Der weiße Mantel
Marlene lebte seit sie fünf war im Kinderheim in Hamburg. Den genauen Grund, warum sie dort gelandet war, wusste sie nicht mehr. Sie erinnerte sich nur daran, wie ihre Oma eines Morgens einfach nicht mehr aufwachte, und ihre Mutter nie wieder zurückkam. Danach waren da fremde Hände, bunte Flure und der ewige Geruch von gekochtem Kohl, der fast alles zu überdecken schien. Anfangs weinte sie nachts oft, doch irgendwann hörte das auf. Sie lebte einfach leise, zurückhaltend, so, als wartete sie darauf, dass ihr Fleiß ihr irgendwann etwas Echtes schenken würde.
Am liebsten hielt sie sich in der Turnhalle auf. Sie war groß, mit knarzenden Dielen und Fenstern ganz oben unter der Decke, verstaubt und doch voller Verlockung. Nach dem drangvollen Zimmer Nummer acht mit vier Betten, in dem ihr Leben dahin plätscherte, erschien die Halle wie ein Schloss aus den Märchen, von denen die Erzieherinnen abends manchmal erzählten. Wenn der prall aufgepumpte orangene Ball den Takt über das Holz schlug, vergaß Marlene all ihre Sorgen. Und wenn sie ihn kunstvoll in den Korb beförderte, hatte sie das Gefühl, tatsächlich so etwas wie Glück zu empfinden. Doch vollkommenes Glück war nur in einer Familie möglich, daran glaubten alle Kinder. Sie behielten einen geheimen Winkel im Inneren, hinter einem Vorhang, den sie irgendwann lüften wollten, um endlich offen lachen zu können.
Marlene rannte schnell, sprang hoch, der Ball gehorchte ihr. Eines Tages sagte Frau Natalie Schult, die Erzieherin: Du hast echtes Talent, Marlene. Ich kenne jemanden bei einem Verein wenn alles klappt, kannst du vielleicht richtig Basketball spielen.
Es klappte. Mit zwölf Jahren ging sie regelmäßig zum Training, erst im Stadtteil, dann in der Hamburger Mädchenmannschaft. Im Finale des Landesturniers wurde sie zur besten Spielerin ernannt, erzielte für ihr Team dreißig Punkte. Bei der Siegerehrung lächelte der Vorsitzende des Hamburger Sportbundes, Herr Gregor Bleibtreu: Herzlichen Glückwunsch, Marlene. Deine Zukunft wird groß, das verspreche ich dir, mein Kind. Tränen flackerten in Marlenes Augen, doch Gregor hielt es für kindliche Freude. Als er sie später alleine nachts aus der Halle kommen sah, hielt er sie auf.
Wieso wartet eigentlich niemand auf dich, Marlene, wo wohnst du?
Im Kinderheim Nummer drei, vier Stationen mit der Straßenbahn.
Ach so Entschuldige, das wusste ich nicht. Ich heiße Gregor Bleibtreu. Steig ein, ich fahre dich hin.
Zum ersten Mal in ihrem Leben fuhr sie mit dem Auto durch die Nacht und fühlte sich seltsam geborgen.
Und wer kümmert sich bei euch um dich?
Frau Natalie Schult, meine Erzieherin.
Darf ich die morgen mal kennenlernen?
Gerne, aber sie ist erst morgen früh wieder da.
Dann reden wir morgen miteinander.
Marlene war neugierig, über was dieser höfliche Mann mit ihrer Erzieherin sprechen wollte, traute sich aber nicht zu fragen.
Am nächsten Tag holte Frau Natalie sie zu sich ins Büro. Sie berichtete, dass Herr Bleibtreu gefragt hatte, was Marlene am dringendsten brauchen würde. Frau Schult hatte eigentlich geantwortet: Marlene braucht hier nichts, außer vielleicht Einem neuen Mantel.
Ich habe es ihm so gesagt du wächst so schnell, dir passen die Kindergrößen nicht mehr. Er hat deine Größe wissen wollen und schau mal Sie hieß Marlene zum Tisch, wo ein in Packpapier eingeschlagener Gegenstand lag, fest verschnürt mit Kordel. Komm, probier an!
Mit pochendem Herzen sah Marlene zu, wie die Erzieherin ein schneeweißes, tailliertes Damenmantelchen hervorholte. Schlanke Passe, schlanker Gürtel, honigfarbene Knöpfe. Es war so schön, so anders als alles, was sie je getragen hatte, dass selbst die wortkarge Marlene sprachlos war. Das Beste: Es war neu. Ohne Namen auf dem Futter, wie sie sonst mit Kugelschreiber von der Heimleiterin hineingeschrieben wurden.
Mein Gott, Marlene, so einen Mantel hab ich nur bei Schauspielerinnen in Filmen gesehen! Setz ihn dir mal auf und dreh dich!
Wie in Trance spürte sie das kühle Futter auf ihrer Haut, das sich augenblicklich in wohlige Wärme wandelte, als hätte sie jemand liebevoll umarmt. Im Spiegel entdeckte sie ihr rotwangiges, ungewohnt strahlendes Gesicht in einem modischen Mantel, der ihrer sportlichen Figur wie angegossen stand. Die alte Rock und das rote T-Shirt darunter passten nicht wirklich dazu, aber das war schon egal ihre Freude konnte nichts trüben.
Und das ist noch nicht alles! rief Natalie Schult, die offensichtlich genauso glücklich war. Hier, schau mal!
Sie schob ihr ein gefaltetes Papier mit aufgedrucktem Pfadfinderjungen zu.
Was ist das, Frau Schult?
Deine Fahrkarte ins Sommerlager! Du fährst im ersten Durchgang ins Pfadfindercamp Sonnenschein am Plöner See! Da ist es wunderschön, Marlene. Auch das hat Herr Bleibtreu dir geschenkt. Möge er immer Glück haben.
In dieser Nacht konnte Marlene lange nicht einschlafen, die vergangenen Tage jagten wie bunte Bilder durch ihren Kopf: Das Finale, die Medaille, die Autofahrt mit Herrn Bleibtreu, die Einladung ins Camp und natürlich, der wundervolle neue Mantel, der jetzt auf sie im Schrank wartete. Leise stand sie auf, verließ das Bett, hüllte sich noch einmal in den Mantel, ihrem geliebten Mantelchen, wie sie ihn getauft hatte. Im Flur trat sie ans Fenster, draußen nieselte der erste Frühlingsregen, und zum ersten Mal wollte sie gar nicht, dass der Winter verschwand; sie wollte noch etwas länger in ihrem schönsten Kleidungsstück umherlaufen.
***
Und denk an die Schuhe, Marlene du brauchst Turnschuhe, Hausschuhe, einen Sonnenhut und das hier, zählte Frau Natalie am Tag vor der Abreise auf, und natürlich den Mantel, steht so im Zettel Übergangsmantel.
Marlene wunderte sich zwar, was sie im Sommer mit einem Mantel sollte, aber abends war es noch kühl, und sie wollte ihn sowieso nicht einfach im gemeinsamen Heimschrank zurücklassen.
Als sie mit dem neuen weißen Mantel im Camp Sonnenschein ankam, starrten die anderen Mädchen sie an wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Jeansjacken, bunte Windbreaker, freche Frisuren und sie: im Mantel. Der Ball nahm nur wenig Platz im Rucksack, den Mantel musste sie deshalb tragen.
Du trägst wohl Omas Style?, spottete eine dünne Lena aus dem Nachbarbett.
Wohl eher Opa! rief eine andere.
Der Winter ist schon vorbei!, kicherte eine Dritte von der Fensterbank.
Vielleicht ist sie mit dem Rentierschlitten aus dem Norden angereist!
Geht euch nichts an, erwiderte Marlene leise, ballte aber die Fäuste und blickte alle so entschlossen an, dass niemand mehr eine Silbe sagte. Sie hängte das Mantelchen an den Bettrahmen und verließ das Zimmer.
Komische Tussi, flüsterte eine, als die Tür hinter ihr zufiel.
Marlene erkundete das Camp: Essenssaal, Bühne mit hölzernen Bänken, Fußballplatz, Volleyballfeld mit zerrissener Netz nur das Basketballfeld lag im hohen Gras, der Korb war alt und rostig.
Wozu war sie überhaupt gekommen?, fragte sie sich, an den schlanken Stamm einer Birke gelehnt. Aber dann zuckte sie mit den Schultern 21 Tage, das schafft sie schon. Mantelchen und Ball waren da. Und die Zimmermädchen? Sollten sie reden.
Am nächsten Tag, zur feierlichen Eröffnung mit Lagerfeuer und Disko, saß Marlene abseits unter Akazienbüschen, lauschte der Musik aus der Ferne, während die anderen tanzten. Sie konnte zwar nicht tanzen, aber Musik liebte sie sehr. Abends erzählten die Mädchen Gruselgeschichten und urkomische Storys aus westlichen Filmen einige hatten ja schon Videorekorder zu Hause. Marlene lag still mit geschlossenen Augen da, gab vor zu schlafen. Was hätte sie diesen leuchtenden Mädchen schon bieten können? Geschichten über die nächtlichen Tränen der neuen Heimkinder? Über altbackene Brotrinden, die aus der Kantine in Kissenbezüge gewandert waren? Oder wie jede Erwachsene in jedem Besucher gierig den möglichen neuen Elternteil sucht?
Als für den Volleyballwettbewerb noch Leute gebraucht wurden, rief die Betreuerin: Marlene, du bist doch sportlich versuch es doch mal! Sie machte mit, obwohl sie noch nie Volleyball gespielt hatte. Dort schlug man den Ball mit der flachen Hand. Dasha, die Kapitänin, war hübsch, temperamentvoll, mit einer langen, geflochtenen Mähne.
Mensch, warum fängst du den Ball wie beim Basketball? Bagger lieber, weich, pass mal! rief Dasha genervt. Doch Marlene bekam keinen rechten Zugriff. Der Ball war zu leicht, flog immer wieder zu weit. Mensch, Bohnenstange, dich sollte man zum Blocken nehmen!
Nach ein paar misslungenen Blocks verließ Marlene enttäuscht das Feld, holte ihren Basketball, riss das Unkraut vom verlassenen Spielfeld und warf ihren Ball Stunde um Stunde, ganz für sich.
Das Lagerleben floss nur so dahin: Frühsport, Gelände säubern, Essen fassen, Vorbereitung für den Talentwettbewerb, viele Rituale eben, wie man sie im Camp kennt.
Kinoabende liebte sie am meisten. Dann hing am schwarzen Brett das Filmposter. Am Abend rollte der Vorführer aus dem Dorf den Projektor herein. Marlene setzte sich immer in die letzte Reihe und sah gebannt zu, wie tapfere Seemänner Piraten jagten oder dunkle Indianerhäuptlinge Pfeile schickten, um ihr Volk zu retten.
Abends spielte sie meistens noch Basketball, oft allein im Halbdunkel, während alle andern sich zum Singen oder Schnattern gruppierten. Mantelchen wartete dabei wie ein treuer Posten am Spielfeldrand.
Zu den Diskos ging Marlene nie. Wenn die Mädchen sich schminkten, ihre schönsten Kleider suchten und loszogen, saß sie lieber im Gebüsch auf einer alten Bank.
Eines Abends vernahm sie Geflüster hinterm Strauch: Dasha und ein Junge aus der Jungsgruppe hatten sich versteckt, dachten, niemand sähe sie. Plötzlich tauchten drei raue Typen aus dem Ort auf, angetrunken, mit Kippen in der Hand. Schaut mal, was für eine Tussi wir hier haben! Na, komm mit, machen wir Spaziergang im Mondschein!, riefen sie. Dasha war wie gelähmt, ihr Begleiter flüchtete. Die Jungs umzingelten sie.
Ohne zu überlegen stürmte Marlene aus der Dunkelheit, stellte sich neben Dasha. Lasst sie in Ruhe!, zischte sie energisch, Sonst knallts!
Die Jungs starrten ungläubig, als käme ein weißes Gespenst aus dem Gebüsch, dann lachten sie. Einer griff nach Marlene, doch sie schlug zu ungeschickt, aber heftig. Dasha hatte sich inzwischen gesammelt, kreischte und zog dem nächsten an den Haaren. Musik stoppte, die Betreuer stürmten herbei. Zwei Störenfriede wurden gleich festgehalten, der dritte versuchte zu fliehen. Doch Marlene schnappte sich ihren Ball, warf gezielt und traf ihn direkt am Hinterkopf. Er stürzte, sofort wurde er umringt.
Hammerwurf, Schwesterherz!, japste Dasha, immer noch atemlos, aber zum ersten Mal ohne Spott im Blick. Marlene schulterte ihren Ball. Danke Marlene.
Gern geschehen. Alles gut, murmelte sie.
Am nächsten Morgen winkte Dasha nach dem Frühsport. Los, Partnerübung! Ich bring dir Volleyball bei!
Ach, ich bin nicht gut
Na und du kannst alles schaffen, ich helfe dir!
Schon flog der Ball übers Netz hin und her. Sanfter, Marlene, nur mit den Fingerspitzen so, klasse!
Von da an änderte sich vieles. Nicht sofort, aber sicher.
***
Am Besuchstag gab es plötzlich Schnee. Flocken taumelten seit dem Morgen auf die Dächer. Die Türgriffe waren überfroren, Schneesterne glitzerten auf den Rosenbüschen vorm Speisesaal es sah wundervoll aus, doch innen war es kalt wie immer.
Gegen Mittag kamen die ersten Eltern. Zwischen Haupttor und Radiobaum zog sich eine brummende Telefonleitung. Alle paar Minuten verkündete ein Lautsprecher Namen.
Lena Kuschke, Aida Lorenz, Julian Stein ans Tor, eure Eltern sind da! Kaum waren die Namen raus, rannten die Kinder los, tauchten in die offenen Arme ihrer Eltern.
Brr, Mädchen, ist das ein Schietwetter! Ich hole mir noch eine Lungenentzündung! Aber, na ja, geht schon ohne Jacke, rief Lena Kuschke, als sie aufsagte wurde.
Da ertönte eine Stimme, wie man sie im Camp nur selten hörte:
Nimm meinen Mantel, Lena, der hält dich warm!
Alle drehten sich um Marlene stand am Fenster, streifte ihren Mantel ab und reichte ihn dem Mädchen, das sie vor einer Woche noch Oma genannt hatte.
Oh, danke, Marle Marlene!
Danach trug jede aus dem Zimmer einmal Mantelchen sie roch nach fremden Parfüms, nach Äpfeln, nach Bonbons und jedes Mal brachten die anderen ihr etwas zurück, Schokolade, Saft, eine Tüte Nüsse. Am Schluss stand ein richtiges Festessen auf Marlenes Nachtschränkchen, das sie allen anbot.
Zuletzt verschwand Dasha mit Mantel zur Begrüßung bei ihren Eltern. Marlene blickte sehnsüchtig hinterher alles würde sie geben, wäre auch jemand zur ihr gekommen
Sie legte sich hin, zog sich die Decke über den Kopf wie früher, als sie sich aus Wolldecken ein eigenes kleines Häuschen baute Zuflucht im Verlorensein.
Sie wachte erst auf, weil eine warme Hand ihr die Schulter streichelte. In der Dämmerung erkannte sie das geduldige Profil einer Frau. Sie drehte sich weg niemand hatte je so zärtlich zu ihr gewesen. Doch die Frau blieb still sitzen.
Mama?, flüsterte Marlene endlich, ohne die Augen zu öffnen.
Ja, sprach die Frau sanft, darf ich deine Mutter sein?
Und ich deine Schwester, für immer!, war nun auch Dashas Stimme da.
Jetzt setzte Marlene sich aufrecht. Die Frau neben ihr war wunderschön ehrlich, offen, wie ihre Erzieherin Natalie Schult.
Dasha hat so viel von dir erzählt, Marlene, ich habe dich längst in mein Herz geschlossen. Sie sagt, du bist das beste Mädchen der Welt und dass sie nicht abreist ohne dich.
Komm schon, Marlene, sag ja!, bat Dasha und setzte sich ganz dicht an sie heran.
Und was ist mit deinem Papa? Vielleicht will er das nicht?
Papa findet es klasse. Außerdem kennt er dich schon!
Wie das?
Na, als ich neulich in deinem Mantel kam, hat er gleich gefragt, von wem der ist. Ich sagte von Marlene. Da hat er gestrahlt: Marlene, die Sportlerin, die kenne ich! Erinnerst du dich an Herrn Bleibtreu? Das ist er.
Ich will Ja, ich möchte, flüsterte Marlene und brach in Tränen aus diesmal in den Armen ihrer neuen Mutter und Schwester.
Eine solche Szene sahen die erstaunten Zimmermädchen, als sie vom Abendessen zurückkehrten.
***
Herr Bleibtreu wartete draußen im Auto auf Marlenes Entscheidung. Als er die strahlenden Mädchen und seine Frau auf sich zukommen sah, wusste er sofort Bescheid und versprach, gerne Vater einer weiteren Tochter zu werden.
Von jetzt an wurde Marlene zu einem anderen Menschen. Sie öffnete das Glücksfenster in sich, verwandelte sich von der schweigsamen Außenseiterin zur fröhlichen Quasselstrippe und bald zur strahlenden Sonnenschein-Heldin.
Seit der Sache mit den Rowdys und dem Mantel mochten die Mädchen sie alle. Außerdem aß sie an jenem Sonntag nicht etwa heimlich ihre Schätze allein, sondern lud ihre Freundinnen zum nächtlichen Mitternachtspicknick voller Süßigkeiten auf ihrem Bett ein mit Kerze und Kichern.
Bald überredeten sie Marlene zur Teilnahme an der Miss Sonnenschein-Wahl, halfen ihr beim Tanzen, mit Frisuren, Kleidern, Mut.
Und nur eine Woche später meldete der Lagerlautsprecher: Eltern von Dasha und Marlene am Tor, bitte! Die beiden fassten sich an der Hand und rannten den wartenden Eltern entgegen.
Alle, die dort standen die zum Abholen kamen und die abgeholt wurden spürten, wie sie einen der glücklichsten Momente ihres Lebens erlebten.





