Eines Abends komme ich nach Hause und bin völlig überrascht. Meine Tochter packt ihre Sachen: Kleidung, Kosmetik, Technik. Ich frage sie, wohin sie gehen will.
Es stellt sich heraus, dass meine 18-jährige Tochter Lieselotte plötzlich erwachsen sein möchte. Ich kann mir ein erstauntes Aufschreien nicht verkneifen. Doch Lieselotte sagt nur:
Mama, ich ziehe aus. Ich werde mit Fabian zusammenwohnen.
Wie bitte, du ziehst aus? Wer ist dieser Typ überhaupt? Möchtest du uns ihn nicht mal vorstellen? frage ich sie verwundert. Wovon willst du leben? Hat er Eltern? Ich finde, du überstürzt das alles.
Ach Mama, jetzt mach doch mal halblang. Wir leben im 21. Jahrhundert! Ich bin volljährig und habe mein eigenes Leben! entgegnet Lieselotte entschlossen.
Ich erwidere darauf nichts mehr. Mir wird bewusst, dass ich dagegen machtlos bin. Ich sehe, wie Lieselotte ihr ganzes Zeug in Kisten packt und innerlich verabschiede ich mich von allem. Den Mixer habe ich eh nie benutzt. Meine Tochter schnappt sich ihre Koffer und verlässt die Wohnung. Aus dem Fenster sehe ich einen jungen Mann, der ihr hilft, alles ins Auto zu laden. Nun gut, wenn sie ihr Leben in die eigene Hand nehmen will, soll sie es ruhig versuchen! Mal sehen, was daraus wird. Am nächsten Tag lasse ich vorsichtshalber die Türschlösser austauschen bei Lieselotte und ihrem neuen Freund weiß man nie, was einen erwartet.
Ein paar Tage vergehen. Kein Ton von meiner Tochter. Ich hätte nie gedacht, dass sie so schnell wirklich ihr eigenes Leben beginnen würde. Plötzlich ruft sie an:
Mama, kannst du meine Semestergebühren bezahlen?
Ich bin enttäuscht, dass sie nur anruft, um mich wegen Geld zu bitten und nicht einmal fragt, wie es mir geht.
Nein. Du bist jetzt unabhängig. Ich will mich da nicht mehr einmischen.
Wunderbar. Vielen Dank, Mama! sagt Lieselotte empört und legt einfach auf.
Genau so wollte sie es doch dann soll sie jetzt auch erleben, wie das Erwachsenenleben aussieht.
Ich beschließe, das alte Zimmer meiner Tochter in ein Homeoffice umzubauen. Sie wohnt ja nicht mehr bei mir. Ich suche mir sogar einen schönen Schreibtisch und passende Stühle aus und lasse das Bett stehen. Vielleicht denkt sie ja noch nach und kommt irgendwann zurück.
Zwei Wochen vergehen. Als ich eines Abends von der Arbeit nach Hause komme, treffe ich Lieselotte am Hauseingang bepackt mit Taschen und sehr mitgenommen.
Warum hast du mir nicht gesagt, dass du kommst, mein Schatz?
Mir war das peinlich, Mama. Freust du dich etwa nicht, mich zu sehen? fragt meine Tochter mit Tränen in den Augen.
Natürlich freue ich mich! Was redest du denn da? Komm, wir gehen rein.
Wir betreten die Wohnung und Lieselotte fängt direkt an, ihre Sachen wieder auszupacken. Nur der Kaffeevollautomat fehlt. Der ist wohl noch bei Fabians Mutter geblieben, die ihn anscheinend als Bezahlung für Kost und Logis einbehält. Fabian ist übrigens dreißig Jahre alt. Nachdem Lieselotte gemerkt hat, dass ich ihre Studiengebühren nicht mehr übernehme, hat sie ihren Freund gebeten, das für sie zu zahlen. Aber er wollte keine Verantwortung übernehmen und hat sich geweigert, für ihre Ausgaben aufzukommen.
Mich beschäftigt vor allem eine Frage: Was hat sich dieser Fabian eigentlich dabei gedacht, meine arbeitslose Tochter zu sich und seinen Eltern ins Haus zu holen?




