„Du bist doch schuld!“ Mit zusammengepressten Lippen beobachtete die Schwiegermutter, wie Lena das G…

Du bist daran schuld! Mit zusammengepressten Lippen beobachtete meine Schwiegermutter, wie ich, Martin Fischer, das Geschirr spülte. Im Nebenzimmer hustete meine dreijährige Tochter Anneliese immer wieder.
Wenn du auf das Kind aufgepasst hättest, wenn du rechtzeitig auf ihren Husten geachtet und sie nicht mit irgendeinem Unsinn behandelt hättest
Ich habe die Medizin gegeben, die der Kinderarzt verschrieben hat, versuchte ich zu erwidern.
Es hätten Antibiotika sein müssen! Jetzt musst du Spritzen verabreichen, weil du als Vater unfähig bist! Aus euch jungen Leuten wird nichts, unfähig zu allem. Ihr denkt nie nach! Was weißt du schon über Kinder? Ich habe deinen Vater damals …
Ich drehte den Wasserhahn zu und verließ rasch die Küche. Tränen stiegen mir in die Augen. Seit etwa fünf Jahren seit wir zu den Eltern meiner Frau gezogen waren, bis wir etwas Eigenes haben war irgendwie immer ich schuld. Immer der Dumme. Mein größter Fehler war, Eva zu glauben, als sie vorschlug, wir könnten vorübergehend bei ihren Eltern wohnen.

Die Aussicht auf ein zukünftiges Eigenheim bestand bisher nur aus einer ausgehobenen Grube auf gepachteten Land. Weiter ging der Bau nicht voran. Schuld daran war laut Eva wieder ich weil ich darauf bestanden hatte, zwei Kinder zu bekommen, und das nahezu gegen ihren Willen.

Jeder Vorschlag von mir, in eine Mietwohnung zu ziehen, wurde sofort abgewürgt:
Ich werfe doch nicht Fremden jeden Monat Euros in den Rachen!
Ich seufzte, versuchte Alternativen:
Wie wäre es mit einem kleinen Haus, finanziert mit dem Baukindergeld? Da gibts doch staatliche Förderung!
Für das Geld bekommst du höchstens eine Bruchbude. Das stecken wir lieber in den Neubau. Im Sommer gehts weiter

Der Sommer kam. Der Bau bewegte sich keinen Zentimeter, und ich zögerte, weiteres Geld zu investieren. So lebten wir weiter im alten Trott.

Eva, bleibst du mit Anneliese, während ich Felix aus der Kita hole? fragte ich meine Frau, als ich sie traf. Evas Miene verriet wenig Begeisterung, als sie die Schuhe auszog:
Was, wenn sie Fieber bekommt?
Es dauert nur eine halbe Stunde.
Nein, bitte frag gar nicht erst. Was, wenn etwas passiert?
Sie blieb bei ihrer Meinung. Also zog ich meiner Tochter die Jacke an. Die Kita war nur einen Kilometer entfernt ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft schadet nie.

Ich habs dir gesagt, dass du Felix heute nicht hättest bringen sollen. Am liebsten würdest du die Kinder immer loswerden, rief mir meine Frau noch nach.
Ich bin eben schuld an allem, sagte ich bitter und lachte über mich selbst.

Am Abend saß ich am Notebook, während die Kinder spielten.
Arbeitest du? fragte Eva über meine Schulter, Wann gibts Abendessen?
Ich klappte den Laptop zu.
Hast wieder nach Wohnungen gesucht? fragte sie misstrauisch. Bald bauen wir weiter, das andere ist doch Quatsch.
Ich nickte nur.

Papa, mein Turm steht nicht! Und und du bist schuld! rief Anneliese von der Tür und brach in Tränen aus.
Ja, Papa hilft dir nicht mit deinem Turm, fauler Kerl, stimmte mir Eva zu und grinste zufrieden.
In dem Moment wusste ich: Meine Geduld war aufgebraucht. Nun stand ich sogar meinem eigenen Kind im Weg. Immer, in allem, der Schuldige

Am nächsten Morgen brachte ich Felix nicht in die Kita.
Meine Schwiegermutter beobachtete mich, während ich die Kinder nach dem Frühstück anzog, stellte aber keine Fragen.
Wir fahren zur Kinderärztin, murmelte ich, wie ich es gewohnt war, Bescheid zu geben.

Erst spät am Abend kamen wir zurück, angeblich nach einem Besuch beim HNO. Die Kinder kicherten aufgeregt, flüsterten miteinander. Ich ermahnte sie zur Ruhe.

Papa, weißt du, wo wir heute waren? platzte Anneliese heraus, als sie mich sah.
Wo denn?
Sag ich nicht, sie verstummte schnell unter meinem Strafblick.
Verrät sie nicht, bestätigte Felix klug, das wird eine Überraschung zum Geburtstag.
Am nächsten Tag war Eva plötzlich verschwunden samt Kindern.

Erst am Abend, als ich von der Arbeit kam, bemerkte ich es.
Mama, was gibts zum Abendessen?
Frag deine Eva. Die ist mit den Kindern seit heute früh unterwegs. Ich mach dir notfalls Rührei, wenn deine Frau sich um dich nicht kümmert.
Vielleicht sind sie beim Arzt murmelte ich und ging ins Wohnzimmer. Alles war sauber, ordentlich Eva war eine gute Hausfrau doch irgendwas fehlte. Ich setzte mich aufs Sofa und sah es sofort: Annelieses Spielzeugkater, sonst immer im Weg, war weg. Den hätte sie niemals mit zum Arzt genommen.
Mir wurde mulmig. Ich durchsuchte den Schrank nur noch mein Wintermantel hing traurig dort, Evas Sachen waren verschwunden. Auch Kindersachen waren keine mehr da.

Mama! Mama, Eva ist weg! rief ich, fassungslos.
Wo soll die schon hin, die Törin?
Sie hat die Koffer gepackt, der Schrank ist leer, die Kinder sind weg!
Hast du sie angerufen?
Geht nicht sie ist nicht erreichbar!
Wie konntest du nicht merken, dass sie packt? Das schafft man nicht mit einer Tasche!
Ich war gerade im Supermarkt Sie ist nicht ganz dicht! Wir müssen die Kinder zurückholen!
Wie denn? Willst du auf sie aufpassen?
Nein, natürlich nicht. Es gibt eine Kita.
Und abends? Am Wochenende? Wenn sie krank werden?
Dann engagierst du halt ein Kindermädchen.
Weißt du, was das kostet?
Dann von mir aus ins Heim. Vorübergehend nur.

Mir schwirrte der Kopf.
Das Rührei brannte an. Es wurde dunkel draußen, während wir noch immer rätselten, was zu tun sei.
Was fehlt ihr eigentlich? fragte ich klagend, Geht einfach, ohne ein Wort! Hat sie einen anderen?
Wer will sowas schon?
Wovon will sie leben? Sie arbeitet doch nirgendwo!
Hab dir ja immer gesagt, das Familiengeld hättest du in den Hausbau stecken sollen. Jetzt ist es weg, zusammen mit Eva. Die kauft sich jetzt sicher eine Bruchbude.
Sie kommt schon zurück. Nach ein paar Tagen von trockenem Brot versuchte ich mich selbst zu beruhigen.
Du lässt sie dann einfach wieder einziehen? Nein, diesmal zeigst du ihr, wer das Sagen hat. Und die Kinder nimmst du ihr weg, damit sie endlich sieht, dass sie nichts wert ist!

Meine Mutter schimpfte noch lange. Ich ging hungrig ins Bett. Ich war sicher, Eva würde nach ein paar Tagen zurückkommen und sich entschuldigen. Sie zu suchen, kam mir nicht in den Sinn.

Stattdessen kam ein Brief. Einschreiben mit Rückschein. Eva hatte in einseitigem Verfahren die Scheidung eingereicht.

Mama, ich muss zum Gericht, steht hier.
Geh nicht hin. Ohne deine Zustimmung geht das nicht. Hast du sie gesucht?
Nein.
Dann tu das! Die Leute reden schon! Ich hab allen erzählt, dass wir Eva und die Kinder auf Kur geschickt haben. Jetzt das! Die Nachbarn werden lachen!
Sie kommt eh von selbst zurück.
Wenn sie die Scheidung beantragt hat, kommt sie nicht mehr. Musst sie suchen. Schenk ihr Blumen, biete ihr Versöhnung an.
Und warum sollte ich?
Klärt ihr dann wohl unter euch.

Es war Zufall, dass ich sie fand. Ich war nach Feierabend unterwegs zum Supermarkt und sah sie Eva und die Kinder mitten in der Innenstadt. Offen, sicher, lachend, trinkend Saft im Park, als hätten sie nie zu mir gehört. Offenbar war Rückkehr und Hungerleiden nicht geplant.

Ich folgte ihnen zum Plattenbau am Stadtrand.

Felix, Anneliese, wie gehts euch? Habt ihr Papa vermisst?
Die Kinder drückten sich jedoch verängstigt an Evas Seite.
Felix fragte leise:
Mama, wir gehen doch nicht zur Oma zurück?
Natürlich nicht, mein Schatz.
Hast du die Kinder gegen mich aufgehetzt? wurde ich wütend, Warum bist du einfach gegangen? Du hast doch hier alles! Und jetzt lässt du dich scheiden? Du hast einen Neuen, was? Wieder auf fremde Kosten leben? Ich hol mir die Kinder zurück, das ist dir klar?!

Eva lächelte plötzlich:
Warte hier, ich bringe ihre Sachen raus.
Wozu?
Ohne Sachen holst du sie doch nie ab. Und Anneliese schläft nicht ohne ihren Kater.

Du machst dich lächerlich! Glaub bloß nicht !
Eva trat einen Schritt zurück. Schaulustige Nachbarn begannen sich zu versammeln.
Na los, bring mich zu deiner Wohnung, rief ich ihr noch nach. Sie schüttelte aber nur den Kopf:
Geh heim, Martin. Wir sehen uns vor Gericht.

Du kriegst von mir nichts! Weder Wohnung noch Gartenhaus! Und das Haus ist mein Bau! Nichts, hast du verstanden!
Eva sah mich lange an ihr Blick sagte mehr als Worte. Wie habe ich bloß all die Jahre nicht gemerkt, was für ein Mensch sie wirklich war? Fünf Jahre Seite an Seite, immer gehofft, dass sie sich ändert.

Soll ich die Polizei rufen? bot eine neue Nachbarin von Eva an.
Das lähmte mich. Ich murmelte noch:
Leb doch, wie du willst. Du bist immer an allem schuld!
Eva lachte nur. Befreit, zufrieden. Sie nahm die Kinder an die Hand und sie gingen nach Hause. Zwar war es eine kleine Mietwohnung aber zum ersten Mal nach fünf Jahren war Eva die Herrin im eigenen Heim. Sie entschied, was es zum Essen gab, wann spazierengegangen und wann geputzt wurde. Und meine Sorge um ihre Arbeit war unbegründet: Sie arbeitete schon seit Jahren als Webdesignerin im Homeoffice, nachts, wenn die Kinder schliefen, hatte Erfahrung gesammelt wohl wissend, dass ihre Geduld endlich war

Bald darauf kam die Scheidung vor Gericht. Auch ohne mein Erscheinen der Termin wurde verschoben, dann kam nach ein paar Monaten die Bestätigung per Post: Es war vorbei.

Zum Geburtstag von Felix kam ich nicht schließlich zahlte ich ja schon Unterhalt.

Wenig später kaufte Eva eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung am Stadtrand und zog mit den Kindern ein.
Von Bekannten erfuhr ich, dass Eva ein glückliches neues Leben führte und dass meine potenziellen neuen Freundinnen (warum auch immer) nach kurzer Zeit immer das Weite suchten.

Nur in meinen Alpträumen hallte noch Evas Stimme nach: Du bist an allem schuld

Heute weiß ich: Im Klammern an alte Vorstellungen und bequeme Schuldzuweisungen verliert man nicht nur seine Familie, sondern auch die Chance, sich selbst zu verändern. Das bereue ich am meisten.

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Homy
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