Antonina P., allein im Regen – Wie eine Mutter nach Jahren der Aufopferung für ihren Sohn und seine …

Antonina Schulze trottete durch den Regen, während dicke Tränen ihr Gesicht hinunterliefen und sich mit den Tropfen vermischten.
Immerhin das Wetter hält zu mir, dachte sie ironisch. Sieht wenigstens keiner meine Trauerfalten oder was davon übrig ist.
Und noch so ein Gedanke: Schuld bin ich selbst! Kam mal wieder wie die Jungfrau zum Kinde daher Überraschungsgast deluxe.
Tränen mischten sich mit nassem Lachen, als ihr ein alter Witz einfiel: Schwiegersohn fragt die Schwiegermutter Na, Mama, wollen Sie echt nicht mal auf nen Tee bleiben?
Und jetzt stand sie genauso dämlich im Regen wie diese Mama im Witz.
Sie lachte und weinte, weinte und lachte.
Zuhause entledigte sich Antonina ihrer klitschnassen Sachen, wickelte sich in die warme Wolldecke, und heulte sich dann richtig aus niemand da! Nur Goldie, der Goldfisch, schwamm stoisch im runden Aquarium. Wen kümmerts!
Antonina war mal eine vielbegehrte Frau ja, wirklich! Männer standen auf sie. Aber mit dem Vater von Niklas, ihrem Sohn, war einfach der Wurm drin. Er hatte eine innige Beziehung zum Bier. Anfangs verkraftbar: Ein, zwei Flaschen, ab ins Bett. Aber irgendwann entwickelte er eine Eifersucht, die selbst Sherlock Holmes übertrieben hätte.
Der Bäcker, der Gemüsehändler, Opa Walter aus dem zweiten Stock alle wurden zu Nebenbuhlern erklärt.
Es eskalierte, als Antonina einmal freundlich mit dem Nachbarn grüßte. Der Ehemann rastete prompt aus, verwechselte seine Fäuste mit Liebesbekundungen. Und das alles vor den Augen ihres Sohnes Niklas!
Niklas konnte einiges erzählen, seine Großeltern, Gisela und Horst, waren fassungslos.
Dafür habe ich dich nicht großgezogen, dass dich irgendein besoffener Kerl verhaut!, schniefte Gisela.
Horst war wortkarg, aber effektiv: Packte den Gatten, ab die Post vierter Stock, Treppenhaus, bye! Im Landeanflug schaffte sich der Mann noch einen Gipsarm an.
Noch einmal bei meiner Tochter? Dann setz ich mich lieber ins Gefängnis, als das noch mal mitanzusehen!, drohte Horst, und das klang glaubhaft.
Der Mann tauchte nie wieder auf und Antonina auch nie mehr bei irgendeinem Standesamt. Braucht sie nicht, sie hat ja Niklas großzuziehen. Wer weiß, was für ein Exemplar das nächste Mal rauskommt.
Verehrer gab es genug, aber Antonina winkte dankend ab. Ein Mal Katastrophe reicht!
Geldprobleme? Nicht wirklich. Sie war gelernte Fachfrau für Gastronomie, pendelte jeden Tag zu ihrem kleinen aber feinen Restaurant in München. Sie sparte fleißig auf eine Wohnung.
Als sie gerade genug Euro zusammengekratzt hatte, stand Niklas mit Verlobungsplänen auf der Matte. Seine Anastasia ein Name wie Musik in deutschen Ohren!
Also blieb Antonina in ihrer gemütlichen alten Wohnung und finanzierte den Kindern nicht nur die Hochzeit, sondern auch gleich eine brandneue Zwei-Zimmer-Bleibe. Klar, schließlich braucht eine junge Familie ja Platz!
Jetzt hatte sie ein neues Sparziel: ein Auto für die Kinder, denn auf dem klapprigen alten Opel fährt heute keiner mehr gern herum.
Eigentlich wollte sie an jenem Tag gar nicht bei den Kindern vorbeischauen. Sie ist nun wahrlich nicht der Typ, der sich selbst zum Kaffee einlädt. Doch als sie ohnehin gerade in Haidhausen unterwegs war, brach so ein Wolkenbruch über München herein! Ganz ohne Schirm einer hätte eh nichts gebracht bei dem Unwetter.
Kurz entschlossen klingelte sie, wollte den Regen absitzen, mit Anastasia einen Plausch am Tee führen.
Anastasia öffnete, musterte die Schwiegermutter wie ein Museumsstück und sah keinen Anlass, sie hereinzubitten.
Frau Schulze, was wollen Sie denn?, fragte sie eisig in den Flur hinein.
Antonina stammelte:
Es hat so geregnet
Der Regen ist schon längst vorbei! Sie wohnen doch gleich um die Ecke, das schaffen Sie wohl noch!, entgegnete Anastasia, die Arme vor der Brust verschränkt und den Blick aus dem Fenster gerichtet.
Ja, ja natürlich, nickte Antonina Schulze brav, schluchzte und trat wieder in den Regen hinaus.
Sie weinte und weinte und schlief später ganz erschöpft ein.
Im Traum schwamm plötzlich Goldie, der Goldfisch, riesengroß im Zimmer herum und bewegte wortlos die Lippen. Aber Antonina verstand jedes Wort.
Heulst du schon wieder? Echt jetzt? Noch nicht mal einen Tee gabs! Und für wen sammelst du eigentlich pausenlos Geld? Wirst du ewig für andere leben? Gönn dir doch mal was! Du bist klug, du bist schön ab ans Meer mit dir! Deine Kinder kapieren es eh nicht. Mach was für dich!
Antonina wachte auf, als es schon dunkel war.
Goldie schwamm weiter wie eh und je, aber Antonina sprach ab sofort wieder nur Mensch. Und sie hatte kapiert: Man muss sich nicht für undankbare Leute zum Deppen machen. Schon gar nicht für solche, die keinen Tee anbieten können, wenns draußen schüttet.
Antonina Schulze schnappte sich ihre Ersparnisse und buchte einen Urlaub ans Mittelmeer!
Sie fuhr los, erlebte Sonne, Meer und Aperol Spritz. Sie kam zurück braun gebrannt und mit frischem Wind im Haar.
Niklas und Anastasia? Die bekamen von alldem nichts mit. Sie klingelten nur, wenns was zu holen gab. Mama, kannst du am Samstag auf Mia aufpassen? oder Mama, leihst du uns was?
Und siehe da: Plötzlich entdeckte Antonina, dass da draußen noch ganz andere Männer außer Niklas Vater existierten. Sogar einen netten charmant und kultiviert, und zu allem Überfluss noch der Inhaber ihres Restaurants!
Früher war sie immer zu beschäftigt, um sowas zuzulassen. Nun aber: Harmonie allenthalben! Gemeinsam zur Arbeit, gemeinsam nach Hause. Das Leben schmeckt wieder.
Neulich stand Anastasia plötzlich in der Tür.
Warum kommen Sie eigentlich gar nicht mehr vorbei, Frau Schulze? Niklas hat schon einen Wagen ins Auge gefasst …, flötete die Schwiegertochter mit der Subtilität eines Vorschlaghammers.
Antonina verschränkte die Arme:
Anastasia, was genau möchten Sie?
Bevor Anastasia etwas erwidern konnte, tauchte ein durchaus interessanter Herr im Türrahmen auf:
Toni, trinken wir jetzt endlich unseren Tee?
Unbedingt! grinste Antonina.
Lad doch die Dame gleich mit ein!
Nein, Anastasia muss schon weiter und Tee mag sie gar nicht, oder Anastasia?
Mit einem beherzten Schwung schloss Antonina Schulze die Tür, lachte und zwinkerte Goldie im Aquarium verschwörerisch zu.
Genau so ists richtig!

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Homy
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Da er seine Mutter als Last empfand, brachte der Sohn sie ins billigste Altenheim. ‘Ihr Mädchenname?’ …