Willst du mich etwa abschieben
Was hast du da an? Helene Berger mustert ihre Tochter von oben bis unten, bleibt an dem Rock hängen. Das ist doch viel zu kurz. In deinem Alter sollte man nicht mehr wie ein Teenager herumlaufen.
Friederike zieht den Saum ihres Rocks ein wenig nach unten, obwohl der fast bis an die Knie reicht. Ein ganz normaler Bügelrock fürs Büro, letzten Monat im Sale gekauft. Damals erschien ihr das als perfektes Schnäppchen klassischer Schnitt, dezente Farbe.
Mama, der ist doch völlig in Ordnung, Friederike bemüht sich, ihre Stimme ruhig und freundlich klingen zu lassen. Ich trage den immer im Büro.
Eben. Die Leute schauen schon, denken sich sonst was. In meinem Alter damals…
Friederike hört nicht mehr zu. Wie oft hat sie das alles schon gehört zu unserer Zeit, eine anständige Frau, Zurückhaltung… Statt zu antworten, legt sie einen dicken Umschlag mit Logo eines Reisebüros auf den Tisch.
Das ist für dich, Mama…
Helene Berger stockt mitten im Satz. Ihr Blick wandert vom Umschlag zu ihrer Tochter, dann wieder zurück.
Was hast du jetzt schon wieder angeschleppt?
Mach auf.
Friederike wartet seit einem halben Jahr auf diesen Moment. Jeden Cent hat sie zurückgelegt, wo es nur ging. Das ist genau jenes berühmte Kurhaus in Baden-Baden mit Säulen und Thermalquellen, von dem ihre Mutter immer geträumt hat. Friederike hat alles organisiert, das beste Zimmer reserviert, an alles gedacht.
Helene Berger zieht das Ticket heraus, überfliegt es. Friederike rechnet, wenn nicht mit einer Umarmung, dann doch zumindest mit einem zaghaften Danke, einem liebevollen Lächeln.
Doch die Mutter verzieht unzufrieden die Lippen und schiebt den Umschlag mit den Fingerspitzen weg, als ob er schmutzig wäre.
Schon wieder hast du alles über meinen Kopf hinweg entschieden.
Friederike bleibt fast die Luft weg.
Mama, das ist Baden-Baden. Du wolltest doch immer…
Und wer gießt dann meine Usambaraveilchen? Daran hast du nicht gedacht, oder? Helene klopft mit dem Finger auf den Tisch. Drei Wochen bin ich weg, dann verwelken die.
Ich komme jeden Tag vorbei. Versprochen.
Du arbeitest. Und am Ende vergisst du es. Außerdem gibt es da bestimmt nur Magerkost im Speisesaal. Ich habe gelesen, in den modernen Kuren wird an allem gespart.
Friederike blickt ihre Mutter an und kann nicht erkennen, ob sie es ernst meint oder sie ärgert. Ein halbes Jahr hat sie auf Kaffee unterwegs, neue Schuhe und Ausflüge mit Freundinnen verzichtet alles für diesen Moment?
Mama, das ist ein Kurrestaurant mit fünf Sälen. Buffet und À-la-carte, Wellness, Schwimmbad, Terrainkuren…
Terrainkur, äfft Helene sie nach. Neue Modewörter lernt ihr jungen Leute gern. Und mich mal gefragt, ob ich überhaupt will?
Friederike schluckt mühsam den Kloß im Hals. Wenigstens ein knappes Gut gemacht hat sie erwartet. Nur das. Genau das war ihr Lebenstreibstoff all die Jahre.
Sie lässt sich auf einen Stuhl fallen. Die Beine sind plötzlich wie Gummi, als wolle der Körper eigenmächtig aufgeben. Ihr Blick wandert zu dem Umschlag am Rand des Tisches, den die Mutter von sich geschoben hat.
Und außerdem das Klima da, Helene läuft jetzt in der Küche auf und ab und zupft die Tischdecke zurecht, die schon perfekt sitzt. Die Feuchtigkeit, da schießen meine Blutdruckwerte sofort in die Höhe. Hast du daran überhaupt gedacht?
Friederike schweigt. Zum ersten Mal seit Langem spürt sie, dass sie gar nichts mehr antworten will. Irgendetwas in ihr weigert sich, sich weiter zu rechtfertigen.
Und die lange Anreise? Einen ganzen Tag im Zug durchrütteln lassen? Mit meinem Rücken? Die Mutter setzt sich demonstrativ gegenüber, faltet die Hände, bereit zur nächsten langen Klage. Die Nachbarstochter, die Leonie, die ist zwar ein Wildfang, ihr Mann taugt nicht viel, trinkt, aber wenigstens besucht sie ihre Mutter jeden Tag. Mal bringt sie was vom Markt, mal sitzt sie einfach da.
Friederike betrachtet die Falten um den Mund der Mutter, die grauen Ansätze hinter der Tönung, die vertrauten, von Adern gezeichneten Hände. Dieselben Hände, die ihr in der Grundschule Zöpfe flochten. Dieselben Lippen, die Schlaflieder sangen. Wo ist das alles geblieben?
Hörst du mir überhaupt zu?
Ja, Mama.
Sieht jedenfalls nicht so aus. Du starrst nur vor dich hin. Ich rede vom Leben…
Helene zählt weiter auf: kleine Zimmer in den neuen Kurhäusern, laute Zimmernachbarn, zu junge, unerfahrene Ärzte, die nur Tabletten aufschreiben… Friederike nickt an den passenden Stellen, doch in ihr wächst eine riesige Leere.
Die Küchenuhr tickt. Eine Stunde, eineinhalb. Helenes Monolog nimmt Fahrt auf, von der Kur zu allgemeinen Vorwürfen: einsame Abende, seltene Anrufe, dass die Tochter aus dem Ruder läuft.
Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie es ist, hier ganz allein zu sein? Die Mutter hebt das Kinn. Du willst mich doch loswerden, damit du dein eigenes Leben hast!
Mama, das ist ein Geschenk.
Geschenk! Helene wirft die Arme in die Luft. Ein Geschenk soll Freude machen. Das hier hast du gekauft, damit dich dein schlechtes Gewissen nicht weiter plagt. Mutter abgeschoben, damit wieder Ruhe ist, oder?
Langsam steht Friederike auf. Die Beine wanken immer noch, doch sie nimmt den Umschlag fest in die Hand. Das Papier fühlt sich kühl und fest an.
Du hast Recht, Mama. Wahrscheinlich ist das nichts für dich. Ich storniere die Reise.
Helene verstummt. In ihren Augen huscht eine Unsicherheit vorbei, wie bei jemandem, der auf einen langen Kampf eingestellt war, und nun ist plötzlich alles vorbei.
Stornierst? Was heißt das?
Genau das. Ich gebs zurück. Du hast Recht. Ich war unbedacht.
Friederike, leg den Umschlag bitte zurück.
Warum? Du willst doch nicht fahren.
Ich hab nie gesagt, dass ich nicht will! Ich hab nur gesagt, dass du hättest fragen sollen! Die Stimme der Mutter wird schärfer und Wangen rot. Immer musst du alles alleine machen und am Ende klagst du, dass ich nicht glücklich bin!
Friederike drückt den Umschlag an die Brust und geht Richtung Flur. Das Herz wummert im Hals, aber irgendwelche neue Entschlossenheit verleiht den Beinen Kraft.
Wohin gehst du? Friederike! Ich rede mit dir!
Mama, ich bin müde.
Müde! Helene rennt hinterher, packt die Tochter am Ellenbogen. Du bist meine ganze Welt! Wir haben gehungert, dein Vater hat uns im Stich gelassen, ich hab dich alleine großgezogen! Und so danke ichs dir?
Friederike dreht sich um. Sie blickt ihrer Mutter ins Gesicht, sieht die vor Wut bebenden Lippen, das fahle Gesicht.
Du hast doch selbst gesagt, dass du nicht willst.
Ich hab gesagt, dass du mich nie gefragt hast!
Dann frage ich jetzt. Mama, willst du nach Baden-Baden fahren?
Helene schnappt empört nach Luft.
Willst du mich provozieren? Du machst das extra! Ein Roboter ohne Herz, sowas bist du! Leg jetzt den Umschlag auf den Tisch, ich überlege es mir noch!
Behutsam löst Friederike den Arm aus dem Griff der Mutter, den Umschlag lässt sie nicht los.
Ich ruf dich morgen an, Mama.
Sie schließt die Wohnungstür, noch bevor die Mutter weiter protestieren kann.
Flüche dringen dumpf durch die Tür, irgendwas von Undankbarkeit, verlorener Jugend, dass sie es noch bitter bereuen wird. Friederike bleibt nicht stehen, dreht sich nicht um. Ihre Beine tragen sie wie von allein hinunter durchs Treppenhaus, vorbei an den Briefkästen mit abblätterndem Lack, vorbei an ein paar Nachbarn.
Draußen nieselt es leise. Friederike hebt das Gesicht in den Regen und steht eine Weile still auf dem Gehsteig, genießt den Geruch von nassem Asphalt. Passanten laufen vorbei, einer schnalzt genervt mit der Zunge, aber es ist ihr egal. Der Umschlag mit dem Ticket ist noch da und plötzlich denkt Friederike, dass sie einfach selbst fahren könnte. Baden-Baden, die weißen Säulen, die Kaiserbäder, und morgens kein Tadel über die Zeitung hinweg.
Ziellos schlendert sie weiter, bis sie vor einem kleinen Straßencafé Halt macht. Warmes Licht fällt auf die Tische mit weißen Decken, auf frische Blumen in einfachen Vasen, auf Menschen, die unaufgeregt zu Abend essen. Friederike geht hinein.
Guten Abend, der Kellner reicht ihr freundlich die Karte. Sind Sie allein?
Ja, sagt Friederike und wundert sich über die Leichtigkeit in ihrer Stimme.
Sie wählt einen Tisch am Rand, weit weg von den anderen. Legt die Serviette sorgfältig auf die Knie und liest die Speisekarte. Gleich sticht ihr das teuerste Dessert ins Auge Birnentarte mit Karamell und gesalzenem Fudge. Und ein Glas kräftigen Rotwein dazu.
Für ihre Mutter wäre das reine Verschwendung. Zum Fenster hinausgeworfenes Geld. Friederike stellt sich die zusammengepressten Lippen vor, den vorwurfsvollen Blick, das ewige zu meiner Zeit… und bestellt.
Der Wein perlt schwer und trocken auf der Zunge. Friederike lehnt sich zurück. Ein neues Gefühl breitet sich aus: ungewohnte Leichtigkeit, das Gewicht der Jahre scheint weniger. Sie erinnert sich daran, wie sie als Kind Angst vor einer Vier in Deutsch hatte, weil die Mutter dann tagelang nicht sprach. Wie sie an der Uni BWL statt Germanistik studierte, weil das nichts Handfestes sei. Wie sie drei Jahre mit Ben war, den sie liebte, den sie aber verließ, weil die Mutter ihn für talentlos hielt.
Die Tarte schmilzt zart im Mund. Friederike sieht der Karamellsoße beim Zerfließen zu und fragt sich, wann sie zuletzt einfach getan hat, was sie wollte ohne Blick auf der Mutter, ohne das dürftige gut gemacht, nur für sich selbst.
Das Handy in der Tasche vibriert wieder und wieder. Sie sieht: Sieben Anrufe von Mama, drei Sprachmemos und schaltet das Telefon aus.
Sie leert ihr Glas, isst den letzten Bissen Dessert und bittet um die Rechnung. Lässt großzügig Trinkgeld da, einfach weil sie will, und verlässt das Café hinaus in den Abend. Der Regen hat aufgehört und über den Dächern zeigen sich die ersten Sterne am klaren Himmel.
Friederike weiß: Der erste Schritt ist der schwerste. Sie hat ihn getan und erlaubt sich, wichtiger zu sein als die Erwartungen der anderen.





