„Mareike, bleib doch zu Hause. Muss ich dich jetzt überallhin mitschleppen, nur weil wir verheiratet…

26. Juni

Manchmal frage ich mich wirklich, wie lange ich das alles noch mit Alexander aushalten kann. Heute wieder so eine Szene, typisch für uns mittlerweile. Schon am frühen Morgen ging es los.

Anna, bleib doch heute einfach zu Hause. Muss ich dich denn überall mitschleppen, bloß weil wir verheiratet sind? raunzte Alexander, als er sich vor unserem Flurspiegel in seiner gebügelten Leinenbluse bewunderte. Ich hörte gar nicht richtig hin, schließlich packte ich gerade Sachen für unser Wochenende bei Freunden im Taunus. Wie es sich für eine ordentliche deutsche Hausfrau gehört, wollte ich nicht mit leeren Händen auftauchen. Aber irgendwie war heute alles anders.

Im Flur dann seine überraschte Miene, als er meine zwei prall gefüllten Jutetaschen entdeckte. Warum bist du denn so schick angezogen, Alex? Glaub ja nicht, dass ich nachher die Ketchupflecken von deinem Hemd wieder rauskriege! Nimm bitte die Taschen mit raus, ich ziehe mir nur schnell ein anderes Kleid an.

Er stellte sich etwas hilflos an. Wieso hast du soviel eingepackt?

Wir fahren aufs Land zu Freunden, schon vergessen? Und ganz ehrlich, Claudia kann nicht kochen. Ich hab alles selbst vorbereitet: Kartoffelsalat, Quiche, Brathähnchenschenkel… Wenn Thomas meint, er müsse Claudias Küche ertragen, bitte, aber ich will hinterher kein Theater und keinen Notarzt rufen müssen.

Er verzog das Gesicht. Anna, wäre es nicht besser, wenn du heute mal zu Hause bleibst? Koch irgendwas Leichtes oder geh joggen, deine Figur leidet eh unter dem vielen Sitzen. Ich fahre mal kurz zu Markus, bin schnell wieder zurück.

Wie bitte du willst alleine hin? Ich traute meinen Ohren nicht und Alexander verdrehte genervt die Augen.

Ich habe es dir nicht erzählen wollen, wegen der Arbeit und so… Aber Markus hat sich von Claudia getrennt. Er sagt, ihm fehlt die Abwechslung, jetzt hat er schon eine neue Freundin. Er brauchte heute meine Hilfe beim Grillen. Kein anderer kann Grillfleisch so wenden wie ich, sagte er mit selbstgefälligem Grinsen und stellte die Taschen weg.

Mich traf diese Nachricht unerwartet. Claudia war schließlich eine meiner engsten Freundinnen, aber in letzter Zeit war ich so beschäftigt meinen Laden in Frankfurt, dazu meine alte Wohnung, mit der ich ohnehin schon im Clinch lag, weil die Mieter Chaos hinterließen und fluchs verschwunden sind. Eigentlich spielte ich schon länger mit dem Gedanken, die Wohnung zu verkaufen…

Die Freundschaft zu Claudia hatte sich im Alltag verlaufen, bei all dem Stress und jetzt das. Diese scheinbare Bilderbuchbeziehung von Markus und Claudia einfach vorbei. Wer weiß, was bei denen abging.

Ach, deswegen willst du mich also nicht dabei haben? Damit du mit seiner Neuen abhängen kannst? fragte ich trocken.

Unsinn, wiegelte Alexander lachend ab. Ganz normale Frau, wie du vielleicht. Komm, bleib lieber zu Hause. Ihr könnt später noch über die Neue tratschen.

Aber irgendetwas in mir sagte, ich muss mit. War es Solidarität unter Frauen oder einfach Neugier? Am Ende habe ich so lange genervt, bis er mich doch mitnahm.

***

Die Hälfte der Fahrt redete Alexander kein Wort, schimpfte nur über die deutschen Autobahnen, den Stau, die Sonntagsfahrer typisch. Ich antwortete kaum, schrieb stattdessen mit dem Makler wegen meiner Wohnung.

Und? Kann ich dir dabei irgendwie helfen, oder stemmst du das ohne Ehemann? höhnte er, als er meine Nachrichten sah.

Ach, ich will die Wohnung verkaufen die Interessenten wollen sie sofort, am besten noch vor Vertragsunterschrift. Die anderen hätten gerne neue Möbel, aber du weißt ja, wie es dort aussieht, erklärte ich.

Das ist doch alles kein Problem, brummte er. Hauptsache, wir machen aus dem Erlös was Ordentliches, vielleicht führt uns das Geld an die Ostsee oder erledigen endlich den Badumbau.

Das eine oder das andere, Alex. Urlaub oder Renovierung, nicht beides auf einmal. Und du bist ja dauernd im Büro…, seufzte ich.

Er zuckte mit den Schultern und erklärte wieder, er hätte ja seine Arbeit, als wäre das alles nur mein Problem. Meine Nachbarin hätte die Wohnung gern für ihre Tochter, meinte ich, aber Alexander rollte genervt mit den Augen.

Wem willst du sie denn geben? Die zahlen doch sowieso nie Miete. Lass uns renovieren, dann kannst du sie verkaufen. Ich kümmer mich drum! Du bist eh zu weichherzig, am Ende verscherbelst du das Ding unter Wert.

Unsere Wohnung?! fragte ich verdutzt.

Na klar, wir sind doch ein Team, Anna.

Am Haus von Markus angekommen, lief uns der Gastgeber ausgelassen entgegen. Mensch, habt ihr euch auf der Autobahn verlaufen oder was? rief er lachend.

Wie verändert Markus aussah enge Jeans, auffälliges T-Shirt, Schleife im Haar Früher hätte Claudia sowas nicht durchgehen lassen. Anna, nicht so schüchtern, komm rein, begrüßte er mich herzlich.

Hier, das Essen ist im Kofferraum ich hab extra für alle gekocht, erwiderte ich.

Jetzt lass doch das, Anna! Du bist doch zu Gast. Meine Neue hat alles schon bestellt, lachte Markus und zog mich in den Garten. Die Taschen blieben vergessen im Auto.

Im Garten hörte ich schon von weitem lautes Lachen. Da war sie, die Neue: ein bildhübsches blondes Mädel mit noch einer Freundin beide gerade frisch aus dem Pool gestiegen. Makelloses Make-up, lose Tücher, alles wie aus dem Modejournal. Markus Vorliebe für das Junge, das Frische nun ja.

Alexander und ich setzten uns still ans Ende der Bierbank. Kaum angekommen, kümmerte sich mein Mann eifrig um Angela und Sina als gäbe es mich gar nicht mehr.

Am Tisch nur zwei Pizzen, Currywurst-Fritten und Cola Claudia hätte die Hände überm Kopf zusammengeschlagen!

Anna, das ist meine Liebste, Angela, und ihre beste Freundin Sina, stellte Markus stolz vor.

Angela ist übrigens Kosmetikerin, fügte Markus an, ganz stolz.

Na wunderbar, dachte ich. Gleich folgt ein gratis Tipp…

Tatsächlich, Angela zwinkerte mir zu: Falls Sie eine Behandlung wünschen, mache ich gern einen Sonderpreis. Ich fühlte mich zwischen Tunikas und Maniküre-Vorschlägen ziemlich deplatziert.

Alexander krempelte die Ärmel hoch und versicherte, selbst zu grillen dabei wollte ich eigentlich gar nicht essen. Markus forderte mich auf, doch mit den Mädels zu quatschen: Sina ist Friseurin macht vielleicht aus Alexanders langweiligen Haarschnitt wieder mal was Vernünftiges!

Sina schmunzelte: Stimmt, Angela meinte schon, dass ihr Mann ein attraktiver Kunde wäre Mein Mann genoss das und ignorierte mich weiterhin.

Irgendwann fragte eine der Damen, ob ich mit in den Pool will, doch ich winkte ab. Hättest du mir vorher von den neuen Gastgeberinnen erzählt, Markus, ich wäre gar nicht erst gekommen, sagte ich enttäuscht.

Markus lachte nur: Jetzt fang bloß nicht mit Claudia an Angela ist doch nett zu dir. Ich widersprach: Nett?! Erst bietet sie mir einen Beauty-Rabatt an, dann baggert Sina meinen Mann an. Alex ist gar nicht so großzügig, wie ihr denkt, er geht eh nur bei unserer Nachbarin gratis zum Haareschneiden.

Wütend lief ich zu Alexander, der mittlerweile nur noch glotzte wie ein Teenager im Freibad.

Fahr mich nach Hause, forderte ich ihn auf.

Was ist denn nun wieder? Ich will mit Freunden feiern!

Ohne mich. Mit Claudia war es immer nett, aber das hier diese Püppchen sind mir echt zu viel.

Markus winkte nur ab und verschwand lachend mit Angela und Sina zum Pool. Alexander packte mich am Arm und zischte: Anna, reiß dich zusammen! So benimmt sich kein erwachsener Mensch! Geh spazieren oder fahr zu deiner Mutter, aber lass mich heute in Ruhe. Ich bestelle dir ein Taxi.

Die spitzen Reaktionen von Angela und Sina, ihr fortwährendes Gekichere, machten mich rasend. Ich will mal sehen, wie Alex wohl reagiert, wenn ich weg bin, dachte ich, nahm mein Handy und rief Claudia an, um ihr mein Herz auszuschütten.

Doch Claudia fuhr mich direkt an. Ruf mich nie wieder an, Anna! Dein Alex hat doch Markus erst mit dieser Tussi verkuppelt! Wegen deines Mannes sitzen meine Kinder jetzt ohne Vater da!

Ich war sprachlos. Claudia weinte und erklärte alles: Alex hatte Angela als Bekannte zu Markus gebracht wenige Treffen, und schon war alles aus. Als das Gespräch endete, war zwischen uns zwar alles geklärt, aber ich fühlte mich leer.

***

Das Taxi brachte mich zu meiner Mutter Marianne, die in einem kleinen Ort am Stadtrand von Wiesbaden lebt. Meine Jungs waren wie immer in den Sommerferien bei ihr draußen auf dem Bolzplatz.

Was machst du denn hier so spät, Anna? Gabs Krach? erkundigte sich meine Mutter.

Alles zu viel, Mama. Ich will einfach mal raus, den Sommer spüren, wenigstens ein bisschen. Sollen die Männer im Büro hocken.

Wir redeten lange, und ich erzählte ihr alles, was auf dem Land passiert war.

Ihm sind aufregende Nächte und blonde Mädels wichtiger als seine Familie, schimpfte ich. Ich werde mit den Kindern verreisen. Die Urlaubskasse war zwar eigentlich für die Wohnung gedacht, aber Pläne ändern sich, Mama.

Marianne riet mir zur Besonnenheit, aber ich war innerlich bereits am Ende.

Als die Jungs zurückkamen, fiel meinem Kleinen gleich auf: Mama! Bist du schon da? Fahren wir jetzt nach Hause?

Nach Hause, ja, aber dann fahren wir ans Meer. Tante Lena an der Ostsee hat uns schon eingeladen, antwortete ich und drückte meine Kinder ganz fest.

Das Wochenende auf dem Land hatte mir die Augen geöffnet unser Ehealltag steckte mitten in der typischen Krise. Ich arbeitete rund um die Uhr im Homeoffice, schleppte Haushalt, kümmerte mich um die Jungs, während Alexander sich rar machte. Wir lebten nebeneinander her und ich hatte verpasst, wie sehr er sich entfremdete und alles nach seinem Willen lief.

Noch am selben Abend schrieb ich meiner Nachbarin, dass sie die Wohnung für ihre Tochter haben könne schon am nächsten Tag erhielt ich das Geld. Endlich fühlte ich mich einen Schritt weiter.

***

Nach unserer Abreise vergrub sich Alexander bei seiner Mutter in Frankfurt. Drei Tage später schlich er zurück in unsere Wohnung nur um dort gähnende Leere zu finden: leerer Kühlschrank, keine Wäsche, kein Anna weit und breit, der Anrufbeantworter lief heiß.

Anna, wo seid ihr?, tönte seine Stimme ins Leere.

Schließlich meldete sich unser älterer Sohn Paul: Papa, Mama ist schwimmen. Wir sind bei Tante Lena an der Ostsee.

Wann kommt ihr zurück? fragte er gereizt.

Weiß ich nicht, Mama hat Urlaub. Tschüs, Papa!, rief Paul vergnügt ins Telefon.

***

Die Woche an der Ostsee verging wie im Flug. Nach unserer Rückkehr begegnete Alexander mir mit eisigem Schweigen. Eigentlich war sein größter Groll, dass ich statt Renovierung unser Geld für den Urlaub ausgegeben hatte.

Selbst das hätte er noch weggesteckt, wäre da nicht meine Entscheidung mit der Wohnung. Ich packte also wortlos die Koffer aus, und als die Kinder in den Garten rannten, stellte er mich zur Rede:

Hast du nichts zu sagen? fragte er streng.

Worüber genau? konterte ich kühl.

Wir wollten das Geld für Renovierung nutzen, nicht für deinen Strandurlaub!

Für MEINE Wohnung. Du hast fünf Tausend Euro dazugegeben, ich fünfzig…

Er versuchte, sich Respekt zu verschaffen: Wir sind eine Familie!

Du entscheidest über meinen Besitz? Nicht mehr, sagte ich ruhig. Ich vermiete die Wohnung jetzt. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Sein Gesicht wurde blass. Du solltest verkaufen! Das Geld gehört uns!

Nein die Wohnung gehört mir. Genauso wie die Entscheidung. Du bist nicht mein Chef, Alexander.

Plötzlich war das Maß voll. Nach einem fatalen Streit er wollte partout nicht einsehen, dass ich eigenständig über mein Leben entscheide beschloss ich, die Ehe zu beenden. Ich reichte die Scheidung ein und schickte die Kinder erstmal wieder zu meiner Mutter. Den Kühlschrank ließ ich konsequent leer, kochte nur noch für mich zur Motivation, wie Alexander früher mein Gewicht kommentierte.

Nach ein paar Tagen merkte er, dass ich es ernst meine. Der Kühlschrank blieb leer, Essen gabs nur noch auswärts. Das ging schnell ins Geld.

Als das Wetter umschlug, schnappte er entnervt seine Koffer und zog wieder zu seiner Mutter. Dort erzählte er allen, ich hätte im Urlaub angebandelt und ihn sitzen gelassen.

Ganz ehrlich: Es tat gut, ihn so hilflos zu sehen, auch wenn ich versuchte, es nicht offen zu zeigen. Bald schon gönnte ich mir ab und zu ein leises Lachen hinter seinem Rücken.

***

Zwei Wochen nach dem desaströsen Grillabend rief er tatsächlich Sina an. Jetzt, wo er fast frei war, hoffte er wohl, sie an sich binden zu können. Doch ihre Antwort war ein einziger Korb.

Alex, lass gut sein. Ein netter Abend, mehr nicht. Und Blumen hast du ja auch nicht geschickt…

Er leistete noch ein paar wortreiche Entschuldigungen. Doch Sina wurde nie wieder schwach offenbar hatte ich ihr den Kopf zurechtgerückt.

Pech gehabt, Alexander. Und mir wurde klar, dass endlich ein neues Kapitel für mich beginnt.

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Homy
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