Du springst durch die Welt, wie eine flinke Ziege

Du springst um die Welt, wie eine Ziege
Wir werden gemeinsam große Sachen drehen, Luise, warte nur ab, rief Katharina, während sie auf dem Fensterbrett im Studentenwohnheim saß und wild gestikulierte. Du gehst ins Consulting, ich in Marketing, und dann zack gründen wir unsere eigene Agentur. Uns steht alles offen!
Luise hob den Kopf von ihrer Mitschrift und lachte, wobei ihr schwerer Zopf im Nacken zurückfiel.
Katha, in einer Woche sind die Prüfungen, und du baust schon dein Imperium.
Und? Darf man nicht mal träumen?, Katharina sprang vom Fensterbrett und ließ sich neben Luise auf das durchgelegene Bett fallen. Ernsthaft, Luise. Wir sind doch nicht wie die anderen Mädels aus dem Semester. Wir sind klug. Uns wird nichts bremsen.
Luise legte endlich den Stift weg und sah ihre Freundin an zerzaust, in einem ausgebleichten T-Shirt, aber mit leuchtenden Augen. Und aus irgendeinem Grund glaubte sie ihr damals bedingungslos.
Wir schaffen das, auf jeden Fall, stimmte sie leise zu
Zehn Jahre vergingen wie ein einziger Atemzug
Luise kämpfte sich durch diese Jahre. Praktikum bei einer internationalen Firma, potem schlaflose Nächte über Berichten, Business-English am Morgen, Mandarin am Wochenende. Kongresse, Networking, neue Kontakte. Sie arbeitete sich hoch, schlug sich die Ellenbogen und Knie auf, aber stoppte nie. Mit dreißig trug Luise Anzüge aus italienischer Wolle, flog zu Meetings nach Tokio und konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt aus Erschöpfung geweint hatte es war schlicht keine Zeit dafür.
Katharina lernte Viktor im dritten Semester kennen. Er war Automechaniker, roch nach Benzin und betrachtete sie, als wäre sie die einzige Frau auf der Welt. Im vierten Semester wurde Katha schwanger, im fünften brach sie das Studium ab. Das Marketing-Agentur-Projekt zerfiel irgendwo zwischen den ersten Milchzähnen der Tochter und den zweiten Geburten. Ihre kleine Welt war jetzt eine Dreizimmerwohnung am Rand von München, in der sie die Chefin der Kochtöpfe, Kindertränenn und immer tropfenden Wasserhähne war.
Sie trafen sich noch manchmal immer seltener.
Luise brachte Geschenke aus Geschäftsreisen: ein Seidentuch aus Mailand, einen Bergtee aus Yunnan. Sie holte Fotos aus der Tasche, zeigte Tempel in Kyoto und erzählte von Verhandlungen mit japanischen Partnern.
Die reden nie direkt, kannst du dir das vorstellen? Alles in Anspielungen, Andeutungen. Ich habe drei Monate Etikette gelernt, nur um beim ersten Treffen nicht zu blamieren.
Katharina nickte, drehte das Teepäckchen zwischen den Fingern und schwieg. Dann seufzte sie schwer.
Du hast es gut. Und ich? Mia hat wieder einen Virus aus dem Kindergarten angeschleppt, Viktor ist selten zuhause, das Geld reicht nicht mal bis zum Monatsende
Luise wusste nie, was sie darauf sagen sollte. Zwischen ihnen stand mittlerweile eine Wand aus unterschiedlichen Leben, unterschiedlichen Sprachen, unterschiedlichen Düften ihre Parfum für zweihundert Euro gegen Kathas Babywaschmittel.
Zum Geburtstag von Katharina kam Luise direkt vom Flughafen. Dunkelblauer Anzug, Pumps, Frisur noch aus der Business Lounge, sie fand sich mühelos in die Runde ein, lachte, erzählte vom neuen Projekt, fing neugierige Blicke von Männern und respektvolle von Frauen auf.
Katharina saß in einer Ecke
Das Kleid war alt, das von Viktors Betriebsfeier vor drei Jahren. Die Haare im schlichten Pferdeschwanz, weil morgens keine Zeit für den Föhn blieb Mia hatte wieder Theater gemacht. Sie sah zu, wie Luise im Mittelpunkt aufblühte, wie alle ihr gebannt zuhörten, und in ihr stieg etwas Dunkles, Bitteres, Klebriges empor.
Es war nicht Neid.
Es war schlimmer
Luise ging in die Küche, um Wasser zu holen, und blieb im Türrahmen stehen. Katharina stand am Fenster, hielt ein Weinglas fest und schaute mit leerem Blick ins Draußen.
Katha, warum stehst du hier allein?, Luise trat näher, legte ihre Hand auf Katharinas Schulter. Komm zurück, Nadja bringt gleich die Torte rein.
Katharina zuckte mit dem Schulter, streifte die Hand ab.
Geh. Die warten auf dich.
Luise runzelte die Stirn, aber ließ nicht locker. Sie goss sich Wasser ein, trank einen Schluck und begann vorsichtig:
Ich wollte schon länger was sagen Du vermisst die Arbeit, ich seh das. Bei uns gibt es eine offene Stelle, Einstiegsniveau, aber mit Perspektiven. Ich könnte beim HR nachfragen, du könntest als Trainee anfangen und dann
Das Glas krachte auf die Arbeitsplatte, der Wein lief blutigrot über den Tisch.
Ein Trainee? Für mich? Trainee? Katharina drehte sich um, und Luise wich vor dem Ausdruck in ihrem Gesicht zurück.
Katha, ich wollte dir nur helfen
Helfen?, Katharina lachte, doch ihr Lachen klang böse und gebrochen. Hörst du dich eigentlich? Die große Luise Müller bequemt sich herab und will ihrer jämmerlichen Freundin einen Gefallen tun. Danke für gnädige Hilfsbereitschaft!
Du hast mich falsch verstanden, Luise versuchte, ruhig zu bleiben. Ich sehe, dass es dir schlecht geht, dass du mehr willst da wollte ich eine Möglichkeit anbieten.
Hab ich dich drum gebeten? Katharina machte einen Schritt auf sie zu, Luise wich unwillkürlich zurück. Du bist nicht mehr die alte Luise. Früher warst du normal, jetzt bist du nur noch stolz, überheblich. Mit deinem Tokio und den schicken Anzügen blickst du auf alle herab.
Das ist unfair.
Unfair? Katharina begann zu schreien, aus dem Wohnzimmer sah jemand rüber, verschwand jedoch gleich wieder. Ist es fair, dass du überall deine perfekte Welt präsentierst? Jeden Tag in Insta Flugzeug hier, Konferenz da, dein Smoothie für fünfhundert Euro! Was glaubst du, wie nett das ist?
Luise hatte für einen Moment keine Luft
Ich teile meine Freude, Katha. Das ist doch normal.
Freude?, schnaubte Katharina. Du willst dich nur profilieren! Allen zeigen, wie erfolgreich du bist, und wir sitzen als Versager da. Normale Frauen haben mit dreißig Familie, Kinder, und du? Springst um die Welt wie eine Ziege. Kein Mann, kein Kind. Nutzlos!
Das stach tief in die verwundbarste Stelle.
Ich habe gearbeitet, Luise unterdrückte das Zittern in ihrer Stimme. Nächte durchgeschuftet, während du Serien geguckt hast. Sprachen gelernt, während du Suppen gekocht hast. Das war meine Entscheidung, dazu stehe ich.
Ach komm! Du hast dich nach oben gedrängelt, das wars. Denkst du, ich weiß nicht, wie du Marina damals ausgestochen hast? Egoistin, immer nur an dich gedacht!
Luise schwieg, blickte auf ihre alte Freundin auf zitternde Lippen, rote Flecken im Gesicht, auf all die jahrelang gespeicherte Wut, die endlich herausbrach.
Plötzlich war alles klar. Widerlich, zum Brechreiz klar.
Du hasst nicht mich, Katha, sagte Luise leise. Du hasst dich selbst. Dafür, dass du nie gewagt hast. Dafür, dass du aufgegeben hast. Es fällt dir leichter, mich schlecht zu machen, als zuzugeben, dass du einfach Angst hattest.
Katharina wurde blass.
Geh weg!
Schon erledigt, sagte Luise und stellte das Glas ab, ging zur Tür. Machs gut, Katha. Viel Glück mit deinem gemütlichen Alltag.
Sie nahm ihre Tasche vom Haken und schob die Wohnungstür auf. Draußen peitschte kalter Regen ihr ins Gesicht, doch sie verzog nicht mal die Miene, lief einfach in die graue Wand hinaus.
Die Absätze klapperten auf dem nassen Asphalt. Der teure Anzug wurde feucht, klebte am Rücken, die Mascara tropfte sicher schon die Wangen hinab, aber das war egal. Luise ging Richtung U-Bahn, und mit jedem Schritt fiel es ihr leichter zu atmen.
Sonderbar sie hatte Schmerzen erwartet. Dachte, jetzt würde die Sehnsucht nach fünfzehn Jahren Freundschaft einsetzen, nach dem Mädchen mit den leuchtenden Augen auf dem Fensterbrett, nach gemeinsamen Träumen. Doch stattdessen kam nur Erleichterung, dumpf und etwas peinlich.
Die Freundschaft war nicht heute gestorben. Sie erlosch langsam, Jahr für Jahr, Gespräch für Gespräch. Immer, wenn Luise ihre Freude teilte und Katha nur die Lippen zusammenpresste. Immer, wenn sie von Plänen erzählte und Katharina die Augen verdrehte. Immer, wenn sie versuchte, die Freundin herauszuziehen, und diese sich an ihre Beine klammerte und sie hinabzog.
Luise fuhr die Rolltreppe hinunter und nahm auf einem leeren Sitz in der U-Bahn Platz, ignorierte die nassen Spuren, die sie hinterließ. Sie zog einen Taschenspiegel hervor, betrachtete ihr Spiegelbild zerlaufene Mascara, wirre Haare, rote Augen. Sie lächelte kurz, steckte das Spiegelchen weg.
Morgen steht sie um sechs auf, frischt sich auf, zieht einen anderen Anzug an und fährt zur Arbeit. Denn das Leben hört nicht auf wegen fremder Missgunst
Einen Monat später wurde Luise vom Geschäftsführer in sein Büro gerufen. Sie trat ein, gefasst auf alles neues Projekt, Kritik, wieder endlose Verhandlungen. Doch Herr Brandt übergab ihr wortlos einen Ordner, und Luise las die erste Seite.
Beförderung zur Regionaldirektorin für Asien.
Einjahresvertrag in Singapur.
Sie haben sich das verdient, Frau Müller, der Geschäftsführer lehnte sich zurück. Der Vorstand hat einstimmig für Sie gestimmt. Abflug in drei Wochen schaffen Sie die Vorbereitung?
Luise blickte von den Dokumenten auf und nickte.
Ich schaffe das.
Sie trat aus dem Büro, drückte die Mappe an sich und ließ sich ein paar Sekunden Zeit, um im leeren Flur zu stehen. Draußen ging die Novembersonne unter, färbte den Himmel in Gold und Purpur. Irgendwo in München kochte Katharina wohl gerade das Abendessen und klagte Viktor über die Ungerechtigkeit der Welt.
Und Luise packte ihre Koffer für Singapur.
Und hat kein einziges Mal, niemals, ihren Weg bereut. Wie man so schön sagt: Jeder wie er kannIn Singapur, zwischen gläsernen Türmen und tropischen Regenfällen, fand Luise ihre eigene Leichtigkeit wieder. Die Stadt vibrierte, zog sie mit sich, und wenn sie nach einem langen Tag am Hafen stand und die Lichter funkelten, spürte sie keine Einsamkeit nur den Puls einer Zukunft, die endlich ganz ihr gehörte.
Eines Abends, als ein Wind aus Südwest kam und die Skyline in Bewegung versetzte, schrieb sie eine kurze Nachricht an Katharina. Kein Vorwurf. Kein Triumph. Nur ein Bild von der Aussicht: Palmen am Wasser, in der Ferne ein neonblauer Himmel und das Versprechen, dass alles möglich bleibt.
Luise wusste Träume sind nicht immer gemeinsam, aber immer wertvoll. Und wer einmal springt, landet irgendwann dort, wo wirklich Freiheit wartet.
Sie löschte das Handylicht, trat hinaus ins warme Draußen und atmete tief ein.
Und während irgendwo auf der Welt jemand nach alten Geschichten griff, lebte sie ihr neues Kapitel mutig, frei, und mit einer Seele, die jede Windböe zum Tanzen bringt.

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Homy
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