Irina drückt nicht schnell genug auf „Auflegen“ – und plötzlich hört sie eine fremde Frauenstimme am…

Sabine hatte das Telefon noch nicht aufgelegt, als sie plötzlich eine weibliche Stimme am anderen Ende der Leitung hörte.

Sabine stand am Fenstersims und blickte gedankenverloren auf den fallenden Schnee in München. Das Gespräch mit ihrem Mann näherte sich dem Ende ein gewöhnlicher, unauffälliger Anruf wie viele in fünfzehn Ehejahren. Michael berichtete von seiner “Dienstreise” nach Berlin: Alles laufe wie geplant, die Termine verliefen erfolgreich, er sei in drei Tagen zurück.

Na gut, mein Lieber, dann bis später, sagte Sabine und wollte das Gespräch beenden. Ihr Finger schwebte schon über der roten Taste, als sie innehielt. Eine junge, melodiöse Frauenstimme erklang plötzlich am anderen Ende:

Sabines Hand erstarrte in der Luft. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, um daraufhin rasend zu klopfen. Sie presste das Telefon wieder ans Ohr, hörte jedoch nur das Tuten Michael hatte aufgelegt.

Langsam ließ sie sich in den Sessel sinken, die Knie wurden ihr weich. Michael… Badezimmer… Welches Badezimmer auf einer Dienstreise?, geisterte es durch ihren Kopf. Ihre Erinnerung spülte all die kleinen Ungereimtheiten der letzten Monate nach oben: häufigere Geschäftsreisen, nächtliche Anrufe, die er nur auf dem Balkon annahm, ein fremder Damenduft im Auto.

Ihre Hände zitterten, als sie den Laptop aufklappte. Die Zugangsdaten zu seiner E-Mail kannte sie noch aus der Zeit, als zwischen ihnen Vertrauen und Aufrichtigkeit selbstverständlich waren. Flugs fand sie die Tickets, die Hotelreservierung… Honeymoon-Suite in einem Fünf-Sterne-Hotel in Berlin. Für zwei Personen.

Und dann entdeckte sie den Mailwechsel. Annika. Sechsundzwanzig, Fitnesstrainerin. Liebling, ich halte das nicht mehr aus. Du hast mir vor drei Monaten versprochen, dich scheiden zu lassen. Wie lange soll ich noch warten?

Sabine wurde übel. Vor ihrem inneren Auge liefen die Bilder ihres ersten Dates mit Michael ab er war noch Außendienstler, sie frischgebackene Steuerfachangestellte. Sie sparten gemeinsam ein Jahr lang für die Hochzeit, lebten damals in einer kleinen Mietwohnung. Sie hatten die ersten Erfolge gefeiert, sich gegenseitig gestützt, wenn es schwierig wurde. Und heute? Michael erfolgreicher kaufmännischer Leiter, sie Chef-Controllerin in derselben Firma. Und dazwischen, eine Kluft von fünfzehn Jahren und sechsundzwanzig Jahren Annika.

****

Im Hotelzimmer schritt Michael auf und ab, sichtlich angespannt.

Warum hast du das gemacht? Seine Stimme bebte vor Wut.

Annika lag lässig im Bademantel auf dem Bett, ihr hellblondes Haar lag wie ein Vorhang auf dem Kissen.

Wieso denn nicht?, sie streckte sich wie eine zufriedene Katze. Du hast doch selbst gesagt, du willst dich scheiden lassen.

ICH entscheide, wann und wie! Weißt du überhaupt, was du angerichtet hast? Sabine ist nicht dumm, sie hat längst alles verstanden!

Na wunderbar!, Annika setzte sich abrupt auf. Ich hab es satt, die Geliebte zu sein, versteckt in Hotels. Ich will mit dir in Restaurants gehen, deine Freunde treffen deine Frau sein!

Du benimmst dich wie ein Kind, knurrte Michael.

Und du wie ein Feigling! Sie sprang auf, ging zu ihm. Schau mich an! Ich bin jung, attraktiv, ich kann dir Kinder schenken. Was kann sie? Deine Finanzen sortieren?

Michael packte sie an den Schultern. Sprich nie wieder so über Sabine! Du hast keine Ahnung, was wir zusammen durchgemacht haben!

Ich weiß genug, stieß Annika hervor, zog sich los. Ich weiß, dass du mit ihr unglücklich bist. Viel Arbeit, Routine… Wann habt ihr zuletzt miteinander geschlafen? Wann wart ihr mal gemeinsam im Urlaub?

Michael wandte sich ans Fenster. Dort draußen, irgendwo in München, brach gerade ihre gemeinsame Welt zusammen. Fünfzehn Jahre Eheleben und ein unbedachtes Wort einer jungen Frau ließ alles zusammenstürzen wie ein Kartenhaus.

****

Sabine saß im dunklen Wohnzimmer, die Hände um eine erkaltete Tasse Tee gelegt. Ihr Handy blinkte: Dutzende verpasste Anrufe von Michael. Sie nahm nicht ab. Was sollte sie sagen? Liebling, ich hab deine Geliebte im Hintergrund gehört?

Bilder ihrer Ehe tauchten auf: Michael kniet im Biergarten, hält ihr den Verlobungsring hin. Sie beziehen ihre erste eigene Wohnung eine kleine Zweizimmerwohnung in Schwabing. Er hält sie, als ihre Mutter stirbt. Sie stoßen auf seine Beförderung an…

Dann kamen Überstunden, Renovierung, ein Kredit… Wann hatten sie das letzte Mal miteinander gelacht? Wann einen Film geschaut, Hände haltend? Wann die Zukunft geplant?

Das Handy vibrierte erneut: Sabine, lass uns reden. Ich kann alles erklären.

Erklären? Dass sie gealtert ist, im Alltag versinkt? Dass die junge Fitnesstrainerin seine Bedürfnisse besser versteht?

Sabine trat vor den Spiegel. Zweiundvierzig. Kleine Fältchen um die Augen, graue Strähnen, die sie monatlich färbt. Wann war das passiert diese Müdigkeit, das Leben nach Fahrplan, das ewige Streben nach Sicherheit?

****

Michael, wo bist du so lange? Annika blickte genervt auf, als er nach einem weiteren Versuch, Sabine zu erreichen, ins Zimmer kam.

Jetzt nicht, murmelte er und ließ sich ins Sessel sinken, löste den Krawattenknoten.

Doch, jetzt! Ich will wissen, wie es weitergeht. Dir ist schon klar, dass du jetzt eine Entscheidung treffen musst!

Er sah sie an: jung, voller Selbstvertrauen, tatendurstig. So war Sabine vor fünfzehn Jahren gewesen. Wie konnte er ihr das nur antun?

Annika, er rieb sich das Gesicht, tief erschöpft. Du hast recht. Es muss jetzt alles auf den Tisch.

Ihre Augen leuchteten, sie sprang auf ihn zu: Ich wusste, dass du dich richtig entscheidest!

Ja, entgegnete er leise und schob sie sanft fort. Das heißt, wir müssen es beenden.

Was?! Annika wich zurück, als hätte er sie geschlagen.

Es war ein Fehler, er erhob sich. Ich liebe meine Frau. Wir haben Probleme, ja. Wir sind fremd geworden. Aber ich kann ich will nicht alles zerstören, was war.

Du bist ein Feigling! Tränen rannen über ihr Gesicht.

Nein, Annika. Feige war ich, als ich diese Affäre begann. Als ich die Frau belogen hab, die fünfzehn Jahre mein Leben geteilt hat. Du hast recht ich war unglücklich. Aber Glück muss man sich gemeinsam erarbeiten, nicht woanders suchen.

****

Gegen Mitternacht läutete es an der Tür. Sabine wusste sofort, dass er es war er musste den frühesten Flug genommen haben.

Sabine, bitte, mach auf, klang Michaels Stimme dumpf durch die Türe.

Sie öffnete. Michael stand im Flur unrasiert, im zerknitterten Anzug, mit Schuldgefühlen in den Augen.

Darf ich reinkommen?

Schweigend ließ sie ihn vorbei. Auf dem Weg in die Küche folgten sie beiden bekannten Spuren dort, wo früher Pläne geschmiedet und Wünsche geträumt wurden.

Sabine

Nichts sagen. Sie hob die Hand. Ich weiß alles. Annika, sechsundzwanzig, Fitnesstrainerin. Ich habe deine E-Mails gelesen.

Er nickte stumm.

Warum, Michael?

Es verging eine Weile, er starrte aus dem Fenster auf das Lichtermeer der Münchner Nacht.

Weil ich schwach war. Weil ich Angst hatte, dass wir uns verloren haben. Weil sie mir dich von früher wieder in Erinnerung rief lebensfroh, voller Träume.

Und jetzt?

Jetzt, drehte er sich zu ihr um, jetzt will ich das wieder gut machen. Wenn du es zulässt.

Und sie?

Vorbei. Ich habe erkannt, dass ich dich nicht verlieren darf. Nicht verlieren will. Sabine, ich weiß, ich verdiene keine Vergebung. Aber können wir einen Neuanfang versuchen? Vielleicht zum Paartherapeuten gehen, mehr Zeit miteinander verbringen, wieder zueinanderfinden

Sabine betrachtete ihren Mann älter geworden, ergraut, und doch so vertraut. Fünfzehn Jahre das ist mehr als eine Zahl. Das sind geteilte Erinnerungen, Gewohnheiten, Witze, die nur sie verstehen. Das ist die Fähigkeit, zusammen zu schweigen. Und manchmal, zu vergeben.

Ich weiß nicht, Michael, zum ersten Mal an diesem Abend weinte sie. Ich weiß es einfach nicht

Vorsichtig nahm er sie in den Arm, und Sabine ließ es zu. Draußen fiel Schnee und hüllte München in ein weißes Tuch.

Und irgendwo in Berlin saß ein Mädchen im Hotelzimmer und weinte, konfrontiert mit der harten Wahrheit: Wahre Liebe ist nicht Leidenschaft, nicht Romantik. Es ist eine Entscheidung, die man Tag für Tag trifft.

Hier, in der Küche einer Münchner Wohnsiedlung, versuchten zwei erschöpfte Menschen, die Scherben ihres gemeinsamen Lebens aufzusammeln. Ein langer Weg lag vor ihnen durch Schmerz und Misstrauen, Therapiesitzungen, schwierige Gespräche und die Hoffnung, sich vielleicht neu kennenzulernen. Und sie wussten: Manchmal muss man erst alles verlieren, um den Wert dessen zu begreifen, was man gemeinsam hat.

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Homy
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