MEIN HERZ SCHLÄGT WIEDER
Ich, Annika, habe meine Tochter Leonie aus einer Liebe geboren, die im Nebel der Erinnerung verschwimmt. Man könnte sagen, ich bin vor der Ehe ausgerutscht, wie meine Mutter das nannte. Damals schwirrte ein junger Mann um mich herum attraktiv, höflich, aber auch irgendwie flüchtig wie ein Schmetterling. Heiraten wollte er mich nicht das ließ er mich mit seinem charmanten Lächeln immer wieder wissen.
Viel lieber zeigte ich ihn den älteren Damen vor dem Mietshaus, den Sonnenblumen, die wie immer lauernd am Eingang hockten und uns nachschauten. Es war eine Mischung aus Stolz und einer Spur von Trotz, ihn an meiner Seite zu halten, während ich ihre Blicke spürte.
Mein Verehrer hatte keine feste Anstellung; das Leben war für ihn ein Spiel, keine Aufgabe. Ich kochte für ihn, bewirtete ihn, lies ihn abends bei mir schlafen. Ich hätte ihm einen blumigen Teppich ausgerollt, wenn es ihn länger bei mir gehalten hätte.
Eines Tages offenbarte er mir, wie langweilig ihm mit mir sei; dass ich ihn nicht genug als Mann schätzen würde. Und außerdem wenn ich ihn wirklich liebte, warum läge dann noch kein gemeinsamer Ostsee-Urlaub hinter uns? Eine Woche lang habe ich geweint, seine Fotos zerrissen und verbrannt. Ein ganzer Monat verging mit Leiden. Aber dann lernte ich Sebastian kennen.
An einem hektischen Morgen in Hamburg stand ich, wie immer zu spät dran, an der Bushaltestelle. Da hielt ein Taxi vor mir. Der Fahrer öffnete galant die Tür: Steigen Sie schnell ein! Ohne viel zu überlegen, sprang ich in den Wagen.
Sebastian war das genaue Gegenteil meines vorherigen Schwarms: gepflegt, rasiert, freundlich, hilfsbereit und seinem Alter entsprechend souverän. Es war, als hätte eine fürsorgliche Frauenhand ihm die Hemden gebügelt. Ich tippte auf eine liebevolle Mutter. Noch nie hatte ich mich so sicher gefühlt. Am Ende der Fahrt gab ich ihm meine Nummer. Das war das einzige Mal, dass ich kostenlos Taxi fuhr.
Wir trafen uns. Blumen, kleine Aufmerksamkeiten, liebevolles Werben. Sebastian liebte mich zärtlich. Im Frühjahr spazierten wir durch die Wälder um den Stadtrand von Hamburg. Ich pflückte Schneeglöckchen, Sebastian stieg begeistert mit ins Spiel. Mein kleines Sträußchen kam auf den Beifahrersitz, er legte sein großes Bündel auf die Rückbank. Für seine Frau, schoss es mir durch den Kopf. Ich hütete aber meine Frage. Was, wenn er wirklich verheiratet war? Ich hatte mich schon so an seine Aufmerksamkeit gewöhnt da verdrängte ich lieber die Wahrheit.
Aber nicht lange darauf stand Sebastians Frau vor meiner Tür. Mit zwei kleinen Kindern.
Hier, bitte schön, sagte sie, ziehen Sie sie groß, sie hängen an ihrem Vater!
Ich stammelte nur: Entschuldigung, ich wusste nicht, dass er verheiratet ist. Ich werde Ihre Familie nicht zerstören.
Am selben Abend machte ich Schluss.
Der nächste Mann war Giorgi, ein Georgier. Ein Wirbelwind, der mein Leben auf den Kopf stellte und plötzlich wieder verschwand zurück nach Tiflis. Die Liebe war intensiv und voller Lebenslust. Er organisierte ständig Unternehmungen, kannte Sorgen nur vom Hörensagen. Ein Jahr lang trug er mich sprichwörtlich auf Händen. Am Ende zog es ihn zurück in die Heimat. Das Klima hier, meinte er, sei nichts für ihn. Vielleicht auch die kranke Mutter. Ich fühlte mich verlassen und entschied: lieber einsam, als wieder zu leiden.
Gerade als ich mich mit meinem Schicksal arrangiert hatte, entdeckte ich ein neues Leben unter meinem Herzen. Plötzlich waren da viele Fragen: Wer ist der Vater? Wie soll ich alles schaffen? Wie bleibt man dabei bei Verstand?
Ein Mädchen kam zur Welt Leonie. Sie wurde mein Ein und Alles, meine ganze Hoffnung. Das Kind glich Giorgi: lockige Haare, dunkle Augen, das gleiche unbeschwerte Lächeln. An Leonie erinnerte ich mich an die sonnigen Tage mit ihm. Klar, manchmal packte mich die Verzweiflung, besonders wenn ich verheiratete Freundinnen sah, aber meine Tage waren ausgefüllt mit Mutterpflichten zum Weinen blieb keine Zeit.
Am ersten Schultag wurde Leonie neben einen Jungen namens Emil gesetzt. Sie mochte ihn auf Anhieb nicht. Emil nannte sie eine lockige Göre. Die beiden konnten sich überhaupt nicht leiden. Die Lehrerin musste sie auseinandersetzen trotzdem stritten Leonie und Emil weiter.
Ich ging zur Schule, um herauszufinden, warum meine Tochter ständig zerkratzt nach Hause kam. Die Lehrerin gab mir sofort Emils Adresse: Gehen Sie und klären Sie das mit seinen Eltern.
Ich zögerte nicht lange und klingelte an der angegebenen Tür. Ein Mann öffnete jung, die Hände am Handtuch. Sie wollen zu mir? Kommen Sie bitte rein. Ich mach Ihnen gleich Kaffee, muss nur noch meinen Wildfang füttern. Er verschwand in die Küche.
Ich trat in ein chaotisches Wohnzimmer Männerwohnung eben. Kleiderhaufen, eine dicke Staubschicht, Tabakgeruch überall. Na prima…, dachte ich.
Er kam zurück, einen Tablett mit zwei dampfenden Kaffees auf den Tisch stellend dieser Duft, unvergesslich!
Womit verdanke ich Ihren Besuch?, fragte er.
Ich bin die Mutter von Leonie, begann ich.
Aha, dann ist ja alles klar. Mein Emil ist wohl ein wenig verliebt in Ihre Tochter!, lachte er.
Und deshalb zerkratzt meine Tochter jeden Tag?, ging ich in die Offensive.
Bitte?, fragte Emils Vater ehrlich erstaunt.
Bitte sorgen Sie dafür, dass Ihr Sohn sich zusammenreißt. Danke für den Kaffee. Ich setzte zur Verabschiedung an.
Das mache ich, keine Angst. Lassen Sie sich nicht ärgern.
Der Wildfang saß stumm in der Küche.
Zu Hause konnte ich nicht einschlafen. Ich dachte ständig an diesen Mann bodenständig, fürsorglich, dazu dieser unvergleichliche Kaffee! Kein Verehrer zuvor hatte mir je einfach nur Kaffee angeboten immer nur Wein, Prosecco, Sekt. Ich merkte, wie meine Gedanken begannen, seine Wohnung zu putzen und einzurichten, ihm neue Blumen auf die Fensterbank zu stellen Ja, sogar Emils Lockenkopf hätte ich gern gestreichelt!
Am nächsten Morgen war ich voller Tatendrang und bat Leonie, freundlicher zu Emil zu sein.
Wochen vergingen
Auf dem nächsten Elternabend saß ich wieder diesem Mann gegenüber. Jetzt war klar: Emil hatte keine Mutter mehr sonst wäre sie hier. Es war, als öffnete sich plötzlich ein Raum der Nähe.
Nach dem Treffen bot mir Emils Vater an, uns nach Hause zu bringen. Es war Dezember, früh dunkel, Hamburg schleierte sich in Nebel. Ich sagte spontan Ja. Endlich fragte er nach meinem Namen.
Jörg, stellte er sich vor.
Schön, Sie kennenzulernen. Annika, antwortete ich.
Offenbar war ich nicht die Einzige, die Hoffnung aus dieser Begegnung schöpfte. Jörg schlug vor, Silvester gemeinsam zu feiern. Nach sieben Jahren Einsamkeit, dachte ich: was habe ich schon zu verlieren?
Jörg erzählte später, dass er von seiner Frau verlassen wurde für seinen besten Freund. Er behielt Emil. Ihm fehlte die Sanftheit einer Frau, Emil vermisste Mutterwärme. Jörg gestand, dass er von Anfang an Gefühle für mich hatte.
Wir zogen zusammen nach Rücksprache mit Leonie und Emil, natürlich. Die beiden stimmten zögerlich zu.
Das Leben wurde bunter wir kauften eine größere Wohnung. Ich kümmerte mich um Haus und Kinder. Für Emil war ich wie eine Mutter, für Leonie war Jörg ein liebevoller Vater. Wir waren eine richtige Familie.
Die Zeit verging, die Kinder wuchsen. Und dann: Emil und Leonie heirateten! Jörg und ich segneten ihre Ehe. Sie verbrachten ihre Flitterwochen in Paris, während ich Jörg überredete, mit mir wenigstens einmal ans Meer zu fahren. Er wollte erst nicht. Annika, kauf dir lieber was Schönes von dem Geld. Doch ich bestand darauf.
Eine Woche Kurort an der Nordsee. Es war unser Himmel! Jörg verwöhnte mich, brachte Blumen, schmeichelte mir, sagte, ich sei sein größtes Glück.
Am Tag der Abreise gingen wir gemeinsam zum Strand. Es war früh morgens, niemand war dort. Jörg küsste mich und sagte traurig: Annika, ich liebe dich so sehr. Er wollte sich noch einmal ins Wasser stürzen.
Ich habe ihn nie wieder gesehen.
Jörg ist im Meer ertrunken. Die Seenotretter konnten ihn nicht finden obwohl das Wasser ruhig war.
Wochenlang war ich wie betäubt. Plötzlich Witwe mit fünfundfünfzig! Wieso gerade Jörg er konnte doch so gut schwimmen, und warum habe ich ihm nicht auch gesagt, wie sehr ich ihn liebte?
Zuhause war alles grau. Ich hasste das Meer dafür. Nichts konnte mich trösten. Nicht einmal eine Grabstätte blieb mir.
Der Schmerz zerfetzte meine Seele, ich wollte kaum noch atmen. Sie sagen, Zeit heilt alle Wunden, doch ich glaube das nicht. Sie betäubt, ja, aber legt man den Finger in die Wunde, schmerzt es wie am ersten Tag. Die Erinnerung wird bleiben, so lange ich lebe.
Jetzt halte ich die Hände meiner zwei Enkelkinder, Lotta und Max, während wir durch einen herbstlichen Park spazieren. Es ist Tradition, danach ins Café zu gehen. Lotta und Max bekommen Eis, ich bestelle mir eine Tasse Kaffee diesen einen Kaffee. Der betörende Duft versetzt mich zurück. Ich spüre Jörg neben mir, er sieht meine Annika und weiß alles.
Nach all den Jahren, nach all dem Schmerz, kann ich nur dankbar sein für die fünfundzwanzig Jahre mit Jörg. Das Leben endet aber die Liebe niemals.





