntest. Das ist am schwersten, vor allem zu Verwandten. Und trotzdem hast du eine faire Lösung gefunden.
Ich hatte Angst, dass alle gekränkt sind, niemand kommt, das Fest platzt.
Aber es wurde ein Fest! Und alles ist beim Alten nur gerechter. Jeder hat seinen Beitrag geleistet.
Marthe nickte. Ja, genau.
Jetzt war es ein wirklich gemeinsames Fest keine private Marathonaufgabe mehr.
Die Tradition ist nicht verschwunden sie hat sich nur gewandelt. Ehrlicher, gerechter. Das ist mein größter Sieg dieses Jahr!
Nicht schweigen! Nicht schlucken! Offen sagen, was nicht passt und gemeinsam Lösungen finden, die für alle funktionieren.
Das habe ich geschafft und wünsche es auch euch.




