Wir wollten doch nur das Beste – Die Geschichte von Annas Traum, elterlichen Erwartungen und dem lan…

Musikschule? Die Mutter knallte das bunte Faltblatt, das Annika aus der Schule mitgebracht hatte, auf den Küchentisch. Kommt gar nicht in Frage. Vergiss es!

Annika stand an der Küchentür, umklammerte ihren Rucksack und schluckte einen dicken Kloß runter ohne Erfolg.

Mama, aber ich will doch so gern…
Sie will, ahmte die Mutter sie nach. Du hast ja soviel Ahnung. Du studierst BWL, junge Dame. Ein ordentlicher Beruf, sicher, angesehen. Da sitzt du nicht am Hungertuch.

Der Vater saß mit am Tisch, mischte sich aber nicht ein. Annika wusste aus Erfahrung: Schweigen heißt bei ihm Zustimmung. Immer.

Papa? Sie drehte sich noch hoffnungsvoll zu ihm. Sag doch was! Du hast doch selbst mal gemeint, ich hätte Talent.

Der Vater blinzelte auf, sah die Mutter an, senkte dann wieder den Blick in seinen Suppenteller.

Die Mama hat recht, Annika. Musik ist kein Beruf. Das ist ein nettes Hobby, mehr nicht.

Die Tränen kamen ungefragt, heiß und wütend. Annika wischte sie mit dem Ärmel ihrer Schulbluse weg und schmierte sie damit nur noch mehr im Gesicht herum.

Da, jetzt heult sie schon wieder, die Mutter verzog das Gesicht. Schau dir mal die Svenja an, deine Cousine. Bilanzbuchhalterin. Hat ihre eigene Wohnung in Hamburg, einen soliden Mann und lebt ordentlich. Was willst du denn? Willst du ewig mit deiner Gitarre vor dem Hauptbahnhof klimpern?

Svenja. Immer nur Svenja. Tante Brigittes Tochter und Mamas erklärte Lieblingsverwandte natürlich das immerwährende Vorbild. Mit fünfundzwanzig verheiratet und Annika, du bringst es nicht mal fertig, das Geschirr ordentlich abzuspülen.

Ich will nicht wie Svenja werden, murmelte Annika. Ich will Musik machen.
Jetzt reichts! Der Vater schob den Teller weg und drückte sich schwerfällig hoch. Du schreibst dich für BWL ein und damit basta. Wir wollen doch nur dein Bestes!

Annika schaute beide an die Mutter, deren Mund so fest zusammengepresst war wie das Preisschild in einem Outlet-Laden, und den Vater, der sich bereits aus dem Gespräch verabschiedete. Eine Mauer. Dagegen hatte sie keine Chance. Kein Geld, kein Mitspracherecht. Nur ihren Traum, eben noch bunt und jetzt zertreten auf dem Küchenboden wie das geknickte Prospekt.

Sie hob das Papier auf, strich die Eselsohren glatt und warf es in den Abfalleimer.

…Fünf Jahre Uni zogen an ihr vorbei wie ein einziger grauer Novembertag. Sie saß in Vorlesungen, büffelte Steuerrecht, kämpfte sich durch Klausuren. Kein einziges Semester, in dem sie wirklich verstand, worum es eigentlich ging. Soll, Haben, Umsatzsteuer-Voranmeldung all das stapelte sich in ihrem Kopf und drückte jede Freude platt.

Am Tag der Zeugnisvergabe strahlte die Mutter, als hätte sie selbst den Abschluss gemacht. Sie schoss zahllose Bilder mit Annika vor den Uni-Säulen, flitzte ans Handy, prahlte bei Tante Brigitte.

Und, hast du schon einen Job? kam es aus dem Hörer, während die Mutter triumphierend grinste.
Natürlich! Annikas Stelle ist sicher. In einer richtig guten Firma. Unsere Annika schafft es noch ganz weit, warts ab.

Unsere Annika. Als wäre sie ein Familien-Start-up.

Der erste Arbeitstag entsprach haargenau Annikas schlimmsten Erwartungen: Ein Zimmer ohne Fenster, Monitor, Aktenberge und die ewige Duftwolke von schlechtem Kaffee aus dem Pausenraum. Die beiden Kolleginnen beide Richtung fünfzig, tratschten über die Spargelpreise bei REWE und irgendwelche Scheidungen.

Acht Stunden starrte Annika auf Tabellen, Zahlenreihen verwandelten sich zu Brei. Am Abend: Brummschädel und Tränen in greifbarer Nähe.

Ende des Monats übertrafen die Glücksgefühle beim Blick aufs Gehalt nicht das Staunen über die Sparsamkeit, die sie nun an den Tag legen musste umgerechnet reichte es, bei einer WG am Stadtrand ein kleines Zimmer auf Zeit zu nehmen. Luxus nur für den, der an Müsli spart und sich Klamotten im Sale holt.

An diesem Abend packte Annika ihre Sachen wortlos in einen ramponierten Reisekoffer. Die Mutter kam ins Zimmer, als Annika ihn zuzog.

Was soll das jetzt?
Ich zieh aus.

Ein kurzer Moment der absoluten Verwirrung bei der Mutter, dann wechselte ihr Gesicht von blass zu hochrot.

Wo willst du denn hin? Du bist doch nicht ganz bei Trost!
Doch, erwiderte Annika und hievte den Koffer hoch. Ich hab mich entschieden.
Und was ist mit Wohnung, Auto? die Mutter klammerte sich ans Türblatt. Wir haben uns das alles anders vorgestellt! Du sparst für die Anzahlung, nimmst einen Kredit für eine Eigentumswohnung auf, heiratest ordentlich…
Ihr habt das alles geplant, Annika schob sich an ihr vorbei, in den Flur. Aber das hier ist mein Leben. Meins, nicht eures.

Nun mischte sich auch der Vater ein.

Annika, das ist doch verrückt. Wo willst du denn hin?
Irgendwohin.

Annika öffnete die Haustür. Sie trat über die Schwelle, und im gleichen Moment fiel die Tür hinter ihr zu der gute alte Berliner Durchzug.

Der Koffer ruckelte gegen ihre Schienbeine beim Treppabsteigen. Unten bellte ein Dackel, irgendwo dudelte auf dem dritten Stock laute Schlagermusik. Ein ganz gewöhnlicher Abend im Mietshaus.
Annika trat vor die Haustür, atmete tief ein. Im Mantel hatte sie ihr erstes Gehalt, im Koffer das Nötigste und vor ihr lag eine absolut leere, unberechenbare, aber einzig und allein ihre eigene Zukunft…

…In den ersten Monaten nach ihrem Auszug klingelte das Smartphone dauerhaft. Die Mutter schrieb ellenlange Messages, drohend und flehend im Wechsel. Der Vater rief abends an Annika trottete dann durch ihre miniature Einzimmer-Bude und hörte sich seine rauen Beschwörungen an.

Komm nach Hause, säuselte er. Lass es gut sein, wir sind doch Familie.

Annika schüttelte den Kopf, auch wenn er es nicht sehen konnte.

Nein, Papa. Ich komme nicht zurück.
Dann bist du für uns gestorben, fauchte die Mutter ins Telefon, das sie ihm aus der Hand zog. Hörst du, vergiss unser Zuhause. Wir haben keine Tochter mehr.

Stille. Annika starrte auf das Display, legte das Handy auf die Fensterbank und hockte sich im Dunkeln vors Fenster, schaute auf fremde Straßenlichter. Keine Tränen, kein Schmerz. Nur ein seltsam heller, vibrierender Hohlraum dort, wo früher etwas gezuckt hatte.

…Zehn Jahre vergingen im Flug. Annika wechselte dreimal die Wohnung, fünfmal den Job, verbrachte endlose Nächte mit Musikprogrammen und Notenblättern. Lernte allein, wenn Berlin schlief. Nahm Aufträge für Minihonorar an, schrieb Jingles für Werbeagenturen, Musik für Studentenfilme, für alles Mögliche. Und schob sich so, Meter für Meter, vorwärts.

Jetzt stand ihr Name im Abspann von drei Kinofilmen und zwei Serien, die samstagabends im ZDF liefen. Das eigene Homestudio hatte eine ganze Ecke der Altbauwohnung beschlagnahmt, und am linken Ringfinger glänzte seit drei Monaten ein Ehering.

Denis kam herein genau, als Annika gerade einen neuen Track abmischte und stellte eine Tasse frischen Kaffee ans Keyboard.

Da klingelt jemand unten, sagte er und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
Wir erwarten niemanden. Bestimmt ein Irrläufer.

Doch das Klingeln kam wieder. Und wieder. Hartnäckig, als würde der Besucher genau wissen, dass da oben jemand lebte.

Annika zog die Kopfhörer ab, tappte zum Gegensprechanlage. Auf dem Bildschirm ein angegrautes Paar: eine Frau im altmodischen Mantel, ein Mann mit durchgesessener Jacke. Sofort erkannt. Die Mutter, merklich schmaler und grauer, der Vater, dicker geworden und zerknittert.

Sie drückte auf Sprechen.

Was wollt ihr?
Annika, Liebling, die Mutter beugte sich in die Kamera. Mach uns bitte auf…

Annika blieb regungslos. Denis legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.

Sind das deine Eltern? fragte er leise.
Jupp.

Annika drückte noch mal auf Sprechen.

Woher habt ihr meine Adresse?
Über Bekannte, die Mutter hastete. Über Svenja, sie hat im Internet gelesen, dass du geheiratet hast und welcher Stadtteil das war, und dann…
Schon klar.

Annika unterbrach und betrachtete das zögerliche Wippen der Eltern vor der Kamera: Zehn Jahre Funkstille. Kein Anruf, kein Brief, kein Interesse an ihrem Leben oder Überleben. Und jetzt kehren sie auf einmal zurück.

Ich komm runter, murmelte sie zu Denis. Warte hier, bitte.

Im Hausflur vor der Wohnungstür stand sie erst nur da, holte Luft und öffnete schließlich einen Spalt.

Annika! Die Mutter riss die Arme hoch. Du bist so hübsch geworden! Wir freuen uns so für dich! Die Hochzeit war traumhaft, haben wir alles auf Instagram gesehen. Und der Denis ein toller Mann, und alle sagen, gute Familie…

Was wollt ihr?

Die Mutter stockte, wechselte einen Blick mit dem Vater. Dem rutschten die Hände tiefer in die Jackentaschen.

Annika, wir sind doch deine Eltern, fing er an. Was früher war, zählt jetzt nicht mehr. Du bist jetzt erfolgreich. Du könntest ruhig ein bisschen helfen.

Helfen?
Na klar, er zuckte mit den Schultern. Bad müsste dringend renoviert werden, das ist seit Jahren fällig. Und ein richtiger Urlaub am Mittelmeer wäre auch schön. Ihr habts doch jetzt, du und dein Mann…

Die Mutter zupfte peinlich berührt am Ärmel, fauchte irgendwas, aber der Vater winkte nur ab.

Na und? Du bist nun mal unsere Tochter. Da hilft man doch.

Annika lehnte sich breitbeinig an den Türrahmen, verschränkte die Arme. Ein schiefes Grinsen erschien von selbst auf ihren Lippen kühl, unecht.

Bin ich? Zehn Jahre war ich für euch Luft vergiss die Tochter, hieß es. Jetzt plötzlich seid ihr ganz die Familie, sobald mein Name im Fernsehen läuft.
Wir wollten nur, dass du zur Vernunft kommst, nuschelte die Mutter. Wir wollten doch nur das Beste…
Das Beste, Annika nickte langsam. Wisst ihr, gerade weil ich meinem Traum nicht abgeschworen habe, hab ichs geschafft. Eben *nicht* die Bilanzbuchhalterin im stickigen Büro sondern mein Weg. Und seht ihr, wo ich jetzt stehe.

Annika machte eine ausladende Handbewegung auf den hellen Flur hinter sich.

Was wollt ihr eigentlich? Geld fürs neue Bad? Reisegeld? Ernsthaft? Nach all den Jahren?

Ach, Annika, sei doch mal nicht so nachtragend, brummte der Vater. Irgendwann ist auch mal gut.

Es geht nicht ums Nachtragen. Es ist nur Fakt. Ihr habt mich ausradiert, weil ich nicht nach euren Vorstellungen leben wollte. Jetzt, wo mein Lebensweg sich besser entwickelt hat als euer Plan, seid ihr wieder da. Wie praktisch!

Die Mutter schniefte, ein Tränenglanz in den Augen.

Wir sind doch deine Eltern, Annika. Wir haben dich großgezogen, geliebt…
Ihr wolltet das Beste? Annika unterbrach kühl. Dann geht jetzt. Vergesst mich einfach! Ihr solltet so weiterleben wie die letzten zehn Jahre: als wäre ich gar nicht da.

Sie machte einen Schritt zurück und begann, langsam die Türe zu schließen. Der Vater setzte an, stoppte aber beim Anblick ihres Blicks.

Annika…
Auf Wiedersehen.

Die Tür fiel ins Schloss leise, bestimmt.

Annika stieg die Stufen zu ihrer Wohnung hoch. Denis wartete bereits, suchte besorgt ihr Gesicht ab.

Alles okay?
Ja, sie lehnte sich an ihn, drückte die Stirn gegen seine Schulter jetzt schon.

Er nahm sie wortlos in den Arm, strich ihr über den Rücken. Und Annika dachte, halb lachend, halb erleichtert, dass sie Svenja nun doch überrundet hatte. Eigene Wohnung. Mann. Karriere. Alles da. Aber es ging nie darum.

Sie hatte zehn Jahre gekämpft, lag auf der Nase, rappelte sich hoch, arbeitete bis zum Umfallen. Und genau jetzt, am Ende all dieser Mühe, war sie glücklich. Wirklich. Unwiderlegbar. Und das war so viel mehr wert als jede Familienplanung aus dem Katalog.

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Homy
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